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Nachttischchen stand und warf ein zerknittertes Papier auf die seidene Decke, die sie umhüllte. „Hier — und dann noch — dann noch —"
„Ebensolche Schäudlichkeiten! Ja, natürlich, Schänd- lichkeiten, wohin man sieht! Klatsch, Verleumdung! Und daß mein Weib daran glaubt, höchst ehrenvoll für mich!"
Die junge Frau sah scheu auf den Aufgeregten. Sie sah die durchfurchte Stirn, sah, wie seine Hände bebten und fragte endlich mit verhaltenem Atem:
„Ja — ist es denn nicht wahr, was da steht?"
„Nein," erwiderte Holdorf heftig. Dann langsamer, gequält: „Und doch — manches vielleicht — aber nicht so — nicht so — —" Er warf den zerknüllten Brief verächtlich auf den Boden. Nur einen einzigen Blick hatte er hinein getan.
Irma aber zuckte zusammen. O — soeben hatte sie wieder an ihn glauben wollen — und nun konnte sie es doch nicht. Sie legte den Kopf zurück und weinte. Da setzte sich Axel von Holdorf zu ihr und wieder klang seine Stimme ganz leise, aber sie war dunkel von Schmerz und Zorn:
„Irma — willst du dich um solcher Nichtigkeit willen von mir trennen? Nun gut — dann sollst du aber zum wenigsten wissen, wie meine Liebe zu dir ist! Nrm — sie würde niemals auch nur um ein Atom geringer werden, wenn feige schleichendes Spiel widersinnigsten Klatsches mein Ohr berühren würde. Und wenn du gesteinigt lägest :— nichts könnte mich von dir trennen — nichts im weiten All!" Der Mann schwieg, fast erschöpft von der eigenen Erregung. Die Frau lag regungslos. Eine Stille war in dem Raum, als halte selbst das Schicksal den Atem an. Dann ein Tom Ist es ein Wehefchrei oder ein Jauchzen? ^Äxel!" „Irma!" Der Mann kniete vor dem Bett seines Weibes und ihr Kopf lehnte an seiner Brust.
Zwei Wochen später wurde in Ober-Holdorf das Erntedankfest gefeiert und Inspektor König schmunzelte sehr vergnügt, wenn er auf seine Herrschaft sah. Freilich, die junge Frau Baronin sah recht blaß aus nach ihrer Krankheit, aber — die sollte hier schon ihre roten Backen wieder- kriegen. — Ja, der Herr Inspektor war vor lauter Seligkeit heute sogar in der Kirche gewesen und hatte dem lieben Rott sein Danklied gesungen. Das ging ihm nun, trotz allen Festlärms, den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf und des Abends, bevor die Leute auseinandergingen und die Herrschaft längst im Schloß weilte, machte er erst merkwürdig taktmäßige Bewegungen mit beiden Armen und plötzlich sang er mit dröhnender Stimme. Die Leute fielen ein und „Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren" stieg es zum dunklen Himmel empor, und drüben im alten Herrenschloß sangen zwei Menschen aus vollem Herzen mit — Glückliche — denen das schöne, reiche Leben aufs neue die Adern schwellte.
NsVMZschSs».
* Kakteen ohne Dorne n. Wir lesen im Stuttgarter „Neuen Tageblatt": Luther Burbank, der berühmte „Pflanzenzauberer" von Kalifornien, hat jetzt das Ziel langjähriger stiller Arbeit erreicht; es ist ihm gelungen, Kakteen ohne Dornen zu züchten, und die Früchte erweisen sich dabei überraschend wohlschmeckend. Dieser Erfolg des amerikanischen Züchters ist von unabsehbarer Tragweite; fast ein Viertel des gewaltigen Gebietes der Vereinigten Staaten, von Texas bis hinauf nach Kalifornien, bringt in gewaltigen Mengen Kakteen hervor und selbst die schauerlichen Einöden der weiten trockenen Staked Plain", in denen so viele verirrte Reisende verschmachteten und eines elenden Todes starben, find streckenweise mit ganzen Kaktuswäldern bedeckt. Tausende von Meilen weit erstreckt sich das Gebiet dieser Pflanze, von der ungezählte Abarten existieren, die aber bis heute noch unausgenützt bleiben mußten, weil es nie gelingen wollte, die saftige Pflanze rhres schützenden Stachelkleides zu berauben. Schon oft ist das Problem erörtert worden, die großen natürlichen Kakteenwälder auf irgend eine Weise nutzbar §it machen, und erft vor wenigen Jahren entsandte die amerikanische Regierung einen Sachverständigen, David Griffiths, der an Ort und Stelle die Chancen einer Kaktusausnützung erwägen sollte. Denn die Farmer des Südens hatten längst
erkannt, daß der Kaktus für das Vieh ein außerordentlich gutes Futter darstellen würde, wenn es gelänge, ihn seiner Stacheln zu entkleiden; es existieren auch bereits Hackmaschinen, die die Pflanze in kleine Stücke zerteilen. Dies Futter wird von dem Vieh, mit Vorliebe genommen, allein nicht selten richten die in her Masse enthaltenen Stacheln doch noch Verheerungen an, so daß man schließlich von der Fortsetzung dieses Experimentes absah. Trotzdem hat mancher Viehzüchter des Südens nur denk Kaktus es zu danken, wenn es ihm gelungen ist, in Jahren der Trockenheit durch die saftige Pflanze seinen Viehstand zu erhalten und bis zur Regenzeit hinüberzuretten. Der oben erwähnte Sachverständige der Regierung hat übrigens darauf hingewiesen, daß einige Abarten mexikan. Kakteen geradezu eine Delikatesse sind und als erfrischendes Obst von delikatem Aroma von den mexikan. Gutsbesitzern schon heute genossen wird. Auch zu Gelees und Fruchtmarmeladen kann der Kaktus verwendet werden; die Mexikaner, essen die jungen Schößlinge als Gemüse oder verarbeiten sie zu Pickles, andere Kaktusarten werden zu Süßwaren verarbeitet und gelten gezuckert als eine Delikatesse. Außerdem wird die kleine nußähnliche Frucht, die unmittelbar in der Blüte sich bildet, schon heute in den Vereinigten Staaten als ein schmackhafter Zusatz zu Salaten hoch geschätzt und sehr teuer bezahlt. Der glückliche Erfolg der Bnrbankschen Züch- tungsversnche eröffnet mit einem Schlage die Aussicht, diese üppig wachsende Pflanze auszunutzen imb die gewaltigen: Gebiete in Texas einer geregelten Kaktuskültur zu erschließen, jene großen weiten sandigen Wüsteneien, die bislang als ödes Brachfeld unbenutzt dalagen, da keine Pflanze hier die nötige Nahrung findet, um §it leben und sich zu entfalten, keine Pflanze als der Kaktus, der bis in das Herz der Wüste vordringend, hier bis zu gewaltiger Größe sich entfaltet und unabsehbare Hecken, Wälder und Büsche bildet.
Literatur.
— Dr. Julius Kapp: Frank Wedekind. Verlag von Hermann Barsdori, Berlin W. 80. — Frank Wedekind hat sich nach jahrelangem heftigem Kamps doch seinen Platz in der deutschen Literatur zu erobern gewußt, die Aufführung seiner die größten Geheimnisse der Menschheit behandelnden Werke sind Taten und Ereignisse in der Theatergeschichte geworden. Merkwürdig und seltsan:: Ihm, der sich mit redlichem Ernst und bemerkens- wertem Mut auf ein Gebiet gewagt hatte, das seither nur von leichtherzigen Schwankdichtern zu srivolen Späßeu bearbeitet worden war, ihm untersagte man die Aufsührung seiner Werke lange Zeit, obwohl die unartigsten Schwänke unbeanstandet blieben. — Kapp hat cs nun mit gutem Erfolg lmternoinmen, eine zu- sammenfassende Würdigung' de? Vielnmstrittcuen zu geben, die durchaus sachlich sämtliche Werke des Dichters ausführlich und verständnisvoll erläutert, ohne schnlmeisterlich zu werden. Tie an- genehine Ansdrricksweise des Verfasser? und die Uebersichtlichkeit des Merkchens, das anch auf die von Wedekind behandelten Zeitsragen eingeht, ist noch besonders zu erwähnen. K. N.
An- und Einsichten.
Der Erwerb soll dem Menschen nur insoiveit Zweck sein, als er Mittel zur Erfüllung höherer Zwecke wird, Mittel kür Gesundheit mib Arbeitskraft, für Genuß imb Macht, für Bilbung und Wohltätigkeit. v. Sybel.
Jeder große Fortschritt der Menschheit beginnt mit dein Zweifel und zeigt sich in einem Protest gegen überlieferten Dogmatismus.
Schmoller.
Denn das glaub ich lest: ein Weib ist das Mächtigste aus Erden, und in seiner Hand liegt es, einen Mann dahin zu leiten, wo Gott der Herr ihn haben will. Ibsen.
Rätsel.
Mit B ein gefährliches Tier;
Mit Dr ein ungesährliches gefährliches Tier;
Mit L ein ungefährliches Wasser;
Mit M eine gefährliche Veranstaltung;
Mit R eine gefährliche Sache;
Mit S das ist so eine — nicht ungesährlich;
Mit W eine Anstalt gegen Gefahr. -g.
Auslösung in nächster Nummer:
Auflösung der Charade in voriger Nummer: Trost, Rost, Ost.
Redaktion; E. Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Sleindruckerei, R. Lange, Gießen.


