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ein verwegenes Geschlecht. Ich kam nie unter den Schlitten, aber auch nie recht ans Kommando in den Räuberhöhlen der Quarta und Tertia, in die ich immer wieder verstoßen wurde. Zuletzt geriet ich an eine Realschule im Nordosten. Wer die Gegend kennt, weiß, was das besagen will. Und da hatte ich Lateinisch zu geben, eine dort tief verachtete Hilfswissenschaft. Und dann geschah es eines Tages, daß ein mir persönlich wohlwollender Gymnasialdirektor in meiner Klasse „hospitierte" und dann — wie mir unter der Hand mitgeteilt wurde — meinen Unterricht für langweilig erklärte. Im Vollbewußtsein verfehlten Berufes drückte ich mich still bei Seite."
Er wurde unabhängiger Schriftsteller und lebt nach mehrfachem Wechsel seines Aufenthaltsortes in Weimar als Generalsekretär der Schiller-Stiftung.
Hoffmanns Sprache ist schlicht und einfach und doch voller Poesie. Man wird oft an Storm erinnert, aber nicht daß man von einer Abhängigkeit sprechen könnte. Nein, Hoffmanns Eigenart tritt immer in den Vordergrund; er gestaltet, ahmt nicht nach. Er tritt nicht in die Spuren anderer, sondern geht seine eigenen Wege. Er begann mit den Novellen „Unter blauem Himmel", denen dann eine ganze Reihe Novellensammlungen folgte. Auch zwei Romane hat er geschrieben, „Der eiserne Rittmeister" und „Wider den Kurfürsten?" Namentlich der erste ist von Bedeutung. Die Handlung spielt zur Zeit Preußens Erniedrigung. Der Held August von Jageteufel, „der eiserne Rittmeister", ist Kantscher Philosoph. Er will Volkserzieher fern. Im Gegensatz zu ihm steht der Physikus Gugelmann, eine der gelungensten Gestalten, die Hoffmann je geschildert hat. Doch es fehlt dem Roman der Mittelpunkt, um den sich alles gruppiert. Dasselbe gilt auch vom „Wider den Kurfürsten".
Größer ist Hoffmann in der Novelle. Da find vor allem „Die Geschichten ans Hinterpommern" mit dem köstlichen „Teufel vom Sande", ferner der „Hexenprediger" und „Landsturm". In ihnen spiegelt sich am klarsten Hoffmanns eiqen- ürtige, aber kräftige Erzählerkunst. Und dann liegt Wer den meisten Novellen ein sonniger Humor. Ich möchte Hoffmann zu den ersten deutschen Humoristen zählen. Wer freut sich nicht, wenn er die Erzählungen über „Tante Fritz- chen , die „Bozener Märchen" mit dem Prachtstück „Wasser! Ein Wein Märchen", die „Ostseemärchen", mit „Der arme Krebs , „Der Toten Sehnsucht" liest! Schaut nicht des Dichters lachendes Antlitz hinter jeder Zeile? Auch „aus der Schule spricht Hoffmann, wenn er aus dein „Gymnasium zu Stolpenburg" erzählt oder uns „Allerlei Ge-
vorfuhrt. Eine Novelle besonders möchte ich als wünsch sehr feht hervorheben, „Erfüllter Beruf". Der alte Rober muht sich vergebens, Zucht in seiner Klasse zu halten. ®.’e, Zungen wachsen ihm über den Kopf. Müde geworden
Nh schließlich Pensionieren, bis er eines Tages einen Dorfschullehrer kennen lernt, der in seiner Schule eine strenge Zucht ausübt. Da packt eö den alten Röber noch einmal er will es trotz allem probieren. Er vertritt den Volksschullehrer. Aber auch hier geht es nicht. Er kämpft vergebens mit der Schuljugend. Bis er zuletzt auf dem Katheder sterbend zusammenbricht. Da endlich kommt die Ruhe in die Klasse, die er erfehnt hatte. Was ihm das Leben versagte, gewährte ihni der Tod---,
Nur eilte Sammlung Gedichte hat er uns geschenkt, „Vom Lebenswege". Aber manches Schöne finden wir auch darin.
Möge des Dichters heutiger Ehrentag ihm manchen neuen Freund zuführen!
Em Jenaer Student um $630.
Als eine Jubiläumsgabe zu der bevorstehenden Feier des 350jährigen Bestehens der Universität Jena läßt ein Verlag ein Büchlein erscheinen: „Ein Jenaer Student um 1630". Der Student, um den es sich handelt, ist Eberhard Wolff von Todenwarth. Im Besitze der Hamburger Stadt- bibliothek befindet sich ein stattlicher Band, der den ganzen Briefwechsel, sowie auch die Rechnungen enthält, die sich auf Eberhards Jenenser Zeit beziehen. Es ist feilt Vater gewesen, der diese Schriftstücke sorglich als „Tomus 3. de educatione filii mei Eberhard!“ in einem Bande vereinigt hat — und diese originelle Sammlung hat die Quelle gebildet, aus der Kelter feine interessaitte Schrift geschöpft hat. Eberhards Vater war ein hochansehnlicher Mann,
Kanzler des Landgrafen Georg II. von Hessen. Hochansehnlich war auch das Geschlecht der Wölffe, die 1401 mit der Burg Todenwarth an der Mündung der Schmalkalde in die Werra belehnt worden waren und, beiläufig bemerkt, noch heute diese Burg besitzen. Eberhard war 1614 geboren, hatte in Marburg und Köln studiert und sollte nun noch die berühmte Hochschule im Saaletale beziehen. Sein Begleiter war ein Weilburger, der Candidatus juris Johann Jacob Kolb. Fürsorglich bereitete der hochmögende Herr Vater alles für den Studienaufenthalt des Sohnes vor, schrieb rechtzeitig an den Juristen Professor Hartleder, der apch sein Lehrer ge- wcseit war, sowie an den Theologen Professor Gerhard und arbeitete für den Sohn und seinen Präzeptor eine genaue Lebens- und Studieninstruktion aus. Am 17. April 1630 fuhren die beiden hessischen jungen Herren in Jena ein und bezogen Quartier in der sogenannten „Schmidtei", die da- mals „Zum güldenen Stern" hieß. Für ihre Kammer bezahlten sie einen Reichstaler für das halbe Jahr, aber die Betten hatten sie besonders zu bezahlen und zwar jedes mit vier Reichstalern und neun Groschen. Ihr Hausherr war kein anderer als der Professor Gerhard selbst, eine berühmte Leuchte des evangelischen Glaubens. In jenen bewegten Zeiten — erinnern wir uns, daß wir uns mitten in die Tage des großen Krieges zurückversetzt haben — war das Einkommen eines Universitätsprofessors nicht so bedeutend, daß er nicht auf Nebeneinkünfte hätte bedacht fein müssen. Dem Herrn Professor Gerhard war die Regierung sein Jahresgehalt von 350 Gulden damals schon seit vier Jahren schuldig geblieben, aber der Gottesmann war auch ein geschickter Haushalter und wußte sich trotz der Not der Zeit so gut einzurichten, daß er bei seinem Ableben ein Vermögen und ein Rittergut hinterließ. Das verdankte er hauptsächlich feinen Kostgängern, deren ihm oft bis zu 20 das Haus füllten und dje nicht allein für die Verpflegung bezahlten, sondern auch zuweilen recht erhebliche Geschenke machten. Ach, es ging damals den Herren Professoren überhaupt im ganzen herzlich schlecht, und viele mußten in ihrer Verzweiflung dazu ihre Zuflucht nehmen, selber einen Bier- und Weinausschank zu halten. Das veranlaßte sie natürlich dazu, die wüsten Zechgelage der Studenten zu begünstigen.' Der Trinkzwang, der in Jena regierte, war unter allen Roheiten der damaligen akademischen Zustände wohl die schlimmste. In Jena, das war die allgemeine Ansicht der Herren „Purschen", war man nicht studierenshalber. Bei den Bechern, nicht bei den Büchern faß mau. Eberhard und fein Herr Präzeptor hielten sich den rohen Trinksitten soviel wie möglich fern; aus ihren Rechnungen ist ersichtlich, daß sie beide, den Diener wohl eingeschlossen, an Wiem zusammen täglich t/g Liter, an Bier 4y2 Liter verbraucht haben. Das war für das damalige Jena ein verächtlich geringer Konsum. Aber das Mütterlein zu Haufe war wegen des kalten Jenenser Bieres immer in Angst und riet dem Sohne immer wieder, er solle sich doch lieber „einen glitten trunck Rimbmifsen (rheinischen) Weins hollen". Trotz des verhältnismäßig bescheidenen Verbrauches scheint aber Eberhard sich schließlich dem Trinkzwange doch nicht ganz haben entziehen zu können; daraus ist wohl seine etwas mige- griffene Gesundheit zurückznführen, von der wir gegen Ende des Aufenthaltes hören. Was nun aber die Studien anbetrifft, ach, damit war es recht übel bestellt. Erst nach vielen Laufereien, vergeblichen Bitten und hohen Versprech- ititgen kam nach einem Vierteljahre ein Kolleg über die Institutionen zusainmen, und obendrein — rara avis! — eines ohne die üblichen Zechereien, die Eberhard und fein Präzeptor gar nicht mochten. Und dies blieb byS einzige juristische Kolleg, das Eberhard in Jena überhaupt zu hören bekam. Dagegen trieb er die lateinische Sprache, auf die der Vater großen Wert fegte, mit Etfer und, wie seine Briese beweisen, mit Erfolg, hörte auch bei dem M. Sanne- Mann ein geographisches Kolleg. Was corporis exercitia betrifft, so erklärt der biedere Hauslehrer, daß die „meisten theils in dem bestehen, daß man entweder int übrigen zu- trincken geschäfftig ist, oder in verpleibnng dessen zum wenigsten ans dem Marck oder Creutz nit ohne sonderbaren Pracht hin und hehr spacire und srembden Leuthen durch vielfältige discoursitationes und Martialische gesticulationes sich nuhr weidlich znerkennen geben". Man sieht, daß die Zustände in Jena, obgleich die Stadt von der Kriegsfurie bis dahin noch ziemlich verschont geblieben war, doch ganz das Gepräge der wüsten Zeit trugen. Um so Heller hebt sich von diesem dunklen Grunde das freundliche Bild des


