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nicht mehr so angestrengt auszupassen; niemand außer den Fliehen- den hatte seit dem letzten Schneefall diese öden Felder betreten. Ein Kind hätte den Spuren folgen können, so klar und deutlich waren sie.
Vier scharf unterschiedene Spuren liefen nebeneinander her; zwei rührten von den Frauen her, die beiden anderen von dem Mann, der einmal hin- und einmal zurückgegangen war. Mehrere Male hatte dieser seinen Fuß auf die Spuren der beiden Weiber gesetzt; cs ließ sich also der genaue Zeitpunkt fcstsetzen, wann er, spionierend, an die „Pfefferbüchse" herangekommen war. Ungefähr hundert Schritte vom Hause entfernt, packte Lecoq plötzlich scinen Gefährten am Arm und befahl:
Halt! wir kommen gleich an die richtige Stelle; ich wittere bestimmte Indizien!
Tiefe Stelle war ein verlassener Fabrikschuppen, der einem Bauunternehmer als Lager für seine Materialien diente; es waren vor dem Schuppen eine große Menge teils behauener, teils rohe Steinblöcke und viele grob zugehäuene Balken aufgestapelt. Vor einem dieser Balken, von dessen Oberfläche der Schnee abgewischt war, liefen alle Fußspuren zusammen und gingen ineinander über.
Hier, sprach der junge Polizist, haben unsere Flüchtlinge den Mann getroffen und mit ihm Rat gehalten. Eine von ihnen, und zwar die mit dem kleinen Fuß, hat sich hingesetzt.
Davon müssen wir uns noch erst näher überzeugen, sagte der alte Absinth, wichtig tuend. Aber sein Kamerad kümmerte sich nicht um seine Rede, sondern sagte:
Hören Sie, Alter, Sie werden mir die Freundlichkeit erweisen, vollkonimen ruhig stehen zu bleiben, geben Sie mir die Laterne und rühren Sie sich nicht.
Lccoqs vorher so bescheidener Ton war plötzlich so gebieterisch geworden, daß der wackere Schutzmann nicht zu widersprechen wagte. Wie der Soldat beim Kvmmando: „Still- gestanden!" nahm er die Hacken zusammen und blieb unbeweglich und stumnl stehen, mit neugierigen und verdutzten Blicken den Bewegungen seines Kollegen folgend.
Ter junge Polizist ließ den Strahl der Laterne nach jeder gewünschten Richtung spielen und untersuchte die Umgebungen ihres Standortes in einem ziemlich ausgedehnten Umkreis. Wie ein Spürhund, der eine verlorene Fährte sucht, ging er hin und her, drehte sich um, trat zur Seite, lief anscheinend zwecklos herum; er klopfte, kratzte an dem Erdboden, den Hölzern, den Steinen; er untersuchte sogar die kleinsten Gegenstände; zuweilen stand er, meist aber kniete er, zuweilen lag er platt auf dem Bauch, das Gesicht so nahe am Boden, daß unter seinem heißen Atem der Schnee schmolz. Er hatte einen Maßstab aus der Tasche 'gezogen und handhabte diesen wie der geschickteste Feldmesser; ermaß, maß'und maß!
Und alle diese Bewegungen begleitete er mit seltsamsten Gesten, als wäre er nicht bei Sinnen; bald fluchte er ärgerlich, bald lachte er kurz auf, als wenn ihm etwas Vergnügen machte.
Endlich, nachdem er eine Viertelstunde lang sich in so seltsamer Art herumgetummelt hatte, kam er zum alten Absinth zurück, setzte seine Laterne auf den Balken, trocknete sich die Hände am Taschentuch ab und sagte:
Jetzt weiß ich alles!
Oh, das ist vielleicht ein bißchen zu viel . . .
Wenn ich sage „alles", so meine ich damit alles, was sich auf diese Episode des bei der Witwe Chupin vorgefallcnen blutigen Dramas bezieht. Dieses schneebedeckte freie Feld ist wie ein großes weißes Blatt, worauf die von uns gesuchten Leute nicht nur ihre Bewegungen und Handlungen ausgeschrieben haben, sondern sogar ihre geheimen Gedanken, ihre Hoffnungen und die quälende Angst, von der sie getrieben wurden. Was sagen Ihnen, Papa, diese flüchtigen Spuren? Für mich sind sic lebendig wie die Menschen, von denen sie herrühren; sie sind beseelt, sie sprechen, sie klagen an!
Der alte Schutzmann sagte still für sich: Der Junge ist ganz gewiß intelligent und tüchtig; aber er ist übergeschnappt.
Ich habe also folgenden Hergang daraus gelesen, fuhr Lecoq fort. Während der Mörder sich mit den beiden Frauen in die „Pfefferbüchse" begab, ging fein Kamerad, den ich seinen Komplizen nennen will, an diesen Ort, um auf ihn zu warten. Ter Komplize ist ein Mann in mittleren Jahren, von großer Figur ■— wenigstens 180 Zentimeter hoch; er hat auf dem Kopf eine weiche Mütze, trägt einen dunkelbraunen Paletot von flockigem Tuch und ist wahrscheinlich verheiratet, denn er trägt einen Ehering nm kleinen Finger der rechten Hand.
Wilde Gebärden seines alten Kollegen zwangen ihn inne- zuhalten. Tiefe Personalbeschreibung eines Menschen, von bent man nur wisse, daß er existierte, diese genauen Einzelheiten, die
in einem Ton völliger Zuversicht vorgetragen wurden, warfep des alten Absinths Gedanken gänzlich über den Haufen und machten ihn abernrals völlig verblüfft.
Das ist nicht nett, knurrte er, nein, das ist nicht anständig! Tu sprichst mir von Gratifikation, ich nehme die Sache ernst, ich höre auf dich, gehorche dir in allem, und du machst dich über mich lustig! Wir finden was, nud anstatt der Sache nachzu- 0eilen, hältst du dich damit auf, dummes Gerede zu machen.
95ein, antwortete der junge Polizist; ich spaße nicht und habe Ihnen noch nichts gesagt, wofür ich nicht tatsächliche Gewißheit habe, nichts als die strenge unbestreitbare Wahrheit.
Und du verlangst, ich soll glauben--.
Haben Sie keine Angst, Papa, ich werde Ihren Ueberzengungen nicht zu nahe treten. Wenn ich Ihnen meine Untersuchungsmethode erklärt habe, tverden Sie über die Einfachheit des Ihnen jetzt unbegreiflich Erscheinenden lachen.
Meinetwegen denn! sagte der Biedermann in resigniertem Ton.
Wir standen, mein lieber Altor, bei dem Augenblick, wo der Komplize hier auf Wache stand und ihm die Zeit lang tvurde. In seiner Ungeduld ging er fortwährend die hundert Schritte vor diesem Holzschuppen auf und ab; zuweilen unterbrach er dieses eintönige Hin und Her, um zu lauschen. Ta er nichts hörte, stampfte er mit dem Fuß auf; ohne Zweifel sagte er zu sich selber: „Was zum Teufel macht denn der andere da drüben?" Er war ungefähr dreißigmal auf und ab gegangen — ich hab's gezählt — als plötzlich ein dumpfes Geräusch die Stille unterbrach: die beiden Frauen kamen angelaufen.
Bei dieser Erzählung Lecoqs kreuzten sich alle Gefühle, die ein Kind beim Anhören eines Märchens empfindet: Zweifel, Glaube, Bangigkeit, Hoffnung in des alten Absinths Gehirn. Was sollte er glauben und was nicht? Er wußte cs uicht. Wie sollte er das Wahre vom Falschen unterscheiden, da jede einzelne Behauptung mit gleicher Bestimmtheit vorgetragen tvurde? Andererseits konnte bei dem sicherlich ungeheuchelten Ernst des jungen Polizisten der Gedanke an einen schlechten Witz nicht aufkommen. Schließlich getvamr die Neugier die Neberhaud und er sagte:
Na, dann sind wir also jetzt bei den Frauen.
_ Mein Gott ja! antwortete Lecoq. Hier jedoch hört die Gewißheit auf; es sind keine Beweise mehr vorhanden, sondern; nur noch Mutmaßungen. Ich habe allen Anlaß zu glauben, daß unsere Flüchtlinge das Schankzimmer gleich beim Beginn der Rauferei verlassen haben, noch ehe das Geschrei erscholl, auf welches hin tvir herbeieilten. Wer sind sic? Darüber kann ich nur Vermutungen haben. Ich möchte aber annehmcn, daß sie nicht von gleichem Stande sind; ich denke, die eine ist die Herrin und die andere die Dienerin.
Allerdings, warf der Alte dazwischen, die Verschiedenheit ihrer Füße und des Schnhzeugs ist sehr ausfallend.
Diese sinnreiche Bemcrkimg entlockte dem jungen Polizisten ein Lächeln.
Diese Verschiedenheit, fuhr er sodann ernst fort, ist allerdings cttvas, aber nicht daraufhin habe ich mir meine Meinung gebildet. Wenn der gesellschaftliche Rang von der mehr oder minder großen Vollkommenheit der Hände und Füße abhinge, so müßten viele Herrinnen eigentlich Dienerinnen fein. Nein, mich brachte eine anders Beobachtung auf biefen Gedanken: Als die beiden armen Frauen entsetzt aus dem Hause der Chupin heransstürzcn, gewinnt die Fran mit dem kleinen Fuß mit einem Sprunge beit Garten, sie rennt davon, sie reißt die andere mit fort, sie eilt ihr voraus. Das Grauenvolle ihrer Sage an einem so verruchten Ort, die Augst vor einem Skandal, der Gedanke, daß fie ihren Ruf retten muß, dies alles verleiht ihr eine wunderbare Energie. Aber, wie cs zarten und nervösen Frauen immer geht, ihre Kraft hält nur für wenige Sekunden vor. Sie hat noch nicht die Hälfte des Weges von der „Pfefferbüchse" bis zu dieser Stelle hier zurückgelegt, da wird ihr Lauf schon langsamer, ihre Beins brechen unter ihr zusammen. Zehn Schritte weiter hin schwankt sie und strauchelt. Noch einige Schritte weiter, und sie sinkt nieder, so daß ihre Röcke den Schnee berühren und auf demselben' eine leichte kreisförmige Spur hinterlassen. In diesem Augenblick holt die J-rau mit den breiten Schuhen sie ein. Sie faßt ihre Begleiterin um die Hüften, stützt sie — ihre Fußspuren! vermischen sich — bann, da sie sieht, daß sie wirklich ohn- mächtig wird, hebt sie sie auf ihre kräftigen Arme und trägt sie und die Fußtapsen der Fran mit dem kleinen Fuß hören auf.
(Forlfetzuug folgt.)


