1908
Montag den 26. Oktober
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Herr Lecoq.
Kriminal-Roman von E. ® ab ort du.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Des Richters Hieb war gut, aber die Parade war besser. Der lächelnde Protokollführer konnte sich nicht enthalten, eine beifällige Grimasse zu schneiden. Er war übrigens von vornherein stets auf feiten:i>ro Angeklagten — platonisch natürlich!
Kommen wir also jetzt zu den Vorgängen unmittelbar nach Ihrer Festnahme, fuhr der Richter fort. Warum haben Sie auf alle- Fragen b:c Antwort verweigert?
Ein wirklicher oder angenommener Groll funkelte int Auge des Mörders, und er brummte:
Ein Untersuchungsverhör ist wohl völlig hinreichend, nut aus einem Unschuldigen einen Schuldigen zu machen.
Ich ersuche Sie, in- Jhveur eigenen Interesse höflich zu bleiben! sagte der Richten streng. Die Beamten, die Sie verhafteten, haben bemerkt, daß Sie alle Formalitäten kannten nnd mit dem Gefängnis Bescheid wußten.
Aber, Herr Richter, habe ich Ihnen nicht gesagt, ich sei mehrere Male verhaftet und ins Gefängnis gesteckt worden, immer nur, weil ich keine Papiere hatte? Ich sage die Wahrheit, daraus werden Sie mir Lioch wohl keinen Fallstrick drehen wollen.
Er hatte feine Maske heiterer Sorglosigkeit abgelegt und kehrte jetzt einen mürrischen und unzuftiedenen Ton hervor. Er war aber noch nicht ans seinem Ungemach heraus, der ernstliche Angriff sollte erst beginnen. Segmüller legte auf seinen Schreibtisch ein Leinensäckchen nnd fragte:
Kennen Sie dieses?
Gewiß. Es ist das Paket, das int Protokollzimnür vom Direktor versiegelt wurde.
Der Richter öffnete den Beutel nnd schüttete die darin enthaltene Erde ans ein Blatt Papier.
Es ist Ihnen genau bekannt, Angeklagter, daß diese Erde von dem getrockneten Schlamm herrührt, der Ihre Füße bis zu den Knöcheln bedeckte. Der Kriminalbeamte, der diese Erde von Ihren Füßen abfchabte, hat sich nach der Polizeiwache beigeben, wo Sie die Nacht zubrachten, und hat festgestellt, daß zwischen dieser Erde nnd derjenigen, die den Boden des Arrestanten- lokals bildet, eilte vollkommene Uebereinstimmung besteht. Also haben Sie sich ganz bestimmt auf der Polizeiwache absichtlich schmutzig gemacht. Welche Wficht hatten Sie dabei?
Ich wollte... ,
Lassen Sie mich ausreden. Nachdem Sie sich entichlonen hatten, das Geheimnis Ihrer Persönlichkeit aufrecht zu erhalten, und sich für einen Menschen aus den niedrigsten Gesell, chaftv- klassen, einen Jahrmarktskünstlcr, auszugeben, da ftel Ihnen ein, daß Sie durch die Leibesimtersuchung verraten werden konnteii, wenn Sie bei der Einlieferung ins Untersuchiingsgefängins fu') tmsziehen müssen und ans Ihren unsauberen groben ausgetretenen Stiefeln so sorgfältig gepflegte Füße wie die Ihrigen heram kamen
— denn Sie pflegen Ihre Füße gerade so wie Ihre Hände, nnd die Nägel sind mit der Feile geglättet. Was taten Sie also? Sie schütteten den Wasserkriig auf den Lehmboden und traten mit den nackten Füßen im Schlamm herum.
Während dieser Bemerkung hatte Mais Gesicht zuerst Unruhe ausgedrückt, dann ein höchst komisches Erstaunen, dann Ironie und zuletzt eine offene Heiterkeit, die sich in einem Ausbruch tollen Gelächters Lust machte.
Ja, so gehts! sagte er, sich nicht an den Richtet, sondern an Secoq wendend, ja, so gehts, wenn man den Mond am hellest Tage sucht! Die Wahrheit ist sehr einfach: Als man mich auf die Polizeiwache brachte, hatte ich seit achtundvierzig Stundest die Stiesel nicht von den Füßen gebracht, davon wat ich sechs-- unddreißig auf der Eisenbahn gefahren. Meine Füße waren rot/ geschwollen und brannten mir wie Feuer. Was habe ich also gemacht? Ich habe Wässer darüber gegossen. Und weiter: ich habe eine weiße und. Zarte Haut, weil ich etwas auf meinen Körper halte. Außerdem trage ich, wie alle Leute meines Berufes, stets nur Pantoffeln. Das ist so wahr, daß ich nicht mal eigene Stiefel besaß, als ich von Leipzig abreiste, und deshalb gab mir Mistet Simpson dieses Paar alte, die er nicht mehr trug.
Lecoq hätte sich die Haare ausraufen mögen.
Dummkopf, der ich bin! dachte er. Elender alberner idio*. tischer Dummkopf! Ich hätte bis zuist Verhör warten müssen/ um diesen Umstand zur Sprache zu bringen. Als dieser gescheite Mensch mich die Erde aufheben sah, hat er meine Wsichtest erraten; er hat stach einer Erklärung gesucht und hat eine gesunden — und sogar eine plausible; das Schwurgericht würde sie gelten lassen. .
Genau dasselbe dachte Segmüller. Wer er war durch diese große Geistesgegenwart weder überrascht, noch in seiner lieber* zengung erschüttert.
Fassen wir unser Verhör zusammen! sagte er. Beharrest Sie, Angeklagter, bei Ihren Behauptungen?
Ja, Herr Richter.
Nun, so sehe ich mich genötigt, Ihnen zu sagen: Sie lugen!
Die Lippen des Mörders zitterten sichtlich, nnd er stottertet Ich will am ersten Bissen Brot ersticken, wenn ich auch nur eine einzige Lüge gesagt habe!
Eine einzige! — Warten Sie. .
Ter Richter nahm ans seiner Schublade die von Lecoq ab* genommenen Gipsabdrücke der Fußspuren heraus und zeigte ft£ dem Mörder.
Sie haben mir erklärt, fuhr er fort, die beiden Frauen waren gewachsen gewesen „wie Dragoner". Nun, hier sind die von diesen' so großen Fvaueit hiitterlassenen Fußspuren. Sie wärest „schwarz wie die Maulwürfe", behaupten Sie. Ein Zeuge wird Ihnen sagen, daß die eilte von ihnen klein und zierlich ist, eine sanfte Stimme nnd herrlich blondes Haar hat.
Er heftete seinen Blick auf die Augen des Mannes, und setzte langsam hinzu: , r, ,.
Und dieser Zeuge ist der Kutscher, nt besten Dro,chke die Heiden Fliehenden in der Rue du Chevalerct eingestiegen fink.
Dieser Satz traf den Angeklagten wie ein Beilhieb; er wurde


