Ausgabe 
27.5.1908
 
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Wirket, so lange es Tag ist.

Roman von Maximilian Böttcher.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Leise hatte er gesprochen. Er wußte, welchen Einfluß die äußeren Lcbensverhältnisse auf den Menschen ausüben, und war sich dessen sicher, daß Isabella lange, bevor ein Jahr ins Land ging, ihre Liebe jtt ihm als flüchtige Torheit erkannt haben würde. So sollte sein Vorschlag nur dazu dienen, ihr das Leid einer jähen Trennung zu ersparen, ihr ein langsames Verschmerzen und Vergessen ihrer Sehnsucht möglich zu machen. Und doch glomm auch in seinem Herzen noch die Hoffnung.

Isabellas Brauen hatten sich zusammengezogen, ihre kleinen, scharfen Zähne sich in die Unterlippe gegraben.

Wenn du kein Vertrauen zu mir hast" stieß sie in unwilligem Trotz hervor;- sie wollte fortfahren:Dann hat. ja auch die Wartezeit keinen Zweck, dann ist es schon am besten, wir machen gleich ein Ende." Aber sie bezwang die schroffe Entgegnung und sagte nur:Doch vielleicht mußt du dich selbst noch prüfen ..."

Heinz starrte zu Boden.

Mach mirs doch nicht io schwer," bat er.

Sie nickte ein paarmal vor sich hin und ließ das Haupt dann auf die Brust herab sinken.

Gut," entgegnete sie,ich will denn auch so zufrieden sein. Aber ein Jahr ist so furchtbar lang . . . -"

Nur, wenn man es vor sich sieht. Wenn man es hinter sich hat, erkennt man bald, daß es nicht viel mehr tu ar, als eilt gut gemessener Augenblick."

Dir scheint das Warten nicht sauer zu werden," schmollte Isabella.Oder doch?" Sie maß ihn mit einem prüfenden Blick.Ja . . ." lächelte sie wehmütig,mein armer Heinz sieht auch ganz blaß und elend aus. Fürchtet er, seine Braut könnte ihm untren werden?" In ihren Augen blitzte cs plötzlich wie Triumph auf.Das wäre gut .... o, das wäre sehr gut. So wird die Angst seine Liebe nicht einschlafen lassen." Im Nu wurde ihr Blick wieder zärtlich, hingebungsvoll.Komm," lockte sie,komm, Liebster, Mse mich noch einmal .... es ist so lange, bis wir nns wieder küssen dürfen . . . ."

Dreizehntes Kapitel.

Werner hatte mit der Uhr in der Hand den beiden eine Viertelstunde Zeit zur Aussprache gelassen. Als er dann wieder den Pavillon betrat, erstarb das schmunzelnde Lächeln, hinter dem er bei der bereits zurechtgelegten Gratulationsansprache seine Rührung zu verbergen gedacht, auf seinen Lippen, und mit dem Ausdruck grenzenloser Ueberraschung flog sein Blick zwischen Heinz und Isabella hin und her, deren blasse, schmerzbewegte Gesichter seinen jungen, phantasiebegabten Geist eher auf die Wirrnisse eistes tragischen Konfliktes, denn auf eine glückliche Verlobung schließen ließen.

Isabella sah wohl, was in dem guten Jungen vorging, und

gedachte mit einem Scherzwort über die Peinlichkeit der Situatiost hinweg zu kommen.

Tu hast dein Wasser wohl an der Quelle des Fichtenhöher Bnchenberges geschöpft?" fragte sie.

Werner war noch immer so bestürzt, um eine plausible Aus­rede Vorbringen zu können; so präsentierte er seiner Schwester das Glas wortlos und mit der Ungeschicklichkeit eines eben erst ist die Lehre gekommenen Piccolo.

Auch Heinz Vollrath hatte sich inzwischen gefaßt.

Wenn wir unsere Horazlektüre nicht bald wieder aufnetzmen, werden wir heute nicht mehr allzuweit vorwärts kommen," wandte er sich an Werner.

Ach Gott," stieß der hervor und fuhr sich mit nervöser Bewegung durch das Haar,eigentlich,steht mir der Kopf nach dem Vorgefallenen wenig nach der Zergliederung lateinischer Verse. Aber natürlich," verbesserte er sich rasch,wenn S ie noch Lust haben . . . ."

Gewiß hab ich Lust. Sie kennest doch den Spruch, dest schon die Sextaner lernen: semper aequo animo."

Isabella erhob sich; ein Frösteln überrieselte sie.

Mir ist kalt," sagte sie,ich möchte ins Haus."

Heinz eilte, ihr das weißseidene, schwanenpelzverbrämte Cape, das draußen auf einem der Korbstühle lag, über die Schultern zu hängen, und schweigend machte man sich danach auf den Wdgb

Was soll denn nun eigentlich mit dem Buben, dem Barti- kow, werden?" fragte Werner, nachdem man ein paar Dutzend Schritte gegangen war.

Isabella zuckte die Achseln. Sie hätte gern Heinz, der dicht an ihrer Seite ging und auf den sie böse war, weil er ihr nicht den Arm bot, mit einem Blick um seine Meinung gefragt; aber sie fand nicht den Mut. Sie fürchtete, aus ihren Augen möchte Sehnsucht sprechen; und sie mußte ihm doch zeigen, daß sie imstande war, sich in die ihr zudiktierte Rolle zu schicken.Oh ja, ja," schoß es wieder! in heißem Trotz in ihr auf,sie würde es ihm schon zeigen. Ganz gleichgültig und kalt würde: sie sich gegen ihn stellen, ihn martern und quälen durch diese Kalte und Gleichgültigkeit, die er durch feine Bedingung leichtfertig hcraufbeschworcn hat. Welche Torheit, dieses Probejahr! . . . . So ewig lange währte das Leben doch wahrhaftig nicht, daß man eilt Jahr davon wegschenken durfte, ein Jahr, in dem man so glücklich sein konnte, so unendlich glücklich. Ein Jahr .... du lieber Gott! Wer wußte denn überhaupt, ob er nach so langer Zeit noch die Sonne sehen würde? O, sie würde schon Mittel und Wege finden, die Wartezeit abzukürzcn; sic würde schon. . . ." * |l|

Heinz schritt mit leicht geneigtem Kopf dahin, wie es seine Gewohnheit war, wenn er über etwas nachdachte.

Ich glaube," erwiderte er endlich auf Werners Frage,Sie dürfen nicht so streng mit Bartikow ins Gericht gehen. Er ist ja doch wohl kein bösartiger Schurke, sondern nur ein unglück­licher, blinder Tor, der von den Ideen und Hoffnungen, in die er sich einmal verrannt hat, nicht loskommcn kann. Ein Zur- Rechcnschaft-Ziehen scheint mir nach Sage der Sache ohnehin aus­sichtslos, und dann um Ihrem Herrn Vater Unruhe und