Ausgabe 
26.9.1908
 
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EmköMssst.

Novellette von Clara Aulepp-StübS.

(Nachdruck verboten.)

In Ober-Holdorf rauschten die Sensen durchs Korn und die Halme fielen in langen Schwaden, lieber In­spektor Königs Gesicht aber legte sich ein Zug von Nach­denklichkeit, wenn er die Felder sah und dabei an seine Herrschaft dachte.

Wie? Die junge Fran Baronin reiste in der Welt herum tind kam möglicherweise nicht einmal zum Ernte­fest? Das mochte bei den großen Damen jetzt wohl so Mode sein, aber er, der Inspektor König, fand diese Mode sehr wenig nett. Geradezu greulich eber sand er den mit modernstem Kunstgeschmack eingerichteten, blaß­blauen Salon der jungen Baronin. Als er den Salon gesehen hatte, da führte der Inspektor despektierliche Reden, zu bettelt seine liebe Freundin, die Wirtschafterin, Frau Peißel, nur lachte.

Ja was wollen Sie? Die junge Frau Baronin ist eben ein feiner Luxusgegeustand und kann sich nicht nm Milchwirtschaft und Federvieh bekümmern," sagte sie. Na da möcht' ich bloß wissen, was sie den ganzen Tag wohl tut," brummte der Inspektor.

Nichts," war die lakonische Antwort der Peißel, die dabei mit einem verlangenden Seufzer an die schönen, neuen Bücher aus dem bronzebeschlagenen, weißlackierien Lese­tischchen der jungen Baronin dachte. Gott, sie las für ihr Leben gern Romane! Das blieb aber vor aller Welt ein tiefes Geheimnis, denn sie gehörte zu jenen, die das Lesen belletristischer Schriften als absolute Zeitversäumnis be­trachten.

Die gnädige Frau Baronin iveiß noch nicht recht, was sie will," sagte König eines Tages unwirsch.Eine junge Frau gehört doch ins Haus und zu ihrem Mann. Der Herr sieht so schon aus, als ob ihm etwas passiert sei," setzte er leiser hinzu.Hm er wird sich nach ihr sehnen!"

Kein Wunder in Afrika hat er ja die Frau lange genug entbehren müssen."

Axel von Holdorf sah auf die schon teilweise abge- ernteten Felder hinaus. Drüben, den Horizont grenzte ein Fichtenwald ab, der sich meilenweit erstreckte. Und dort, wo die Lichtung mit den Feldern zusammenschlug, hatte man mit dem letzten Schnitt begonnen. Die blitzenden Sensen sunkelten in der Sonne, Und auf den braunen Ge­sichtern der Schnitter perlte der Schweiß, aber unermüd­lich fuhren sie in ihrer Arbeit fort, so daß die Mädchen und Frauen, die die Garben zusammenbauden, ihuett kaum folgen konnten. Aber Lust und Fröhlichkeit herrschten da draußen, Trübsinn und düsteres Sinnen dagegen drinnen im Herrenschloß, das so still dalag, als sei es unbewohnt. Das lichte, schöne Gartenzimmer, die prächtigen Salons, das trauliche Gemach der jungen Schloßfrau alles war schon seit Wochen verschlossen.

Damals, als Irma sich nur wenige Tage von ihrem Gatten trennte, nm den kränkelnden Vater mit ihrem Besuch zu erfreuen, war es immer, als entströme ihren täglich. eintreffendeti Briesen eine Duftwoge von Liebe und Sehnsucht. Und jetzt? Fremd klangen ihre Worte hinein in ein heißes Mannesherz.

Die junge Frau vertröstete den unruhig Wartenden von Tag zu Tag. Sie hatte Unpäßlichkeit vorgeschoben und suchte offenbar immer denselben Vorwand, um noch länger fernbleiben zu können.

Axel von Holdorf fühlte sich niedergedrückt; tote eine finstere Wolke lag es über seiner Seele und eine Verstim­mung hatte ihn ergriffen, die er nicht loswerden konnte.

Irma toeilte in Berlin.

Ihm war, als ob ihr Fernbleiben mit einer geheimen Hetze zusammenhinge, die ihm kurz vor seiner Berhei- ratting, einige Zeit nach seiner Rückkehr aus Afrika, schon böse Stundeit gemacht, und plötzlich packte ihn eine fieberhafte Unruhe. Er hatte ja keinerlei Anhalt, aber er fühlte, daß die Kälte seines jungen Weibes nicht auf einer harmlosen Ursache beruhte.

Er trat eines Mittags beim Inspektor König ein. Der schaute überrascht auf.Herr Baron?"

Ich reife nach Berlin, lieber König."

Aber" Der Inspektor sah feinen Herrn verdutzt au und bemerkte einen düsteren Ausdruck in seinen Angen. »Und zum Erntedankfest?"

Bin ich natürlich wieder zurück. Das heißt ein unglücklicher Zufall könnte es vielleicht fügen--doch

nein wozu jetzt darüber reden." Er reichte dem In­spektor freundlich die Hand, die dieser mit beiden Händen warm umfaßte.

Ich erschrak bis ins Herz hinein," sagte er später zu der Wirtschafterin,der Baron sah so sonderbar aus, so ähnlich wie damals, als er sich auf Pistolen duellierte. Na, da ging alles noch gut ab, aber wenn's jetzt dazu kommen sollte, daun toer weiß"

Ach Gott, ach Gott, du möchte man ja gleich blu­tige Tränen weilten," meinte die erschrockene Fran Peißel.

Ein Sonntagmorgen brach herrlich an, aber Irmas Eltern hatten heute keinen Sinn für die Schönheit des­selben. Im Frühstückszimmer saß die Mutter allein.. Sie machte sich bittere Vorwürfe, ihrer Tochter zu diesem Be- stiche in Berlin zugeredet zu haben. Sie hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß Irma erfahren könnte, was man sich noch immer über ihren Mann zuraunte. Daß dieser Klatsch auch gar teilt Ende nehmen wollte!

Es War kurz vor der Abreise der jungen Frau ge­wesen und sie sah, wie sehr sie sich auf das Wiedersehen mit ihrem Gatten freute. Da war Irma von einem Aus­gang zurückgekommen.

Was würdest dn vazu sagen, Ma, wenn ich noch ein Weilchen hierbleiben möchte?"

Ja aber, Kind dein Mann"

Ach der wird sich nicht langweilen"

Dann in der Nacht, hatte sie die junge Frau stundenlang über sich schluchzen zu hören gemeint, aber als sie erschrocken aufgestanden war und an ihre Tür geschlichen, war alles still gewesen und auf ihre besorgte Frage, ob der Tochter etwas fehle, kam keine Antwort. Am Morgen lag Irma mit fieberheißem Kopf int Bett und klagte über große Schmerzen.

Der Arzt kam und sehr ernste Ständen folgten. Und jetzt ganz tränenlos, ertrug sie die junge Frau tapfer. Aber immer hatte sie ein herbesNein", wenn die Mutter von einer Mitteilung an ihren Mann sprach.Er soll nicht kommen nein, er soll nicht" Und nach wenigen Tagen schon zivang sie sich zu einem kurzen Brief, dem sie in regelmäßigen Pausen noch mehrere folgen ließ. Und das waren die Briefe, die Axel von Holdorf so nervös und unruhig machten.

Einmal entschlossen, reifte er noch mit dem Abendzug nach Berlin. Er sollte die Erfahrung machen, daß dort eine neue Sorge seiner wartete. Die peinigte ihn mit fürchterlichen Vorstellungen von Innas Leiden. Er setzte sich au ihr Bett und nahm zärtlich ihre Hände in die seinen.Was macht mein Liebling mir denn für Geschich­ten hier?"

Zuerst sah Irma müde an dem Gatten vorbei, aber dann lagen die größer gewordenen Augen plötzlich in stum­mem, seltsamen Forschen auf des Mannes Zügen, und es war, als trete ihr eine Frage auf die blasser gewordenen Lippen.

Aber sie sprach sie nicht ans, sprach überhaupt kaum. Das peinigte Holdorf unsäglich. Fast zaghaft sagte er nach einigen Tagen zu seinem Weibe:Nun fahren wir aber bald nach Hans, da ist es jetzt herrlich und mein Lieb erholt sich dort rascher." Ein zartes Rot huschte flüchtig über Irmas schmal gewordenes Gesicht, sie zerrte mit nieder­geschlagenen Augen nervös au den blauen Schleifen, die den weißen Spitzenkragen abschlosseu.

Ach der Doktor meint, ich könnte mit den Eltern an die See reifen"

Die Fran sah nicht den wehen Zug int Antlitz des Mannes. Schwer lehnte er am Fenster und starrte auf die Straße hinaus. Tiefe Bitterkeit überflutete sein Herz. Also über ihn hinweg hatte sie schon Bestimmungen ge­troffen ihn einfach beiseite geschoben wie etwas lieber» flüssiges. -

Einen Augenblick stand er fassungslos, dann wandte er sich langsam und sah ruhig in das nun wieder mit einer matten Blässe überzogene Gesicht seines Weibes. Seine Stimme klang ganz leise:

Warum willst du nicht mit mir gehen, Irma? Kann es denn etwas in der Welt geben, was uns trennt, sprich!"

Ja hier," sagte die junge Frau, öffnete mit zitternden Avaeru eins Att Schmuckkafsette, die auf bem