Ausgabe 
27.5.1908
 
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Soche zu ersparen, taten Sie vielleicht am Bestien, ihm den leidigen Vorfall ganz zu verschweigen."

Aber, mein Gott, ich kann mir doch eine so ungeheure ... Frechheit nicht ruhig gefallen lassen," begehrte Isabella auf.Ich fühle mich ja dann schließlich meines Lebens nicht mehr sicher."

Bartikow wird gewiß nicht wagen, Sie noch einmal zu belästigen," entgegnete Heinz.Ueberdies werde ich sehen, ob sich nicht Mittel finden lassen, ihn endlich zur Abreise aus unserm Ort zu bewegen. Immerhin müßten Sic, so lauge er noch hier ist, vorsichtig sein, sich nicht ohne Begleitung in die entlegenen Teile des Parkes zu begeben."

In Isabella trieb der Zorn so hohe Wellen, daß sic einen Augenblick ihre Rolle vergaß.

Ein anderer Mann würde solchen Buben einfach fordern und Wer den Hausen schießen," stieß sic heftig hervor,wenn . . . wenn . . . ." doch sie besann sich noch rechtzeitig genug, um den Nachsatz zu unterdrücken.

Zu solchem Schritte würde ich allerdings nie meine Zu- flucht nehmen," gab Heinz zurück, als handelte es sich hier nur unr die Behandlung einer unversönlichen, ganz allgemeinen Frage.

Werner aber, der aus den Worten seiner Schwester einen versteckten Borwurf gegen sich herausgehört hatte, gleich als mangele ihni brüderlich-ritterliche Gesinnung, erwiderte:

Aber das ist doch Unsinn. Isabella. Für einen honorigen Menschen güt Bartikow überhaupt nicht als satisfaktionsfähig Gegen so einen könnte man doch höchstens mit der Reitpeitsche losziehen."

Er sagte das so scharf pointiert, daß Isabella lachen mußte. Sie sah denn auch rasch ein, daß ihre Idee töricht gewesen, und das leise Gefühl unwilliger Geringschätzung, das sre gegen Heinz empfunden hatte, war im Augenblick mitsamt der zornigen Aufwallung in alle Winde verflogen. ,Wenn ich rhm doch jetzt mit einem zärtlichen Händedruck oder einein Küß meine Heftigkeit abbitten könnte', dachte sie; und wieder erschien ihr die Rolle, die sie spielen mußte, als abscheuliche Schranke.

Im Vestibül, einem spilzbvgig gewölbten, reflektoriumartigen Raum, dessen Säulen und Wände mit braunen, weißspitzigen Geweihen übersät waren, fragte Werner:

Werden wir denn noch nach Forsthaus Lagowsee fahren, pde« schicken wir einen Boten, um absagen zu lassen?"

Herrgott," fuhr Isabella auf,das hab ich ja ganz ver- tzesten. Natürlich müssen wir fahren. Papa würde ja wunder deirken, was uns passiert ist. Es ist ja auch übrigens die höchste Zeit, daß ich Toilette mache," schloß sie mit einem Blick auf die große Standuhr, deren altdeutsches Gehäuse eine Pfester- nische schmückte.

: ; Heinz machte seine Abschicdsverbeugüng.

»Wollen Sie sich uns nicht anschließen; Papa würde sich getvlß sehr freuen," fragte Isabella aus einem Gefühl tiefer Be­schämung darüber, daß sie sich denk Gedan.keii cm die Souper- Veranstaltung gleich wieder mit so großem Eifer hingegeben.'

Mein Schwarzkittel würde schlecht zu all den Rotrocken passen," entgegnete Heinz mit gezwungenen? Lächeln.

Aber ich trag ja auch Schwarz," suchte Werner zu ver­mitteln.

Nein, wirklich ich muß danken," lehnte Heinz ab.Und nun kommen Sie, daß wenigstens noch etwas von unserer Arbeit wird."

Werde ich Sie nachher noch , sehen?" fing Isabella, wäh­rend sie Hernz die .Hand reichte, noch einmal an.

; , Ter zuckte die Achseln.

- !Ich muß gleich nach der Stuirde ins Torf zurück."

Werner, der Rücksichtsvolle, war die drei Stufen zum Kor­ridor bereits cmporgesprungeii und sah sich nicht mehr um.

Bitte," hauchte Isabella, Vollraths Hand mit innigem Druck fester fassend:

Ich kann wirklich nichts versprechen!" kam die bestimmte Antwort.

* Mit zorniger Bewegung wandte sich Isabella der Treppe zu, m 3^x'en' H1* .ersten Stockwerk gelegenen Zimmern führte.

>,ocun, dann nicht", dachte sie trotzig, wurde aber bald genug anderen Sinnes und trieb ihre Zofe so zur Eile an, daß die Toilette nach 55 Minuten vollendet war.

Als Heinz und Werner nach beendigter Stunde wieder auf den ÄvrAdor traten, stieg Isabella schon die Treppe hinab. Sie fatz berückend schön, aus in dem enganliegenden hellroten Kostüm, Zdnga, rmmer drei Stufen hinter ihr, trug ihr einen Schulter- kragen aus Hermeliir nach.

»Teufel auch," scherzte Werner, als er ihrer ansichtig wurde, ^.das ging ja heute mit einer Fixigkeit von Null Komma Fünf. Da

muß ich ja Mächen, daß ich Ank tm'o Mantel kriege " Und eilends verschwand er. CIIUIU9

Eben fuhr draußen der Landauer vor. Der Diener in hell- gwmer L-vroe sprang vom Bock und stellte sich neben den Schlag. -Vie Schimmel ^abellas Lieblingspferde knirschten schäu- niede/" biC unb bie Köpfe ungeduldig aus un5

uns.

Werner kam: man trat auf die Rampe.

, "Sollen wir Sie erst nach Hause fahren?" wandte sich Isa­bella noch einmal an Heinz.Der Umweg ist nicht groß für

,"Trag' den Umhang in den Wagen," befahl Isabella, die noch an ihren Handschuhen knöpfte, dem Negerboy. Daun blickte sie Heenz mit strahlendem Lächeln an.So sehen wir uns also doch noch, sagte sie triumphierend.

. Heinz stand und schwieg, von einer Sturmflut widerstreiten­der Empfindung durchbraust.

Isabella trat dicht an ihn heran.

, hauchte sie,sei nicht so kalt zu mir. Ich ertrag das

Nicht. Spruch ein einziges lieb.s Wort."

Heinz schüttelte den Kopf.

Ich darf es nicht."

Tanke, danke!" lehnte Heinz ab.

Tie Geschwister stiegen ein. Der Diener schloß den Schlag und sprang auf den Bock. Tie Pferde zogen an. Heinz, die Gruße der Tavvnfahrenden erlvidernd, blickte dem Wagen nach, ms er hinter der hohen Tannenhecke, die den Vorgarten gegen die Straße abschloß, verschwunden war.

,Hör mal," sagte Werner, sich im Fonds der Kalesche weit z-ii seiner Schwester hinübcrbeugend damit Kutscher oder Diener scmc Worte nicht etwa verständendu hast doch Vollrath Nicht etwa einen Körb gegeben?"

Bist wohl nicht recht gescheit!" lachte Isabella.

Na, es kommt mir ganz so vor," entgegnete Werner.Weißt du, wenn ich an deiner Stelle wär, ich tauschte mit Freuden nieine öde Luxusweibchenexistenz gegen ein Leben an der Seite dieses herrlichen Menschen ein, dem ähnlich zu werden, mein höchstes Ziel und Streben ist."

Spruchs und zündete sich eine Zigarette an, von der das Hundert zwanzig Mark kostete. Denn, meint er auch bestrebt war, seinem verehrten Lehrer in allen großen Idealen nach­zueifern die Bedürfnislosigkeit in kleinen Dingen blieb vor­läufig für ihn noch unerreichbar.

Heinz schritt in trüben Gedanken. Er bereute es jetzt, daß er mit Isabella eine Prüfungszeit beschlossen hatte, anstatt mit raschem, hartem Entschluß ein Ende zu machen.

Wohin gtng sein Weg? Welchen neuen Wirrnissen trieb er entgegen? Isabella würde die gestellte Bedingung, ihm ohne Herzlichkeit und Vertrautheit zu begegnen, nicht erfüllen. Sie würde ihn unter dem Einfluß ihres impulsiven Temperaments mit zärt­lichen und sehnsnchsvollen Blicken und Worten locken, so oft sie ihn nur sah, frei und offen, wenn sie allein waren, heimlich und verstohlen und darum vielleicht mit um so betörenderem Reiz, wenn sie sich unter Zeugen befanden. Die Versuchung würde auf ihn einstürmen, und er durste ihr doch nicht erliegen. Eine Zeit unerträglicher Kämpfe würde für ihn anbrechen. würde dahinleben wie einer, der in blühender FrWinasocw'ck des Todes gewiß ist.......

Als Heinz an die Gitterpforte kam, die vom Park in den Wald führte, irrten seine Gedanken zu Wilhelm Bartikow ab. Er fühlte jetzt keinen Zorn nrehr gegen ihn, keine Empörung, sondern einzig Mitleid. Gewiß wie Martha gesagt hatte nur Wilhelms unbesiegbare Liebe zu Isabella war schuld au. der Zerrissenheit seiner Seele, an der Zügellosigkeit seiner Wnuö". Heinz dachte mit Beschämung daran, daß er die Hand gegen ocn sinnlos Verliebten erhoben hatte.Wer sich frei von Sünde fühlt, der nehme den ersten Stein auf", hatte der Heiland gesagt.

Heinz klinkte eben die Pforte hinter sich ein, als ein Ge­räusch, wie von: Heranspringen eines Wildes aus dem Gebüsch an seiner Seite, ihn zusammenschrecken ließ. Doch ehe er noch den Kopf drehen konnte, die Ursache des Geräusches zu erspähen, fühlte er einen Stoß, der ihn taumeln machte, und gleichzeitig einen Schmerz in der linken Schulter, wie wenn ihm da eine glühende Nadel ins Fleisch eingedrungen wäre.

Es kostete ihn Mühe, sich umzuwenden; der Schmerz in her Schulter, der sich «über die ganze linke Körperseite auszu­dehnen schien, lähmte ihn gleichsam.

(Fortsetzung folgt//