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„Viel Ehre für mich, baß in beinern erfolgreichen Leben W)ch Raum für mich ist. Weiter fehlt dir nichts zu deinem Glück?"
„Du hast cs getroffen. Aber dies eine fehlt mir furchtbar" — sie, bog den Kopf vor und sah ihm flehend ins Gesicht. Er wich dem Blick nicht aus, er gab ihn fest und kalt zurück. Dann nahmen seine Züge einen grübelnden Ausdruck an. Jetzt erst nahm er ihr Bild in sich auf, sah ihre schmale Gestalt im schmelzbesetzteu Tuchkleid, ihr zierlich geordnetes Haar, welches das zarte und öoclj so scharf gemeißelte Gesichtchen umrahmte, sah den goldenen Ehering au der feinen, nervösen Hand, spürte den feinen Patschouliduft, der Haar und Kleid entströmte, und wandte sich mit gerunzelter Stirn ab.
„Pfui, du!" — sagte er.
„Gotthard!" schrie sic auf und rüttelte seinen Arm, außer sich, aufs tiefste entrüstet — „du hast kein Recht, so zu mir zu sprechen. Ich bin nicht, wofür du mich zu halten scheinst — und wenn ich fehlte, so habe ich das bitter bereut und gebüßt und bin beut Mann, den ich liebte, treu geblieben, bis er kam, mich heimzuführen. Hörst du? 9ttntnt des beschimpfende Wort zurück."
„Nicht um deines Fehltrittes wegen habe ich es gesprochen." „Sondern?"— fragte sie heftig — „sprich! Ich will alles wissen, was du gegen mich hast!" —
Er lachte rauh auf — seine Stimme klang Ivie rostig.
„Gegen dich? —- dich selbst habe ich gegen dich. . . dein ganzes Sein und Wesen ist's, dem mein Wort galt. Nicht so sehr, was du tatest, als was du bist, verdamme ich."
Sie hob die Schultern.
„Ja — dafür wie ich nun mal bin, kann ich nichts — so wenig wie du dafür verantwortlich bist, daß du aus großem Holz geschnitzt bist. Ich mache dir daraus keinen Vorwurf, nein, ich sage wieder, Gotthard, last uns Freunde sein — dies eine fehlt mir noch zu meinem Glück."
„So! — Sonst bist du aber glücklich?" fragte er zornig.
„Vollkommen. Ueberreichlich entschädigt für all die Enttäuschungen und für all die Jahre seelischen Darbens meines Lebens."
„Entschädigt? — So. Nun ja, du hast ja wohl Entschädigung zu beanspruchen. Deine Leiden waren unverschuldet."
„Ob verschuldet oder unverschuldet — gönne mir doch die Erlösung aus dem Elend."
Er antwortete nicht und säst abgewandt.
.„Gotthard!" — bat sic wieder weich, „sprich doch zu mir. Sage, was du willst, überhäufe mich mit Vorwürfen, aber kehre dich nicht so von mir. Das ertrage ich nicht ... du weißt ja nicht, wie ich gelitten habe um dich."
„Was willst du nur von mir!" — fuhr er auf —• „was soll ich dir denn sagen? Verlange doch nicht, zu hören, was ich dir zu sagen hätte. Wie eine Motte kommst du mir vor, die um das Licht flattert. Ich warne dich. Denke daran, was ich dir sagte, als wir uns zuletzt sahen: Wünsche mir lTie wieder zu begegnen!" —
Er sprang auf und wollte gehen, aber sie haschte nach seiner Hand und zerrte den starken Mann mit übernatürlicher Kraft zurück.
„Bleibe! Hörst du? Es würde dir nichts nützen, wenn du gingest, denn ich würde dir überallhin folgen. Ich will zu einem Verständnis kommen mit dir. Zeige du mir den Weg dazu — ich will alles tun"— sie sprach ganz außer sich und mit schluchzender Stimme — „wie tief soll ich mich denn noch demütigen? Ich habe um meines Vaters Vergebung gebettelt, vergeblich, erfolglos, lvie ein Hund um Einlast bettelt, wo er nicht begehrt wird — ich will auch dich um Vergebung bitten, obwohl ich nicht einsehe, wodurch ich dich beleidigt habe . . . ich war frei, meinen Beruf zu wählen, so gut wie du. Aber um den Preis des Friedens mit dir will ich sagen: Gotthard, vergib auch du mir, dast ich euch verlassen und vergessen habe!" —
Sie sah ihn atemlos an — sein Gesicht blieb hart.
„Ich" — und „ich" — und „ich" — sagte et nur.
„Natürlich — um mich handelt es sich ja."
„Du meinst? — Nun, gewissermassen ja, denn deine Hand war es, die das schadenbringende Unkraut säte."
„Was meinst du!" — fuhr sie auf — „wenn ich mir Schaden tat, so ist das wieder meine Sache und geht mich allein an."
„So, du meinst? — Ich, mich, mir, mein, das ist dein Lexikon, mehr enthält es nicht. Was nützt es da, wenn ich rede? Aber auch), wem: du nicht so völlig in dich selbst ver- funken wärest, ja, wenn du Reue fühltest, zu retten ist ja nichts
mehr. Es ist alles geschehen und verjährt und Reue macht Tote nicht wieder lebendig."
Sie starrte ihn mit weitaufgerissenen Augen an, intensiv gespannt, lebcS Wort begierig auffangend, und als er schwieg, uno tue tiefe Stimme wie grollender Donner verhallte, während^ er wieder den Kopf in beide Hände stützte und so vornüber-- geneigt säst, drängte sie ungeduldig:
„Sprich deutlicher. Ich must wissen, was du mir vorzu- wcr,en hast. Wer hat mich verleumdet? Wessen hat man mich beschuldigt? Mich — mich —• die ich nie jemand sein Recht genommen, keinem im Wege stand, niemand Schaden zufügte."
Er drehte den Kopf und sah sie von oben bis unten an.
„Also wirklich! Das denkst du wirklich! Herr des Himmels! — Und wenn du so blind, so verständnislos für alles bist, was Nicht „du" ist, fand sich denn nie ein Mensch, der dir dl- Augen öffnete? — Durftest du in deinem krassen Egoismus w.rklrch so hinleben, ungestraft — oder ist es ein Ding ber Unmöglichkeit, dich zum Einsehen zu bringen?" —
Eine rasende Ungeduld packte sie.
doch!" — schrie sie •— „was nützen mir Fragen, was ode Moralpredigten über die Ichsucht... ich will etwas pcastbar s, etwas, das ich widerlegen kann!"
Sie schüttelte seinen Arms während sie sprach, und er sah, !vie ihr ganzes Gesicht bebte und zuckte vor Aufregung.
„Aber bist du denn wahnsinnig, Luise? Muß ich dir wirk- luh erst sagen, was du doch miterlebst und täglich mit Augen siehst?" —
„Frage nicht! Sag's grade heraus. Siehst du denn nicht/ daß ich brenne, die Lüge zu widerlegen, die sich an mein Leben geheftet zu haben scheint?"
„Nun wohl, ich rede," sagte er mit grimmem Hohn, „doch vorerst entschuldige mich, denn ich will gar nicht von dir, sondern von uns reden."
„Weiter!"
„Hast du nie darüber nachgedacht, !vas du uns antatest, als du das Elternhaus heimlich verließest, um zur Bühne zu gehen?" —
"Darf des nun nicht endlich ruhen? Jetzt, wo alles zu guten ^Ende gekommen ist und ich Glück und Frieden gefunden?"
„Ja so . . . und da du das gefunden hast, mag ja wohl die übrige Welt verderben. Ist's nicht so? Findest du dich denn nie aus dir selbst heraus?" —
„Einem jeden zum Leben geschaffenen Wesen steht das Recht zu, sich seinen Weg zu bahnen."
„Auf Kosten anderer?" —
„Wenn's nicht anders geht, ja."
„Ja — dann habe ich dir weiter nichts zu sagen! —< Du tatest dies und warst dazu berechtigt."
„Tas hätte ich getan? Nicht daß ich wüßte," sagte sie kalt und machte Miene, aufzustehen — „ist das alles, was du mir vur'uwersen hast?"
«Fortsetzung folgt.)
Der „neue Weigand".
Deutsches Wörterbuch von Fr. L. K. Weigand- 5. Ausl, in der neusten für Deutschland. Oesterreich und die Schweiz gültigen amtlichen Rechtschreibung. Nach des Verfassers Tode vollständig neu bearbeitet von Karl v. Bah- ber und Hermann Hirt, a. o. Professoren an der Universität Leipzig und Karl Kant, Privatgelehrter in Leipzig. Herausgegeben von Hermann Hirt. Verlag von Alfred Töpel- mann in Gießen. (Vollständig in 12 Lieferungen zum Preise von je Mk. 1.60, alle 2 Monate etwa eine Lieferung)
Eine Neuauflage dieses Buches muß hier in Gießen um seines Verfassers willen auf besondres Interesse stoßen, hat doch Weigand jahrzehntelang, vom 2. Mai 1849 bis zum 30. Juni 1878, seinem Todestage, zu den Zierden unsrer Universität gehört, bekannt und hochgeehrt als deutscher Lexikograph und Sprachforscher weit in der gesamten wissenschaftlichen Welt.
Im Jahr 1852 machte der hiesige Buchhändler I. Ricker/ in dessen Eigentum das Verlagsrecht an Schmitthetiners deutschenl Wörterbuche von den Erbeil der Jonghausschen Buchhandlung in Darmstadt übergegangen war, seinem Freunde Weigand bett Antrag einer Neuausgabe bieses Werkes. W.s Frenndschastsver- hältnis ztnn verstorbenen Schmitthenner sowohl wie auch zu Ricker bestimmte ihn, auf besten Ansuchen eüizugehen.
Freilich nahnl die „Umarbeitung Schmitthenners" vom ersten Hest an gleich einen solchen Charakter an, baß sie von den berufensten Beurteilern für Weiganbs eigenstes Werk angesehn wurde. 1857 war der erste von A bis K reichende Band des Buches, das Weigand „den Brüdern Grimm in Siebe und Treue" widmete, fertig, aber noch 14 Jahre eifrigsten Fleißes 'solltest vergehen, bis es Anfang 1871 vollendet war.


