Ausgabe 
26.3.1908
 
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1908

Donnerstag den 26. MrZ

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Ketmuih Von Lonfen.

Roman von Ursula Zöge von SR a it t e n f f eL (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Er hwlte sein Reiseschreibzeug hervor und schrieb au Wil­helm, um ihm darüber zu berichten. Ter Brief wurde länger, tote er beabsichtigt hatte. Es tat ihm so wohl, sich einmal aussprechen zu können. Er hatte bisher intimer nur an Luise geschrieben. Was er empfand und innerlich durchmachte, blieb unerwähnt wie hätte sie das verstehen können! Wilhelm gegenüber brauchte er die Worte nicht so achtsam zu prüfen. Zu­letzt bat er, ihm Meinert zu schicken. Er wollte den Alten selbst in Königsberg abholen und dann mit ihm hierher zurüch- kehren.

Es war darüber Mitternacht geworden, aber er konnte nicht schlafen. Eine große Unruhe bemächtigte sich seiner, sowie er innerlich mit sich darüber im Reinen war, hier seine künftige Wohnstatt ztt gründen. So mag dem zu Mute sein, der sich freiwillig zur Strafabbüßnng meldet und hinter dem die Ge- fängnistür ins Schloß fällt.

Also hier!

Hier sein ganzes ferneres Leben, hier all sein Wollen und Können ausmündend in dem Ziel, ein Stückchen wildes Land der Kultur und dem Ertrag zugänglich zu machen.

Sv etwas wie dumpfe Verzweiflung erfaßte ihn. Freud­los öde erschien ihm diese Lebensaufgabe, unwirtlich dies Haus mit seinen hohen, düsteren Staunten, durch welche es wie Mo­derluft zieht.

Eins stand fest: Luise darf ihm nicht eher hierher fol­gen, als bis das HauS wohnlich geworden. Er berechnete, wie lange Zeit dazu wohl nötig sein weiche. Das war eine wohltätige Gedankenablenknng. Er sah im Geist ein Heer von Handwerkern in Arbeit, Maurer, Maler, Tapezierer, Dachdecker und Zimmerleute zogen ein und sie begannen hier das gemein­same Leben. Tie Idee hatte noch etwas Gespenstisches, aber er ging ihr tapfer nach und allmählich spannen sich die Bilder hinüber ins Traumhafte. Er träumte fein ganzes Leben durch-, tote es vor ihm lag uNd wie es in dieser Einöde verlaufen must nicht ganz unbefriedigend, !veil kütrstlich durch harte Arbeit und das Streben nach selbstgesteckten Zielen genährt, auch frei von den demütigenden Zufälligkeiten, beiten er da­heim in seinen Gesellschaftskreisen ausgesetzt ivörc aber doch ein Leben ohne Licht und Sonne, ein Leben in der Schatten­welt.

XXIII.

Am nämlichen Tage, da ihr Gatte Rothaide verließ, sie­delte Luise in die Pfarre über. Tiefe hatte ein freundliches Giebelzimmer, welches Frieda mit den Sachen der Mutter für die Erwartete eingerichtet und mit Blumen unb Bildern ge­schmückt hatte. Schon Tage vorher hatte das gute Mädchen Nur daran gedacht, wie sie der Schwester bett Aufenthalt im Hanse recht anheimelnd machen könne, und emsig trug sie herbei, was bisher wie ein. Heiligtum aufbewährt worden war

den schönen Nähtisch aus Nußbaumholz, den Glasschrank mit mancherlei Andenken, den mit rotem Tuch bezogenen Sessel, die kleine KoMmode, die Bücherbretter, ein Spiegeltischchen, Kästchen und Schalen. In zwei Meißner Vasen, Hochzeitsgeschenke befl Eltern, die bis letzt für unantastbar galten, prangten Nar- zissensträuße, und junges Birkenlaub iuar um den Spiegel ge­steckt. Im Fenster standen blühende Topfpflanzen, und bet! leichte Frühlingswind blähte die buntgemusterten Mullgardiueit.

Als alles fertig iuar, führten sie den Vater herauf. Er sollte erst seheir und prüfen. Frieda war es doch etwas bange geworden, ob sie nicht gar zu eigenmächtig gehandelt hättö kann sein, er bezeichnet ein oder das andere Stück als zu heilig zum Gebrauch. Aber nein, er äußerte kein Mißfallen, im Gegenteil, mit stiller Rührung sah er sich in dem Hellen Raum um, betrachtete die einzelnen erinnerungsreichen Sachen und sagte freundlich:Das habt ihr recht gemacht. Laßt sie hier Hausen. Ich meine, wer vergibt, soll ganz »ergeben, ohne Vorbehalt und ohne Knausern."

So war denn Luise eingezogen und hatte die erste Nacht wieder unter ihres Vaters Dach geschlafen. Morgens blickte sie aus dem Fenster über die jungen Bäume, die Straße und den Erlenhang hinab auf die Wiese, an welcher drüben der Gartenzaun des Herrenhauses hinlief, sah das rostbraune, viel- gieblige Tuch durch die Baumkronen schimmern und hörte die Stare pfeifen. Es war alles so unverändert. In dies hochi- gelegene Gelaß hatte sie sich oft geflüchtet mit ihren unruhigen Phantasien und Wünschen daß sie wieder hier war, er­füllte sie mit tiefer Genugtuung. T-as roar nun auch errungen tntb es blieb nur noch das eine das eine.

Sie hatte Zeit, hierüber nachzugrübeln. Zwar widmete sie dem Vater einige Stunden und erbot sich, Julchen im Fran- zöfischen und Klcwierspiel zu fördern aber es war doch für sie ein jeder Tag reich an leeren Stunden. An Lochen konnte sie vorläufig nicht schreiben, da er noch, tote seine Karten mel­deten, fast täglich seinen Aufenthalt wechselte, zum Lesen hatte sie keine Ruhe, Handarbeiten waren ihr verhaßt so mangelte es ihr an Beschäftigung, und in dieser Untätigkeit wurde der Gedanke, an denschmollenden Bruder" zu einer sie ganz beherrschenden Gewalt. Sein Fernbleiben empfand sie tote eine persönliche Beleidigung. Ihr Leben hatte sich so schön, so licht gestaltet so wunschlos stand sie der Zukunft gegenüber und nun drohte dieses Glück luicbcr getrübt zu werden durch eines Menschen Trotz. Nachdem sie mehrere Tage in ungeduldiger Spannung vergeblich gewartet hatte, schrieb sie ihm. Heimlich gab sie den Brief einem Boten mit die Ihrigen sollten nicht wissen, daß sie sich dem- Eisenkops gegenüber so iueit herabgelassen hatte, ihn um sein Kommen zu bitten. Der Brief blieb unbeauttoortet. Vielleicht hatte der Bote ihn verloren ober vergessen. Sie schrieb also mit der Post. Keine Antwort. Tie Kränkung trieb ihr die Tränen des Unmuts in die Angen und in ihr wuchs und wuchs das ungeduldige Ver­langen, den Störrischen zu besiegen. Wie durfte grade er so sein! Er, der einzige, an dem ihr einst etwas gelegen war. Vater, Mutter, Schwester hatte sie reuelos ihrem' Künsh»