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ist, daß er selbst zur Feder gegriffen hat, um sein Leben zu schildern, und zwar nicht erst in späten Tagen, sondern erstmalig in einer trüben Periode, als alles noch Fluß und Bewegung war und der unruhige Geist, der die geschilderten Ereignisse heraufbeschwor, noch in dem Schreiber selbst sein Wesen trieb. So gewinnen diese Bilder eine außerordentliche Lebhaftigkeit. Dazu kamen noch einige verstärkende Momente: sie sind in der rücksichtslosesten Offenheit geschrieben und ihr Verfasser war ein gebildeter Mann. Jenes bewirkt, das; sie ein Kiilturdoknment ersten Ranges, eine Fundgrube für den Sittenforscher darstellen — dieses, daß sie zu den besten literarischen Memoiren deutscher Sprache gehören. Freilich gelten alle diese Vorzüge nicht mehr für den fünften Teil; dieser itnirbe um des reuten Lebenserwerbes willen geschrieben und verliert sich in Kleinlichkeiten. Während der vier ersten Teile konnte ntnit noch immer hoffen, daß ein begabter Mensch für sein Leben eine starke Richtlinie werde finden können. Mit Recht hat Viktor Petersen, der Herausgeber der „Leben und Schicksale" (Stuttgart, Robert Lutz, Memoirenbibliothek, II. Serie, Band 14) sich auf den nur stellenweise gekürzten Abdruck der vier ersten Bände beschränkt und über die weiteren Schicksale Laukhards einen kurzen Neberblick gegeben.
Lankhard wurde im Jahre 1758 .zu Wendelsheim in R h e i n Hessen als Sohn des protestantischen Pfarrers geboren, dessett Patrott — der Kurfürst von Mainz Ivar. Lankhard läßt Feinen Zweifel darüber, daß der geistliche Fürst mit dergleichen Pfarrstellen einen manchmal skrupellosen Handel trieb: es kam vor, daß der Kandidat eine Maitresse des Erzbischofs heiraten mußte, um Kvrriere machen zu könnens Laukhards Vater unterschied sich von seinen Amtsbrüdern in mancher Hinsicht, auch darin, daß er ein stärkerer Kopf war. IN feiner Jugend Wolsfianer, war er allmählich ein Freigeist geworden, der schließlich noch auf ben „berüchtigten Spinoza" verfiel. Nach Lauk- hards Meinung wurde der Grunb ztt seinem ganzen unglücklichen Leben in ber schwachen Erziehung gelegt, die ihm zuteil wurde. Es war zu wenig Aufsicht und ztt viel Verführung durch Knechte und Mägde da. Maßlose Trunksucht, Häudelsüchtigkeit und Zotenreißerei werben immer wieber unterstrichen. Die einzige lichtere Episode in Lauk- hards Leben fällt auch itt diese Jugenbzeit: er verliebt sich in ein Mäbchen aus. katholischer Familie. Wer auch sein ganzer Charakter tritt hier schon zutage: seine bei- den Hauptzüge sind Grundsatzlosigkeit und Gleichgültigkeit gegen alle wärmeren Gefühle, vor allem dagegen, wirklich geliebt zu toerben. Sofort faßt er zwar ohne weiteres ben Entschluß, ber Familie seiner Freundin wegen heimlich katholisch zu werdett, aber die Zuneigung verfliegt auch bald, und sein ganzes Leben lang sucht er das Weib in ben gemeinsten Verhältnissen, unb seine erotische Auffassung läßt au Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
Es war für ihn bei seiner Beanlagung ein Unglück, daß er in jungen Jahren zur Universität kam. Der junge Theologiestudent kam nach Gießett. Vater Lauk- hard schickte Anno 1774 den erst Siebzehnjährigen mit einem Sack voll guter Wünsche und einem für die damaligen Zeiten ganz anständigen Wechsel auf die Lndwigs-Uni- versität zu Gießen, die zwar nicht durch wissenschaftliche Leistungen ihrer Mitglieder hervorragte, aber dafür in dem Rufe staub, neben Jena und Halle eine besonders treue Hüterin des „Komments" zu sein.
Was die wissenschaftliche Seite anlangt, so erzählt Lankhard, dessen Mitteilungen, wenn auch übertrieben, doch nicht vereinzelt dastehen, daß die Gießener Lehrstühle zum größten Teile jämmerlich besetzt waren. In ber theol. Fakultät war bie Orthodoxie vorherrschend ; Philologie und Orientalin waren schwach bestellt; in ber Medizin scheint es vor allem an genügenden Hilfsmitteln gefehlt zu haben, Und auch was Gießens Aristarch, der Literatur-Schmid, seinen Jüngern vortrug, erhob sich nicht über das Mittelmaß; doch regte er seine Zuhörer zur Bildung eines sind en tis ch en Li eb h a b er th e a t ers an und entzog sie hierdurch zeitweilig den entsetzlichen Orgien, bie in bett Stubentenkneipen, im „Rappen", im „Stern", der „Reiberei", den beiden „Bn sch er eien" und beim „Stan- genwirt Balthasar" gefeiert zu werden pflegten.
Es ist nicht angängig, das wilde Bursche n leben der Gießener Studentenschaft jener Tage zu schildern. Ein Bild mag sich der Leser nach den schönen
Versen machen, die ein Bekannter Laukhards, ein gewisser Hild aus Saarbrücken, damals niederschrieb. „Man kann daraus ersehen", sagt jener, „ivas für Eigenschaften man von einem honorigen Gießener Burschen gefordert hat." Hild definiert biefett, sowie fein Gegenbild, das wegen solider Eigenschaften von den Musensöhnen sogenannte „Drastikttm" folgenderntaßen:
Wer ist ein rechter Bursch? Der so am Tage schmauset, Des Nachts herumschwärmt, wetzt*) —
Der die Philister schwänzt,**) die Professores prellt, Der stets im Karzer sitzt, einhertritt wie eilt Schwein, Der überall besaut, nur von Blamagen rein.
Und ben man mit der Zeit, iücim er g'nng renommieret. Zu seiner höchsten Ehr' ans Gießen relegieret.
Das ist ein firmer Bursch; unb wer's nicht also macht, Nicht in den Tag ’nein lebt, nur feinen Zweck betracht, Ins Saufhaus niemals kommt, nur ins Kollegium, Was ist das für ein Kerl? — Tas ist ein Drastikum!
Die Roheit des deutschen Studententums, die sich erweisbar aus den langen und tiefen Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges herschreibt, und die erst unter dem veredelnden Einfluß der burschenfchaftlicheu Bestrebungen nachgelassen, hat Erscheinungen gezeitigt, die ans Unglanb-- liche grenzen.
Wie später die Bttrschenschaft, so traten schon damals die „Orden" für eine Besserung dieser Verhältnisse ein; sie versuchten es wenigstens, doch verfielen auch sie gar bald wieder in die hergebrachte Sittenlosigkeit, und ihre reformatorischen und humanen Bestrebungen verliefen im Sande.
Die Geschichte der Studentenorden hat etwas Geheimnisvolles, und diese Verbindungen haben durch ihr okkultistisches Wesen, das sie bet ben Behörden verdächtigte und ihnett vielfache Verfolgungen zuzog, selbst dafür gesorgt, daß auch bie Nachwelt über ihr Leben und Treiben so lange im unklaren war, bis vor allem bie Arbeiten des studentengeschichtlichen Forschers Wilhelm Fabricins eine bessere Würdigung der interessanten Erscheinung aubahn- ten. Zu den -Quellen, aus denen Fa'bricius schöpfen konnte, gehört nun in erster Linie wieder unser Lankhard, der das Ordenswesen in einer besonderen Schrift behandelt hat. Wem das äußerst selten gewordene Werkchen nicht zur Hand ist, kann sich übrigens nn der Hand der jetzt wieder allgemein zugänglich tuerbenbett Lankhardschen Lebensbeschreibung über das Treiben der verbreitetsten und mächtigsten dieser Verbindungen, des Amieistenordens, genügende Aufklärung verschaffen. Unser Held hat diesem Orden geraume Zeit angehört, wie auch einem landsmannschaftlichen Kränzchen ber Pfälzer, bessert Senior er gewesen, unb über dessen Verfassung und Lebensführung er gleichfalls recht unterhaltend berichtet.
Er war ein äußerst „firmer" Bursche, unser Friedrich Christian, der alle Tollheiten seiner Kumpane gründlich mitgemacht hat und daher als klassischer Zeuge zu reden weiß. Auch an ben großen „Auszügen" der Gießener Studentenschaft, in ben Fahren 1776 und 1777, von benen der erste nach Butzbach, der zweite ins Weil bürg i sch e ging, hat er teilgenommeu, und im Lager zu Gleiberg, wo bie Herren Kommilitonen wochenlang hausten, ist er einer ihrer vornehmsten Feldhauptleute gewesen. Auch einen eigenartigen Lehrstuhl hat er dort innegehabt: er ist nämlich „Professor der Zoto- logie" gemefett, und seine Kenntnis auf diesem Gebiete — das beweisen Laukhards Schriften leider zur Genüge — muß respektabel, auch die Originalität seiner Erfiu- bttngen erstaunlich gewesen sein. Wie schade, daß ber Phosphor bieses reichausgestatteten Gehirns in so elendem Feuerwerk großenteils verpuffte!
___ (Schlitz; folgt.)
*) b. h. mit dem Hieber auf bas Pflaster haut, daß bie Funken sprühen.
** ) b. h. anführt, indem er nicht bezahlt.
VevmischLss.
* Der b e tt t s ch e B a u e r u n d Ern st M o r i tz Arnbt. Im Januar 1815 beabsichtigte Arubt „lieber ben Bauernstand und seine Stellvertretung" eine 5 Bogen starke Abhandlung in dem „Preuß. Korrespondenten", einer Tageszeitung, zu veröffentlichen. Er wollte darin ben beutfchen Bauern lehren, baß ihm ber Zutritt zu Nationalversammlungen mit ebensoviel Recht gebühre, wie seinen


