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Das letzte Drittel des Buches wird ausgefüllt durch die Erfahrungen eines sozial und gei"'
ieinerteu modernen
Drei Antworten einliefen, während die Wiederholung der
Anzeige unter gleichzeitiger Angabe seines Jahreseinkom- rnens von 30 000 Mark 74 Antworten erhielt. Die Briefe, Sie dieser Inserent Mc. Naughteu erhielt, gestatten, ebenso wie manche Briese der vorher genannten Inserenten, einen tiefen Blick in das Seelenleben komplizierter und feiner Na- rturen, die in der Einsamkeit des modernen Lebens sehn- Kchtig nach verwandten und gleichgesinnten Seelen suchen. Hier erhebt sich das Niveau des Buches zu hohem, Ernst: besonders in den zwischen Mc. Naughteu und Edith gewechselten Briefen haben wir ein Stück feiner und tiefer .Psychologie vor uns. Wie der eine aus wenigen knappen Worten das innerste Wesen des anderen errät: wie eine geheimnisvolle Fernwirkung zwischen beiden einsetzt: wie diese beiden innerlich freien und stolzen Naturen sich anziehen, bekämpfen, fliehen und wieder vereinigen — und all das in einem weit höhere!: mib zarteren .Sinne als
ZDENMSM-KKO»
* Outside r. „Was ist ein Outsider? und wie spricht man dieses Wart eigentlich aus? Tagtäglich fast muß ich es in meiner Zeitung lesen, die wohl gar nicht daran denkt, daß es auch Leute unter ihren Lesern gibt, die nur eine i oder gar keine fremde Sprache kennen." Die so sprechen, sie haben eigentlich recht. Bedürfen wir wirklich dieses englischen Wortes? Haben ii'ir nicht zahlreiche deutsche Wörter, die dasselbe viel schärfer ausdrücken und für den. deutschen, namentlich für den sprachlich weniger gebildet ten Leser viel deutlicher sagen? Laien, Nichtkenner, Unkundige, Fernser Meßende, (Dr)außenstehende, Uneingeweihte, Nichtfachleute — ei der Tausend! taugen sie und viele andere denn alle nichts mehr? Müssen sie alle zu „Outsiders" oder gar zu „Outsidern" weroen? Und sagen nicht anderseits, je nachdem, Sonderling und Sonderbündler gleichfalls schärfer und klarer, was mit dem englischen Worte gesagt werden soll? Und haben wir nicht das vortreffliche, so echt deutsche „Eigenbrötler" in den letzten Jahren tvieder aufleben scheu? Und sind die Outsiders nicht gar ost nichts anderes als deutsche Trotzköpfe oder noch derber Dickkopse? Und wer denn ein solcher sein und bleiben will und das Liebäugeln mit den Engländern gar nicht lassen kann, der übersetze ganz wörtlich und sage „Außenseiter", dann schmeckt es doch ein bißchen englisch.
* Ein Hunde-Totensonntag in Paris. Ms Hundeliebhaber sind seltsame Leute und besonders scheint dies für die Pariser .Hundeliebhaber zu gelten. Nicht nur, daß sie in. Asnieres bei Paris eine Hunde-BegrLbrMtättZ
Balzac bei einem Blick in die Sonntagsnummer des „Berliner LagebUltts", das in einer Woche 106 Heiratsannoncen zum Abdruck brachte, aufgedrängt haben,!
Wir besitzen jetzt die erste, nach größten Gesichtspunkten ungelegte Geschachte der Heiratsannonce. In Berlin-Süd- ende rst soeben des Buch „Die Heiratsannonce, Studien und Briefe von Joachim Werner erschienen. Der pseudonyme Verfasser behandelt zunächst die Heiratsannonce geschichtlich And bringt Mitteilungen über die erste Annonce aus dem Jahre 1790, deren interessantes Schicksal er eingehend schildert. Daran schließt sich eine statistische Studie über die Heiratsinserate in 12 der größten deutschsprachigen Tages- zeckungeu. Der Verfasser ermittelt in einer einzigen Woche Loer 1300 solcher Inserate, die er genau verfolgte und ^tsstisch verarbertete. Das ergab sehr bemerkenswerte Auf- SvJpii?,115er d.e Alters-, Einkommen- und Vermögensver- paltuisse der Heiratskandidaten, sowie über die von ihnen gesuchten und dargebotenen Eigenschaften. Den Hauptinhalt des Buches aber bilden Briefe und Briefwechsel, die sich der-Autor von Inserenten der verschiedensten Volksschichten verschafft hat. Er veröffentlicht eine große Anzahl von Heiratsiuseraten und die darauf eingelaufenen Briefe, die für) anschließenden Korrespondenzen usw. Hier finden wir uns mitten im Leben und erhalten die interessantesten Ein- »hcte ui die wirtschaftlichen Zustände und in die Psychologie weiterer Volksschichten. Wir erfahren, daß die Köchin mit pie besten Aussichten hat, „aus diesem nicht mehr ungewöhn- Li-yen Wege" einen Lebensgefährten zu finden. Nicht weniger «ls 72 Bewerber scharten sich um die Köchin Martha, dar- rmter zahlreiche kleinere Beamte, Arbeiter, auch sogar ein rlciner Fabrikant. Die nächste Studie behandelt das Eracb- «is des Inserats eines Schlossers. Ihm schließen sich an, die soziale Stufenleiter aufwärts: die Modistin mit eigenem .Geschäft, der Briefträger, der auf eine „Einheirat" ausgehende junge Kaufmann. Ihm folgt der sattsam bekannte Graf, der in reiche Familien eingeführt zu werden wünscht, wobei „Religion Nebensache". Höchst ergötzlich ist das Kapitel „100 000 Mk. Mitgift, aber ein kleiner körperlicher Fehler". Nicht weniger als 172 Bewerber beantworteten dies Gesuch, teilweise mit den unglaublichsten Motivierungen ihres Schrittes: der eine fühlt sich durch den kleinen Fehler, durch die Erinnerung an seine gleichfalls mit einem solchen behaftete Schwester angezogen, der andere meint, daß gerade „solche Damen das beste Gemüt und den besten Cha- racter" haben — woraus er natürlich als reiner Idealist das entscheidende,Gewicht legt. Der eine schreibt praktisch, kurz, geschäftsmäßig: „Ihre Annonce begegnet meinem Interesse", der andere schwelgt in den bekannten pathetischen Akkorden von einer überirdischen Harmonie der Seelen (wobei der kleine Fehler diskret übergangen wird), und ein dritter formuliert seinen Standpunkt mit der hübschen Wen- dung, „sollte es dem werten Fräulein dadurch geholfen sein." Kurz, die Temperamente, die Berufsstände, die Gesellschaftsklassen fiihren vor dem Thrönchen der 100 000 Mark einen höchst amüsanten Huldigungstauz auf. Sehr interessant find die Erfahrungen einer geistig hochstehenden jungen Witwe mit Vermögen, foiuie das Ergebnis eines Inserates, in dem ein junges, gebildetes, aber vermögensloses Mädchen eine Liebesheirat zu schließen wünscht. Ihrem Rufe folgten immerhin 45 Bewerber aus den verschiedensten sozialen .Schichten.
dem einer gewöhnlichen Liebesgeschichte wie sich endlich Ungleichmäßig jenseits von Liebe und Freundschaft stehendes Heiden entwickelt; das ist in feinen und durchsichtigen Linien vor unseren Augen bloßgeleat. Di« Heiratsannonce ist hier über ihre vorwiegend wirtschaftliche Bedeutung hmausgewachsen; es handelt sich nur noch um dis - innneweit sie das Sichfinden zusammengehöriger Per- onlrchkeiten, die sich in Freundschaft und Ehe ergänzen und teigern konnten, zu ennöglichen imstande ist. Der Ber- asier knüpft hierbei an die Ausführungen Simmels an, bet jch in seiner „Philosophie des Geldes" in folgenden, von Mc. Naughten seinem Inserat vorgedruckten Worten äußert: Daß £„er^Et^unonce eine so sehr geringe und auf die mittler« Geseckschaftsschicht beschrankte Anwendung findet, könnte verwunderlich und bedenklich erscheinen. Denn bei aller hervorgehobener Individualisierung der modernen Persönlich- leiteu und der daraus hervorgehenden Schwierigkeit der Gattenwahl gibt es doch wohl noch für jeden noch so differenzierten Menschen einen entsprechenden des anderen Ge- Sü's, mit dem er sich ergänzt, in dem er den „richtigen"
.fände. Tie ganze Schwierigkeit liegt nur darin, daß Die gleichsam so für einander Prädestinierten sich nicht zu- sammensiudeu. Die Sinnlosigkeit von Menschenschicksalen kann sich nicht tragischer zeigen als in der Ehelosigkeit oder ui den unglücklichen Ehen zweier einander fremder Menschen, die sich nur hätten kennen zu lernen brauchen, nm einmtbet jedes mögliche Glück zu gewinnen. Kein Zweifel, daß die vollendete Ausbildung der Heiratsannonce das blinde Geratewohl dieser Verhältnisse rationalisieren könnte, wie big Annonce überhaupt dadurch einer der größten Kulturträger: ist, daß sie dem einzelnen eine unendlich höhere Chance ad- äguater Bedürfnisbefriedigung verschafft, als wenn er auf Die Zufälligkeit des direkten Auffindens der Objekte orige» wiesen wäre. Gerade die gesteigerte Individualisierung der Bedürfnisse macht die Amwnce, als Erweiterung des Kreises von Angeboten, durchaus erforderlich." Freilich kommt Simmel selbst doch zu einer Ablehnung Der Annonce, weil weder die äußere Erscheinung noch der Charakter, weder das Matz vyn Liebenswürdigkeit noch von Intellekt, sondern nur bet Geldbesitz einer Person mit völliger Sicherheit beschriebe^ werden kann. Dem wird man aber mit Mc. Naughten mit Recht entgegenstellen können, daß die Annonce schon durch Angabe der zahlreichen, äußerlich faßbaren Vorbedingungen der Ehe den Interessenten erheblich nutzt, die Auswahl beträchtlich erleichtert und auf diese Weise die psychische Äln- näherung zwischen den verfeinerten, den Gipfel der modernen Kultur darstellenden Naturen ermöglicht. In diesem Sinne dürfen wir die Heiratsannonce als einen nicht zu unter schätzenden Knltnrsaktor der Gegenwart betrachten. Die ihr gewidmete Studie mit ihrem reichen Tatsachenmaterial wird zweifellos das Interesse lveitester Kreise erregen.
sozial und geistig hochstehenden und vcr- Mannes, auf dessen Inserat zunächst nur


