Ausgabe 
26.11.1908
 
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Donnerstag den 26. Kovemher

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Herr Lecoq.

Kriminal-Noman ton E. GabvrlLü,

Nachdruck verboten, (Fortsetzung.)

Auf dem Flur erwartete der alte Lakai, der sich! nicht erlaubt hatte mit einzutreten, die Beamten. Er hatte jedenfalls Wei­sungen empfangen, denn er fragte sie höflich, ob sie nichts nötig hatten, und ob es ihnen nicht angenehm wäre, nach der anstrengen-- den Nacht eine Schnitte kaltes Fleisch und ciu Glas Wein zu genießen.

Des alten Absin-HZ Angen funkelten. Er dachte ohne Zweifel, man müßte in bi.,ent beinahe königlichen Palast wunderbare Sachen essen und trinken, wie er sie in seinem Leben noch nicht gekostet. Aber Lceoq lehnte mit kurzem Dank ab und verließ das Hotel Satrmeuse, seinen alten Kameraden mit sich ziehend. Der arme Bursche hatte das Bedürfnis allein , zu sein, allein mit seiner Wut und Verzweiflung!

Mai verschwunden, spurlos, wie in Luft aufgegangen! Bei diesem Gedanken glaubte er verrückt werden zu müssen. Das ton ihm selbst für unmöglich Erklärte war also eingetrctcn!

Sobald sie auf der Straße waren, trat er vor den alten .Absinth hin, kreuzte die Arme und sagte in scharfem Ton:

Run, Alter? was denken Sie davon?

Der Alte schüttelte den Kopf und sagte in aller Unschuld: Ich denke, Gsvrol wird sich die Hände reiben!

Leeoq zuckte zusammen wie ein verwundetes Tier.

Oho! Gövrol hat noch nicht die Partie gewonnen. Wir haben Mai verloren das ist ein Unglück. Aber der Komplize bleibt uns. Er ist sicherlich geschickt und dem andern ergeben, aber wir wollen sehen, ob feine Ergebenheit vor der Aussicht aufs Zuchthaus stand hält. Und Zuchthaus bekommt er sicher, wenn er schweigt und sich dadurch als Mitschuldigen des nächtlichen Einbruchs bekennt. Oh, ich bin unbesorgt, Herr Segmüller wird schon die Lösung des Rätsels auS ihm herausholen.

Und Lecoq schwang drohend die geballte Faust: dann setzte er in ruhigerem Tone hinzu:

Aber wir wollen auf die Wache gehen, wohin der Mann gebracht ist. Ich will ihn selber fragen!

39. Kapitel.

Es war bereits heller Tag, gegen sechs Uhr morgens, and !als Leoog und der alte Absinth auf das Polizeirevier kamen, fanden sie den Wachhabenden bereits tot seinem Tischchen sitzen und den Morgenbericht anfertigetr. Er drehte sich kaum nach ihnen um, da er sie in ihrer Verkleidung nicht erkannte; sobald er aber ihre Namen gehört hatte, streckte er ihnen sichtlich er­freut die Hand entgegen und rief:

Donnerwetter! ich wünsche Ahnen Glück zu Ihrem schönen Fang von heute nacht.

Was für ein Fang? fragten sie beide gleichzeitig.

Na, ton dem Individuum, das Sie mir heute nacht so pmchw toU verschnürt Uischickten.

Wieso?

Oh, Sie kennen also Ahr Glück noch gar nicht! rief bac Wachtmeister, laut lachend. Nun, dann hat der Zufall Sie gut bedient und Ahnen eine großartige Gratifikation eingebracht.

Ra, wen haben wir denn eigentlich gefangen? fragte bce alte Absinth ungeduldig.

-Einen Schurken ton der schlimmsten Sorte, einen ent-» sprimgeuen ZuchMuslev, der seit'drei Monaten vergeblich ge­sucht Wirb, und dessen Signalement Sie ganz gewiß in der Tasche haben mit einem Wort: Joseph Couturier.

Bei den letzten Worten wurde Lecoq leichenblaß: er mußt« sich auf einen Stuhl setzen und stammelte, anscheinend ohne zu wissen was er sagte:

Joseph Couturier! Joseph Conturier, ein entsprungener Zucht­häusler !

Der Wachim-eistw begriff nicht, warum Lewa so blas; wurdo und der alte Absinth ein so enttäuschtes Gesicht machte.

Hoho! rief er. Der Erfolg verdreht euch wohl die Köpfe. Der Fang ist ja allerdings famos. Ich sehe schon Gsvrvls lange Nase! Gestern noch behauptete er, er allein könne den gefähv- licken Kerl einfaugen.

Angesichts einer solchen Ironie des Schicksals fand Lew- plötzlich seine ganze Energie, wieder.

Sie müssen sich irren, rief er dem Wachtmeister zu. Der Mann ist nicht Conturier.

Ich irre mich nicht, beruhigen Sie sich. Sein AusfelM stimmt Zug für Zug mit der Beschreibung des Steckbriefs über- ein. Außerdem fehlt ihm, genau ivie es geschrieben steht, der kleine Finger an der linken Hand.

Oh, das ist ein Beine iS! seufzte der alte Absinth.

Richt wahr? Na, ich ioeiß aber noch einen besseren. Cou­turier ist ein alter Bekannter von mir; ich habe ihn schon 'mat eine ganze Nacht im Quartier gehabt, und er hat mich sofort iviedereMnnt, wie ich ihn.

Hiergegen war nichts zu sagen. Lewa wandte sich daher, in ganz anderem Ton, an den Wachtmeister mit der Frage:

Sie erlauben doch, Kamerad, daß ich ein paar Fragen ack unseren Gefangenen richte?

Aber bitte, so viel Sie wollen!

Unter Beobachtung a^Borsichtsmaßregeln wurde der Man« mit dem Filzhut aus der Arrcstantenzelle vorgeführt. Er tüdjel'te ganz freundlich, denn er hatte schon die ganze Sorglosigkeit des Gewohnheitsverbrechers wiedergefunden, der, wenn er einmal ver­lostet ist, gegen die Polizei leinen Groll mehr hegt.

Lecoq erkannte en ans den ersten Blick.

Ah, Sie sind's, sagte er, der es mir besorgt hat. Na, Sie können von sich sagen, daß Sie ein tüchtiges Handgelenk haben. Der Nacken tut mir noch weh von Ähren Liebkosungen.

Also, wenn ich Sie um einen Gefallen bäte, so würden Sie ihn mir nicht tun? ,

Öh doch! doch! Ich habe nicht mchr Galle als etn Hühn­chen, und Ihr Gesicht gefällt mir. Worum handelt es sich?

Ich utöchte einiges ilüer Ihren Kameraden von heute nachr hören,-