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bleich, schwankte, und mußte sich, um nicht hinznjinkcn, an die Wand lehnen.
Ah, Sie haben mir die Wahrheit gesagt! fuhr der Richter unbarmherzig fort. Wer ist dann dieser Mann, der auf Sie wartete, während Sie in der „Pfefferbüchse" waren? Wer ist! dann dieser Komplize, der nach Ihrer Verhaftung in die Schenke einzubringen wagte, um dort einen kompromittierenden Gegen- stand zu holen, einen Brief ohne Zweifel, von dem er Wichte, das; er in der Schürzentasche der Witwe Chupin sich befand? Wer ist dieser aufopfernde und kühne Freund, der beit Trunkenbold so gut vx spielen wußte, daß die Schutzleute sich täuschen ließen und ihn mit Ihnen zusammen einsperrten? Wollen Sie behaupten, daß Sie nicht mit ihm Ihr Verteidigungssystem verabredet hatten, daß er sich hierauf nicht des Beistandes der Witwe Chupin versichert hat?
Mer Mai hatte schoir mit einer übermenschlichen Anstrengung seine Selbstbeherrschung wicdcrgefuuden.
All das, sagte er mit heiserer Stimme, ist eine Erfindung der Polizei.
Segmüller hatte schon geglaubt, den Mörder schwach werden hu sehen, jetzt begriff er, daß noch mehr als ein Ansturm gegen diesen harten Charakter nötig sein würde; seine Stimme hatte daher durch/die getäuschte Erwartung einen schärferen Klang bekommen, falls er erwiderte:
Sie streiten osfenbar gegen den klaren Augenschein an! _
Ter Mörder war wieder fest wie Eisen geworden, ilnzweifel- haft empfand er eilt bitteres Bedauern über seine vorübergehende Schwäche, denn eine höllische Kühnheit funkelte jetzt aus seinen Micken.
Welchen Augenschein? ries er, die Brauen zusammenziehend. Der von der Polizei ersonnene Romjan ist wahrscheinlich, ich bestreite bas nicht. Aber mir scheint denn doch, die Wahrheit ist Mindestens ebenso wahrscheinlich ! Sie sprechen mir von einem Kutscher, der in der Rue du Chevaleret zwei kleine und blonde Frauen in seine Droschke ausgenommen hat . . . wer beweist aber, daß diese wirklich dieselben sind, die sich in dieser Unglücksschenke befanden?
Tie Polizei hat ihre Spuren auf dem Schnee verfolgt!
In der Nacht, mitten über ein von Schlammpfützen bedecktes, freies Feld, eine ganze Straße entlang, während ein seiner Regen fiel, und der Schnee schon auftaute! Das ist eine große Leistung!
Er streckte den Arm, gegen Lecog aus und fuhr in schneidend verächtlichem Ton fort:
Ein Kriminalbeamter muß ein großartiges Selbstvertrauen, oder eine wilde Sucht nach Maueement haben, um zu verlangen, daß man auf einen solchen Beweis hin einem Menschen den Klopf abschlägt!
Der lächelnde Protokollführer beobachtete den Angeklagten, Mährend er zugleich seine Feder über das Papier fliegen ließ.
Piff, paff, ins Schwarze! sagte er zu sich selber.
Furchtbar war in der Tat der Vorwurf, und er traf den jungen Beamten mitten ins Herz. Er vergaß den Ort, wo er sich befand, sprang wütend auf und rief:
Dieser Umstand wäre gar nichts, wenn er nicht das Glied einer langen Kette bildete, die. . .
Ruhe, Ruhe! unterbrach ihn Segmüller, und, sich zum Angeklagten wendend, fuhr er fort:
Das Gericht benutzt die von der! Polizei gesammelten Anzeichen nur, nachdem es sie geprüft und ihren Wert bemessen hat.
Einerlei, murmelte der Mann, ich mochte wohl mal diesen Droschkenkutscher sehen.
Seien Sie unbesorgt, er wird seine Aussage in Ihrer Gegeip- wart wiederholen.
Na, dann werde ich zufrieden fein. Ich werde ihn fragen, tote ers macht, um die Gesichter von Leuten zu unterscheiden, wenn es so pechfinster ist wie in einem Schornstein! Ohne Zweifel gehört dieser schöne Personenbeschreiber zum Geschlecht der Katzen, die bei Nacht besser sehen als bei Tage.
Er unterbrach sich und schlug sich vor die Stirn, als sei ihm plötzlich ein Licht aufgegangen.
Ach, bin ich dumm! rief ev. DH rege ich mir die Gall« auf wegen dieser Frauenzimmer, während Sie wissen, wer sie sind. Denn das wissen Sie doch, nicht wahr, mein Herr, ixt ja der Kutscher sie nach ihrer Wohnung gefahren hat?
Segmüller fühlte, daß er durchschaut war. Ein nnvergleicl)!- licher Schauspieler, hatte Mai diesen Satz im Ton der aufrichtigsten Einfalt vorgebracht. Aber die Ironie war offenbar, und natürlich erlaubte ev sich diesen Spott nur, weil er wußte, daß er hon dieser Seite her nichts zu befürchten Hatte.
Wen,n Sie konsequent sind, begann der RWeV wieder, so
leugnen Sie auch den Beistand eines Komplizen, eines — Kameraden.
Wozu leugnen, mein Herr', da Sie ja doch nichts von meinen Behauptungen glauben? Vor einem kurzen Augenblick bchnw- beiten Sie meinen Prinzipal, Mister Simpson, als imaginäre! Persönlichkeit, was soll ich also von diesem angeblichen Komplizen sagen? Oh, die Beamten, die ihn erfunden haben, machen ja eine famose Puppe daraus. Ohne Zweifel wird er nicht damit zufrieden sein, daß es ihnen das erstemal entwischt ist, und wird sich aus eigenem Antrieb noch einmal in ihre Klauen begeben. Diese Herren behaupten, er habe sich erst mit mir besprochen und hinterher mit der Wirtin. Wie hat er denn das angefangen? Demnach hat man ihn wohl, als! er ans meiner Zelle herausgelassenl war, mit der Alten zusammen eingcsperrt?
Der Protokollführer Goguet schrieb und bewunderte!
Das ist mal, dachte er, ein Bursche, der nicht auf dm Mund gefallen ist; der wird vor den Geschworenen keine Mvokatcnzunge nötig haben!
Kürz und yut, fuhr Mai fort, was liegt denn eigentlich gegen mich vor? Ein Name, Lachenenr, der von einem Sterbenden gestammelt wurde, Fußspuren in dem schmelzenden Schnee, die Erklärung eines Droschkenkutschers, ein unbestimmter Verdacht hinsichtlich eines Betrunkenen! Das ist alles? — Das ist gar nichts! ~
Genug! unterbrach Richter Segmüller ihn. Ihre Sicherheit ist jetzt groß, aber Ihre Verwirrung vorhin war noch größer. Was war die Ursache dieser Verwirrung?
Die Ursache! schrie der Mörder in einer Art Wut, die Ursache! Sehen Sie denn nicht, Herr, daß Sie mich fürchterlich, mitleidslos foltern, mich, den Unschuldigen, der mit Ihnen unc sein Leben kämpft? Seit so und so viel Stunden drehen Sie mich hin und her, ich liege sozusagen unter dem Fallbeil der Guillotine, und bei jedem Wort, das ich aussprvche, frage ich mich, ob nicht dadurch das Beil fallen wird. Meine Verwirrung überrascht Sie, und ich habe zwanzigmal das kalte Eisen an meinem Halse zu spüren vermeint! Hören Sie, eine solche qualvolle Strafe möchte ich meinem erbittertsten Feind nicht wünschen!
Er litt augenscheinlich furchtbar, man sah cs an seinen von Schweiß feuchten Haaren, an den großen Tropfen, die ihm unaufhörlich über sein bleiches Gesicht rannen, und die er von Zeit zu Zeit mit seinem Rockärmel abwischte.
Ich bin nicht Ihr Feind, sagte Segmüller freundlich; er hatte jedenfalls das letzte Wvrt des Mörders auf sich bezogen. Ein Untersuchungsrichter ist weder Freund noch Feind eines Angeklagten, er ist nur der Freund der Wahrheit und der Gesetze. Ich suche weder einen Unschuldigen, noch einen Schuldigen, aber ich will finden, tote die Sache sich verhält. Ich muß erfahren, wer Sie sind — und ich werde es erfahren.
(Fortsetzung folgt.)
Das kindliche Spiel.
Bon A. E i in e r.
Nachdruck verboten.
In beit ersten Lebensjahren, also vor bet Schulzeit des Kindes, ist das Spiel der Hauptinhalt seiner Beschäfti- ßungen und seiner Gedanken. „Spiele sind wichtige Kiein.g- teiten," sagt Gutsmuths, und er faßt sie richtig ans. Viele Menschen finden das Kinderspiel eine müßige Zeitverschwen- bnng, eine Spielerei, die ganz ziel- und zwecklos ist. Sie, verstehen jedoch nicht die Seele des Kindes und wissen nicht, welchen Schaden sie ihr durch Verweigerung des Spieles Sen. Obgleich das kindliche Spiel größtenteils nur eins
z ihmung der Tätigkeit der Erwachsenen ist, so ist es doch ein Beweis der Arbeitsfreudigkeit, die sich in dieser anmutigen Form äußert und nicht unterdrückt werden darf. Weil aber die Menschen jetzt so sehr auf den Erwerb bedacht sind, und nur das, was augenscheinlichen Nutzen bringt als richtig und gut anerkennen, so trüben sie durch allerlei Verbote und Gebote die goldene Jugendzeit. Darum können! viele Eltern die Zeit nicht erwarten, daß ihr Kind in dis Schule kommt, um hier den Ernst des Lebens schon kennen! zu lernen. Wie wertvoll das Spiel für ihr Kino ist, sehen! sie einfach nicht ein. Oder, wenn sie eine Ahnung davon! haben, verschließen sie sich dieser besseren Einsicht, nm ihren Erziehungsgrundsätzen nicht untreu zu werden. Indem das Kind das Tun und Treiben der Erwachsenen in seiner Weiss nachahmt, wächst es unmerklich aus seiner nur eingebildeten! Märchenwelt ins reale Dasein hinein. So gelangt es von! dem rein Aeußerlichen zu dem Kern der Sache und tut damit einen großen Schritt vorwärts. Das Mädchen bereitet sich durch das Spiel mit der Puppe, wie durch ihre Beschäftig


