Ausgabe 
27.7.1908
 
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Als dies geschehen und der Arnim für die Nacht alles mög­lichst bequem gemacht worden war, nahm ich die Zeitung an mich, griff nach meinem .Hut und eilte zn Maitland. Eine Nummer desHerald" lag auf seinem Tisch und zeigte mir, daß ih!m die überraschende Wendung, welche die Sache genommen hatte, schon bekannt war. Er erzählte mir, daß er zuerst davon durch das Ausrufen des Zeitungsjungen erfahren habe.

Als ich ihm von Florences Ohnmachtsanfall Mitteilung machte, wollte er sofort zu ihr, ich bedeutete ihm aber, er müsse bis morgen tvarten, da sie schon zu Bett und, wie ich hoffe, in festem Schlafe sei. Auch konnte ich ihm die Zusicherung geben, eine Nacht Schlaf und meine Medizin würden sie die Folgen der heftigen nervösen Erregung überwinden lassen. Nachdem ich so seine Besorgnisse zerstreut hatte, hoffte ich, er würde auch die meinigen beseitigen, und fragte, was aus dem jungen Mädchen im Nebenzimmer geworden sei. Ohne ein "Wort zu erwidern, führte er mich zu seinem Apparat, damit ich mich persönlich überzeugen könnte. Sie saß am Tisch in der Mitte des Zimmers und hielt ihr Gesicht in den Händen begraben. Lange beobachtete ich sie, ohne eine andere Bewegung an ihr wahrnehmen zu können, als daß fick) von Zeit zu Zeit ihre Brust krampfhaft hob und senkte. Der Kapuzineraffe war nichit mehr zu sehen.

Sie haben heute morgen ihren Vater fortgeführt," sagte Maitland,nach der ersten Aufregung versank sie in diese trost­lose Haltung und hat sich seitdem kaum geregt. W!enn ich sehe, in welche Verzweiflung sie die Verhaftung des Vaters gestürzt hat, so möchte ich nüch fast freuen, daß ich keinen Teil daran hatte, und doch es gibt kein großes Unglück, das nicht zu irgend etwas gut wäre niemand wird jetzt behaupten, John Darrow habe sich selbst das Leben genommen, wie? Was denken Sie, werden unsere Freunde Osborn und Allen nun sagen? Sic waren so fWr, daß ihre Theorie die allein haltbare sei. Ja, ja, wir sollten immer auf Ueberraschungen gefaßt sein."

Und auf Notfälle auch," fuhr ich fort,und hier scheint mir einer vorzuliegen. _ Das junge Mädchen dort bedarf unser, wenn ich mich irgend auf Symptome verstehe, und ich gehe hinein." Nutzt nichts, Doktor," versetzte Maitland,die Tür ist zu, und fee kann oder will nicht aufmachen. Ich habe eine Stunde lang gepocht m der Hoffnung, ich könnte ihr helfen. Sparen Sie stch bte Mühe; sie macht-doch nicht auf."Macht nicht auf? Gut, so renn ich die Tür ein!" ries ich in einem Tone, daß mich Maitland ganz überrascht an den Schultern faßte und mir ins Gesicht schaute. ,Ganz recht, George," sagte ich in Er­widerung auf seinen erstaunten Blick.Ich gehe hinein und frage nicht lange, wie."

, Tütnit ging ich auf den Flur und klopfte laut an die Tür. Keine Antwort. Dann schlug ich dagegen, daß es das ganze Vaus gehört haben muß, aber alles blieb still int Zimmer. Nun war es klar, daß ich vergeblich auf eine' Einladung zum Eintreten wartete. Ich ging daher vier oder fünf Stufen auf I Der Treppe der Tür gegenüber hinauf und sprang von dort herab mit aller Macht gegen die eigensinnige Tür. Ich bin j letn schwerer Mann, aber die Küaftwirkung hängt von beiden ab, deni GewM und der Schnelligkeit, imb ich ersetzte durch letztere, was an ersterem fehlte. Die Tür riß nach innen aiis I beit Angeln, und beide, ich wie sie, stürzten mitten ins Zimmer. Denke ich daran zurück, so muß ich jedenfalls sagen, es war der überstürzteste Krankenbesuch, den ich in meiner Praxis je giHKmj'i Ijübe. 266nn bie junge Name ettonS von meinem

ungewöhnlichen Eintritt wahrnahm, so war jedensalls, als ich wieder aufstand, nichts mehr davon zn bemerken. Ich sprach zu ihr, aber allem Anschein nach hörte sie mich nicht. Ich hob ihren Kopf. Ihre Augen standen weit offen und stierten iuich groß an, aber mit einem so inhaltsleeren Blicke, daß ich klar erkannte, daß sie nicht Herrin ihrer Sinne war. Die zusammcn- gezogenen Brauen, die gefaltete Stirn, die starren Züge zeugten von einer unerträglichen Anspannung. Auf den Wangeti waren Spuren von längst versiegten Tränen sichtbar, die Fieberhitze hatte sie getrocknet. Ihr Fall erschien mir weit ernster als der von Florence, und ich beschloß, sie unverzüglich in Behandlung zu nehmen. Sie ohne eine Erklärung anzurühren, kam mir aber so sehr tote eine Entweihung vor, daß ich, als ich sie am Arm

,)m' i"gte: »Sie find krank; ich muß Sie von hier fort» bringen, obwohl ich wußte, daß sie mich nicht verstehen konnte.

Ich trug sie in Maitlands Zimmer hinüber und schickte ihn vltnn nach1- einer Medizin, welche die Spannung lösen und ihr zum Schlafen verhelfen sollte. Als ich ihr diese eingeflößt hatte, besprachen Maitland und ich, was weiter zu tun sei, und kamen zii dem Entschluß, sie in mein Haus zu nehmen, wo sie mit Florence die fürsorgliche Pflege meiner Schwester genießen sollte Allerdings Hegte ich einige Zweifel, wie Florence die Sache auf»

nehmen würde, aber Maitland erklärte, als ich dieses Bedenken laut werden ließ:Sei deshalb unbeforgt; Fräulein Darrow Ijnt viel Zu fcfyc tveiblidjicn ©init, um bie ©ünben eiiteSi schuldigen Vaters an einer unschuldigen Tochter heimzusuchen und überdies, auch dieser Mann sein wahrer Name ist, wie es scheint, Latour, nicht Cazenove muß als unschuldig gelten, bis seine Schuld bewiesen ist."

Mein Freund hatte recht, denn als Florence sich so weit erholt hatte, um voll zu verstehen, was ich getan hatte, zeigte! sie nicht nur keine Abneigung gegen die neue Hausgenossin, sondern im Gegenteil das größte Interesse für sie. Das war mir sehr erfreulich, nicht nur um Fräulein Latours willen, sondern weil auch Florence für sich vor allen Dingen etwas brauchte, was sic interessierte. Denn sie war wieder in ihren alten Zu­stand der Passivität versunken, in dem nichts ihr nahe zu gehen schien. Gerade diesen Zustand der Willenlosigkeit und Gleiche gultigkett fürchte ich für meine Kranken am meisten. Was Wunder, daß ich mit Freuden bemerkte, wie sich Florence für die artne Jeanette interessierte? Es dauerte aber lange Zeit, bis Jeanette dieses Interesse mit etwas anderem vergalt, als einem träu­merischen, verlorenen Blick, der nichts Bestimmtes erfassen wollte. Erst nach und nach konnte ich mit Genugtuung wahrnehmen, daß sich in ihren Augen ein schwacher Ausdruck der Verwunderung malte, und als dieser täglich an Stärke zunahm, da wußte ich, daß sie anfing, sich ihrer neuen Umgebung bewußt zu werden und sich zu fragen, ob sie noch träume. Aber die Sprache hatte sie noch nicht wiedergefunden; es war, als fürchte sie sich vor dem Klang ihrer eigenen Stimme und sei entschlossen, das Ge- heimnis, das sie umgab, ohne fremde Hilfe zu entschleiern. Ich ersuchte alle, weder eine Frage an sie zu richten, noch sonst den Versuch zn machen, das Schweigen zn brechen, denn ich wußte, die Zeit würde kommen, wo sie es aus freiem Willen täte. Zufällig richtete sie das erste Wort an mich, und während ich dies niederschreibe, durchrieselt mich noch in der Erinnerung ein wohliger Schauer.

Ich hatte eine Medizin für sie bereitet und hielt den Becher an ihre Lippen, damitFie trinken sollte. Sie faßte mein Hand­gelenk, schob den Becher sanft beiseite und sagte mit nachdenk­lichem Blick auf mich:Haben Sie mich nicht hierher gebracht?" Ja," versetzte ich Sie langte nach dem Becher, trank seinen Inhalt und sank mit einem Ausdruck halber Befriedigung in die Kissen zurück, als habe meine Antwort ein Rätsel gelöst, aber viele andere noch ungelöst gelassen.

Von diesem Tage an ging es mit Jeanette beständig vor­wärts, und nach vierzehn Tagen waren sie und Florence bereits zu einem guten Einvernehmen gelangt. Auch Alice erhielt ihr gut Teil von der Zuneigung der kleinen Französin. Sie hatten sich nicht viel int Vertrauen mitzuteilen, wie sonst wohl Freun- dimien, denn Alice war, wie Maitland zu sagen pflegte, eins von jenen seltenen sanften weiblichen Wesen, die nur wenig reden, aber auf ihre ganze Umgebung sozusagen eine befreiende! Wirkung ausüben, so daß sie die Atmosphäre durch ihre bloße Gegenwart erheitern.

(Fortsetzung folgt.)

hoffmaM.

(Zn seinem 60. Geburtstag.) Von Phil. Hofmann, Grünberg. (Nachdruck verboten.)

Heute, am 27. Juli, begeht einer unserer liebenswür­digsten Dichter sein 60. Wiegenfest, Hans Hoffmann. Er ist kein Modeschriftsteller, sondern pilgert still und zurück­gezogen feilte Pfade. Aber immer mehr wird er bekannt und hoffentlich auch immer mehr gelesen. Er verdient es. Wir können ihn ruhig neben Raabe, Storm und Heyse nennen.

Geboren Ivurde Hoffmann in Stettin, besuchte dort das Gymnasium, studierte in Bonn, Berlin und Halle Philo­logie, wurde 1871 zum ersten Doktor im neuen Deutschen Reich promoviert und trat im folgenden Jahre ein Lehramt in seiner Vaterstadt an. Später unternahm er Reisen nach Italien und Griechenland, wurde Gymnasiallehrer in Stolp, später in Berlin. Schließlich gab er 1879 den Beruf alZ Lehrer auf. Es ging ihm, wie es vielen Dichtern geht. Sie können nicht zwei Herren dienen, können nicht zugleich Pädagoge und Dichter sein. Hoffmann konnte nicht über eine Rangenschar herrschen. Er konnte keine Zucht halten. Es muß eine harte Zeit für ihn gewesen sein:

Es war wirklich ein Dulden. Die Berliner Rangen waren mir zn intelligent. Schon Goethe nannte die Berliner