Mittwoch den 26. Rugust
1908
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Der Dorfkömg.
Roman von Karl Böttcher.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Der junge Mann reckte sich hoch auf, mit vollem Auge blickte er dem Vater in das' Antlitz. Die Aerme hatte er ein tvenig nach hinten gestreckt und die Hände schlossen sich Zu Fäusten.
So standen sich Vater und Sohn wohl eine Minute gegenüber, ein jeder des anderen Mast Messend, der eine aus seine Autorität, der andere aus das Recht sdiner Jugend bauend.
Endlich kam Leben in den Alten. lieber sein aschfahles Gesicht Zog ein verachtungsvolles Lächeln.
„Du Knabe!"--Er hob die Hand zum Schlage.
.Aber Hugo Zuckte nicht mit einer Wimper.
„Schlag zu! Mich machst du trotzdem nicht zum Sklaven!" — Das klang nicht knabenhaft, das war nicht kindischer Trotz, das war etwas wie Willem
Guttermann ließ den Arm sinken und Unerhörtes geschah: Der Alte ging auf Verhandlungen ein. Und wenn das auch alles spöttisch und überlegen klang — es waren doch Verhandlungen.
„Und was gedenkt mein Herr Sohn denn zu tun?",
„Ich studiere neuere Sprachen und Literatur und habilitiere mich dann als PrivatdoZent!!"
„So--das hast du dir nicht schlecht ausgedacht. Und
wer bezahlt den Spaß?"
„Du — !"•
Ein dröhnendes Lachen war die Antwort, aber kein ehrliches inneres Lachen, sondern gezwungenes und gesättigt- von Merger und Wut.
„Wenn ich nun sage: Nein — ich bezahle nichts?"
Hugo zog die Schultern hoch. „Dann muß ich sehen, wie ich mich durchschlage: — meinem Lebenswunsch entsage ich auf keinen Fall!" Der junge Mensch hatte sich aufgereckt. Der tiefe Ernst in seinen Zügen bezeugte, wie ihn sein Zukunftsplan durchdrungen hatte.
Der Alte überlegte eilten Augenblick.
„Ich will davon nichts mehr hören--verstehst du, kein
Wort!--Geh!"
Hugo verließ hochgehobenen Hauptes das Zrmmer.
Sein Gang hatte etwas Eckiges, Steifes, — und wie der Vater ihm nachblickte, loderte es in ihm heiß auf, ein warmes Gefühl; aber nur auf Augenblicke, dann legte es sich wieder kalt uM sein Herz. Der Gedanke: Der Junge ist wie ich, — blieb eben ein Gedanke.
Guttermann ging auf den Hof. Die blaue Mütze lag noch immer im Schnee. Das widerstrebte seinem Ordnungs- und Sparsamkeitssinn. Er bückte sich und hob sie auf’ Die böhmische Magd, die aus dem Gesindehaus kam, mußte die Mutze in das Herrenhaus tragen. Als sie Zurückkehrte, machte sie vor Gnttm- mann einen plumpen Knix und sagte: „Der junge Herr laßt vielen Dank sageiiIhre Annen blitzten vor Hohm
„Scher dich!" schrie der Alte und die Magd rannte in Angst durch die Schneegassen. Doch der Herr rief sie zurück und befahl ihr, den Kutscher Merlin auf sein ZimMer zu schicken. Er selbst ging wieder in sein Arbeitskabinett, wo schon Irene seiner harrte.
„Mit dir sprech ich später!" Eilends nmchte sich! das Mädchen davon.
Merlin erschien. Der Gutsherr trat ihm' mit erzwungener Freundlichkeit entgegen. Da atmete der Kutscher auf; denn solche plötzlich befohlenen Audienzen waren gefürchtet.
„Ich wollte dir nur Meine Zufriedenheit aussprechen, Merlin. Du bist von jeher ein gewissenhafter Mensch gewesen. Wie all bist bu?"
„46 — gnädiger Herr." — Des Mannes Gesicht glänzte vor Freude und Stolz und als ihm Guttermann noch dazu die Hand reichte, ward es feucht in seinen Augen. In all den Jahren, die er nun in des Talherrn Diensten stand, war ihm noch kein freundlich Wort gespendet worden, er war nur der dienende Knecht gewesen.
„Wie hoch ist dein Lohn?"
„15 Taler im Monat und die Wohnung."
„Du bekommst von jetzt ab 20, — verstanden?"
Der Alte kehrte dem Beglückten den Rucken, die Unterredung wär beendet.
Als Merlin draußen NM Fenster vorüberschritt, rißGntte» ntann den einen Flügel auf und rief: „Noch etwas, Merlin. Wie alt ist deine Magda?"
„16 wohl, Herr!"
„Hast du nicht tu Leipzig Verwandte?" ■
„Einen Bruder, Herr!"
„Morgen reist dein Mädel ab nach Leipzig, unter zwei Jahren kommt sie nicht wieder. — Das Reisegeld erhebst du auf der Hauptkasse!" .
Klirrend flog das Fenster zu. — Draußen aber stand ein gebrochener Mann, in sich zusammengcsunken, mit verglasten Augen nach dem Fenster starrend. Noch eben ivar es um ihn hell gewesen, leuchtend hell und in ihm auch, jetzt kroch e§ kalt und finster in sein Inneres. Die Helle hatte die Wärme verloren, die Freude war erstarrt. Merlin schlich an den Schneewänden hin nach seiner Hütte. Leise öffnete er die Tür, drückte sich in die Flur und an der Küche vorüber. Da drin saß Magda und rührte am Hirsengericht. Die irdene Schüssel auf dem Schoß, die Beine auf ein Holzstück gestemmt und die Knie hoch- gezogen — so saß sie neben dem Ösen und schaute verträum« oor sich hin. Wohl ohne daß sie es wußte, summte sie eine böhmische Bolksmelodie, die sie der Magd abgelauscht hatte.
Den Vater sah sie nicht.
Der schlich in die Stube der Hütte und setzte sich auf deck Bettrand. Ein einziges, trockenes Aufschluchzen erschütterte ihn, dann barg er den Kops in die Hände und stützte die Arme auf die Kniee.--Lange verharrte er in dumpfem Krüten- Endlich
hob er das Haupt und starrte um sich. Das war noch dieselbe Stube wie vorhin, noch dieselbe Truhe in der Ecke, noch derselbe Glasschrank mit den bunten Tassen — und doch war alles anders, so trostlos. Er grübelte und grübelte- Dieses Gefühl der Leere


