Ausgabe 
27.2.1908
 
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Donnerstag den 27. Mrmr

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Kelmuth von Loy len.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Onkel," rief Lilly aus ihrem Fenster herüber,hast du schon je einen so langweiligen Sonntag erlebt? Ich noch nie. Weißt du, daß die Mademoiselle ihre Strümpfe stopft? Erst hat sie an ihren Bräutigam geschrieben und jetzt stopft sie ihre Strümpfe. aus Langerweile, sagt sie, denn eigentlich versteht sie gar nicht, Strümpfe zu stopfen."

Sehr indiskret von dir, mir das zu verraten. Bon den Strümpfen deiner Mademoiselle darf ich nichts wissen."

Warum? Onkel! Hurra! Da kommt was!Da kommt Besuch!"

Schrei nicht so, ich bitte dich!" _

Unter den nach der Parkseite befindlichen Fenstern klang das schwache Knirschen von Rädern im aufgeweichten Kies. Ein kleiner Einspänner ward sichtbar, durch drei aufgespannte Re­genschirme fast überdacht. Obgleich. nichts zu sehen war wie der triefende Pserderücken und .die triefenden Schirmdächer, schrie Lilly nur noch lauter:Hurra! Die Rieteljungens aus Jaro- witz. Famos! Na, nu kann's aber losgehn!"

Dieser verheißungsvolle Schlußsatz veranlaßte Loysen augen­blicklich, das Feld zu räumen. Er nahm. sich aus dem an­stoßenden Bibliothekzimmer ein Blich und ging hinauf in fein stilles Turm gern ach, vor dessen Fenstern der Regen durch die Lindenäste rauschte. Hier warf er sich aufs Sofa, daß es krachte, Kündete sich eine Zigarre an und begann zu lesen, wobei auch er ein herzhaftes Gähnen nicht bemeistern konnte. _ In 'diesem Augenblick trat der Diener ein und übergab ihm eine Visiten­karte :

Ter Herr Kandidat bittet, dem Herrir Rittmeister seine Aufwartung machen zu dürfen." .Ich lasse bitten."

Ter Diener ging hinaus und schloß die Tür. Loysen richtete sich aus seiner liegenden Stellung auf und warf dabei die Karte, die er noch in der Hand hielt, auf den Tisch. Da lag sie verkehrt, und ihm fiel ein, er könne sich wohl die Mühe nehmen, nachzusehen, wie sein Besuch heiße. Es war eigentlich komisch, daß er das noch nicht wußte. Also drehte er die Karte um und las :

Gotthard Hermann Becker

Cand. theol.

Loysen stutzte, aber dann dachte er gleichgültig: Warum auch nicht? Es gab ja so viele dieses Namens in der Welt. Ihm fiel jetzt ein, daß Wilhelm schon an jenem ersten Sonn­tag, als sie zusammen in der Kirche gewesen waren, den Namen beiläufig erwähnt hatte, er hatte nur nicht acht da­rauf gegeben. Es war ja auch ganz egal, wie jene Leute hießen.

Während er sich noch so Gleichgültigkeit aufzwang, lief ihm der erste Schreck noch wie. ein kalter Nervenschaner über den.

Rücken.. Mit aller Macht kämpfte er dagegen und jagte sich selbst immer wieder: Sonderbar! Nun müssen die auch noch Becker heißen! Nicht gering mit der dummen Aehnlichkeit neu­lich. Eigentlich komisch!

Tie Tür ging nach einigem Scharren und Streichen draußen, mrd und) kurzem Pochen auf und die breitschultrige Gestalt des jungen Mannes erschien. Er war schwarz gekleidet und hielt den Zylinder in der Hand, so ungeschickt wie möglich, und doch verlieh die angeborene selbstbewußte, trotzige Ent-, schiedenheit der ganzen Erscheinung eine gewiss: Würde.

Entschuldigen der Herr Rittmeister," sagte er, da Loysen ihm entg-egenkäm,ich komme ich meine, Sie waren so freund­lich, die Meinigen zweimal zu besuchen, und da nicht Batet alt und kränklich ist und nie mehr nach auswärts kommt, hat er mich beauftragt, Ihnen in seinem Namen"

Aber ich bitte Sie, Herr Kandidat, das habe ich doch auch nicht erwartet. Freue mich indessen. Sie zu sehen und bei dem Wetter! Alle Achtung! Wollen Sie - Platz neh­men?"

Gotthard Becker kam der Aufforderung zienilich unbeholfen nach In ihm keimte eine still: Zuneigung zu trief em liebens­würdigen Kavalier, der ihm« echte Freundlichkeit gezeigt hatte, und das vermehrte sein Ungeschick.

Ich bin so frei," sagte' er,da ich mich meiner Galoschen und meines Mantels unten entledigt habe . . ."

Na, dachte Loysen, ich werde mir so bald wie möglich Be­ruhigung verschaffen. Ties elende Wetter macht mich noch zirm schreckhaften alten Weibe.

Sie tarnen mit Ihren Schülern, Herr Kandidat?"

Jawohl. Gewiß. Tie Kinder wollten den Besuch Lillys erwidern, den sie neulich verfehlten."

Nemesis! dachte Loysen, jenen Besuch hatte ich ins Werk gesetzt! Er versuchte, immer noch mit sich selbst zu scherzen. Dabei schlug sein Herz in schweren langsamen Schlägen.

Ich hatte das Vergnügen, der Geburtstagsschokolade. imj Hause Ihres Vaters beizuwohnen. Es war sehr heiter. Zwischen den Haides und Ihrer Familie fdieint große Freund­schaft zu herrschen." , , . . ,

Herr von Haide war stets gütig für uns, und das gnä­dige Fräulein ist mit meinen Schwestern von Heilt auf be­kannt und befreundet."

Ihre Frau Mutter haben Sie leider verloren?" Ja. Gott hat sie zu früh für uns heimgerufen." Auf Ihrem Vater lastet dieser Kummer, man sieht's ihm an."

Auf ihm lastet noch mehr."

Loysen zwang sich, zu lächeln.

Sorge um Sie drückt ihn nicht nieder, Herr Kandidat, selten kann ein Vater so von seinem Sohne reden, wie er es tdt/'

Tas wäre auch schlimm, wenn er es nicht könnte." Haben Sie noch Brüder?"

Nein."