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lerehrgeiz geopfert, den Bruder zu verlieren, hatte ihr leid getan, und nun war gerade er der Unversöhnbare.
Noch einige Zeit und der Gedanke begann sie zu martern. Sie kannte und haßte biefeu krankhaften Seelenzustand, dein! sie schon zu oft unterworfen gewesen war, dies Hungern nach dem Versagten, diese schlaflosen Nächte, in denen die eine Vorstellung inti sieberuden Hirn festsaß und schmerzhaft aufzuckte, sowie der ersehnte Schlaf nahte. So hatte sie als Kind nach einem! Märchen lebe» voll Glanz und Pracht gelechzt, so hatte sie nach Ruhne gedurstet und um ibre verlorene Stimme gejammert, so hatte sic dem Gelieuiu.i nachgcweint und sich un« ihn in Sehnsucht verzehrt, so hatte sie, plötzlich in ihrer Liebe Schmach und Fehl sehend, in wilder Rene nach Vatcrsegcn. und Vergebung geschmachtet! — Sie fürchtete sich jetzt vor einer Wiederkehr dieses qualvollen Zustandes wie vor einer Krankheit und grub sich doch selbst immer tiefer hinein in die quälende, grübelnde Unruhe. Sie must auch dies Ziel noch erreichen, hinter welchem dann die vollkommene Glückseligkeit anhebt.
Wie oft sie diese schon hinter den Zielen ihrer Wünsche zu finden gehofft hatte, vergaß sie.
Die Ihrigen schoben es auf die Sehnsucht nach dem Gatten, daß sie nicht mehr so wohl aussah wie zu Anfang und allmählich zerstreut und unruhig wurde. Aber nrerkwürdigerweise empfand sie eben nur geringe. Sehnsucht nach dem fernen Geliebten und hatte die Befürchtung eines ihm bevorstehenden Unglückes ganz vergessen. Es war dies alles in den Hintergrund gedrängt worden durch den Gedanken an den Bruder.
Ta trat ein trübes Ereignis ein, welches ihn zwang, nach Rothaide zu kommen. Der Pastor hatte wieder ...... jener
Ohnmachtsanfälle, durch welchen er die Seinen niu,. . erstenmal in Sorge versetzte. Und wieder in der Kirche, auf den Stufen des Altars, an welchem er die Liturgie anstimmte. Grade in dieser Woche hatte er sich so wohl und rüstig gefühlt wie seit lange nicht. Es war, als sei eine schwere Last, die er bislang durchs Leben geschleppt hatte, von seinen Schultern gefallen, sogar seine Stimme gewann kräftigen Ton und sein Schritt Spannkraft. Ein leichtes, mit Schwindel verbundenes Unwohlsein, welches ihn schon tags zuvor erfaßt, hatte er deshalb auch nicht weiter beachtet. Run kam das Unglück so schnell und allen so unerwartet. Ta er das Bewußtsein nicht gleich wieder erlangte, trugen ihn einige junge Leute aus Wilhelms Sonntagsschule in das Pfarrhaus. Hier ivurde er auf sein Bett gelegt und alle Wiederbelebungsversuche, auf die man in der ersten Verwirrung nur verfiel, wurden, lange vergeblich, angewandt. Tie drei Töchter, Wilhelm und Edel- traut umstanden das Bett und warteten auf den herbeigeholten Arzt. Tiefer, ein alter Landdoktor, der seinen Wohnsitz in« benachbarten Hochwerth hatte, kan« denn auch beizeiten. Der Kranke kehrte zum Bewußtsein zurück, eine Untersuchung ergab Äußerste Herzschwäche. Still, ohne zu sprechen, aber mit dankbaren nnd freundlichen Blicken die Anwesenden betrachtend, lag er da, bis ein Suchen und Vermissen in sein Auge trat und er mit schwacher Stimme flüsterte:. „Mein Sohn!" —
Luise, die nervös zitternd und verstört am Fußende des Bettes lehnte, fuhr auf: „Man muß nach ihm schicken — augenblicklich!" — raunte sie Edeltmut fast herrisch zu. Tiefe schien die Erregung natürlich zu finden, sie wechselte mit Wilhelm einige Worte und wandte sich dann zum Kranken: „In vierzig Minuten kann er hier sein," sagte sie. Der lächelte dankbar.
Der alte Doktor verordnete einige Stärkungsmittel und vor allem die größte Ruhe. Nur eine, höchstens zwei Personen durften Mrzeit im Zimmer bleiben. Am Nachmittag wolle er wiederkommen. Er sah bedenklich drein, suchte aber die weinende Frieda durch die Bereicherung zu trösten, daß momentan keine Gefahr vorhanden sei. Tann ging er. Da es natürlich schien, daß Frieda beim Vater blieb, wurde Julchen in die Küche geschickt und Luise verließ mit Wilhelm das Zimmer. Er ging, sich auf seinen Stock stützend, über die Wiesen nach Hause und sie begleitete ihn ein Stück, ohne recht zn wissen weshalb. Sie war in fieberhafter Aufregung und sprach unzusammenhängend, so daß. er sie mitleidig ansah.
„Fassen Sie sich nur, liebe Fran von Loysen, Ihres Vaters Leben steht in des gütigen Gottes Hand — nimmt er es sich, so können Sie sich sagen, daß Ihr Hiersein ihn« die letzten Lebenstage erhellt hat. Doch. wollen wir Gott bitten, daß er ihn uns noch läßt."
Sie hörte kaum darauf. Tie Aufregung über das so nahe gerückte Wiedersehen mit dem Bruder überwog fast die Angst um das Leben des Vaters. Wann wird er kommen und wie wird das Begegnen fein ? — Ter großen Anspannung folgte
plötzlich Erschöpfung, die Knie zitterten ihr, sie blieb stehen und stützte sich aus ein Holzstaket. Wilhelms Mitleid wandelte sich in Sorge.
„Sie sind doch nicht krank?" — fragte, er — schattenhaft blaß, erschien ihm ihr Gesicht.
„Nein — nichts — nichts . . . oder doch, wenn Sie wollen. Ich bin. Anfällen von Herzkrämpfen unterworfen."
„Bitte, nehmen Sie meinen Arm, ich führe Sie wieder zurück ins Pfarrhaus."
„Es geht schon vorüber und hat nichts zu sagen."
Ehe er fein Anerbieten wiederholen konnte, war sie fort, Ihr war, als habe sie in« Torf einen Wagen rollen hören, Tas konnte er fein. Aber es war ein Fleischerwagen, der rasselnd daher kan« und an ihr vorüberfuhr. Im Flur stand eine Bank, auf diese setzte sie sich, angestrengt horchend und den Blick auf die Haustür gerichtet, die sie offen gelassen hatte. Traußen flogen die Schwalben durch die laue Luft und schwankten die grünknospenden Zweige der Linden in« Winde. Ter Himmel strahlte tiesblan über dem Scheunendach.
Ich muß noch heute mit ihm ins Reine kommen, dachte sie, und zog hier drinnen in« Uhlen, dunklen Hausflur fröstelnd die Schultern zusammen, ja, ich muß, denn das halte ich nicht länger aus. Ich will endlich zu vollkommenem Glück durchdringen! —
Ta siel ein dunkler Schatten auf die Steindiele — Kandidat Beckers breitschulterige Gestalt war ganz plötzlich in die Haustür getreten — er hatte den Wagen, der ihn geholt hatte, schon im Torf verlassen. Einen Augenblick stand er noch in vollem Lichtschein — sie sah das buschige, tiefschwarze Haar über der kantigen Stirn, das grobgeschnittene Luthergesicht erst von der Sonne beschienen, dann in den Schatten tauchen. Sehen konnte er sie nicht, er war zu geblendet und sie saß regungslos. Als er aber mit nur mühsam gedämpften, nngc- stümen Schritten an ihr vorübereilen wollte, schnellte sie empor und vertrat ihm den Weg. Sie hatte sich gesagt, daß sich dies Wiedersehen am leichtesten überwinden ließe, wenn sie ihm ohne Zeugen und wenn möglich mit froher Kunde entgegentreten würde, uird diesem Instinkt folgend, stieß sie jetzt mit heiserer Stimme hervor: „Tenke nicht das Schlimmste, Gotthard, der Vater ist. besser —"
Weiter kam sie nicht. Er fuhr zurück, ein ingrimmiger Blick traf sie, ein Blick, aus dem Zorn und Verachtung ihr entgegenstammte, — dann, ihre ausgestreckte Hand nicht beachtend, hastete er die Treppe hinauf, die unter seinen wuchtigen Schritten knirschte und krachte.
Leidenschaftlicher Zorn erfaßte nun auch sie.
„Gotthard!" — schrie sie ihm nach, aber er kehrte sich nicht um. Er war nun oben beim Vater. Was sollte sie tun? Ihm folgen war unmöglich. Sie ging in die Küche, wo Julchen mit rotgeweinten Augen hantierte, und sah hier den Vorbereitungen zum Mittagessen zu, ohne zu wissen, wo sie war. Nach einer halbe:« Stunde kam Frieda herunter.
(Fortsetzung folgt.)
KsMMgM.
Von Dr. med: Will). Kühn, Leipzig. Nachdruck verboten.
Wenn der Frühling ins Land kommt «md die Tage länger werden, dann denkt der Mensch auch. mehr als int Winter an seine Gesundheit, und vor allen Dingen verläßt er die dumpfen Räume des Hauses, um sich mehr in der frischen Lust aufzuhalten. Wir wissen ja, daß das im Winter ebensogut geschehen kann, und wir sehen es an den vielfachen Betätigungen des Winter- sportes, daß es auch geschieht, aber die meisten Menschen tvarten doch zu bleiern Zwecke auf den Frühling, der ihnen im Freien größere Bewegungsfreiheit gestattet als der Winter, namentlich wenn es diesem an Schnee mangelt.
Daun kommt auch die Zeit, in der an beit Arzt vielfach der Wunsch von Patienten herantritt, von überflüssigem Fett befreit zu werden. Aber dieser wird nicht immer in der Lage .sein, darauf einzugehen, denn cs ist nicht allzuselten, daß sich eine gewisse Fettleibigkeit bei völlig gesuitden Seilten entwickelt, und in deut Falle wäre es pflichtwidrig von ihm, wenn er zur Einleitung einer Abmagerungskur die Hand bieten würde. Außerdem ist wohl zu beachten, daß gerade bei der Fettleibigkeit die Berhältuifse oft sehr verschieden liegen, dem« cs gibt muskel- starke und muskelschwache, blutarme und blutreiche Fettleibige. Daher ist es falsche, wenn der Arzt überhaupt nicht um Rat gefragt, sondern auf eigene Faust eine Behandlung angefangen wird, die in irgend einem Buche zu finden ist oder nach der irgend ein Bekannter hat leben müssen. Wegen der großen Gefahr in Bezug auf Herz, Atmungs- und Berdauungsorgane müssen die Patienten dauernd unter ärztlicher Aussicht stehen, solange sie an der Fort-


