Ausgabe 
27.1.1908
 
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Historismus, dem gleichsam die Germanen Zeitgenossen und dem! Karl der Große und Friedrich Barbarossa noch lebendig gegen- wärtig sind, sind! die Grundborstellungen des Kaisers hervor- gewachsen zu frischem und gucllendem Tasein in dieser alternden Welt, mögen sie sich nun auf die geistliche oder mögen sie sich ans die weltliche Seite des öffentlichen Daseins beziehen.

Wie archaisch in ihren Formen, wie ungeteilt christ- l i ch ohne grundsätzliche Anerkennung des Unterschiedes der Kon­fessionen neuerer Zeiten, wie noch in letzten Momenten des Ahnen­kultus wurzelnd erscheint doch die Frömmigkeit' Wilhelms II.! Ta taucht der Christengott auf als Herr der Heerscharen, wie einst Lei den gewaltigen Ahnen des 17. und 18. Jahrhunderts, deut Großen Kurfürsten und König Friedrich Wilhelm I., und da gilt es, das Reich dieses Gottes auszudehnen über die Reiche dieser Welt hin bis zu den fernen Küsten der gelben Rasse. Und da stehen für solche Ziele doppelte Heere zur Verfügung, ein Heer der Streiter, das draußen in China für das Kreuz gekämpft mit Kanonen und Bajonett, und ein Heer der Beter, die christliche ' Gemeinde daheim, und keines kann siegen ohne die kraftvolle Hilfe des anderen. Es sind Gedanken, die der Kaiser in einer Schiffs- Predigt angesichts der helgoländischen Küste seiner Mannschaft nahegelegt hat; wundersam! erinnern sie an Anschauungen de« karolingischen Zeit, in der Herrscher wie Karl der Große von der Kooperation ihrer beiden Armeen, des Heeres der Krieger im Felde und des betenden Heeres der Mönche hrtljeinr, sprachen: nur daß an die Stelle der Mönche unter dem Einflüsse reformatorischer Gedanken die betende Gemeinde getreten ist.

Und haben die staatsrechtlichen Anschauungen des Kaisers etwa ein .anderes Fundament? Im Grunde gehen sie zurück auf die Idee der altgermanischen Gefolgschaft, der Treue und des Gehorsams des Volkes, der Huld und der Führerpflicht des Herrschers. Beide, Volk und Fürst, gehören eng zusammen, UNd feiiicä kanu bestehen ohne das andere.So wie ich als Kaiser und Herrscher mein ganzes Tun und Trachten für das Vaterland hiugebe", ruft Wilhelm II. seinen Soldaten gelegentlich einer Rekrutenvereidiguug zu,so habt ihr die Verpflichtung, euer ganzes Leben für mich hinzugeben". Es ist ein Gedanke, den er inttt biin Lebendigen Kraft rednerischer Agitation immer und immer wieder vorlrügt, vor jeglichen: Stande und! in wechselnden Formen, wie sie der mannigfachen Art de« verschiedenen Stände angemessen erscheinen. So ruft er z. B. den Bürgern zu:Wenn ein jeder Bürger seine Pflicht tut, dann bin auch ich iinstande, für sie zu sorgen und zu unser aller Heil und Ruhe und Frieden die Geschicke des Vaterlandes zu lenken". lind wiederum anders fpricht er vom gleichen Thema vor denEdelsten der Nation", dem Adel.

Nun versteht sich, daß eine so archaische Anschauung, die nur den Herrn kennt, der führt, und den in blinder Treue helfende» Gefolgsmann, so lieb sie dem Kaiser ist, nicht ohne weiteres aufzugehen vermag in moderne Verhältnisse und in Zustände einer beschworenen konstitutionellen Verfassung. Aber mit instinktiver Sicherheit zieht der Kaiser die Linien, die dennoch leicht das eine Mit dem anderen verknüpfen. Was die Ver­fassung angeht, so hat er alsbald im Anbeginn seiner Regierung erklärt, er werde sie halten, nicht bloß,, weil er sie beschworen habe, sondern auch, weil er die durch sic getroffenen Einrich­tungen und die in ihr ausgesprochene Teilung der Gewalten für angemessen erachte. Wo liegen da nun die Mitglieder zwischen der Herrschaftsidee und einem verhältnismäßig so mo­dernen Ideengehalt, wie deut der preußischen und Reichsver!- fassung? Sie sind bis zu einem gewissen Grade überflüssig gemacht durch eine Idee, die beide, Herrscher und Untertan, Fürst und Volk, überhöht und nochmals zu einer unlöslichen Einheit verknüpft: durch die Idee des christlichen Staates. Es ist die Stelle, wo sich, wie auf religiös-kirchlichem Gebiete, der Eintritt reformatorischer Ideale in das Denken des Kaisers beob­achten' läßt. Gewiß: das Volk soll dem Herrscher folgen, aber der Herrscher ist gebunden an den staatsrechtlichen Gehalt der christlichen Offenbarung. Es sind die Gedanken vor allem Luthers, die hier auftauchen: es ist die Lehre von dem patriarchalischen Absolutismus, dessen genialster Vertreter auf deutschem Boden vielleicht der Große Kürfürst gewesen ist: darum verehrt der Kaiser sseradc diesen Ah» zärtlich, wie ihn unter allen Germanen außerhalb des Reiches die Norweger besonders aus Herz gewachsen sind: sie als letzte Vertreter angeblich urger- manischer Treue und Gefolgschaft. Und von dem christlichen Ideal des Herrschers sucht der Kaiser dann den Weg zur konstitutionellen Gegenwart: wenn ihm auch die Verantwortlichkeit vor Gott höher steht als die vor dem Volke. Tenn auch das Volk hat schlechthin denn christlichen Gedanken zu bienen und ist ihm unterworfen bis zu dem Grade, daß es ihn lebendig pflegen muß, will es seiner geschichtlichen und öffentlichen Pflichten froh feilt.Wer kein braver Christ ist," so stellt der Kaiser einmal seinen Rekruten vor, der ist kein braver Mann und kein preußischer Soldat und kann unter keinen Umständen das erfüllen, was in der preu- ßi scheu Armee von einem Soldaten verlangt wird."Leicht ist eure Pflicht nicht; sie verlangt von euch Selbstzucht und Selbst­verleugnung, die beiden höchsten Eigenschaften des Christen; ferner unbedingten Gehorsam und Unterordnung unke« den Willen eurer Borgefetzten." Es sind dieselben Pflichten, die am, Ende dem ganzen Volke obliegen, Pflichten, di« in sinngemäße.« Aenderung,

Zeichen reizsamer Veranlagung, fördert immer neue Kombinationen zutage. Dabei sollen sie rasch verwirklicht werden; und so ver­bindet sich mit ihnen jene böige Form der Willensmcinuug, jene Impulsivität, die den Zeitgenossen ebenfalls als ein Charakterzug des Kaisers gilt.

Ergeben sich aus diesem Nebeneinander von Eigenschaften nicht selten eigenartige Komplikationen der inneren wie äußeren Politik, so beruht gerade auf ihnen auch wieder die starke Wir­kung der Persönlichkeit des Kaisers in Nation und Umgebung. Ein stetig lebendiger Will« wirkt sich in tausend Einzelzügen aus und gestattet dem Herrscher jenen häufigen Ortswechsel, der ihn in großen Teilen des Reickies gleichsam ständig heimisch macht: mit nicht zu unterschätzenden Wirkungen für die. Idee des Kaiser­tums überhaupt. Tenn der Deutsche will seinen Herrscher täglich schauen von Angesicht zu Angesicht; keiner unserer großen Kaiser des Mittelalters, der nicht ein großer Reifer gewesen tonte; keiner der wirklich «bedeutenden hohenzollerufchen Ahnen, der nicht ein gut Teil seiner Herrscherzeit im Sattel oder im Wagen zugebracht hätte. Aus dem außerordentlichen Reichtum au Asso­ziationen aber erfließt dann der Kaiser die schicksalsreiche Gabe des begeisterten Redners wie der Zauber und die Anmut der Unterhaltung. Denn Ueberftuß an Gedankenzusammenhängen bildet Leben in Aphorismen und.damit Virtuosität der Gedauken- verarbeitung in Rede und Gegenrede ebenso sehr aus, wie Meister­schaft des kurzen monologischen Wortes. Freilich nur des kurzen; hier kann der Kaiser geradezu als erster großer Vertreter des künstlerisch gerundeten Telegramms gelten wie als einer unserer besten Rhetoriker des repräsentativen Stiles; soweit dagegen längere Reden von ihm bekannt geworden sind, außer den schlagend ge­faßten Paräneseu der Schiffspredigt, bestehen sie aus aueinander- gereihtett aphoristischen Zügen, deren innerer Zusammenhang nicht einfach einleuchtet. Im ganzen aber erscheint das Charakterbild Nach all diesen Richtungen hin einfach; lebhaft angeregter und Anregender, psychomvtrisch nicht gleich stark veranlagter, impulsiv! wirkender und doch hohen Zielen mit zäher Ausdauer zugewandter Monarch.

Kaiser Wilhelm II. ist Idealist; eben in der subjektivdisiau- zierenden und in hohem Grade pathetischen Auffassung der Welt, des Makro- wie der Mikrokosmos, besteht das Innerste feiner Persönlichkeit. Sollte er da der Stützung feiner Natur durch geschichtlich gegebene Gebundenheit ferngeblieben sein? Keines­wegs: eben in dem Bedürfnis historisch-pathetischer Fundamen­tierung hat er die Grundzüge des Inhaltes seines Idealismus ent­wickelt: und nur der wird sich dem Verständnis dieser merkwürdigen Persönlichkeit nähern, der ihr konkretes Empfinden, Denken und Wollen von dieser Seite her betrachtet. In ihrer historischen Fundamentierung aber ist die Persönlichkeit des Kaisers vor allem Höhenzollerisch: nichts geht ihm über die hohen Traditionen seines Hanfes und seines Geschlechtes. Man weist wie er die Großen unter seinen Ahnen verehrt: aber auch die Gesamtz- reihe ist ihm mehr als nur lieb und teuer. Für die jüngsten Vorfahren gar, und vornehmlich wieder für Kaiser Wilhelm den Alten, erheben sich seine Empfindungen geradezu in den Bereich des Ahuenkultus; er hat das Palais Wilhelm I. unter den Linden «inegeweihte Stätte" genannt; wir hören ihn von demge­weihten Fuße" des Kaisers sprechen, und im Jahre 1896 ist von dem Kaiser als eineruns geradezu heilig gewordenen Persön­lichkeit" die Rede:Wenn der hohe Herr im Mittelalter gelebt hätte, er wäre heilig gesprochen, und Pilgerzüge aus allen Ländern wären hingezogen, um an seinen Gebeinen Gebete zu verrichten."

In einem so ausgeprägten Familiensinne, in dieser Dank­barkeit, in dieser Verehrung gegenüber den Ahnen, in dieser be­sonderen, gleichsam natürlichen Frömiuigkeit vor allem wurzelt des Kaisers Herz. Und von diesen 'Empfindungen wird er weit aus unseren Zeiten hinaus und' hinweggetragen in die Urzeiten aller geschichtlichen Menschheit in die Zeiten, in denen die natürlichen Zusammenhänge der Familie und des Geschlechtes noch den ge­schichtlichen Verlauf beherrschen; innerhalb der Geschichte der Nation hinein in die Empfindungen der cäsarischen und tacilei- schen. Jahrhunderte und ihre Folgezeit. Dem entspricht dann in sehr merkwürdigen- Formen seine historische Anschauung. Gewiß hat er modernen Geschichtsunterricht genossen, und wenn er vor Kreisen spricht, die spezifische Träger der modernen Bildung sind, etwa vor den Bonner Studenten, so verläuft seine Auf­fassung der natstmalen Vergangenheit in dem Denken etwa Rankes, ireuerdings unter leisen Zusätzen aus Chamberlain. Aber die eigentlich originale Geschichtsauffassung des Kaisers ist das nicht. Wo sie zu Tage tritt, da hören wir nichts von Rasse und von geschichtlichen Ideen, von Tendenzen und Nationalismen und UuivcrsalisMen, sondern alle Geschichte erscheint zurückgeführt auf das Walten einiger weniger großen Personen, denen sich die anderen alsbald wunderlich gefügt und untergeorduet haben, erscheint zurückgeführt vor allem' auf die Fürsten und ihre Ge­hilfen. Es ist die epische Anschauung des alten Germanentums, die hier hervortritt, mag sich der Kaiser nun, gleich dem Sänger des Heldenreiches frühester Zeiten, in rührenden Totenklagen nach halb lyrischer Art ergehen, oder mag er sich in fortgeschritteneren Formen dem Tone des anekdotischen Epos des 10. und 11. Jahr­hunderts nähern, so, wenn er etwa allerlei Erinnerungen an die Paladin« Kaiser Wilhelms des Alten aussrischt. Ans dieseni