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freunbin. Tann wirst tm auch Aba Valois sehen mit ihrrr Ehrentante." ,
„Was? Das schöne Fräulein von Valois? Ist sw immer iwch so verblüffend schön? Himmel, was war ich als Kadett und Fähnrich in die verliebt!" —
„Wer Idar denn hier als Schüler nicht verliebt in sie?"
„Weshalb heiratet sie denn nicht?" —
„Vielleicht trägt sie eine stille Liebe für dich im Herzen," scherzte die Schwester.
„Sollte sie wirklich einen so guten Geschmack haben?" fuhr er ebenso fort, „übrigens tut sie mir leib. Es ist doch schade, wenn ein so schönes Mädchen in solch einem Nest wie Braunstadt verblüht, weil sie nicht die Mittel hat, in der Welt eine Rolle zu spielen."
„Tie verblüht nie, sei ruhig. Sag mal, hast du denn die frühere Besitzerin von Jarowitz, Frau von Wahvendorf und ihre Töchter nie in Berlin gesehen."
„Nie. Tie Damen sollen ganz der Wohltätigkeit leben. Weiht du, es sind Verwandte von meinem Kameraden Schnadelvitz."
Nun steuerte sie ihr Schifflein kühn dem Ziel entgegen.
„Ich glaube, die Wahrendorfs unterhalten nur noch mit Rothaide Beziehungen, das waren ja ihre nächsten Nachbarn — ein Spaziergang von Jarowitz nach Rothaide."
„Ja," sagte er, ganz unbefangen, aber mit einer gewissen freudigen Erregung, „eigentlich wollte ich morgen früh nach Rot- Haide reiten — es kommt drauf an, wie mein Rappe die Reise ausgehalten hat, ich erwarte ihn jede Stunde. Ter Satan ist ja von Eisen, aber er hat noch nie eine solche Eisenbahnfahrt gemacht. Ich bin nur neugierig, was Recknitz zu dem Kerl sagen wird!"
Und damit glitt die Unterhaltung unvernierkt in Regiments- interessen über.
Erst gegen Abend traf der Bursche mit dem Lieblingsgaul seines Rittmeisters ein. Der schmucke Kürassier und das vor Aufregung zitternde Pferd erregten einen förmlichen Auflauf im Hof. Knechte und Mägde traten in die Stalltüren, die Mamsell lugte um die Ecke, der Kutscher kam Herbeigelanfen, während Recknitz und Lohsen um den Rappen herum gingen und ihn prüfend in Augenschein nahmen und die Ordonanz Rapport Über die Reise abstattete. Tie Kadetten waren glückselig in der Aussicht, mit dem Onkel zu reiten, und wurden deswegen von Lillh verhöhnt, welche die Fähigkeiten des alten Pont) stark in Zweifel zog.
Lohsen betrachtete mit gerunzelten Brauen eine kleine Verletzung, welche Fra Diabolo sich im Bahnwagen zugezogen hatte Und als der Rappe in den Stall gebracht, jedes Futter verschmähte, gab er seine Absicht, morgen früh nach Rothaide zu reiten, auf.
An« Wend unternahm döe Familie einen Spaziergang auf die Felder, der Stand der Felder wurde geprüft und unter einer alten Linde Platz genommen, welche einen grasbewachsenen kleinen Hügel krönte und von einer mit Moos und grauen Flechten überwucherten Steinbank umschlossen ward. Gegen den gelben, östlichen Abendhimmel hoben sich am Horizont die Türme von Braunstadt ab. Im Süden zog sich ein blau-grün schimmernder Höhenzug hin, welcher der sonst waldarmen Gegend keinen geringen Reiz verlieh. Tort lag Hochwerth, der einstige Familiensitz der Lohsens.
Am nächsten Nachmittag fuhr Marie Anne mit dem Rittmeister und den drei ältesten Kindern nach Lobwitz. Tie Kinder mitzubringen war Sitte bei diesen nachbarlichen Empfangs- lagen.
Lobwitz, der Freiherrlich v. Pranckensche Familiensitz, galt nächst Hochwerth und Bardes für das schönste Gut der Umgegend. Vor dem Schloss . lag ein von Schwänen belebter Teich und rinsuncher schön gehaltene Gartenanlagen, die im ersten Frühi- lingsschmuck prangten. Ein Teil der Jugend hatte Tennis gespielt, aber ein kalter Frühlingsregen hatte alle in die Salons getrieben.
Ter junge Rittmeister wurde mit ganz ausserordentlicher Liebenswürdigkeit begrüßt. Mütter hoben ihre Lorgnons an die Augen und ließen sie tiefbefriedigt wieder sinken, junge Männer, sofern der Ostermrlnub welche herbeigeführt hatte, drängten fid), heran, die jungen Mädchen entfalteten ihre Liebenswürdigkeit." Dieser scharmante Rittmeister, der sich in so guten Vermögens- verhältmssen befand, daß er jeden Augenblick heiraten konnte, gehörte doch nicht zu den Alltäglichkeiten, — von seiner immer einnehmenden Persönlichkeit gar nicht zu reden.
„Es ist ein reizender Mensch," sagte die Hausfrau int Flüsterton zu ihrer Nachbarin.
„Wirklich! So schick, nein, rassig. Tiese Lohsens haben alle so was Apartes."
„Liebste Baronin, das wäre so ein Mann für Ihre Jutta!"
„Pst! Ilm Himmels willen!"
Lohsen seinerseits ging zwischen all den Menschen hin mit einem suchenden, erwartungsvollen Blick. Es war alles da, was ihm Anne Marie genannt hatte, die Vessendorfs mit ihren naiv-lustigen Backfischen und die Ellenheims in aufdringlicher Eleganz, und der alte Graf Trauen, der sich seinen weißen! Schnurrbart schwarz färbte und trotzdem aussah wie der Groß-. Vater seiner kecken, munteren Tochter, welche Zigaretten rauchte und Billard spielte. Tann die Rietelns aus Jarowitz und die schöne Ada Valois aus Braunstadt.
Sie war wirklich frappant schön, dunkel wie eine Spanierin, tadellos gewachsen, tadelloses Profil. Wie damals, a(8: er fie in seiner Knabenzeit angeschwärmt hatte, trug sie ein schwarzes Sammetkleid, glänzende Lackschuhe, lange lichtgraue Handschuhe! bis zu den halblangen, spitzenbesetzten Aermeln. Wie damals posierte sie ein wenig, sah unendlich stolz und unnahbar und dabei gar vielsagend aus und wie damals war sie von jugendlichen Verehrern umgeben, die um den Platz an ihrer Seite stritten..
Wie damals trug sie -einen aufgeschlagenen schwarzen Federhut, der gut zu ihrem schmalen, klassischen Gesicht paßte, und wie damals hob sie langsam die Lider und aus ihren schwarzen Sammetaugen glitt der Blick bedeutungsvoll zu dem Rittmeister empor, der, sich verneigend, vor ihr stand.
„Ich bin beauftragt, dem gnädigen Fräulein Grüße meiner Schwester Marie Anne zu bringen," sagte er verbindlich.
Sie neigte dankeiDi idM schöne Haupt.
„Oh," sagte sie mit ihrer tiefen, weichen Stimme. „Tenkt Anne noch an mich? Wie lange ist es her, daß wir zusammen jung waren!"
(Fortsetzung folgt.)
Auf der Fahrt nach Deutsch-Sild-Mst-AMa.*)
Bon Stadtbaumeister B r a u b a ch.
(Original-Artikel des Gießener Anzeigers.)
III.
Nun hieß es Abschied nehmen Von den während der langen Fahrt liebgewonnenen Swakopmund-Passagieren, kam doch die afrikanische Küste in Sicht und eilten wir der Reede von Swa- kopmund zu. Am Sonntag dem 27. Oktober abends gegen 8 Uhr trafen wir vor Swakopmund ein. Am andern Morgen ertönte ein scharfer Koimnandoruf durch die Gänge und gleich darauf ein eifriges Pochen an den Kabinentüren der für Swakopmund bestimmten Passagiere. Mein Reisegefährte und ich gingen gleichfalls an Teck, um uns das interessante Aus- booten der Passagiere und des Gepäcks anzusehen. Der Eindruck, den das in der Morgensonne daliegende Swakopmund auf uns machte, war kein ungünstiger, obwohl das freundliche Städtchen von recht trostlos ansfehenden Sanddünen ringsum eingeschlossen ist. Querab von unserem Dampfer war am Horizont das Wrack der gestrandeten „Gertrud Woermann" sichtbar, ein Zeichen, daß nicht alle Seereisen so harmlos wie die unsere verlaufen. Vom Lazarett an Land wehte die Flagge halbmast; ein Soldat sei gestorben, hörten wir. Wer mag es gewesen sein, den sie da einbetten in den heißen Dünensand, um auszuruhen von seinem Wirken und Kämpfen für Kaiser und Reich? Doch nicht lange hielten die entfielt Gedanken vor. Bald sahen wir die ersten Boote mit Besuchern, vom Lande abstoßen. Deutsche Flaggen grüßten von beit Gebäuden und deutsche Laute warm es, die uns die Besucher schon aus- den Boten zuriefen, wahrlich ein anheimelndes Gefühl nach der langen Seefahrt. An Bord entwickelte sich mm ein reges Leben. Die Mannschaft war klar bei bett Winden, um Passagiere und Gepäck in die von kleinen Dampfern geschleppten Leichterboote hinabzulassett. Das Ausbooten in Swakopmund ist der hohen Dünung wegen sehr schwierig und schon mancher ist dabei gehörig naß geworden. Ein Herangehen der Dampfer an den Molenkopf ist unmöglich, ebenso
*) Wir veröffentlichen im Vorstehenden den dritten asrikaw Reisebrief des Gießener Stadtbaumeisters und heben ans dem uns am 20. Januar zugegangen en, vom 23. Dezember aus Nanti datierten Begleitschreiben noch folgendes heraus:
„Wir aber haben hier zurzeit durchgängig über Mittag 45 Grad Celsius im Schatten, so daß es schwer hält, sich in die Weihnachtszeit hineinzudenken. Ich habe anfangs "Oktober die letzte europäische Zeitung gelesen, überhaupt seit wir hier so abseits vom Wege liegen, kaum etwas von der Außenwelt gehört. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, ist Weihnacht und Neujahr längst vorüber. Trotzdem möchte ich nicht versäumen, Ihnen und allen Gießener Freunden und Bekannten auch noch nachträglich meine besten Wünsche zu senden."


