/Xn den österreichischeit Universitäten gab es, als ich nach Prag kam, keinen gesellschaftlichen Zusammenhang unter Professoren. Vor 1850 waren sie infolge des ,Kvn- £Ä';,r bic erledigte Stelle wurde ausgeschrieben, die sich Meldenden einer schriftlichen und mündlichen Prüfling unterworfen, nach deren Ausfall bezw. nach deren guten Fürsprache besetzt — durch den Zufall zusammengewürfelt: manche waren aus der niedrigsten Volksschicht hervor- gegangen; Kriecherei und Unterwürfigkeit nach oben, .Hochmut nach unten war das Erbgut nicht weniger. Eine Folge der Verhältnisse war, daß einige unter ihnen Frauen ge- uommeu ha.ten, die ohne Bildung der guten gefellscoaftlichen Haltung entbehrten. Wie tief die Professoren in der Achtung standen, und bicy verdienten, beweist die mir nicht etwa von einer Person, sondern von den verschiedensten Seiten, auch von Professoren selbst verbürgte Tatsache, daß man es vor 1850 wagte, den Professoren, bezw. den Frauen, Geschenke anzubieten, wenn der Sohn, Bruder, Neffe und dergl. vor dem Examen stand. Reiche Advokaten/Gutsbesitzer usw. ließen cs sich viel kosten: goldene Armbänder, Broschen und dergl., Zigarren, Wein usw., auch Geld, je nach der Persönlichkeit bildeten das Mittel. Obwohl es vor 1850 keine Kollegiengelder gab, die Gehälter sehr klein waren, befanden sich namentlich Professoren der Rechte in der i.age Geld zu machen. Vom wissenschaftlichen Gesichts- punkte stand nur die Medizin hoch, die juristische Literatur und Lehre beschränkte sich auf die systematische Verarbeitung des gesetzlichen Stoffes mit mehr oder weniger äußerem Beiwerk. Prag galt als zweite, Wien als erste Universität, dre Folge ivar dasBersetztiverden namentlich von Lembera (seit 1846 auch Krakau) nach Prag.
Man begreift, daß die Berufung von Professoren „aus dem Reich«" seit 1850 einen Strich durch die bisherigen Anschauungen gemacht hatte, der „deutsche" Kollega manchem sehr unsympathisch war. Durfte man dies nicht hervorkehren, so äußerte es doch seine Wirkung nach Möglichkeit, t' .■ /*iwl) Prag fi'.ii!, gab es in der juristischen Fakultät 6 ordentliche Professoren und 2 Privatdozenten. Der einzige anßerösterreichische Deutsche war Chambon, welcher als Nachfolger von Schwanert int Herbst 1863 von P.ena nach Prag gekommen ivar. Er war ein durchaus wissouschaftlicher Manit, liebenswürdig, heiter, ein ansgc- j zeuhneter Lehrer, welcher die Liebe aller Zuhörer besaß.
rit1 eine wahre Bestürzung hervor; die Au- häugUchleit zeigte sich dadurch, daß eine Anzahl von Stu- I Eten die Leiche nach Jena begleitete. Auf deut Friedhofs haben diese, dann auch ein tschechisches Lied gesungen, was Veit Jenaern imponiert hat, wie der Deutsche ja dem Fremden überhaupt zujauchzt. An Chambons Stells traten Karl Esmarch und Brinz. Mit beide,t verband mich feste Freundschaft, .die sich im Briefwechsel bis zu deren Tode fortgesetzt hat."
«schon aus dieser Skizze, die Schulte von dem Milieu cniivirft, in welchem er hier anfangs wirkte, geht hervor, daß da Zustäilde herrschten, in denen der BureaukratismUs notwendigerweise üppig gedeihen mußte. Von seinem Walten berichtet Schulte erheiternde Episoden. So erzählt er:
, Aus allerlei Quellen flössen kleine Summen in die Universitätskasse, die sich ansammelten und schließlich dein Schicksal anheimfallen konnten, daß über sie vom Minister verfügt werde. Als ich Rektor war, hatte die Kasse eine ganz hübsche Summe. Nach den bestehenden Vorschriften konnte der Rektor über zehn Gulden in einer Protvkoll- unmntkr verfügen. Das Einlaufsprotokvll mußte in der Scuatssitznug vorgciragen werden. Bor Schluß des- Sln- dieujahres trug ich dem dies Protokoll führenden Syndikus auf: Nr. a) Schreiben Sie: Dem Syndikus 10 ff. Nr. b) Dem Aktuar 10 ff. Nr. c) usw. vom Syndikus bis zum untersten Pedell und so mehrere Male hintereinander, bis der Vorrat ziemlich erschöpft war. Als ich dies nun trocken in der Senatssitzung vorlas, Staunen und Ausrufe einiger früheren Rektoren: „Ja, wenn man das gc-
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wußt hätte," worauf ich lächelnd sagte: „Meine Sextett, das El des Kolumbus". '
Dieser Fall und der folgende mit dem Grafen Belcredr liefern den Beweis, daß mit Energie alles zu erreichen ivar.^ An Energie Hat. cs mir nie gefehlt.
Die Universität stand bezüglich der Bermögensverival- tnng unter der Statthalterei, war also für jede Kleinigkeit auf diese angewiesen. Naturgemäß führte das zu Mißständen, wie einige Beispiele beleuchten mögen. Im Winter 1855 ließ der Dekan-der philosophischen Fakultät für den Hörsaal Höflers ein Stehpult machen, weil Höfler das Sitzen nicht vertragen konnte, und zwar ohne Anweisung der Statthalterei, weil sonst Monate darüber hingegangen sein würden. Ob dessen an die Fakultät von der Statt- halterei ein Wischer „über solche Nngeziemlichkeit'eu und Ungehörigkeiten", der zur Danachachtung den anderen Fa- knltäten mitgeteilt werden mußte.
Im Karolinnm, worin sich die juristischen und medi- zimschen Säle, der Senatssaal, die Aula befanden, hatte im ersten Stockwerke der Professor der Tierarzneikunde einen Hörsal. In diesem war int heißen Sommer 1865 ein Pferdekadaver seziert und die Fleischabfälle in einen Abtritt geworfen worden, der keinen Abfluß hatte. Der Gestank war unerträglich, eine Eingabe an die Statthalterei fruchtete, nicht, da machte ich als Dekan eine direkte an den Statthalter Grafen Belcredi und bat ihn, sich „hineinznlegen". Er teilt dies in der Sitzung der Statthalterei mit, ist wütend über dieses Benehmen, wird aber vom anwesenden Landesmedizinalrat Professor Dr. Löschner aufmerksam gemacht, daß die Sache ctn Skandal sei, er über den Dekan; keine Jurisdiktion habe und riskiere, daß dieser, wemt er beit, geringsten Schritt tue, die Sache in die Oeffentlich- keit bringe. Und siehe, jetzt wurde sofort Wandel geschaffen.
Im Dezember 1868 unter meinem Rektorate kam der sonderbare Fall vor, daß der Leiter der Statthalterei, Frhr, v. Koller, Feldmarschalleutnant, das juristische Professoreu- kolleg anfforderte, einen Studenten vom Kollegiengeld zu befreien. Ich berichtete dies an den Minister und forderte! Remedur. Die Antwort war folgender in meinem Besitz' befindlicher Originalbrief des damaligen Uuterstaatssckre- tärs an mich:
„Euere Magnifizenz beehre ich mich im Auftrage Sr. Exzellenz vertraulich utitzuteilcn, daß in bezug auf die Einmischung der Statt- halterei in Kollegiengelder-Angelegenheiteit dafür gesorgt wurde, daß eine Wiederholung nicht zu befürchten fei. Eine offizielle Notifikation au die akademische Behörde glaubt mau mit Rücksicht auf die schwierige Lage des Leiters der Statthalterei nicht ergehen lassen zu sollen..
Mit vorzüglicher Hochachtung;
Euerer Magnifizenz ganz ergebener
In lins Glaser."
Wien, 28. Dezember 1868. ■
Es war richtig, daß die Verhältnisse schwierig, dis Tschechen damals aus Rand und Baud waren und deshalb! ein strammer Soldat zum Leiter der Statthalteret ernannt wurde. Koller war übrigens sonst ein praktischer Manu^ besuchte mich in meiner Wohnung, „nm die Maßregeln zu besprechen, welche geeignet seien, die Ruhe in der Uni» versität zu erhalten." Ich erklärte ihm, daß ich dafür; einstehe, daß sie nicht gestört werde unter zwei Bedingungen r 1. daß ohne meine Aufforderung kein Polizist die Universität betrete, 2. daß die Statthalterei keinen Studentenvereiu genehmige ohne ausdrückliche Zustimmung des Rektors. Er! ging darauf ein, hielt daran fest und nichts kam während meines damaligen Rektorats vor, das tut geringsten störend! ivar."
„An Energie hat es mir nie gefehlt." Wohl hatte Schulte das Recht, dies von sich zu behaupten. Energie,- aber auch Takt bewies er namentlich gegenüber dem tschecht- schcu Teile seiner Hörerschaft. „Persönlich — erzählt er —5 hatte ich unter der wachsenden nationalen Gereiztheit nicht


