Ausgabe 
26.11.1908
 
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'EMturteiZ Gesicht Verdüsterte sich nnb er antwortete: - Bon mir jedenfalls nicht!

Warum nicht?

Weil ich ihn nicht kenne; ich häbe ihn vor gestern, abend nie tzeseheir.

Das ist kaum zu glauben'. Für eine derartige Unternehnmng vertraut mail sich nicht dem ersten besten an; ehe man mit einem zusammen arbeitet, erkundigt man sich doch. . .

Nu ja, ich sage ja auch nicht, das; ich nicht 'ne Dummheit gemacht habe. Ich «lächle mir sogar die Finger deswegen abbeißcn. lind wissen Sie, ich las; es mir nicht ausreden, der Schwerenöter ist einer tont Kriminal gewesen. Er hat mir 'ne Falle gelegt, ich bin hineingegangen. Aber geschieht mir recht, warum war .ich so biinuir.

Du irrst dich, mein- Junge, sagte Lccog. Der Mensch ge­hört glicht zur- Polizei; ich gebe dir mein Wort darauf.

Ich glaube Ihnen! sagte Couturier nach einem langen prüfcn- deic Blick. Darum will ich Ihnen auch erzählen, wie es herge- gangcn ist: Gestern abend sitz ich allein in einen Wirtschaft, da vbcn in der Rue Monsfetard, und esse, da kommt der Bursche ilnd setzt sich ail meinen Tisch. Natürlich fangen wir an zu sprechen, und er macht auf mich den Eindruck eines Kameraden. Wie das Gespräch darauf kommt, weis» ich nicht mehr, genug, er sagt lmir, er habe Kleider zu verkaufen-. Ms der gute Kerl, der ich bin, führe ich ihn zu einem Freund, der sie ihm abkaust. -Das war doch ein Dienst, nicht tvahv? Also, natürlich gibt er einen aus, ich revanchiere mich, na, und von einem Gläschen zum- pudern, um Mitternacht sehe ich doppelt.

Tiefen Augenblick sucht er sich ans, mir von einem Geschäft z'n sprechen, das- uns alle beide auf eimual reich machen müsse, sagt er. Es handle sich darum, das ganze Silberzeug eines kolossal reichen Hauses nuszuräumen.Für dich ist dabei nichts zu risAeren," sagt er,ich übernehme alles, du brauchst mir blost gl» helfen, über eine Gartenmauer zu klettern; nachher musst dir Schmiere liehen'. Ich garantiere dir dafür, das; ich iir drei Reiseir mehr silberne Geschirre lind Schüsseln bringe, als wir tragen Minen." Das war verlockend, nicht wahr? Sie selber hätten an meiner Stelle sofort eingeschlage». Ra, wisse«» Sie, ich Nicht! Ich zögerte. So betrunken ich war, hatte rch doch Miß- trane-st. Aber der andere dringt in mich, er schwört, er wisse genau mit dem Hanse Bescheid, jeden Montag sei großer Galtr­abend; da würde es jedesmal spät, und die Bedienten liehen alles hermmliegen. Na, schließlich gehe ich mit ihm. 1

Eine flüchtige Röte überzog Leroqs bleiche Wange««.

Weisst du ganz bestimmt, fragte er lebhaft, daß, das Indi­viduum zu dir gesagt hat, den Herzog von Sairrrrense habe jeden Montag Empfang?

Ja, zum Tonnertvctter, sollte ich's denn ettva geträumt haben? Er nannte auch den Namen, den Sic eben sagten, etwas auf ense" wars jedenfalls.

Ein seltsamer Gedanke durchfuhr Lecog:

Sollte er es etwa sein-? Wären Mai und der Herzog von Sairmense ein und dieselbe Person?

Aber sofort verwarf er die Idee; er schstt sich sogar das» -er fortwährend sich von seiner lebhaften EinhildungMaft der- führen ließ.

Wozu mrch so märchenhafte Lösungen für so einfache Frage«! suchen?. Was war Ueberraschendes dabei, daß ein Mann, den er für einen Angehörigen; der vornehmen Gesellschaft hielt, de,« .Empfangstag des Herzogs von Sairmeufe kannte?

Aus Couturier war jedenfalls nichts mehr herauSzubriuge«. Er dankte ihm, schüttelte dem. Wachtmeister, die Hand, und ver­ließ, auf des alten Absinths Arm . sich stützend, das Pvlizeigebäude.

Denn Lecog, der uitcrmüdliche Lecog, hatte eine Stütze nötig!

40. Kapitel.

Nach einem so anstrengenden Tage- und Nach-twerk, wie die beiden Kriminalbeamten es hinter sich hatten, sollte mair meine», sie hätten ein unwiderstehliches Ruhebedürfnis gehabt. Aber Lecog Wurde von seinem verwundeten Stolz und.vor» einet letzten Hoff­nung wuf Erfolg aufrecht gehalten; der alte Absinth aber war wie einer jener alten Dr-oschkengänle, die gar nicht mehr «v-issm. Was Ruhe ist, und imutier weiter! und weiter trotten, bis sie er- schöpft Iusammenbrechen.

Sie gingen in Lecoqs bescheidene Wohnung, !v-o sie ihre Ber- Ucidung ablegtew; dann nahmen sie ein leidliches Frübstück ein, daS sie mit eiltet' guten Flasche Burgunder befeuchteten, uud machlen sich wieder auf den Weg.

Lecog hatte einen Einfall gehabt.

Ein Mann ist noch da, sagte er zum alt«!« MsinK bet- uns Mkest kann, ein Mann-, der! sehen wird, ms ich nicht geschen,

begretsetk ward, «vas tch nicht begriffen habe. Ihn wollen wir um Rat fragen, und nach feiner- Antwort werde ich mich richten. Vorwärts!

Die beiden Beamten begaben sich nach der Rue Saint-Lazare, ganz dicht beim Bahnhof, und fragten iir einem der schönsten; Häuser den Pförtner:

Herr Tabaret?

llnser Herr? Ach, der ist krank.

Ernstlich? fragte Lecog beunruhigt.

Hm, man weiß es nicht recht; er leidet an der Gicht. Und mit geheucheltem Bedauern setzte der Pförtner hinzu: Der Herr ist nicht vernünftig, ein solches Leben zu führen. Die Weiber düs ist gut, wenn «Mi« jung ist, aber in seinem Alter. . ,

Die beiden Beamten tauschten einen eigentümlichen Blick aus und begannen zu lachen, sobald sie dem Pförtner den Rücken ge­dreht hatten.

Die HausHältcrin, die ihnen auf ihr Klingeln öffnete, sagte, Herr Tabaret Nehme Besuche au, obwohl er das Bett hüten müsse.

In diesem. Augenblick jedoch, fügte sie hinzu, ist der Arzt bei ihm. Wollen die Herren warten, bis er fort ist?

Die Beamten bejahten und wurden von der Haushälterin! in! ein schönes Bibliothekzimmer geführt.

Tiefer Herr Tabaret, ein wohlhabender Hausbesitzer, beit Lecog um Rat fragen wollte, ivar auf der Polizeipräfektur be­rühmt wegen seiner wunderbaren Klugheit, wegen seines an das Unglaubliche grenzenden Scharfsinns. Man konnte indessen Nicht sagen, daß er 'der Präfektur als Beamter angehörte. Zn einem Amt gehört auch ein Gehalt, und Tabaret nahm niemals auch nur einen Sou an. Was er tat, geschah zum Vergnügen, zur Befriedigung einer ihn völlig beherrschenden Leidenschaft, es geschah um des Ruhmes, um der Ehre willen.

Er betrieb in Paris eine Jagd auf Verbrecher, lute andere in den Wäldern Wildschweine jagen, und er war der Ansicht, daß seine Jagd viel nutzbringender, vor allem aber auch viel aufregender fei. Bei einer solchen Denkungsart konnte es ihm natürlich an Feinden nicht fehlen. Für nichts arbeitete er fo viel, ja mehr, als zwei Inspektoren. Sein bloßer Name ver­setzte Gevrol in Zuckungen. Es hatte denn auch an Schikanen nicht gefehlt, und schließlich erschien Tabaret nur noch selten auf der Präfektur. Aber wenn man in der Rue Jerusalem gar nicht mehr aus noch ein wußte, dann sagte man:Wir wollen ,Tiran-> clirir' befragen".

Siefen Spitznamen verdankte er seiner Lieblingsphrase, die er immer im- Munde führte: Tas müssen wir malans Licht ziehen".

Vielleicht trug der Beiname dazu bei, das Geheimnis seiner polizeilichen Tätigkeit zu sichern. Bon seinen Freunden hatte keiner -eine Ahnung davon. Da er aber ein sehr unregelmäßiges Lebet« sühren mußte, wenn ee gerade einenFall" vorhatte, da er bei solchen Gelegenheiten recht sonderbare Besuche emp- sing, so hatte er Nach einem Deckmantel suchen müssen. Er hatte diesen gefunden, indem er eine seinem Alter recht wenig ange- «nefsene Leidenschaft für das weibliche Geschlecht vorschützte.

Sein Pförtner ließ sich dadurch ebenso täuschen, wie seine Freunde und Nachbarn. Man lachte nicht wenig über den alten Herrn, der ganze Nächte auswärts verbrachte, man nannte ihn Schürzenjäger" und gab ihm ähnliche schöne Ehrentitel. Aber, niemals kam jemand auf den Gedanken, daß Tirauclaiu und Tabaret eilte und dieselbe Person wären...

Diese ganze Charakteristik des alten Sonderlings ließ Lecog sich während des Wartens dnrch, den Kopf gehen, um feilte Hoff­nung daran anfzunchten. Endlich erschien die Haushälterin wie­der und führte die beiden Beamten in Tabarets Schlafzimmer.

(Fortsetzung folgt.)

Ernstes und helleres aus allen AniversitäLszeiten.

Wenn uns ein ernster Gelehrter, der jahrzehntelang von« Universitätslehrstiihl ans Tansenden von .Hörern Vor- getragen hat, Erlebnisse ans seiner Dozentenzeit initteilt, so sind das sicherlich Momente, die des Interesses wegen von vielen gewürdigt iverbett. Wenn nun der bekannte Kircheurechtslehrer Dr. Fviedr. von Schulte, ans dessen Prager ititb Bonner Zeit noch viele, viele seiner früheren Hörer mit Liebe uiib Hochachtung auf ihren alten Uuiversi- tiitslehrer blicke«», in seinen Memoiren (Gießen, Emil Roth) einiges Ernste und Heitere mitteilt, so wirb bas besonders einem großen Kreise von Interesse sei». In Nachfolgendem erzählt Schulte tit seiner schlichten, offenen Art über bie. Prager lsuivevsitätsverhältnisse: