Ausgabe 
28.3.1908
 
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Ost genug hatte sein Verfasser inzwischen den Vorwurf des langsamen Arbeitens über sich ergehn lassen müssen, und doch war dies langsame Fortschreiten des Buches nur die Folge von .S peinlichster Gewissenhaftigkeit und musterhafter Gründlich­keit. Am 4, Marz 1870 schreibt W. an seinen Freund Lorenz Diefenbach, den gelehrten Stadtbibliothckar von Frankfurt und Verfasser des Vgl. Wörterbuchs der gotischen Sprache und des Hoch- und niederdeutschen Wörterbuchs (mit E. Wülckcr), auch ein Kind der hessischen Erde:

Umfang der forschung und der arbeit für dasselbe [sein ,Wörterbuch] läszt sich auf den ersten blick nicht erkennen, wenigstens nicht gleich, und es sind ihrer im ganzen wenige, die in dem knapp gehaltenen rahmen den vollen Inhalt ein- und übersehen, dankbar und mit freude, freilich wehmütiger freude, gedenke ich hier der beiden Grimm, wie werth sie das buch hielten und ermunterten, über die arbeit an sich kann niemand klar und richtig urteilen, als wer darin steckt und sie gekostet hat.....Wer da glaubt, es läge alles schön vorbe­

reitet da und man brauche blosz abzuschreiben, ist in einem gewaltigen irrthume. was vorliegt, sind blosz ausgeschriebene niederhochdeutsche stellen als belege, , aber diese reichen bei weitem nicht aus, und es: musten unsere älteren wie neueren nhd. schriftsteller gelesen und immer wieder gelesen, dazu jene stellen aufs neue nachgesehen werden, ableitung, Un­ordnung, begriffsbestimmungen usw, sind rein Sache des aus­arbeitenden, ebenso bleibt ihm aus dem gothischen, althoch­deutschen, mittelhochdeutschen,, altsächsischen usw. zu schöpfen."

Dafür durfte er sich dann auch darüber freuen, daß das fertige Buch überall uneingeschränkte Anerkennung fand. Auch der äußere Erfolg stellte sich ein: bald wurde die 2. Auflage nötig, sie erschien von 18731876. Schon 1878 folgte ihr die dritte, lieber den Vorbereitungen zur 4. starb der uner­müdliche Mann; sie mußte darum von 18811882 als ein im wesentlichen unveränderter Abdruck der 3. ausgehn.

Nahezu seit 15 Jahren war nun auch diese wieder ver­griffen und fast schien cs, als solle derverjüngte Weigand" ein frommer Wunsch vieler bleiben, die seit langem darauf gehofft hatten. Da bereitet uns nun der Verlag von Alfred Töpel- mann mit der 1. Lieferung der neuen Auflage, der schon die 2. gefolgt ist, eine freudige Ueberraschung. Wenn man die Fortschritte bedenkt, die die germanische Sprachwissenschaft in den letzten 20 bis 30 Jahren gemacht hat, wirds verständlich, daß wiederum eine gewaltige Arbeit aufgewandt werden mußte, um dem alten Weigand in seiner neuen Gestalt den Ruhm deszuverlässigsten aller kurzen deutschen Wörterbücher" zu er­halten, als das ihn die Brüder Grimm bei seinem ersten Er­scheinen bezeichnet hatten. Und so leicht wird ihm das heute Nicht mehr gemacht, weil inzwischen zwei andre, irren» auch kürzere Wörterbücher auf den Plan getreten sind, die von Kluge und Paul, und das größere von Moriz Heyne.

Manche Schwierigkeit hat, wie tut Vorwort berichtet werd, der Verleger mit der Wahl des richtigen Mannes gehabt, der bei der Stange blieb, bis er im Leipziger Extraordinarius für deutsche Philologie und indogermanische Sprachwissenschaft, dem als Herausgeber zeichnenden Professor Hermann Hirt, gesunden war. Professor von Bahdcr hat A bis F lecke n geliefert. Dann ist, da er die Arbeit 1896 aus Gesundheitsrücksichten ausgcben mußte, Dr. Kant ein getreten, und dieser hat die weitern Telle bis st a r k ausgearbeitet (mit Ausnahme des Buchstabens P). Den Rest hat, nachdem auch Kant die Bearbeitung mcht weiter fortführen konnte, der Herausgeber übernommen.

Wen kanns also wundernehmen, daß unter diesen Umständen die Frist, die man zuerst für das Vollbringen der Arbeit als ausreichend erachtet hatte, immer und immer wieder hmaus- geschobeu werden mußte, sollte nicht ihrem raschem Fortgang, ihre Genauigkeit geopfert werden. Um so mehr dürfcil wir uns heute, ivo wir au beit vorliegenden beiden ersten Lieferungen einen Prüfstein für die Güte der geleisteten Arbeit haben, dazu beglückwüuschen, daß die drei Bearbeiter und, der Verleger des Buches den Weignndschen Grundsatz:Leichtfertige und schem- qelehrte Arbeiten sitld meine Sache nicht; ich runge lieber langsam aber sicher zum Ziele" auch zur, Richtschnur ihres Handelns gemacht haben; denn wir können jetzt mit . Freude wahrnehmen, daß wir einen völligen Neubau auf. dem alten von Weigand gelegten Grunde vor uns haben.

Da sein Werk das erste gewesen war, das die Etymologie genügend berücksichtigt und sich dadurch hauptsächlich Ktn An­seh u erworben hatte, so ist dieser Teil natürlich besonders gründ­lich erneuert worden, um den Anforderungen unserer Zeit zu entsprechen.

Außer auf die Etymologie hatte W. Gewicht darauf gelegt, das erste Auftreten eines Wortes nachzuweisen. In diesem Punkt ist die neue Auflage dank der Vorarbeiten Professor von Bahdcr^, tzie sich, aus das ganze Werk erstrecken, und ber reichen Kennt­

nis und Belesenheit Dr. Kanis weit über das von Weigand Ge­leistete hinausgekommen. Natürlich wird eine Anzahl der ange­führten Belegstellen mit der Zeit noch durch ältere erseht werden können, weil eben hier das Wort gilt dies diem docet.

Einen weitern Vorzug des W.sehen Werks, den kein andres hat: daß cs auch die Fremdwörter mit heranzog, haben die neuen Bearbeiter dem Buche bewahrt. Für unsre Kulturgeschichte sind die Fremdwörter und ihre Aufnahme in den Sprachschatz von hervorragender Bedeutung, und deshalb erhalten sie mit Recht einen Platz in einem deutschen Wörterbuchc.

Für die zahlrechcn seltnen und laudschastlichen Wörter, die W. zum Unterschiede von allen andern kurzen Wörterbüchern bei sich ausgenommen hatte, sind die reichen Ergebnisse der mund­artlichen Forschung in den letzten Jahren verwertet worden. Auch die Abweichungen im Sprachgebrauch von Luthers Bibelüber­setzung sowie der Schriftsteller aus der Blütezeit unsrer Literatur hatte 'W. berücksichtigt. Auch das hat man beibchalten und ver­mehrt. . r

So glauben wir mit gutem Recht unsre Anzeige des nach langwierigen Mühen zustande gekommenenneuen Weigand" mit einem Urteil schließen zu dürfen, das über den alten gefällt worden, ist:Mit Recht darf man bem Weigandschen Wörterbuch das hohe Verdienst zuschreiben, daß es die Resultate der neueren Wissenschaft für das große gebildete Publikum in einer Weise verwertet und allgemein zugänglich gemacht hat, wie dies wohl noch bei keinem unserer Nachbarvölker für seine Sprache geschehen ist, und daß cs dadiirch bis jetzt schon ein tieferes Verständnis unserer Muttersprache unter uns hat anbahnen helfen, als es manches andre grundgelehrte germanistische Werk zu tun ver­mochte. Wenn man darum auch allen Ernstes ausgesprochen hat, daß es wie in keiner deutschen Schulbibliothek, so auch in keinem höher gebildeten deutschen Hause fehlen dürfte, ja, wenn man ihm für zweifelhafte Fälle schiedsrichterliches Ansehn * *) hat zuerkennen wollen, so beweist daZ, wie seither schon seine Be- dcutimg erkannt worden ist. Daß eine immer größere Ver­breitung desselben höchst wünschenswert ist, unterliegt uns keinem

Es sei noch darauf hingewiesen, daß der Verlag den Snb-« skriptionspreis nach dem Erscheinen der letzten Lieferung auf- heben und einen hohem Ladenpreis fürs vollständige Werk eiN- treten lassen wird. Ignotus.

*) Der bekannte Literarhistoriker Vilmar in Marburg ersuchte Weigand z. B. in einer nicht unerheblichen Universitätsangelegen­heit, bei der er zu entscheiden habe, um ein sprachluucs Gut­achten. Wenn er sich auch, sagt er in feinem Schreiben, die Frage so ziemlich selbst beantworten könne, so ziehe er es doch vor. eine sremde Autorität und zwar eine vom ersten Rang anzurnfen.

GberheUche Schnurren.

Nacherzählt von A. D e ch e 11.

(Nachdruck verboten.)

Die Zeugin.

Aus einer Gegend, in der die Freiherren R i e b e 5 c I größeres Besitztum baden, kommt eine Frau als Zengin ans Gericht. Vor ihrer Vernehmung macht sie der Richter pflichtgemäß auf die Be­deutung des Eides aufmerksam. Daun sragt er sie nach ihren Personalien.Wie heißen Sie?" fragt er.Katharina NI. »Wie alt sind Sie?"35 Jahre."Welcher Konfession sind Sie, evan­gelischer oder katholischer ?9iee, riebest lisch," war die Antwort.

Der Galgen.

Zur Zeit, als noch die Galgenstrase cingeiührt war, waren die H ... . er einmal in Kalamitäten. Sie hatten einen Misse­täter zum Tode verurteilt und als sie die Strafe vollstrecken modlen, mußten sie die nnaiigenehme Entdeckimg machen, daß der morsche Galgen zusammengebrochen war. Die Stadtväter in ihren Amtsgewändern versammelten sieh und hielten Rat, ob der Galgen wieder anfgebant oder ob der R . . . . er Galgen zur Vollstreckung der Strafe gemietet werden sollte. Beides schien zu kostspielig und die Stadtväter beschlossen daher einstimmig folgendes: sie geben dem Verurteilten lu Gulden, und er mag sich dann hangen lassen, wo er will.

* Pan den neuesten Herrcnmodert. Ein neuer Versuch, farbige Herrenkleider einzufuhrcu, ist soeben in einer Gesellschaft bei Mme. de Frangueville ansgesührt und, wie es scheint, erfolgreich auZgeführt worden. Hier erschienen die Herren der vornehmsten Kreise in lavendelblauer Kleidung, in fAalven- farbe, Himmelblau, Perlgrau, und ähnlichen lebhaften ernten; ja selbst das Rot war zn scheu. Auch das Bestreben, kleine niedrige Kragen zu tragen nach amerikamschem Vorbilde macht sich bemerkbar. Nun mag das allerdings bequem fein, besonders für Sport, Reise und Aufenthalt aus dem Laudq, aber für wirklich fein kann man cs nicht erklären. Je nach, oen,