Ausgabe 
27.8.1908
 
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Dsrmerttag den 27. Vigust

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Der Dorfkönig.

Roman von Karl Böttcher.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

2. Kapitel-

Wieder brausten Stürme durch das fülle Waldtal. Doch dics- mäl waren es Frühlingsstürme. Von den Höhen rann und rieselte) es in tausend Bächlein, und der Talsluß bäumte sich in trotziger Kraft, ohne jedoch mit seinen wuchtigen Eisblöcken die wohl- gefugte Brücke zu erschüttern.

Das monotone Stampfen und Zittern der Mühle, zu welchem der Mühlgraben mit seinem Rauschen die Untertöne wob, lag Tag und Nacht über dem Grunde. Das' Geräusch war da und doch hörte es niemand mehr; es gehörte mit zur Heimat wie das vielzackige Fichtenmeer der anstrebcnden Höhen und wie der Schrei des Kuckucks im düsteren Walde.

Ostern stand vor der Tür.

Da kam eines Morgens ein Trupp Arbeiter die Bergstraße herein. Die qualmende Deckelpfeife in einem Mundwinkel hängend, im anderen schmierigen Tabak kauend und im bunten Sack- tüchlein allerhand Handwerkszeug so blieben sie vor dem Herrenhaus stehen und betrachteten mit müßiger Neugier den Hof- Einer von ihnen, in besserem, kariertem Anzuge, betrat die Flur des Herrenhauses, wurde aber vom alten Elan, der über den Hof stelzte, nach dem Kontor in der Mühle gewiesen.

Dort empfing ihn Guttermann. Der Führer des Trupps italienischer Arbeiter meldete sich mit den dreißig Mann, und der Herr rief kurz dem Buchhalter zu:Jrmscher, instruieren Sie den Mann!"

Der Buchhalter wies nun den Fremden ihre Wohnstätte an, eine unbenützte Scheune, nahm allen die Papiere und das Feuer­zeug ab, und dann führte er sie über die Brücke, den schmalen Steig flußabwärts und machte endlich Halt, wo niedriges Ge­strüpp die Berglehne bewaldete.

Die Leute kannten ihre Arbeit. Etliche errichteten aus da- liegenden Pfosten und Brettern eine Baubude, andere beseitigten das Gestrüpp, und als es in der Talmühle Mittag läutete, war mitten in der Berglehne, mitten int wohltuenden, gleichmäßigen Waldesgrün ein großer Schandfleck entstanden: Die Anlage eines Steinbruches.

In den nächsten Tagen kamen noch Steinmetzen aus der Stadt, die die großen Granitblöcke zurichteten, und Elan und Merlin fuhren sie mit den Ochsengespannen hinten nach der Mühle.

Ganz anderes Leben !var im Tale cingezogeit.

Das Donnern der Sprengfchüsse int Steinbruch wälzte sich die Höhen hinauf, und von dem' obersten Waldrande zurückgegeben, rollte cs im dumpfen Echo wieder herab, sich an dieser oder jener Schneise brechend, dann langsam in der Talmulde hinkriechend, bis cs vom Rauschen des Wehrs verschltingen ward.

Und am Abend schlenderten die Italiener am Flusse entlang,.

und die Wellen trugen ihre melancholischen Weisen murmelnd) herauf bis zum Mühldorf. Da saßen sie alle, die Müller und) Knechte und Mägde und lauschten, und der böhmischen Magd ward es ganz weich ums Herz, und der Rosenkranz glitt schnellest durch die müde Hand.

Zu der Zeit, da die Weidenbüsche drunten am' Flusse Kätzchen trugen und die goldgelben Köpfchen den noch gelberen Primeln Kuraunten:Heio 's wird Frühlingszeit!" zu dieser Zeit traf auch der Baumeister ein.

Fritz Hennig, so hieß er, war dem alten Guttermann wa'rstt empfohlen worden als tüchtiger und billiger Mann. Das erste war gut das zweite besser. Wer als der Talherr den jungen Mann mit dem offenen Mick, mit dem ehrlichen, vom' blondeit Vollbart umrahmten Antlitz sah da regte sich irt seinem Innern das Mißtrauen. Dem verschlossenen, ränkebpüten-, den Alten war solch gerade Natur zuwider.

Cs war Freitag, als der Baumeister einzog. Er bctrachtet-tz sich zunächst den Bauplatz, verglich alles mit den Plänen und) unternahm dann einen Weg nach dem Steinbruch. Mit deut alten Elan schlenderte er am Abend zurück nach dem Mühlgut, wo er im Seitengebäude zwei kleine Zimmer angewiesen btz? kommen hatte.

Von dem alten Kutscher erfuhr er mancherlei über Gutter^ männs. Doch er gewann wenig Interesse an diesen Geschichten; sie kamen ihm so dumpfig vor, zu muffig für diese reine Bergest lüft, di: frisch und doch frühlingswarm' ihn umwehte. Im kleinert Hintergärtchen des Mühlgutes, gerade unter den Fenstern seiner Wohnung, setzte er sich in eine alte, morsche Lattenlaube und ließ seinen Blick auf die jenseitigen Berge schweifen. Dieses Viclzackige und doch so Gleichmäßige, zu dem die Muhls den Rahmen bot, wirkte wohltuend und sättigend auf Auge und Ge-i mitt- Mit halb geschlossenen Augen schaute Hennig die Talbiegung entlang. Er überfann des gebens Kontraste- Gestern noch int Gewühle Dresdens und heute in diesem Erdenwinkel, gestern int Verkehr mit modernen Kulturmenschen, heute inmitten schlichtest Gebirgler, die nichts weiter kennen als Arbeit und Hcrrendienst.

Aber hier gefiel cs ihm. Seiner poetischen, fast träumerischen Natur war das Waldcsgrün und Wassermurmeln gerade recht» er wollte schwelgen in Natur und Ruhe.

Eilt Plätschern int Wasser schreckte ihn auf. Ein ©teilt, von unsichtbarer Hand geschleudert, slog klatschend auf den Fluß, tauchte unter, huschte wieder hervor und hüpfte ein Stück auf der Wasseroberfläche hin, nm daun wieder in den kleinen Wellen zu verschwinden.- Dann ward es still- Jetzt fiel wiedest ein Stein ins Wasser, doch der sank sofort unter und wob Kreise, erst kleine, tiefe, dann größere, flache, die endlich von bett Wellen verschluckt wurden.

Das wirkte einschläfernd. Baumeister Hennig schloß die Augen, für Augenblicke so meinte er, doch als er sie wieder öffnete, wallten von den Bergen herein graue Nebel, die sich mit denen vorn Tal vermischten und Nun wie flaiterttde Fetzen hin und hcrtrieben. Er betrachtete eine Weile das Nebelsptel und Log dabei feine Uhr hervor.