samstag den 26. ZepLemher
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1908 — Nr. \5\
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Herr Lecoq.
Kriminal-Roman von ®. Gabvria u.
Nachdruck verboten, (Fortsetzung.)
Donnerlitzchen! murmelte er, die eine von den Frauenzimmern hat einen netten kleinen Fuß aufzuweisen!
Er hatte recht. Die eine der beiden Spuren verriet einen niedlichen koketten schmalen Fuß, in elegantem Halbstiefelchen, mit hohen Msätzen und feinen Sohlen, die andere dagegen einen dicken kurzen, vorne breiter werdenden Fuß in sehr plattem, derbem Schuh.
Dieser Umstand wollte wenig bedeuten: trotzdem genügte er, Lecoq alle seine Hoffnungen wiederzugebcn. Mit klopfendem Herzen kroch er einen Meter weiter vor, um andere Spuren zu untersuchen, beugte sich darüber und ließ sofort einen Ausruf hören.
Was gibts? fragte lebhaft der Alte. Was hast du gesehen?
Sehen Sie selber, Papa! Ta!
Papa Absinth bückte sich und seine Ueberraschung war so stark, daß er beinahe die Laterne hätte fallen lassen.
Oh! rief er mit erstickter Stimme. Ein Männerfuß!
Stimmt! Und der Kerl hatte tüchtige Stiefel an. Was für eine Spur! Wie sauber, wie deutlich! Man kann die Nägel Köhlen.
Ter würdige alte Absinth kratzte sich wütend hinter dein Ohr; das war so seine Art, seine trage Einbildungskraft an- Kustacheln.
Aber wie mir scheint, brachte er endlich heraus, kam dieses Individuum nicht von der Unglückskneipe her?
Tas will ich nieinen ... die Richtung des Fußes spricht klar genug. Nein, er kam nicht von da her, sondern er ging dorthin. Er ist jedoch nicht weiter gekommen, als bis zum Fleck wo wir stehen. Er kam auf den Fußspitzen heran, reckte den Hals aus, spitzte die Ohren, da hörte er plötzlich Lärm, kriegt Angst, läuft weg.
Oder auch, mein Junge, die Weiber kamen gerade herausgelaufen, als er ankam, und da . . .
Nein, die Frauen waren schon außerhalb des Gartens, als er in diesen hineinging. (
Tiefe Behauptung schien dem braven Alten denn doch zu kühn und er sagte:
Na, na! Tas kann man doch nicht wissen.
Ich weiß es aber und sogar ganz bestimmt. Sie zweifeln, Papa! ... Ja, Ihre Augen werden eben alt. Kommen Sie ein bißchen näher heran mit Ihrer Laterne und Sie können sehen, daß hier — ja, ganz recht, da wo Sic mit dem Finger sind — der Mann seinen großen Stiefel gerade auf eine von den Spuren der Fran mit dem kleinen gesetzt und sie zu drei Vierteln ausgetreten hat.
Gegen diesen unwiderleglichen Tatbestand konnte der alte Polizist nichts sagen.
Nun fragt es sich, fuhr Lecoq fort, sind diese Schritte wirklich vonr Komplizen, auf den der Mörder wartete? Könnten sie
nicht von irgend einem Vagabunden sein, der etwa durch die Schüsse herangelockt war? . . . Das müssen wir yerausbringcN — und wir werden es herausbringen! Kommen Sie!
Ein Zaun von schräg über Kreuz genagelten Latten trennte das Gärtchen der Witwe Chupin vonr freieir Felde. Als Lecoq um das Haus herumgelaufen war, um dem Mörder den Weg abzuschneiden, war er auf diesen Zaun gestoßen und hinübergeklettert, um nicht zu spät zu kommen; er hatte sich nicht darum' bekümmert, ob ein Zugang vorhanden wäre. Aber es gab einen. Eine leichte Lattentür erlaubte aus- rnrd einzugehen und gerade auf diese Tür zu führten die Fußspuren, denen die beiden Polizisten folgten. Dies mußte dem jungen Beamten auffallcn; er blieb plötzlich stehen und flüsterte vor sich hin:
Oho! die beiden Frauen kamen heute abend nicht zum erstenmal in die „Pfefferbüchse"!
Glaubst du, mein Junge? fragte der alte Absinth.
Ich möchte es beinahe behaupten. Wie kann man eine Ahnung von diesem Ausgang haben, trenn inan nicht in der Spelunke Bescheid weiß? Kann man ihn wohl in dieser dunkeln Nacht, bei dem dichten. Nebel sehen? Nein! Denn ich, der ich, ohne mich rühmen zu wollen gute, Augen habe, ich habe ihn nicht gesehen.
Ja, das stimmt!
Die beiden Frauen aber sind ohne Zaudern, ohne herumtappen zu müssen, in gerader Linie darauf losgelaufen; noch dazu haben sie den Garten in schräger Richtung durcheilen müssen.
Ter Veteran hätte viel darum gegeben, wenn er gegen diese Bemerkung einen Eintvand hätte machen können; aber leider fand er keinen.
Tn hast, meiner Seel, eine eigene Art des Borgehens, knurrte er. Tn bist bloß ein Rekrut, ich bin ein alter Praktikus, ich habe in meinem Leben mehr Untersuchungen initgeulacht als du Jahre zählst, und niemals habe ich gesehen. . .
Bah! unterbrach Lecoq ihn, Sie tverden noch ganz was anderes sehen. Ich kann Ihnen zum Beispiel gleich verraten, daß, im Gegensatz zu den Frauen, die genau die Lage der kleinen Tür kannten, der Mann nur voin Hörensagen davon Bescheid wußte.
Na, na!
Tas laßt sich beweisen, Papa! Betrachten Sie mal genau die Fußtapfen des Kerls; Sie sind ja schlau genug und werden sofort erkennen, daß er einen teufelsmäßigen Umweg gemacht hat. Er war seiner Sache so wenig sicher, daß er mit vorgestreckten Händen nach der Pforte tasten mußte . . . mtb seine Finger haben auf der dünnen Schneeschicht, die den Zaun bedeckt, Spuren hinterlassen.
Ter gute Absinth hätte für sein Leben gern selbst danach gesehen, und er sprach auch davon, aber Lecoq hatte es eilig und sagte:
Vorwärts, vorwärts! Ein andermal können Sie sich von der Richtigkeit meiner Behauptungen überzeugen.
Sie verließen also das Gärtchen und folgten den Spuren, die in der Richtung auf die äußeren Boulevards, jedoch ein wenig rechts ab, nach der Rue du Patah zu liefen, Sitz brauchte^


