Ausgabe 
29.2.1908
 
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Samstag den 29. Februar

1908

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Kelmutß von Lovlen.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

In diese Empfindung hinein klang das jubelnde Geschrei der spielenden Kinder, es hallte wider von beit hohen Steingewölben der Treppenflure mit Rufen und Kommandieren, und rückte näher und näher. Loysen empfand die lärmende Heiterkeit wie eine körperliche Qual. Er riß die Mütze vom Halter, warf sich den Mantel um und verließ ans einer Seitentreppe das Haus. Nur hinaus und gehen, ganz gleich wohin, nur schnell gehen, bis zur Ermüdung.

So sah er sich bald auf der nach Braunstadt führenden Chaussee und schritt achtlos auf Weg und Wetter immer weiter. Ter Stegen rieselte an ihm herab, ohne daß er cs beachtete. Seine Gedanken arbeiteten jetzt wie losgelassene wilde Dämonen. Er glaubte fest, es sei der Anfaug zu einem Gehirnfieber. Un­erträglicher Zustand. Abschütteln läßt er sich nicht, er sitzt fest wie eine Harpune. Ihm war, als stünde er gebunden einem Dod- feinde gegenüber, und seine Wehrlosigkeit war es, die ihn so maßlos reizte.

Aber das ist ja Unsinn. Er muß sich raffen, klar sehen, einen Entschluß, fassen. Entschluß? Welchen denn? Für ihn gab es gar keine Entschlüsse mehr. Tas ist das Hoffnungslose,, daß er einem Gewesenen gegenüber steht. Was geschehen ist, ist geschehen. Es ließ, sich nicht ungeschehen machen, am wenigsten ließ es sich gut machen. Gut machen? Was sollte denn das heißen?

Auf seiner Stirn perlten Tropfen, die nicht aus den Regen­wolken stammten. Er kann nicht nur nicht gut machen er darf ja gar nicht. Daran ist gar nicht zu denken. Also fort mit dem Schreckgespenst.

Ein nasser Ast schlug ihm klatschend ins Gesicht. Mit einem zornigen Griff riß er ihn herunter und warf ihn seit­wärts ins Feld.Elende Wegverwaltung!" schimpfte er, als sei ihm dies eben die Hauptsache. Dann ging er mit großen, eiligen Schritten weiter.

Ter Regen ließ nach, nur von den Pappeln tropfte es noch herab, am Himmel entstand eine lichte Stelle, die Wolken wurden schleierhaft, sie schienen von Glanz durchleuchtet und von Blau durchschimmert. Ein paar Goldammern flogen, ihr Ge­fieder schüttelnd, mit hellem Ruf von Baum zu Baum.

Tas hatte nun wieder gar keinen' Zweck. Weshalb konnte es nicht fortregnen? Ihm paßte das viel besser als dies verheißungsvolle Leuchten. Ter Schatten, der fein ganzes Le­ben zu verdunkeln drohte, wich damit ja doch nicht, nein, dunkler nur, intensiver formte und ballte er sich, bis er Ge^ statt anzunehmen schien und, näher und näher rückend, flüsterte: Und du wirst es bodji tun!

- Doch tun? Was denn? Es war eigentlich noch gar kein fertiger Gedanke, es war ein Schrecken,, der lag gleich einem formlosen Keim auf dem Grunde der Todesangst, die seine Seele erfüllte.

Mit gefurchter Stint und zusammengebissenen Zähnen ging er weiter. Es ist eben alles ungeheures Pech und weiter nichts. Man muß es eben abwarten, nicht mehr daran denken, unberirrt weitergehen auf dem nun einmal erwählten Wege.

Und doch die Furcht verließ ihn nicht. Seltsamerweise nicht die Furcht vor all den Schwierigkeiten, die es jetzt zu überwinden güt, vor den. neuen Hindernissen, mit denen er rechnen muß, um sein Ziel zu erreichen sondern Furcht vor sich selbst. Keine fremde Gewalt wird sich gegen ihn erheben in sich selbst ahnt er seinen Glücksmörder.. ---

Eins war gut. Sein Urlaub ging ohnehin binnen kurzeist zu Ende. Er konnte ihn noch abkürzen, irgend ein Vorwand wird sich finden. Marie Anne wird denken, daß er sich beim' Fräulein von der Haide einen Korb geholt hat, aber es ist ihm so furchtbar gleichgültig, ob sie das denkt oder nicht.

Als cv endlich wieder in .Barstes ankam, durchnäßt unb' müde, zog er sich um und wollte nun an Wilhelm schreiben, aber er kam damit nicht zustande. Was denn anch um Hirns melswillcn? <

Man hatte seine Abwesenheit gar nicht bemerkt, es fiel daher auf, daß er nach dem- Abendessen, als er mit Recknitz Billard spielte, fieberheiß aussah und über Kopfschmerz klagte.

Marie Anne begriff nicht, wo er sich das geholt haben könne, aber es war sicher, daß er die nächsten Tage mit einem heftigen Erkältungsfieber zu Stubenarrest verurteilt war.

Ihm selber war bte körperliche Krankheit eine Wohltat. Sie bewahrte ihn vor Schlimmerem. Am zweiten Tage schrieb er nun doch an Wilhelm, teilte ihm mit, daß er krank sei, und sowie er hergestellt, in seine Garnison zurückkehren müsse. T-er kurze Brief hatte eine Schlußbemerkung:

Vor drei Tagen besuchte mich Gotthard Becker, unb fa erfuhr ich er ft, daß die Familie diesen Namen führt. Ich habe das nicht gewußt."

Für Wilhelms feines Verständnis ist das genug. Nun weiß der, weshalb sein Freund nicht wieder in feilt Hans kommen kann, darin eine Luise wertgehalten ward noch weniger aber in jenes andre Haus, welches den alten Mann birgt, der noch unlängst segnend vor ihm gestanden.

Noch drei Tage und er war reisefertig, ließ den Burschest packen und schickte ihn mit dem Pferde voraus, verabschiedete sich in der nächsten Nachbarschast durch Abwerfen von Kartest und konnte es nun kaum erwarten, selbst fortzukommen.

Nur hier heraus. Ihm wird erst wieder wohl fein, wenn er an der Spitze feiner Schwadron reitet und SchnadewitzcnS schnarrende Stimme räsonieren hört!

Nun war noch der Abschied von den Geschwistern zu 6e* stehen, die nicht einsehen wollten, weshalb er um den ihm doch sicheren Nachurlaub nicht emgekommen sei. Aber sie wußten ja, wo er nun einmal am liebsten war, und ergaben sich; und so reifte er denn eines Tages mit dem einzigen Knrier- zng, der Jarowitz passierte, ab, in aller Herrgottsfrühe, beiist Morgengrauen, ungeduldig und erwartungsvoll mir heraus aus dieser Luft!.