dem er sich nm Abend zuvor etwas zu tief eingelassen, als Rekrut begrüßt wurde. Nur der Edelmut eines kaiserlichen Majors rettete ihn diesmal vor der Zwangsjacke; aber als ein furchtbares Meue-Tekel erscheint diese Begebenheit im Leben des leichtsinnigen Menschen, der lange Zeit wie ein Nachtwandler an Abgründen einherschreitet, bis ihn doch zuletzt das Verhängnis ereilte.
Jetzt freilich hielt noch der Vater seine sorgende Hand über den ungeratenen Sohn, und da es sich bei den wiederholten Prüfungen, die er zur Ferienzeit mit ihn anstellte, zeigte, daß sein Fritz doch mehr Kollegin gehört, auch in selbständiger Arbeit mehr Kenntnisse erworben hatte, als sein sonstiger Wandel erwarten ließ, so schickt ihn der gute Alte noch zu Ostern 1778 auf ein Jahr nach Göttingen, wo der „Komment" notorisch schlecht, aber die Wissenschaft etivas mehr zu Hause war als in Gießen.
In Göttingen aber fühlte er sich flügellahm. Versuche, in der Heimat als Pfarrer emporzukommen, fcheiterten an unglücklichen Umständen und seinem unpastoralen Leben, Um den Sohn reifer werden zu lassen, ergriff der alte Pfarrer das unglücklichste Mittel von allen, er schickte ihn noch einmal aus die Universität und zwar nach .Halle.
Hier fand er bei dem Freund seines Vaters, dem D. Semmler, dem „Vater der modernen Theologie", Ivie ihn Frehtag in seinen „Bildern aus Deutschlands Vergangenheit" nennt, eine Stütze. Er gab auf der Schule des Waisenhauses lateinische, griechische und hebräische Stunden und alles schien sich gut anzulassen. Sein Wissen war nicht geringer als das fleißigerer Studenten, er war ein offener Kopf, der ein starkes Bedürfnis nach einer Anhäufung von Material hatte und es geschickt verarbeitete. Das Magisterexamen, dem er sich auf Anraten Semmlers unterzog/ schien ihm nicht mehr als eine „akademische Spiegelfechterei". Aber die Verführungen des Studentenlebens, die es. auch hier in Fülle gab, wurden wieder das Verderben des Magisters, der sich dazu hergab, mit den Studenten die lüderlichstm Häuser und die gemeinsten Kneipen aufzusuchen. Die Kollegen nahmen Anstoß, die Frauen waren gegen, den rüden Gesellen, die Kollegiengelder gingen schwach ein, die Schulden wuchsen, und schließlich gab der Trotz, der im Aerger der Bürger ein Vergnügen fand, auch wenn es ihm selbst das Leben kosten sollte, den Ausschlag: zum Entsetzen Halles ließ er sich eines schönen Tages als preußischer Soldat anwerbtzn: Halle 'wurde nun für ihn Garnisonsort. Run muß man ivissen, was damals ein Soldat war: ein auf Lebzeiten augewor- bener Söldner, der zwar ganz menschlich behandelt, aber nicht als voller Bürger angesehen wurde. Man. vergaß freilich auch beim Militär nicht, daß der Grenadier ein Magister war, der seine Lateiner weiter las. An Aufschlüssen über das Garnisonleben der preußischen Armee ist dies Kapitel reich, wie überhaupt der Wert der Aufzeichnungen darin besteht, daß auf dem Hintergründe der offiziellen Gefchichte das tägliche Leben der großen Masse den Teilnehmern zugänglich wird: erst dadurch werden die Zeiten für uns wirklich lebendig. Das gilt auch von der interessantesten Periode in Laukhards Leben, die jetzt beginnt. Er macht bett Feldzug gegen das revolutionäre Frankreich mit, den berüchtigten Feldzug in die Champagne. Als Einleitung werfen wir einen Blick in die Luder- wirtschaft der Emigranten in Kvbleuz. Daun ging es ihm merkwürdig: er war zu intelligent und in seinem innersten Wesen zu unabhängig, hatte auch zu. viel von der Welt, der Großen, wie des Volkes, gesehen, um nicht die werbende Stimmung fühlen zu können, die von Paris ausging, in dem die Welt von Grund aus umgestaltet zu werden schien, und vott den wirklich freiheitsbegeisterten uttd tapferen Revolutionsheeren.
Bei der Belagerung von Landau ereignete sich ein Umstand, der ihn aus Jahre lang gättzlich mit Frankreich bekannt machen sollte. Iw preußischen Hauptquartier ivitßte man, daß er ein alter Bekannter des bürgerlichen „Repräsentanten" der Revolutiousfestung Landau, des ehemaligen Pfälzers Dentzel war. Er wurde vom Prinzen Friedrich von Braunschweig seines -Soldateneides ledig gesprochen, um als angeblicher Desertettr Dentzel zur Uebergabe unter der Hand bereden zu köitucn.
Äaukhard wurde in der Festung aufs beste ausgenommen, aber seine Aufgabe konnte er nicht erfüllen. Dentzel blieb standhaft. Als Laitdau von einem französischen Heere entsetzt wurde, mußte er mit den übrigen Deserteuren nach
Straßburg ziehen und dann nach der Gegend vott Lyon als einzelner Soldat marschieren, der jeden Tag auf den Etappenstationen sein Geld in Assignaten, sein Fleisch, sein Weißbrot und seinen Wein erhielt. Im Elsaß herrschten damals Eulogius Schneider und die Guillotine, und überhaupt !var alles französische Land in einer einzigartigen Aufregung. Der Gang der Geschäfte, das gewohnte Leben überhaupt schien auf ein paar Jahre aufgehoben ztt sein, um einmal reinen Tisch zu machen und die Vorbereitungen für eine neue Ordnung zu erledigen. In der Provinz herrschte nicht der Bluttaumel wie in Paris, aber alles fügte sich in ihn wie in etwas Notwendiges. In Lyon erlebte Laukhard das Strafgericht, das über die unglückliche Stadt von den Schreckensmännern verhängt worden war: sie sollte gänzlich vorn Boden getilgt werden und nur eine Schandsäule daran erinnern, daß hier einst eine rebellische Stadt zerstört worden fei. Es kam nicht ganz so schlimm, aber die Sanskulotten, der Buswurf, die aus- übenoen .Henkersknechte, wüteten noch genug.
Weiter nach dem Innern verschlagen, wurde er, der nach seinen eigenen Worten nacheinander „Schüler, Studettt, Kandidat, Bikarius, Jäger, Lehrer am Halleschen Waisen- haits, Magister, Soldat, Emissär, Sanskulotte" gewesen war, mm auch noch „infirmier subalterne", d. h. Lazarettpsleger. Sehr hübsch ist, wie ihm der trotz aller Schreckenstage so fröhliche, freundliche und arbeitsame Geist des französischen Volkes zum Bewußtsein kommt. Er hätte vollauf Gelegenheit gehabt, ein guter Bürger der Republik zu werden und! zu Ansehen zu kommen, aber ihn lockten trügerische Hoffnungen, die er au das Versprechen knüpfte, das ihm die Preußen vor Landau zttr Belohnung für seinen Versuch in Aussicht gestellt hatten: er kehrte nach Deutschland zurück und machte in Berlin Eingaben. Es Wttroe auch eine Professur in Halle für ihn vorgesehen, aber die Fakultät ivnßte sich gegen bett Mann mit der schlimmen Vergangenheit zu wehrett. Er ließ seinem Haug zur Lüderlichkeit wieder die Zügel schießen, heiratete eine Soldateniochter, mit der er unglücklich wurde, uttd schlug sich durch Stundengeben, Mnkeladvokatttr und Romanschntieren durch.
Am Ende des Jahrhuttdcrts brechen die sicheren Nachrichten ab, um so verwunderlicher ist, daß er in die Heimat zurückgekehrt ist und dort als Pfarramtsverweser sich auf- gehalten hat. Die defittitive Anstellung verweigerte ihm die französische Regierung, vielleicht infolge einer Broschüre, die er früher gegen den Konsul Bonaparte geschrieben hatte. Nach 1810 wird das Dunkel immer dichter, et scheint ruhelos und heruntergekommen umhergewandert zu fein, und ist 1822 in Kreuznach gestorben, nachdem er eine Zeitlang eine Art europäischer Berühmtheit genossen hatte.
„Sein non omnis woriar, feine Selbstbiographie, wird ihn, des sind wir gewiß, um Jahrhunderte überleben", schließt der Herausgeber. In der Tat, Laukhards „Leben und Schicksale" finb seelische Dokumente.
Walter Georgi.
Der färben frohen Kunst Walter Georgis, des Schöpfers des schonen Wandkalenders des „Gieß. Auz." vont Jahre 1903, ist der Leitartikel des Februar-Heftes der Monatsschrift „Deutsche Kunst und Dekoration" (Darmstadt, Alexander Koch) gewidmet. Paul Kühn (Leipzig) weiß in feiner Weise der Bedeutung fetter Versuche der Künstler- Bereinigung Scholle, die Kuitst wieder mit dem Leben ztt verbinden durch Eroberung eines neuen Stoffgebietes für sie und durch Begrütiduitg einer neuen dekorativen Ma- 1erei, gerecht zu werden. Aus deut Stile der Raumtualerei und ihrett Erfordernissen weiter Dimensionen und weniger, aber dafür wirksamer Farben erwächst die neue Aesthetik jener Arten von Wandbildern, Wie Georgi, Erster, Münzer, Putz, Eichler sie geschaffen haben. Vom Frei-Licht-Bild ist Georgi ansgegangen, durch ein reges illustratives Arbeiten für die Fugend, durch die große Folge von farbigen Zeichnungen und Lithographien ist fein Weg unterbrochen worden. Den Geist feiner farbigen Zeichnungen weiß Kühn folgendermaßen zu charakterisieren: „Diese Kunst Georgis ist frisch Wie ein reifer Äpfel; in dem ganz volkstümlichen Charakter, in dem er das Landleben, die deutsche Landschaft (besonders den Herbst), Arbeit imb Vergnügen durch- empfindet und mit einer rustikalen Frische und Gesundheit, der aber ost jene leichte Melancholie beigegeben ist, die für die deutsche Volksseele, wie sie so nachhaltig im Liede sich ausspricht, bezeichnend ist, ist er ein Fortsetzer


