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Empfindungen in den klaren Frühlingstag hinein und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Auf den Pappeln am- Wege flatterten die goldgrünen Ammern und schrieen unaufhörlich, über den Feldern jubilierten die Lerche». Ucbcrall sah man die Landleute auf Wiesen und Aeckern beschäftigt, und über ihrer Tätigkeit lag dieselbe schaffenssrohc Hoffnung tote über der ganzen Natur.
Endlich war die Grenze von Barbes erreicht, von nun an wurden Fragen und Erklärungen unaufhörlich geivechselt, bis der Wagen in den Park einbog, welcher für eine Sehenswürdigkeit galt. Zwischen alten Eichen in bräunlich-goldenem Knospenschmuck, und Linden und Ahornbäumen bog sich der Fahrweg hin und beschrieb zuletzt einen Bogen um frischgrüne Rasenplätze, ans denen bnnte Frühlingsblumen blühten. Das alte schloßartige Herrenhaus wandte seine Vorderseite diesen Anlagen zu, indessen sich rückwärts der mächtige Wirtschaftshof, der Stolz des Besitzers, anschloß.
Natürlich waren sie schon bemerkt worden nnd von allen Seiten kam» herbei, die Hunde mit Gebell, die Kinder mit in- dianerhaftem Jubelgeschrei, die Hausfrau, stattlich und rosig mit ausgebreiteten Armen, die sich fest um des Bruders Nacken legten, während ein herzhafter Kuß ihm Willkommen bot.
„Aber, guter, lieber Helma — so hat man dich leibhaftig wieder!"
Nun wurde er ins Haus geführt, von den Kindern am Arni gezerrt, von den Hunden umsprungen, von der Schwester in der neuen Würde bewundert. Marie Anne war durchaus heiter nnd von jener gesunden, gelassenen Zufriedenheit, welche des Lebens Behaglichkeit mit sich bringt. Im Hanse herrschte immer Vergnüglichkeit, namentlich wenn, wie eben, die Kadetten Helmuth nnd Heinz anwesend waren. Das Leben war, trotz gediegenen Wohlstandes, einfach, und mehr dein Familienglück, wie der Geselligkeit gewidmet.
Loysen ward in sein Zimmer geführt, um den Reisestaub abzuschütteln, gebeten, „recht rasch zu machen", da das Mittagessen gleich serviert werde, und dann allein gelassen.
Ties alte Zimmer mit dem tiefausgebauchteni Erker, an dessen Fenster ein Lindenbaum seine jungen, grünknospenden Zweige legte! Er hatte es schon als Knabe zu eigen erhalten, wenn er aus dein Kadettenhaus auf Ferien zum Vormund Recknitz kani. Alle Erinnerungen an seine Knabenzeit, Jagdtrophäen in Gestalt von Rehgehörnen, ausgestopften Habichten nnd Nußhähern, bildeten im Verein mit Kriegsbildern den Schmuck der Wände. Auf der braunpolierten Tischplatte befand sich noch der Brandfleck, den er durch Umwerfen der Lampe verursacht hatte und in den Fensterscheiben fanden sich zahlreiche Inschriften, Taten und Karikaturen eingekritzelt, welche der Vormund danials als „nnge- hörig" gerügt hatte nnd die von Marie Anne jetzt wie Reliquien aus der Kinderzeit gehütet wurden.
Aus beit Fenstern sah man in den großen Hos, hörte die Fohlen in ihrer Koppel hinter den Stallen wiehern, sah die Schar der Hühner und Enten durcheinander lausen, mit jener scheinbar planlosen Eile, die ihnen eigen ist, hörte bi-e Kühe brüllen und das Peitschenknallen der Knechte, wenn sie morgens den Hof verließen.
Ein großer, weißblühender Birnbaum stand neben der Lindx, dicht unter den Fenstern. Spatzen lärmten auf den Tüchern nnd Tauben flogen mit klatschendem Flügelschlag über den Hof. Er sah das alles uitb freute sich darau.
Ter Mittag vereinigte die Familie in dein langen Eßzimmer zu ebener Erde mit der tiefroten Tapete, den schwarzen Wandbrettern, auf denen seltenes Porzellan und mächtige Trinkkrüge prangten, beim geschnitzten Büfett, an welchem der Diener stand, tadellos in blauer Livree mit Silberlitzen, aber nicht so seelenlos maschinenmäßig wie bei Anne Marie, sondern durch langjährigen Dienst in dieser heiteren Familie, zu sehr mit den Tagesinteressen vertraut, um nicht mit Sorge zuzusehen, wenn Lilly ein Glas zerbrach, oder es noch rechtzeitig zu verhindern, wenn ein Gast ein minderwertiges Stück Braten anstach.
Recknitz, b#cr sonst nicht viele Worte mochte, sondern der Ansicht war, daß der Mittag zum Essen da sei, war freudig aufgeräumt, hatte eine Flasche Extrawein aus dem Keller geholt und stieß mit Loysen an. Die vier Kinder waren kanin in Zaum zu halten, die Gouvernante hatte ihre Not, namentlich da sich die Kadetten ihrer. Autorität entwachsen hielten. Marie Anne hatte das dreijährige Annchen neben sich und schnitt ihr das Fleisch, hatte aber dabei ihre Augen und Ohren, überall und. auch noch Zeit, den Bruder nach allen Familienereianissen der Garnison nusznfragen. Ein Ausbruch besonders wilder Freude von feiten der Kinder unterbrach seinen Bericht. Der Vater nahm einen Nickel aus der Westentasche und warf ihn iv eine auf dem Tisch stehende bunte Sparbüchse. Er hatte an-
gesangen von einem Wirtschastsürger zu reden nnd das war verpönt. Wer es tat, ob Hausherr oder Hausfrau, mußte einen Groschen Strafe zahlen. Auch diese Sparbüchse kannte Loysen seit vielen Jahren, sowie den scherzhaften Streit der Ehegatten über die künftige Anwendung des Geldes.
(Fortsetzung folgt.)
Aaiftr Wilhelm II.
Eine Charakteristik von Professor Karl Lamprecht.
Darüber, daß der Kaiser in besonderem Maße begabt ist, ist alle Welt einig; nicht minder darüber, daß, er in hohem Grade die Neigung besitzt, seiner besonderen Auffassung Geltung zn verschaffen. Kein Geringerer als Fürst Bismarck hat von ihm das prophetische Wort gesprochen, daß er einmal sein eigener Kanzler sein werde. Aber auch darüber, daß er in vielen Dingen tatsächlich leitet, besteht Uebereinstimmung. Er wendet die Kräfte, die ihm das allgemeinen Gründen verdankte Steigen der monarchischen Gewalt von Tag zu Tag reichlich zuwachsen läßt, in nicht minder reichlichem Sinne zur Betonung eben seiner Auffassung an, nnd er besitzt daneben eine außerordentliche, rein persönliche Gewalt über Gedanken und Sinne seiner UM-, gebung; wer hente Minister Hört, wird immer erstaunt fein,; bis zu welchem Grade sie nichts wiedergebeil als Auffassungen! des Kaisers; nild wer jemals Gegner des Kaisers aus persönlichen Unterredungen mit diesem scheiden sah, wird sich nicht minder verwundert haben, bis zu welchem Grade sie, wenigstens wüh- ren'd einer noch unmittelbaren Nachwirkung der kaiserlichen Worte, unter dem Zauber der Persönlichkeit des Herrschers standen. Fürst Bismarck und Kaiser Wilhelm II. find, ihrer staats'-- männischen Veranlagung, wie die Franzosen der Äourgetschen Schule sagen würden: ihrer sensibilite politique nach absolute Gegensätze. Bismarck war Realist, der Kaist ist Idealist p dieses Moment allein schon hätte bei der persönlichen Bedeutung! des Fürsten das Zusammenwirken beider auf die Dauer unmöglich gemacht. Ter Kaiser ist nicht der Mann von Maßregeln, die den Tag dem Tage verknüpfen. „Es ist mein Grundsatz", hak er im Jahre 1899 einmal gesagt, „überall, wo ich kann, neue Punkte zu finden, an denen wir ein fetzen können, an denen in späteren Zeiten unsere Kinder nnd Enkel sich ansbanen und das zu Nutze machen können, was wir ihnen erworben haben." Und im bewußten Gegensätze wohl znm Fürsten Bismarck hat er schon! im Dezember 1890 von dem Großen Kurfürsten, dem Flotten-- gründer und Kolonisator, gerühmt: „Er trieb Politik im großen Stile, weitausfchauend, wie man sie jetzt treibt."
Mit dieser Grundlage hängt ein Zug zusammen, der unter! allen, die sich bei eingehender Lektüre der Reden des Kaisers aus der gesamten Zeit seiner Regierung ausdrängen, am entscheidend- sten — und dem allgemeinen Zielbewußtsein gegenüber gewiß un- erwartet — hervorsticht: eine außerordentliche Zähigkeit im Fest-, halten allgemeinster politischer Ziele. Bor allem auf den Gebieten der Kulturpolitik tritt sie deutlich hervor: so in der immer und immer wieder nach gewissen Zielen hin aufgegriffenen und fort» geschobenen Schulpolitik, vornehmlich aber auch in der Kirchenpolitik, die konsequent von ganz bestimmten Vorstellungen der christlichen Kirche nnd des Verhältnisses der Bekenntnisse in ihr ausgeht. So aber auch auf Gebieten, wo selbst allgemeine An-- schauungcn bene Schwanken leicht ausgesetzt sein können, wie auf den» Felde der äußeren Politik; man erinnere sich hier nur der Unermüdlichkeit, mit der der Käiser für die Vergrößerung der Marine, als eines Instrumentes der Weltpolitik, wie er sie versteht, eingetreten ist, aber auch feines Verhältnisses zn England, Nation, Hof und Regierung. Es ist eine Selbstsicher-, beit und-Festigkeit der obersten Ziele, die genaueren Beobachtern schon früh als eines der entscheidenden Kennzeichen der kaiser-i jichen Persönlichkeiten anfgesallen ist: der Prinz war schon in jungen Jahren, auch in schwierigsten Fragen, er selber. Hinz-, pcter, der Erzieher des Kaisers, erzählt in der kurzen Charakteristik seines Schülers, die er »ach dessen Thronbesteigung veröffentlichte, unter anderem: „Tie Kirchenlehre wurde dem Prinzen geraume Zeit von einem liberalen und dann, nach plötzlichem! Wechsel, von einem streng orthodoxen Geistlichen vorgetragen. Tie gefürchtete Verwirrung der Begriffe trat keineswegs ein; die! eigentümliche Fähigkeit dieses in seinem Wege unbeirrbaren Geistes, überall das zu nehmen, was ihm zusagt, ließ ihn auch seine religiösen Vorstellungen aus bent gebotenen Material mit eigener Arbeit zu persönlichem Gebrauche zusainmensteUen." Indem aber so der Kaiser mit zäher Unverbrüchlichkeit fernen, ihm rein persönlich zugeborenen Idealen der inneren wie äußeren Politik znstrebt, zeigt er einen weit weniger starken Sinn für die Tnrchbildnng der konstanten Mittel, die zur Verwirklichimg! jener Ideale zu entwickeln und einzustellen wären. Vielmehr das Ziel stets im Auge, wechselte er rasch in der Wahl der Wege, auf denen seine Erreichung möglich erscheint; und mit dein Wechsel! der Wege fallen nicht selten alte Beziehungen, AnMipfungen, tauchen neue empor. Es ist der Zug der kaiserlichen Politik, der am ehesten auffällt; in oft unglaublich kurzen Zeiträumen toaita bei« sich ixe sekundären Kvnstellativnen, bie zu den allgemeinen nnd primären Zielen, fuhren füllen; und die außerordentlich entwickelte Affoziationssähigkeit der kaiserlichen Natur, ein echtes.


