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Rheinische VMM.
Bon Augrist Ammann.
' Jümlbeitrag der „Gieß. Fam.-Blätter".) (Nachdruck verboten.)
Alics, uag die Natur hervorbringt, Pflanzen und Gestein, Tiere und Menschen, vergeht und entsteht beständig neu in unaufhörlichem Streben und Werden, und doch ragt auch die Vergangenheit aus unendlich vielen Spuren in das frische Leben hinein und erzählt uns gar mancherlei von alten und ältesten 'Zeiten. Die verschiedenen Erdschichten, die Steinkohle führen uns vielleicht Millionen von Jahren zurück, vor vielen Jahrtausenden sind die Berge und Flüsse entstanden, riesige, seltsam gestaltete Tierknochen lassen uns ahnen, welche Geschöpfe einst den Erd- doden bewohnten, uralte, Stein- und Bronzegerätschaften geben uns Kunde von dem vorgeschichtlichen Dasein menschlicher Wesen. Ringwälle und Grabhügel verraten ihre Tätigkeit, Denkmäler darstellende Felsblöcke und Opfersteine melden uns von Kültur und Religion. Solche finden sich noch in Menge im nördlichen Frankreich, Dolmen und Menhir dort genannt, auf die vorkeltische Urbewohner hinweisend. Auch in Deutschland hat man derartige Funde an verschiedenen Orten gemacht. Wenig geschichtlich Sicheres knüpft sich für uns an diese Dinge, nur das Tatsächliche, das die Wissenschaft zu ergründen gesucht hat und noch sucht, die Bilder und Vorstellungen aber, die sie in unserer Phantasie entstehen lassen, sind verworren und unbestimmt. Ebenso dunkel und rätselhaft ragen auf Sardinien und den Balearischen Inseln dreißig bis vierzig Fuß hohe, in der Mitte abgebrochenen Kegeln gleichende Türme hervor und reden zu uns in unverständlicher Sprache von uralter Zeit: es sind die Nurhags, über deren ursprüngliche Bestimmung wir nur Vermutungen hegen können. Auf Malta und Goggo finden sich Reste mächtiger, uralter Bauten: das Volk nennt sie torri (Türme) und sagt, die gewaltigen Steimnassen seien nicht von Rieien aufgetürmt worden.
Auf die Eiszeit weisen uns die erratischen Blöcke zurück, verwittert, von Furchen und Ringen durchzogen, von Flechten und Moosen bedeckt, ragen sie aus der Heide empor; wahrscheinlich sind sie von gewaltigen Wassermassen dorthin getragen worden. Die Muschelhügel Dänemarks, Kjökkenmöddinger genannt, erzählen uns von einer die Küsten bewohnenden und von den Tieren des Meeres lebenden Urbevölkerung. Eine höhere Kultur verraten die im Anfang der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in einem ungewöhnlich trockenen Sommer in Schweizer Seen entdeckten Pfahlbauten.
Beredter sind schon die egyptischen Pyramiden mit ihren Hieroglyphen und die asiatischen Milinschriften, die viele Ueber- lieferungen der Bibel bestätigt haben. Sie führen uns in die Historische Zeit.
Zahlreich find die von den Röniern in Germanien angelegten Befestigungeil und Kastelle; viele Spuren und Reste von ihnen sind uns noch erhalten, wie die Heidenmauer in Wiesbaden und die Saalburg bei Homburg vor der Höhe. Der gewaltige Grenz- nnd Schutzwall, der Limes, der sich voll der Donau bei Regensburg bis nach Rheinbrohl an den Rhein hinzog, berichtet uns in seinen Trümmern von den Kämpfen der Römer mit den Germanen. Die zwischen Bingen und Bingerbrück über die Nahe führende sogenannte Drususbrücke ruht auf römischen Fundamenten, die vielleicht noch vor Beginn der christlichen Zeitrechnung gelegt wurden.
Und wieder gehen wir einen großen Schritt vorwärts und schauen auf die Burgen, deren gewaltige Mauern die Höhen der rheinischen Ufer sowie die vielen Nebenflüsse des Rheines schmücken, sic gehören noch junger Vergangenheit an, ihre Entstehung reicht nicht viel über achthundert Jahre zurück. Wir können die Geschichte der meisten von ihnen bis zur Zeit ihres Ursprungs verfolgen, aber auch unter diesen geben nicht wenige nur mangelhafte oder gar keine Kunde von dem, was sie gesehen und erlebt haben, und mancher altersgraue Bau steht vor uns wie ein dunkles Rätsel, so der Kalsmunt bei Wetzlar mit seinem gewaltigen Wartturm.
Die Burgen, die stolzen, uns so traulich anheimelnden Denkmäler des Mittelalters, die einen wesentlichen Teil des landschaftlichen Charakters des Rheins ausmachen, in dessen Fluten sic sich spiegeln, sind in der Zeit vom elften bis zum vierzehnten Jahrhundert entstanden. Fast alle haben durch Verwahrlosung und allmählichen Verfall' oder durch gewaltsame, oft mehrmalige Zerstörung gelitten; die Marksburg bei Braubach allein ist von dieser verschont geblieben. i Ganz neu ausgebaut und hergerichtet wurde Stolzenfels bei Kapellen. Nicht wenige sind von Privatleuten erworben und in wesentlichen Stand gesetzt worden, so Gutenfels bei Kaub und die Katz bei St. Goarshausen. Einige Burgen sind gänzlich verschwunden, wie im Wispertale. Auf der unterhalb der Marksburg bei Braubach sich erhebenden Höhe stand einst die Burg Rheinberg, keine Spur ist mehr von ihr vorhanden, wohl mögen sich aber unter 'der Bodenfläche, auf der jetzt die fröhliche Rebe gedeiht, noch Reste von ihr befinden. Tas am Fuße ^des Berges stehende Wirtshaus hat auf seinem Schilde den Namen der Burg bewahrt.
Tas Wort Burg, das nickt mit „Berg" zusammenhängt, sondern von „bergen" herzuleitcn ist, also einen geschützten Ort bedeutet, wie auch die Grundbedeutung von „Garten" Ein
friedigung ist?) wurde in der alten Zeit in weiterem Sinne gebraucht als jetzt; mail bezeichnete bannt jeden befestigten Ort. Deutliche Spuren hiervon haben wir lwch in den Wörtern „Bürg«" und „Bürgermeister,"") in den Ortsnamen Burg und vielen mit Burg zusammengesetzten Städtenamen, wie Augsburg, Magdeburg. Statt Burg sagte man auch Stein, woraus 'sich wiederunr llnsere zahlreichen mit Stein zusammengesetzten Ortsnamen erklären lassen, wie Idstein, Eppstein, die gewöhnlich nach ihrem Erbauer oder ersten Ansiedler benamt wurden; daher rühren auch die auf Stein endigenden Namen so vieler Adelsgeschlechter, Ivie Wolkenstein, Ottenstein, Wittgenstein iif.ro.
Tie Burgen, des Mittelalters sind nicht etwa Nachahmungen römischer Befestigungsart, sondern selbständigem Plane entsprungen. Anfänglich waren sie aus Holz gebaut. Erst seit dem zwölften Jahrhundert, wo die Hauptzeit des Burgbaues beginnt, wandte man sorgfältig behauene Steine in horizontaler Lage an; im dreizehnten Jahrhundert finden wir Quarderbau und Anwendung von Buckelsteinen. Die kolossale Breite der Mauern erregt noch heute unser Staunen, wie auf der Fusten- burg bei Stromberg, dem an der Bingerbrück—Simmerer Bahn so romantisch gelegenen Städtchen.
Die Anlagen der Burgen, die als Schutzwehr gegen Feinde dienten, oder Zollstätten waren, sowie ihre ganze innere Einrichtung waren wohl überlegt. Mächtige Umfassungsmauern, Gräben, Zugbrücken und andere Verteidigungsmittel umschlossen den Palas, das Hauptgebäude, und der Turm, Bergfried genannt, der einen Zugang in der Mstte hatte und drei-, Vieroder vieleckig war. Bekannt sind die schrecklichen Burgverließe, in denen unglückliche Gefangene in qualvollem Dasein schmachteten; die aus Rheinfels bei St. Goar sind noch in ihrer ganzen Schauerlichkeit erhalten. Mit dem Palas* 2 3) in Verbindung standen viele kleine Kammern, Kemenatengenannt, die Wohnstätten der Burgherrn und ihrer Angehörigen. Sie waren oft mit großem Luxus ausgeschmückt, mit Teppichen versehen und mit Blumen, besonders Rosen, geziert, aber fast alle überaus eng und klein. Wie anders sind heute unsere Ansprüche: Der Saal, der große Raum des Hauptgebäudes, wurde durch Kamine erwärmt, die den Kemenaten meistens fehlten. Wie anders ist es heute mit unseren vervollkommneten Heizvorrichtungen, Luftheizung in den Gasthöfen und vornehmen Privathäusern durch alle Räume! Wie eisig mußte damals bei rauhem Wetter oder gar zur Winterszeit der Sturm durch die Burgen fahren. Und doch hören wir aus jener Zeit weniger von Erkältungen und Rheumatismus als heutzutage. Durch die Dicke der Mauern entstanden da, wo Fenster angebracht waren, zahlreiche Nischen, die man mit Sitzen versah, lauschige Plätzchen für trauliches Geplauder. Kemenate hieß noch ganz besonders der vom Palas getrennte, in mehrere Teile zerfallende Wohnraum für die Schloßsrauen und ihre Dienerinnen. Im Hofe, neben der Küche, stand der Brunnen, über den gewöhnlich eine Linde ihr schönes Blätterdach ausbreitete.
In größeren Burgen finden wir auch Kapellen.
lieber dem obersten Stock des Bergfrieds befand sich in der Regel der Sitz des Wächters, der sein aufmerksames Äuge in die Ferne schweifen ließ, um die Annäherung willkommener Gäste froh zu verkünden, oder den Warnruf ertönen zu lassen, wenn sich verdächtiges Gesindel oder gefahrdrohende Kriegerscharen zeigten. Begehrte ein Fremder Einlaß und es war kein Wächter da, so ließ er entweder sein Jagdhorn erschallen, oder er zog den Türklopfer an, oder er schlug auf die Schalltasel, die namentlich in den Klöstern in Gebrauch war; sie bestand aus Holz, seltener aus Metall und hing in Ketten au der Pforte, daneben befand sich ost ein Hammer. Und wie freudig begrüßte man den Freund oder den wohlgesinnten Wanderer, die kamen, um die Stille des Burg- lcbens zu unterbrechen und zu erzählen, wie es draußen in der Welt zuging! Das waren Freudentage für die Burgbewohner und festlich wurden sie gefeiert.
Aehnliche Anlagen wie die Burgen zeigten die Stadt- und Dorfbefestigungen, Schießscharten, Mauertürme, Tore zur Verteidigung mit mancherlei Vorrichtungen, wie Pechnasen usw. Schutz vor seindlichen Ueberfällen war zu jenen wilden Zeiten eine Hauptaufgabe jeder menschlichen Niederlassung.
Wohl die schönste Fahrt, die man machen kann, um ein Bild von unseren Burgen in sich aufzunehmen, ist die von Rüdesheirn ober Bingen bis Koblenz. Burg reiht sich an Burg, bald auf der linken, bald auf der rechten Seite des Stromes, immer in anderer Lage und Gestalt, und während wir uns der herrlichen Landschaft erfreuen, erzählen sie uns beständig von alter deutscher Geschichte und versehen uns in eine traumhafte Stimmung. Tie stolzeste Lage der Burgen jener Strecke hat die Marksburg bei Braubach; von weither sichtbar erhebt sie sich 150 Meter über dem Rhein gewaltig auf einem .einzelstehenden Berge. Sic hat nach ihrer nun vollendeten
3) -/opTo-, hortus.
2) Früher Bürge- oder BWge-(Genetiv)meister und in noch älterer Zeit Burcmeister.
3) Das spätere Palast.
4) Vom mittellateinischen Caminata, eigentlich heizbares Zimmer.


