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( 1908
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Wirket, so lange es Tag ist.
Roman von Maximilian Böttcher.
'Nachdruck verboten.)
Erstes Kapitel.
Seit Fichtenwalde Bahnanschluß erhalten hatte, hatte Heinz Vollrath das liebe Nest- das seine Heimat war, nicht wieder gesehen. So bestaunte er in Fnchsendorf, dem Ausgangspunkt der Sekundärbahn, die nußer Fichtenwalde eine ganze Reihe von märkischen Walddörfern den Segnungen des Weltverkehrs erschließen sollte, das neue Stationsgebäude und die sehr viel weniger neuen Magen des schön zur Abfahrt bereitstehenden Zuges mit einer Art liebevoller Bewunderung und löste sich schließlich zur Feier des Tages ein Billett zweiter Klasse, obgleich er stch wohl bewußt war, daß ein vermögensloser Hilfsprediger immer die Sparsamkeit^ als höchste Tugend tocn muß — selbst dann, wenn er fünf Jahre lang mit einem, seine bescheidenen Bedürfnisse übersteigenden Gehalt im Dienst der Auslandsmission tätig 'gewesen ist.
Als Heinz durch die in der Querstraße des Waggons befindliche Mausefallentür das enge, mit graugestrciftcm Plüsch aus- geschlageuc Coups betrat — er konnte seine ungewöhnlich hohe Gestalt gerade so hindurchschieben, ohne sich den Köpf zu stoßen —, sah er, daß er Reisegesellschaft hatte: eine junge, auffallend hübsche Dame, deren mittelgroße, schlanke Gestalt ein Staubmantel von hellgelber Seide umhüllte, uni deren schmales, bleiches Ant- lih eine widerspenstige Mille tiefschwarzen Lockenhaares krönte; — den Nembrandhnt mit den großen Straußenfedern hielt eine schmale, feingliedrige, ringbesäte Hand im Schoß.
Heinz Vollrath, der zwei korpulente Koffer schleppte, konnte sich zum Gruß nur verneigen, stellte dann aber den einen der beiden Koffer auf die Bank und zog seinen Schlapphut, wofür die Dame mit lässigem, kaum merklichem Neigen des schönen Hauptes dankte. Während Heinz aber sein schweres Gepäck mit muskulösen Armen in das Netz hob, sah er in dem kleinen, ovalen Spiegel, dessen blanke Scheibe zwischen Netz und Polsterlehne schimmerte, daß die dunklen, mandelförmigen Augen der Fremden sein Profil mit sichtlicher Neugier musterten, und daß ihr auch die vielen bunten Zettel, mit denen reklamesüchtige Hoteliers in Peking, Hongkong, Colombo, Kairo, Neapel unb. Rom seine Koffer beklebt, Interesse abzunötigen schienen. Offenbar dachte sie wohl: welches Schicksal verschlägt einen so weitgereisten Mann in unseren einsamen märkischen Forst?
Heinz Vollrath fühlte sich von der dunklen, warmen, stark südländisch anmutenden Schönheit seiner Eoupsgenosfin ivie von einem Zauber umstrickt, einem so seltsam tiefen Zauber, wie er ihn, trotz seiner dreißig Jahre, noch nie in der Nähe eines Weibes empfunden hatte. Obgleich sein Gepäck längst wohlverstaut lag, schob und rückte er noch immer daran herum, um in dem Spiegel unter dem Netz die Züge der Fremden nur gar recht lange und gründliche betrachten zu können.
Bald schien die Dame aber zu merken, daß sie zum Gegenstand intensiver Beobachtung gemacht wurde, wenigstens zog sie dfe schwarzen Bräuen in die Höhe, hüstelte wie in leisem Un
willen und richtete ihren Blick mit einem müden, gelangweilten Ausdruck zum Fenster hinaus auf den einsamen Bahnsteig von Fnchsendorf, auf dem es außer der roten Nase des unnatürlich in die Breite gegangenen Vorstehers durchaus nichts Bemerkenswertes zu sehen gab.
Endlich setzte sich der Zug mit der üblichen zehnminutigen, Verspätung in Bewegung: und Heinz — fast zornig auf sich, — den» cr hatte wahrlich Ernsteres und Wichtigeres zu tun, als sich zu verlieben ■— sah krampfhaft in die märkische Landschaft hinaus, die unter dem Gebimmel der Lokomotive mit gemächlicher Langsamkeit vorüber glitt, überwölbt von eines sonuendurchstrahlten Herbsthimmels wundervoll blauer Kuppel. Aber das stetig wechselnde Bild da draußen nahm Vollraths Sinn doch nicht so gefangen, wie er es in den vielen Stunden des Fernseins gewähnt, in denen er mit sehnendem Herzen der Heimat gedacht und sich auf das Wiedersehen mit ihr gefreut hatte wie ein Kind auf de» Wcihnachtsheiligenabend. Immer wieder tauchte zwischen den licktalanzübersluteten Wäldern und Feldern und seinem spähenden Blick das blasse Rassegesicht der jungen Dame auf, das in so scharfen, deutlichen Strichen auf der Tafel seines Erinnerns stand, als hatte nicht eine kurze Spanne versteckten Anschauens, sondern die Glut jahrelanger Leidenschaft das holde Bild in seine Seele gebrannt.
Heinz ivar es, als wenn er verhext wäre. Unwillig- nahm er seinen Hut ab und fuhr sich mit der Hand über die Augen, stand schließlich auf, um dicht an das offene Fenster zu treten und sich den vorbeistreichenden kühlen Luftzug um die erhitzte Stirn und durch das volle braune Haar lochen zu lassen. Aber als cr sich wieder niedersetzte, huschte sein Blick, ivie von magischer Gewalt ungezogen, doch von neuem verstohlen zu der Fremden, hinüber.
Sie hatte sich tief in ihre Ecke geschmiegt und schien zu schlafen. Wenigstens waren ihre Lider geschlossen, so daß die laugen, seidenen Wimpern wie Schattensegmente auf der weißen Haut der Wangenränder lagen; und der feingeschnittene Mund, den sie vorher festzusammengekniffen gehalten — wodurch dem schönen Antlitz, trotz der Weichheit seiner Formen, der Ausdruck einer gewissen Herbheit verliehen worden war — stand jetzt leicht geöffnet; — „wie eine Rosenknospe, die sich unter dem Strahl der Morgen sonne entfalten will", dachte Heinz Bollrath. Und cr dachte weiter, daß er immerzu so sitzen und die Fremde anschauen möchte. Wer sie wohl war? Die Tochter eines Oberförsters oder eines höheren Beamten, die rar genug gesät waren zwischen Fnchsendorf und Elsenbeck, der Endstation der Sckundär- bahn? Schwerlich. Was an Edelsteinen auf den feingliedrige», durchsichtig zarten Händen der Schlafenden oder Träumenden glänzte, repräsentierte den Wert eines kleinen Vermögens; und preußische Beamte in Stellungen auf dem Lande sind selten mit einem Ueberfluß an Reichtum gesegnet. Eine Gutbesitzcrs- tochter? Auch das kaum. Denn die wenigen erbeingesessene» Familien, die es in jener Gegend gab, waren guter brandenburgischer Schlag mit derbgeschnittcnen vierkantigen Gesichtern, blauen Augen, blonden Haaren und robustem Gliederbau; so feine, interessante Physiognomien ivie die der Fremden, so dunkle


