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daß der RrttevfuchuuMrichter d'Escorval sich das Bein gebrochen habe?

Nun, ich habe geglaubt, was man mir erzählte, das gestehe sch offen; und ich glaube es, weil . . .

Er suchte nach Worten; Papa Tirauclair lachte laut aus und rief:

Du hast es geglaubt, weil es außerordentlich wahrschein- !ich war.

Was Hütten Sie denn an meiner Stelle angenommen?

Das Gegenteil von dem Gesagten! Ich hätte mich vieh- Seld)t geirrt, aber ich wäre jedenfalls konsequent geblieben.

Was? rief Lecoq ganz verblüfft. Sie vermuten also, daß Herrn d'Escorvals Sturz erdichtet ist, daß er sich nicht das Bein gebrochen hat?

Papa Tabarets Gesicht wurde plötzlich ernst:

Ich vermute es nicht; ich bin dessen gewiß, ich würde einen Eid darauf ablegen!

Ich glaube, das wäre kühn! Wer wozu denn eine solche Komödie?

Tabaret streckte die Arme gen Himmel.

Wie? rief er, du? Du, in dem ich Meinen Nachfolger er­blickte, du richtest eine solche Frage an mich? Denke doch ein bißchen nach! Brauchst du ein Beispiel, um deinem Verständnis zu Hilfe zu stimmen? Meinetwegen. Nimm mal an, du seiest Richter. Es ist ein Verbrechen begangen, man betraut dich mit der Nutersuchung, und du begibst dich zum Angeschuldigten, um ihn zu verhören. Schön. Dieser Angeschuldigte hatte bis dahin zu verhindern gewußt, daß man ahnte, wer er war. Sa liegt doch unser Fall, nicht wahr? Nun, was tätest du, wenn du auf den ersten Blick unter einer Verkleidung deinen grimmigsten Feind oder deinen besten Freund erkenntest?

Die Frage war nicht leicht zu beantworten; Lecoq dachte Zange nach.

Ach, rief der alte Absinth, ich würde nichts verraten. Möchte rr mein Freund oder Feind sein, ich würde vollkommeir neutral bleiben.

Auch ich würde schweigen, antwortete endlich Lecoq . . . Und itorf) einer Pause setzte er hinzu: Also sind Sie der Meinung, Herr Tabaret, daß Herrn d'Escorval die Persönlichkeit des an- Keblichen Mai bekannt ist?

Vater Timuclair richtete sich mit einem Ruck im Bett auf Md rief:

Daran zweifelst du? zweifelst du wirklich? Welche Beweise Kerlangst du beim? Wie kommt es denn, daß der Beinbruch des Richters und der Selbstmordversuch des Angeklagten zusammeu-- fallen? Ich war nicht selber da, wie du, aber ich kann dir sagen, wie die Szene sich abgespielt hat; mir ist, als stehe sie mir deut­lich vor den Augm. Also höre:

Herr d'Escorval kommt, nachdem er mit der Untersuchung in der Chupiuschen Schenke fertig ist, nach dem Untersuchuugs- tzefangnis und läßt sich Mais Zelle aufschließen. Die beiden Männer erkennen sich. Wären sie allein gewesen, so hätten sie sich vielleicht ausgesprochen, und die Angelegenheit Hütte eine Andere Wendung genommen. . . vielleicht hätte sich alles bei­legen lassen. Aber sie waren nicht allein: der Protokollführer war als Dritter zugegen. Sie haben sich also nichts gesagt. Beim Herausgehen hat d'Escorval gedacht: Nein, ich Ann nicht der Richter dieses Mannes sein, den ich hasse!

Also denken Sie, unterbrach Lecoq den altert Herrn, daß d'Escorval und unser Mai Feinde sind?

Alle Wetter, ja! Das ist ganz klar. Wenn sie Freunde wären, so hätte der Richter wahrscheinlich seine Komödie mit dem Beinbruch gespielt, aber der Angeklagte hätte nicht sich zu erdrosseln versucht. Doch weiter. Was erfolgt am nächsten Morgen? Anstatt des Herrn d'Escorval erblickt der Angeschuldigte den aus- Sezeichueten Herrn Segmüller. Er ist überrascht, er erkennt den Melmut seines Feindes den er für unversöhnlich gehalten hatte. Damr steigt ein Lächeln der Hoffnung auf seine Lippen: d'Es- rorval hat fein Geheimnis nicht verraten, er kann sich vielleicht Noch retten, seine Ehre und sein Name können unversehrt Ms dem Abgründe der Schande hervorgehen.

Ganz außer sich vor Begeisterung sprang der alte Msinth pvn seinem Stuhl auf und rief:

Kreuzhmmreldoimerwetter, so ist es. Jawohl, so ist es!

Lecoq sagte nichts, aber seine Beistimmung stand ihm nicht stetiger deutlich auf dem Gesicht geschrieben.

Eine gute Minute lang genoß Vater Tabaret seinen Triumph. Dann fuhr er fort:

Nun zu den verschiedenen Schnitzeln, die du gemacht hast, wein Sohu. Nur der Vollständigkeit wegen erwähne ich deine MWUigkeit, daß ibn sticht sofort aus dep Tugend-Toni alles

herausgebracht hast, was sie wußte. Mesen Fehler hast du j<t schon selber eingesehen.

Ach ja, seufzte Lecoq.

Das erste große Versehen hast du mit dem in derPfeffer­büchse" gefundenen Ohrring gemacht.

Oh! ich habe aber doch alles versucht, um die letzte Besitzerin des Juwels herauszubringen.

Viel Vers tjt, mein Sohn, das leugne ich nicht; aber alles versucht, das ist zu viel behauptet. Zum Beispiel, was hast du getan, als du erfuhrst, daß die Baronin Watschau gestorben und ihr ganzer Nachlaß versteigert sei?

Me Sie wissen, bin ich zu dem Notar gegangen, der die Versteigerung besorgt hatte.

Sehr schön. Und dann?

Ich habe das Verzeichnis durchgesehen, und da ich kein ein­ziges Schmuckstück darin aufgeführt sand, dessen Beschreibung auf unseren schönen Diamanten paßte, so habe ich erkannt, daß ich die Spur verloren hatte.

Vater Tirauclair jubilierte.

Ganz recht! Darin irrtest du dich eben. Wenn dieses wert­volle Juwel nicht im Auktiousprotokoll stand, so hatte natürlich die Baronin Watschau zur Zeit ihres Todes es nicht mehr be­sessen! Wenn sie es nicht mehr besaß, so hatte sie es verschenkt ober verkauft. An wen? Höchstwahrscheinlich an eine ihrer Freun­dinnen. Deshalb hätte ich mir an deiner Stelle die Namen aller ihrer intimen Freundinnen verschasst was eine Kleinigkeit war und hätte versucht, mit allen Kammerzofen dieser Freundinnen anzubändeln. Für einen hübschen Burschen wie dich wäre das ein Kinderspiel gewesen!

Hoho! lachte der alte Absinth. So ein Polizeidienst könnte auch mir passen!

Tabaret achtete nicht auf den Ausruf und fuhr fort:

Kurz und gut, ich hätte allen diesen Zöschen den Ohrring gezeigt, bis ich eine gefunden, die mir sagte:Der Diamant ge­hört meiner Herrschaft," oder, die sich bei dem Anblick des Schmucks aufgeregt gezeigt hätte.

Donnerwetter, murmelte Lecoq. Daß mir dies nicht einge­fallen ist!

Warte, warte! Ich üunme zum zweiten Versehen. Was hast du getan, als du Mais angeblichen Reisekosser in Händen: hattest? Du hast ihn ganz bieder dem schlauen Strick aus- hmdigeu lassen sapperlot noch mal! Du wußtest aber doch ganz genau, daß der Koffer nur ein Komödienrequisit war, daß alle darin enthaltenen Sachen erst nachträglich vom Komplizen besorgt waren.

Das wußte ich allerdings ganz genau. Aber was konnte mir diese Gewißheit nützen.

Was sie dir nützen konnte? O, mein Sohn! Ich hätte sämt­liche Pariser Kleiderh-andler von A bis Z aufgeboten und hätte schließlich einen entdeckt, der mir gesagt hätte: Diese alten Sachen? Die habe ich verkauft, und zwar art einen Manu, der so und so aussah, und der sie für einen Freund kaufte, dessen Maß er mitgebracht hatte. i

(Fortsetzung folgt.)

Miersuchrmgen über die yriraü-ÄMSuce betitelt sich ein Aufsatz, beit Tr. Herbert Stegemann in dem Novemberheft der 'Dokumente des Fortschritts" (Georg Reimer, Berlin) veröffentlicht.

Er schreibt: Die Heiratsannonee ist bisher meines Wissens noch nicht zum Gegenstaitd einer ernsthaften Studie gemacht worden. Man hat sie als ein mehr ober minder, verächtliches Produkt moderner Dekadenz uno Immoralität, als einen beklagenswerten Auswuchs des alle Lebensverhült- nisse überwuchernden Geschäftssinnes betrachtet, aber kaum' jenrals versucht, ihre psychologische und soziale Bedeutung irgendwie zu ergründen. Und doch Hütte es in der Tat nahe genug gelegen, die mit ihr zusammenhängenden spezifisch modernen Lebensverhältuisse eiugeheub zu unter» suchen. Hier sehen wir Tausende und Abertausenbe von Existenzen kaleidoskopartig an uns Vorüberwirbeln: beit Glücksritter, beu kleinen Spießbürger, bas auf bett Auser­wählten sehnsüchtig wartenbe junge Mädchen, bie ältliche: Jungfer, den Kavalier, den Gelehrten, den hungernden Er­finder bas ganze Personal ber großen menschlichen Ko- möbie macht srch aus unb tanzt in einem unabsehbaren! Reigen an uns vorbei. Unb all das in dem scheinbar lang-! weiligen Inseratenteil unserer Tageszeitungen: das Leben ist wirklich so groß und vielgestaltig, daß es auf den, der es zu fassen weiß, unwiderstehlich wie das Licht entströmt, blendend, betörend, beraufchend. Welche Stoffe würden siK