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Ulitflen, so schwarzes, bläulich glänzendes Gelock und fo schlanke, ridechsenhaft biegsame Gestalten zeitigte Wohl nimmer der mär­kische Sand.

Der Zauber, der Heinz- Vollraths Sinne und Herz betörte, wuchs und wuchs. Und es war wie eine seltsam beklemmende, unerklärliche und rätselhafte Ahnung in seiner Brust, die ihm zurauute: In diesen weißen, feinen Händen lausen die Fäden deines Schicksals zusammen.

Gewaltsam riß er sich aus seiner Verstrickung und suchte, wieder zum Fenster hinausschauend, die mancherlei Veränderungen festzustellen, welche der eiserne Schiencnstrang in den fünf Jahren seiner Abwesenheit in die Gegend getragen. Kannte er doch in einem Uurkreis von drei Meilen nm Fichtenwalde herum jedes Dorf und jedes Wäldchen, jeden Bach und jeden See; denn nie hatte er sich in seinen Ferien ein lieberes Vergnügen gewußt, als mit Ranzel und Stock bewaffnet, seine stille, verträumte Heimat, die viele öde nannten, und die er doch über die Maßen liebte, auf tagelangen Wanderungen nach allen Seiten hin zu durchstreifen.

m Liebe Erinnerungen früher Jügendtage schwebten auf leisen Flügeln herbei und lächelten ihn an. . . seiner Mutter ver­runzeltes Sorgengesicht tauchte auf... er sah, wie sie mit den von der Gicht gekrümmten Beinen ihr einfaches Stübchen und ihren bunten Kramladen durchtrippelte, vor ungeduldiger Sehn­sucht am liebsten den Zeiger an der Uhr vorgedreht hätte; und in sein noch von südlicher Sonne gebräuntes, männlich­offenes, durchgeistigtes Antlitz trat ein Widerschein beglückter Ver­träumtheit.

Tie Fremde in ihrer Ecke hob ein wenig die Lider und schickte unter den seidigen Wimpern hervor einen flüchtigen Blick zu zu ihrem Eoupsgenossen hinüber. Aber es mußte wohl etwas an ihm sein, das sie stark und lebhaft fesselte; denn ihre dunklen Augen kehrten immer von neuem zu ihm zurück bis auch er wieder zu ihr hinsah, unb ihre Blicke sich für die Dauer einer Sekunde trafen.

Da nahm ihr Gesicht sogleich den Ausdruck eisiger Unnah­barkeit an, und sie sagte in beinahe herrischem Ton, mit einer tiefen, wohllautenden Stimme:

Möchten Sie, bitte, das Fenster schließen. Sic haben drüben eie Windseite."

Weiter nahm sie keine Notiz mehr von Heinz. Und auch er - von einer merkwürdigen Schüchternheit, die ihm selbst albern vorkam, befallen fand fürder nicht mehr den Mut, sie an­zublicken. Au jeder der vielen kleinen Stationen aber, an denen der Zug Halt machte, um Passagiere abzusetzen und den Schaffnern ausgiebige Gelegenheit zu geben, sich in den Bahnhofswirtschaften

t bi'.rfttaen Zungen zu kühlen, stieg es wie Furcht in ihm auf:Wenn sie doch nur noch nicht aussteigen möchte". Mit einem so wunderbar betörenden Gefühl durchströmte ihn allein das Empfinden ihrer Nähe.

Und er hatte Glück.

Mit den feinen, weißen, von Brillanten und Smaragden glitzernden Händen nestelte die Dame ihren Hut erst daun in das schwarze Haar, als der Zug den hochragenden, sonnengold- durchfluteten Fichtenwälder Kiesernforst durchbummelte, in dein Heinz nicht nur jeden Weg und Stein, nein fast jeden Stamm und leben der dunklen Wnchholderbüsche kannte, die wie Gnomen und Zwerge unter den hohen Bäumen standen.

Wie ein Freudenschreck durchzuckte ihn der Gedanke:Sie hat das gleiche Reiseziel Ivie du; du wirst erfahren, wer sie ist, und vielleicht auch Gelegenheit siudeii, sie näher kennen zu lernen", ülber gleich darauf biß er die Lippen zusammen; denn sein Ge- wlisen mahnte:Denke daran, was du dir vorgenommen. Du gehörst der Gemeinde, in deren Dienst du treten wirst. Sie ö«it ist hart; von allen Seiten stürmen die Feinde an gegen r denn -jemals verlangt dein Berns jetzt

nach Mannern, die ihre volle Persönlichkeit einzusetzen bereit sind, r,te Herz nicht zwischen egoistischen Wünschen und dem Pflichten rhres Amtes teilen, die ihr Glück nur in der Ausbreitung und Festigung des Christenglaubens suchen und finden."

. . «itf, hob seine Koffer aus dem Netz aus die Sitzbank nieder und blickte, da der Zug sein Tempo bereits merklich zri verlangsamen begann, zum Fenster hinaus, um nach irgend einem altvcrtrauten Fichtenwälder Gesicht Ausschau zu halten. .Daß Crf JV'Li)CTit Bauhof sein würde, ihn abzuholen, hielt - , ausgeschlossen, obwohl er ihr die Zeit seiner Ankimst vor- rSi '? ""geteilt hatte So weit er die gute Alte kannte, brachte ~,.~l nimmer über sich, ihren Kramladen für eine Stunde im Stich zu lassen; - selbst damals, als il)r Mann gestorben war, dem sie wahrlich nut einem Uebermaß treuer Hingebung ange» "nngen, batte ne das Geschäft nur gerade so lange geschlossen

gehalten, wie nötig gewesen war, den Gesayrien ihres Lebens zur letzten Ruhestätte zu geleiten. Immer lag in ihrem Herzen die Sorge um den Erwerb im Streit mit der Liebe zu ihren Nächsten; doch immer trug die Sorge um den Erwerb den Sieg davon.

Aber was war das? Heinz wagte seinen Mgcn nicht zu trauen, c en es gebeugte Mütterchen dort mit dem schwarzen Chenillekopftuch, dem altmodischen Jackett und dem großen Regen­schirm . . . das war sie ja, war sie wahrhaftig. Also schienen noch Zeichen unb Wunder zu geschehen.

Und ehe der harte Griff der Bremser den Rädern sein knir­schendes Halt aufgezwungen, war Heinz schon draußen auf dem kiesbestreuten Bahnsteig seines Heimatdorfes, um seiner Mutte« durchfurchtes Antlitz, das von Tränen des Gliickes überströmte, an seiner breiten Brust zu begraben.

Darnach stieg er noch einmal ins Coups hinauf, um seine Koffer zu holen. An der schmalen Tür mußte er zunächst die Fremde passieren lassen, die jetzt mit einer eleganten Notenmappe am Arm, hochrrhodenen Hauptes an ihm vorbeiging, wieder den unverkennbaren Ausdruck hochmütiger Unnahbarkeit in den blassen Zügen.

Als Heinz mit seinem Gepäck dann wieder neben feiner Mutter stand, sah er. daß die Dame, in gemessener Entfernung von einem livrierten Diener gefolgt, auf einen mit vier Schimmeln be­spannten hohen Kutschicrwageu zuschritt, den unruhig scharren­den Pferden Zucker in die Mäuler schob, um sich darnach mit der spielenden Gewandtheit einer Amazone auf dm Bock zu schwingen.

Wahrend sie dem Kutscher die Leine aus der Hand nahm, wandte sie, wie suchend, das Antlitz noch einmal zur Seile, und wieder traf sich ihr Mick mit dem Heinz Bollraths, dessen helles Auge nun mit offener, unverhehlter Bewunderung an ihrer stolzen Schönheit hing. Mit einer unwilligen, fast zornigen Bewegung warf sie da den Köpf in den Nacken, schwippte mit der Peitsche über den weißen, Mnzenden Viererzug hin und bog in scharfem Trabe in die Caussee ein, welche die Bahnstrecke hart an der Station Fichtenwalde schneidet. Die Silberplattierung des Wagens und der Geschirre blitzte im Sonnenschein, und die rosselenkende Amozone selbst, von ihrem goldgelben Seidenmantel umflossen, sah aus, wie eine lichtgestaltete Fee aus dem Märchen, oder mehr rwch wie eine Sonnengöttin aus der Mythe.

Biel rascher, als es Heinz lieb war, hatte der dunkle Wald das glänzende, betörende Bild verschluckt.

Die Tochter vom neuen Fichtenhöher Schloßherrn," sagte Frau Vollrath, die wohl ahnen mochte, was ihres Sohnes Ge­danken bewegte.

So?"' fragte Heinz, wie aus einem Traume erwachend; Ist Graf Schierstein tot? Schon lange?"

Tot überhaupt nicht, aber unter Kvrussel gestellt. (Sie meinte natürlich Kuratel.) Nun treibt sich der Lüderjahn unstät in aller Weltritm."

Unb wer ist der neue Herr?"

l/kii Jude aus Berlin Friedheim heißt er, der alles sie beschrieb mit der Hand einen weiten Bogen,das Schloß, die Güter und Wälder gekauft hat. Der lebt noch viel toller draus los als der Graf und sch? ne ißt das schöne Geld weg, als wenn's überhaupt keinen Wert hätte, und als wenn's ihm nie im Leben alle werden könnte. Lia, du wirst dein Wunder erleben. Der liebe Himmel mag-wissen, womit der Mensch so viel Reichtum zusammen gegaunert hat; denn aus ehrliche Weise. . ."

Pst. . . pst, nicht so laut," beschwichtigte Heinz lächelnd. Er wußte, daß seine Mutter, die sich sonst um politische und religiöse Bekenntnisse gewiß nicht kümmerte, eine eingefleischte Antisemitin war, seit sie vor vielen Jahren ein jüdischer Geschäfts­reisender mit einem Posten minderwertiger Ware gründlich hinein- gelegt hatte.

Nachdem Heinz seine Kofser dem Bahnhosswirt in Verwah­rung gegeben, nm sie später von irgend einem Jungen aus dem Dorfe abholen zu lassen, trat er Arm in Arm mit seiner Mutter den Marsch nach Fichtenwalde an, wohin man von der Station auch ein gutes halbes Stündchen gewöhnlichen Wanderschnitts hatte.

Für Feinz war dieser Weg, der mitten durch den Wald sührte, und .über den hin uralte Eichen ihr sonnenlichtdnrchsimkelteÄ Blatterdach wölbten, eine Lust. Jedem der knorrigen Baumriesen schenkte er einen langen Blick, wie einem lieben guten Bekannten, und das Rauschen des Windes in den Zweigen, das Rascheln des welken Herbstlaubes unter feinen Füßen, das Pfeifen der Drosseln und Stare, das neckische Rufen des Holzschreiers erschien ihm wie ein vielstimmiges Grüßen, mit dem die Heimat ihn willkommen hieß.

(Fortsetzung folgt.)