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„Also nur noch diese beiden Schwestern, die ich bei jener Gelegenheit sah."
„Ich habe nur noch diese zwei Schwestern," sagte Gott- hart Becker nut fester harter Stimme. Ter Ton aber siel dem Rittmeister aus die Nerven. Er griff nach der auf dem Tisch liegenden Karte und bog sie zwischen den Fingern.
„Hier lese ich erst heute Ihren Namen. Ist das nicht merkwürdig? Ich bin im Hause Ihres Vaters gewesen, ohne recht zu wissen, wie er hieß. .
„Was iut's?" stieb Becker hervor, „der Name ist — er ist doch nicht
„Aber er ist mir grabe interessant, weil ich eine junge Dame dieses Namens kannte, die vielleicht mit Ihnen verwandt ist?"
Tor Kandidat saß da, den wuchtigen, buschigen Kopf vor- geneigt, und starrte aus verdüsterten Augen auf den Sprecher. An seinen breiten Schläfen pulsierten blaue Adern und sein Atem ging schwer.
„Ich meine ein Fräulein Luise Becker," fuhr Loysen fort, „deren Ähnlichkeit mit Ihrer kleinen Schwester mir sehr aus- fic! . . . Ta Sie nun keine Schwester mehr haben, kann ich wohl annchmen, daß es sich nm eine Cousine handelt?"
Becker erhob sich und stand, die Hände auf die Tischplatte gestützt, da. In seinem Gesicht arbeitete es. Mit säst feindlichen Blicken sah er herab, grade . vor sich hin, und würgte das Zugeständnis heraus. .
„Sie zwingen mich, zu bekennen, was ist, Herr Rittmeister. Ich hatte noch eine Schwester, aber ich zähle sie zu den Taten."
Zn seinem Grimm immer nur aus den großen schwarzen Fleck starrend, den Knabenungestüm einst in die Tischplatte gebrannt hatte, entging es ihm völlig, wie sein Gegenüber die Nachricht aufnahm-.
Es dauerte eine ganze Weile, bis der Rittmeister sprechen konnte, dann freilich geschah es in ruhigem Fragekon:
„Etwa deshalb, weil Ihre Schwester zur Bühne ging? Tenn Fräulein Becker ist Schauspielerin."
„Würde das nicht genügen?"
„Nach meiner Ansicht, nein! Es ist ein Beruf wie jeder andere."
Loysen hatte sich jetzt so weit in der Gewalt, daß er, denn Gast Zigarren und Aschenbecher zuschiebend, Miene machte, ihm ein Streichhölzchen anzuzünden. Ter aber dankte hastig, alle Formen vergessend.
„Meinen Sie?" fragte et| rauh. „Tie Tochter eines Seclcn- hirtcn, die Schwester eines Theologen gehört nicht auf die Bretter. Hat sie selbst nicht so viel Schamgefühl, das sie daran verhindert, so sollte sie es aus Rücksicht für Eltern und Geschwister bleiben lassen. Ist ihr's zu eng im Elternhause, so gibt es viele Wege ehrlicher Arbeit, in denen sich Tatkraft und Nächstenliebe betätigen können. Wollte sie ihre Stimme verwerten, so brauchte dies nicht mit Schminke und Mummenschanz verbunden zu sein. Eitelkeit und Ruhmsucht wären ihr freilich auch in den Kvnzertsaal oder in die Kirchenkonzerte gefolgt — aber doch nicht das — das —" er ließ sich schwer ans dcn Stuhl fallen, und fast, den Kopf in beide Hände ge- stützt, da.
Loysen warf einen Seitmbiick auf ihn, dann wandte er sich halb ab, legte den Arm! lässig auf die Tischplatte und strich sich den Schnurrbart. Er hatte ein Bein über das andre , geschlagen und wippte unablässig mit der Fußspitze. Er zitterte in allen Nerven, nur geringe Anzeichen verrieten dies.
„Ich bezweifle, ob es Sie interessiert, wenn ich mehr sage, Herr Rittmeister —"
„Ich bitte darum!"
„Sie werden es vielleicht gav nicht begreifen, vielleicht lächeln Sie, wlenn ich Ihnen sage, daß ein jeder von uns in seiner Art an den Folgen ihrer Handlungsweise zu leiden gehabt hat. Völlig gleichgültig dagegen, was sie uns damit antat, verlieh sie das Elternhaus.^ Meiner zarten, herzleidenden Mutter brach darüber das Herz. Mein Vater, ein rüstiger, heiterer Mann, ist darüber alt und schwermütig geworden. Von uns Geschwistern will ich nicht viel sagen, aber daß mir dies Kreuz auf allen meinen Wegen folgt, können Sie sich denken, es ist mir ein Hemmnis und ein Aergernis geworden. Konnte Luise nicht ihre maßlose Ruhmbegierde zügeln und uns das Opfer ihrer Wünsche bringen, anstatt uns ihrer Ichsucht zu opfern? — Wohin kämen wir denn, wir Menschen, wenn ein jeder, wie es die gottfreunde neue Lehre predigt, über Leben und Glück der Nächsten hinwegschreitet, seinem Ziele zu, alles unter die Füße tretend, was schwächer ist oder sich hinderlich erweist? — Tas führt- zuletzt zur Selbstanbetung k— zum Wahnsinn . . ."
Er fuhr auf und sah sich verstört nut.
„Ich bitte um Entschuldigung — ich rede und rede — es ist so ungeschickt von mir. Sie mit meisten Ansichten zu belästigen. Ueberdem muß ich nach meinen Schutzbefohlenen sehen — sie könnten der Französin zu viel Mühe machen . . er stand aus und verbeugte sich — „ich empfehle mich, Herr Rittmeister — ich habe die Ehre —"
„Leben Sie wohl, Herr Kandidat, und nehmen Sie sich diese Sache nicht so zu Herzen. . . ich danke Ihnen für das mir bewiesene Vertrauen."
Ein Händedruck und nach noch zwei viel zu tiefen, eckigen Verbeugungen verließ Gotthard Becker das Zintmer, bis zu dessen Tür ihn der Rittmeister höflich begleitete.
Er war allein.
Zuerst stellte er die Zigarvenschachteln und den Aschenbecher wieder ans das Rauchtischchen, dann trat er an das Fenster, riß cs auf und sah in den trostlosen, grauen Tag hinein. Ihm wurde ganz schlecht. Ich muß, einen Kvgnak nehmen, dachte er, dies miserable Wetter und dieser gräßliche Mensch mit seinen Jevemiaden. —
Plötzlich siel ihm Edeltrant ein.
Als habe ihn ein Schuß getroffen, so taumelte er und hielt sich die Hand vor die Stirn. Wie ein Schleier zerriß, was ihm unverständlich geblieben war bei seiner letzten Unterredung mit ihr, bei seinem Besuch bei Wilhelm.
Tiefest beiden ivar Luise Becker mehr gewesen toie die Pastors-? tochter — sie war dort als Kind im Hanse angesehen worden, sie war Cdeltrauts Gespielin, Schwester, Freimdin gewesen, gemeinsam hatte Wilhelm beide unterrichtet, hatte dem begabten, reizvollen Mädchen vielleicht jene stille Neigung geschenkt. . .
Nein! sagte er ganz laut, nein! Das ist alles gar nicht wahr! Ist Blödsinn — Unsinn! — Er schlug mit der geballten, Faust auf den Tisch.
Aber sein Gedächtnis kam ihm grausam zu Hilfe. An einem! schönen Abend, da sie wieder mal aus der bescheidenen „Sternwarte" saßen und die sunkelnde Welt des Unermeßlichen über sich in kühnen Phantasiebildern durcheilten, hatte Edeltraut ihm von einer Schulgenossin erzählt, und auch-Wilhelm« hatte dies und das ergänzend hinzugefügt. Ter Name wurde nicht genannt, was ihm damals etwas auffiel — aber im Tone der beiden lag eine zärtliche Weichheit, imd Edeltraut hatte gesagt: „Wir hatten sie lieb!"
Sie war's gewesen — sie! —
Ihm war zn Mut wie deut waghalsigen Bergsteiger, der siegessicher über Gletscherspalten und steile Schneefelder zur eisigen Höhe emporsteigt, ein Beherrscher und Uebrrtmnder des Bergriesen unter sich — und plötzlich stürzt in wirbelnden, erdrückenden Massen mkt elementarer Gewalt die riesenhaste Schneelast von der Spitze des Berges herab, Schlünde und Schluchten füllend, und Land und Wald, Torf und Menschen fortreißend in ein Scynee- grab . . . und Sühne Waghalsigkeit, Siegessicherheit und stählerne Kraft sind zermalmt mit ihrem Träger, und dieser selbst nur ein Atom in dem unermeßlichen Grabe.
(Fortsekung folgt.'1
LMHarö.
(Schluß.)
Recht unterhaltend sind auch die Fahrten — „Bierreisen" wurde ni an's heutzutage nennen —, die Sind, theol. Fritz Laukhard zu beuachbarteu Universitäten unternahm/ um dort den „Komment" zu studieren, ja, sogar als Reformator (uif. diesem Gebiet aufzutreten. Er hat sie mA nach Jena bin ausgedehnt. Aber auch in Wetzlar ist er gewesen und hat dort einer Wallfahrt nach Jerusalems („Werthers") Grabe beigewohnt. Ein Kabinettstück der empfindsamen Zeit, das allein schon zur Lektüre des Laukharo- schen „Lebens" auffordern dürfte. Nimmt man noch hinzu, daß auch Studiosus Laukhard selber seine Wertherzeit durchmachte — eine Liebesepisode von zartromantischer Färbung/ deren Andenken in der Ferne der Jahre wie ein freundlicher Stern in sein verwüstetes Leben zurücklenchtet —i so darf man sagen: Der Typus des wilden Studenten fin de siede des achtzehnten Jahrhunderts tritt uns selten so rein und unverfälscht wie in der Gestalt dieses Menschen entgegen. Und auch ole damals jedem langen, hübschen/ gradgewachsenen Kerl beständig drohende Gefahr, den überall umherspähenden Werbern eines der verschiedenen Reichs- kontiugente in die Hande zu fallen, auch diese stand eines Tages drohend vor seinem Lager, als er nach durchs schwärmten Nacht an einem schönen Morgen in Fran k- furt erwachte und von einem österreichischen Korporal, nut


