Ausgabe 
27.7.1908
 
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John Darrows Tod.

Roman von Melvin L. S e v e r y.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

< Bischer bin ich in meinem Bericht völlig aufrichtig gewesen und habe weder bei meinen Freunden, noch bei mir das geringste verhehlt. Um daher diesem Grundsatz bis zum Ende treu zu bleiben, muß ich gewisse Anwandlungen unterdrücken, die mich zum Ver­schweigen veranlassen wollen, und mutz einiges bekennen, das uian mir schwerlich zur Ehre rechnen wird. Aber mag man von mir halten, was man will, der Wahrheit soll hier keine Gewalt angetan werden. Einer der Gründe, warum ich jetzt Maitland so oft aufsnchte und so lange bei ihm blieb, war der, daß ich ihn regelmäßig auf seinem Posten ablösen durste. Mit einer Art Telephonhorcher am rechten Ohr und das Auge auf die Mattscheibe des Apparates richtend, saß ich stundenlang da und erspähte mit Auge und Ohr das Tun und Treiben der beiden sm Nebenzimmer. Eine Reihe von Tagen suchte ich mein Ge­wissen zu beschwichtigen, indem ich mir sagte, ich sei im In­teresse der Gerechtigkeit tätig und kein gemeiner Lauscher. Aber nach kurzer Zeit hörte dieser Selbstbetrug auf, und meine Ehr­lichkeit zwang mich zu dem Bekenntnis, daß ich nichts anderes tat, als andere Leute zu meinem eigenen Vergnügen ausspionieren. Doch diese Selbsterkenntnis bewog mich nun nicht etwa, auf meinen Ablösungsdienst zu verzichten, wie ich es hätte tun sollen. Wie wir schwachen menschlichen Geschöpfe uns in unfern Handlungen mehr durch Wünsche und Gefühle als durch Grundsätze, Er­kenntnis und Urteil leiten lassen, so tat auch ich. Tag für Tag beobachtete ich mit immer wachsender. Gier, bis ich mich nur noch mit Unwillen von Meinen andern Pflichten hinwegrufen ließ und drauf und dran war, diese ganz zu vernachlässigen.

Auch will ich erst gar nicht zu verhehlen suchen, daß nicht sowohl der Mann int Nebenzimmer, als vielmehr die junge Dame mein Interesse gefangen nahm. Als mildernden Umstand für die Beurteilung meiner Schuld kann ich nur die Unwiderstehlichkeit der Versuchung geltend machen. Man denke sich nur! Ein junges Weib von einer für mein Gefühl unbeschreiblichen Schön­heit, mit himmlischen blauen Augen, üppigem Haar, wie aus Gold gesponnen, und einer Stimme, so melodisch wie das Quell­wasser, wenn der Winter von den Bergen steigt, um seinen schlummernden lieblichen Bruder, den Frühling, wachzurufen! Wer hätte an meiner Stelle anders gehandelt? Freilich war ich ein Junggeselle in den besten Jahren, der fast ihr Vater hätte sein können. Aber was tut das? Ist das Herz weniger hungrig, weil es hat darben müssen? Viele Monate sind seitdem ver­gangen, und doch überläuft mich ein süßer Schauer, denke ich an jene Stunden!

Bei diesen Besuchen wechselten Maitland und ich nur sehr wenige leise Warte, und während ich beobachtete, ereignete sich nichts Interessantes, das heißt nichts, was ihn interessierte, und wenn es etwa der Fall war, so bemerkte ich es nicht, weil anderes, was mich interessierte, meine Aufmerksamkeit abzog. Mehrmals

machte er dunkle Andeutungen, er habe Neues in Erfahrung ge^ bracht, das er mir zu seiner Zeit mitteilen würde.

So gingen etwa zwei Wochen hin. Jeden Tag wanderte ich zu Maitland, und jeden Tag wob das schöne Geschöpf da-! neben sein Zaubernetz enger um mich Als ich um diese Zeit eines Abends heimkam, faird ich Alice in großer Aufregung» Sie erwartete mich au der Tür und sagte, Florence bedürfe sofort meiner Fürsorge. Ohne weiter zu fragen, eilte ich ins Wohnzimmer, Uw Florence auf dem Sofa lag. Sie befand sich in einem Zustand der Betäubung, aus dem sie nichts erwecken zu können schien. Umsonst versuchte ich, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Ihre weit geöffneten Augen starrten auf mich, scheinbar ohne mich zu sehen. Ich erkannte, sie hatte eine schwere Nerven­erschütterung erlitten; so reichte ich ihr ein Veruhiguugsmittel und nahm dann Alice beiseite mit der Frage, was geschehen sei. Sie sagte, Florence und sie hätten den ganzen Nachmittag nähend am Fenster gesessen und von Maitland gesprochen. Etwa um fünf Uhr wurde toie gewöhnlich die Abendzeitung hereingebracht. Alice überflog die Nachrichten, als sie unerwartet unterNeuestes" die Ueberschrift las:Lösung des Darrow-Geheimnisses". Dies hatte sic laut gelesen, ohne daran zu denken, in welche Aufregung die plötzliche Mitteilung Florence versetzen könnte, doch verriet die schreckliche Blasse auf dem Gesicht des jungen Mädchens die Gefahr, und sie hielt inne. Ihre Freundin hatte aber inzwischen schon mit krampfhafter Handbewcgung die Zeittmg an sich ge­rissen und in fieberhafter Erregung halblaut gelesen:

SoIm Darrows Ermordung. Eine Spielschuld, die den Mörder nicht bezahlen konnte, der Beweggrund zum Verbrechen. Vorzügliche Leistung eines französischen Detektivs. Das Netz"

Aber hier war das Blatt Florences Händen entglitten, und sie war zu Boden gesunken, ehe Alice sie halten konnte, j

V.

Des Rätsels Lösung.

1. Kapitel.

Erst nach einigen vergeblichen Versuchen war cs Alice ge­lungen, Florence aufs Sofa zu bringen; alle ihre Bemühungen, die Ohnmächtige zu vollem Bewußtsein zurückzurufen, waren aber vergeblich gewesen. Florence verharrte in demselben Zustande, wie ich sie dann fand. Ich fragte Alice, ob sie wisse, warum die Nachricht solchen Eindruck auf Florence gemacht habe, worauf sie mich erstaunt anblickte.

Hast du vergessen," versetzte sie,was Florence ihrem Vater versprochen hat? Hat sie dir nicht schon gesagt, sie würde das Versprechen halten, was für ein Opfer es sie auch kosten sollte? Sie ist also völlig auf Gnade und Ungnade Herrn Godin preis- gegeben und muß ihn, will sie ihres Vaters Willen erfüllen, dies auch wissen lassen. Ist das ein Nichts für eine gefühlvolle Natur wie sie? Wenn sie irgend welche Zuneigung zu einem andern fühlt, muß sie diese aus ihrem Herzen reißen, denn sie gehört jetzt Herrn Godin an."

Wir wollen das auf sich beruhen lassen," versetzte ich,und zunächst sehen, daß wir, Florence zu Bett bringen.".