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das eine," bat er, „hast du Helmuth ab
lange und gut
du dich auch freuen. Ich habe ihn recht lieb wirst mich ja nicht mißverstehen, wenn ich das ihn vom Fragen abgebracht zu haben, aber er
- ' Sie faß da mit künstlich besorgt.
„Sag mir nur gewiesen?"
Ein grenzenlos
„Da kannst, gewonnen. Tu sage."
Sie hoffte,
anhalten."
,Das hat er nicht getan?"
„Er benft gar nicht dran. Glaubst du, daß das ein Manu ist, wie der Leutnant Trauen ober Erich Prämien, die um ein Mädchen anhalten, weil es gelbe Zöpfe und blaue Augen hat, oder nachdem sie einen Walzer, mit ihr getanzt haben? — Nein, da
nach, bis sein seiner Sinn den ganzen Zusammenhang aufge-- spürt hatte.
Edeltraut wollte es, da sie ihn so in Gedanken verloren sah, benutzen, und sagte, ihm die Hand auf die Schulter legend:
„Und nun Gutenacht, Bruder, es ist Zeit."
Sie wollte schnell das Zimmer verlassen, er aber suhlte sogleich wieder die Hast heraus. Förmliche Angst erfaßte ihn.
„Edeltraut! Was ist das nur ? Tn verbirgst mir die Hauptsache. Was hat dich so erschüttert?"
Ta mußte sie denn heraus, die bittere Wahrheit:
„Luise, unsere Luise — die mir wie eine Schwester gewesen — die hier zu deinen Füßen gesessen und von dir des Griten und Schönen empfangen hat — war seine Geliebte!"
Und dann sank sie neben ihm auf die Kniee und weinte! bitterlich.
war doch noch nicht ganz ruhig.
„Es ist aber irgend etwas vorgefallen, Edel. Worüber habt ihr denn gesprochen? — Tu kamst verstört — verändert zurück. Ich sorge mich um dich."
Er nahm liebevoll ihre Hand. Sie stand jetzt neben seinem Sessel und schob ihm das Polster bequem.
„Mir fehlt wahrhaftig nichts. Bon mir war gar nicht die Rede. Wir sprachen über — wie war nur der Anfang? — Ja, Über Helenens Verlobung, und er lobte den Bräutigam und sagte, er sei tüchtig und solid, und ich sagte: also wie Sie! — Darauf sagte er, ich dürfe ihn nicht für besser und moralischer halten, Ivie er fei. . . ich habe ihn nämlich für einen Tugendhelden gehalten. Tu nicht auch?"
„Ich achte, daß er besser ist, als hundert andere, Edel. Nicht weil er nie gefehlt haben mag, sondern weil er über feinen ^Verirrungen steht und nicht unter ihrer Gewalt. Was hat er dir gesagt?"
„Er kam auf trie sonderbare Idee, mir seine Liebschaften herzuzählen. Ich will dir sagen, Wilhelm", sie wurde lebhaft Und sprach wärmer, „es hat ihm schließlich in meinen Augen Nicht geschadet. Als ein ungemein ehrlicher und, Wetfit irrend, so doch nicht leichtfertiger Mensch ist er mir aus seiner merk- würdigen und vielleicht unpassenden. Beichte hervorgegangen. Ich sehe immer mehr ein, daß er deiner Freundschaft wert ist."
„Helmuth, Helmuth," murmelte ihr Zuhörer, „das war so ganz wie du gehandelt."
Er schien gerührt und dachte den Beweggründen des Freundes
Lcmihm'd.
Es sind noch feilte hundert Jahre her, seit Laukhards Name in der gesamten deutschen Leserwelt eine große Rolle spielte, sogar darüber hinaus durch die Abenteuer,, die sein Träger bestanden hatte, bekannt war. F. Ehr. Laukhard wurde in eine der aufgeregtesten Perioden hui- eingestellt, die die westdeutschen Lande erlebt haben: die der französischen Revolution und der Napoleonischen Zett, und man muß es ihm lassen, daß er Sinn sür den Geist der Zeit hatte und Augen und Ohreu austat. Das Besondere
XVI,
Es regnete schon seit drei Tagen. In feinen grauen Schnüren stand das Wasser in der Luft, aus all den Drachenköpfen der Dachtraufen plätscherte es, und der Park mit seinen imposanten Eichengruppen stand verschleiert in Tunst, und Nebeln. Die Kinder saßen gähnend im Fenster und Lilly suchte Trost für die Langeweile dieses Sonntaguachmittags in dem erfolgreichen Bemühen, ihre Nase an der Glasscheibe platt zu drücken, an der das Regenwasser in breiten Bändern herabfloß. Tie Luft im Zimmer war bedrückt, und es schien, als hafte Feuchtigkeit an den Möbelstoffen und Portieren. Tie Hausfrau war in den Regionen der Wäscheschränke mit Visitieren und Aufräumen tätig, Recknitz, der sich um kein Wetter scherte, beaufsichtigte schon seit Stunden eine Grabenonlage, durch welche ein gefährdetes Feld vor Neberschwemmung gesichert werden sollte. Loysen hatte ihm bis jetzt dabei Gesellschaft geleistet, dann aber das Zwecklose seiner Gegenwart ein-, gesehen. Jetzt stand er, die Hände in den Taschen seiner Lodenjoppe, im anderen Fenster des Wohngemaches und dachte drüber nach, was ihm diese Tage gebracht hatten. Im ganzen nicht viel, und ein unbestimmtes Gefühl einer vorhandenen unfaßbaren Verstimmung beherrschte ihn. Er schob diese Depression lediglich auf den Einfluß des Wetters. Ten Tag nach dem Besuche der Haides hatte der Landregen angefangen. Er war trotzdem', in seinen weiten, weißen Regenmantel gehüllt, die Kapuze über dem Kvpf, nach Rothaide geritten, anzuschauen wie ein Beduine. Tort empfing ihn Enttäuschung. Tas Fräulein war wieder einmal in der Schäferei und der Herr nach einer schlaflosen Nacht sehr gequält von Nervenschmerzen. Loysen wollte wieder fortreiten, als Wilhelm selbst in der Haustür erschien. Gerade heute wollte er den Freund nicht abweisen und so verbrachte dieser eine Stunde mit ihm, halb als Krankenpfleger, halb als Gast. Er beklagte es, daß die Fahrt so schlechte Folgen gehabt. Wilhelm, immer freundlich und geduldig, schwieg dazu. Ta kam Loysen erst der Gedanke, die schlechte Stacht könne eine Folge seiner kühn gewagten Unterredung mit Edeltraut gewesen sein, die diese sicherlich dem Bruder berichtet hatte. Er drang in den Freund, ihm zu sagen, ob er ihm wegen seiner sonderbaren Beicht« zürne. Aber der erwiderte ernst und herzlich: „Im Gegeii- teil. Tas war so ganz wie mein Helmuth gehandelt — und sie achtet dich höher deswegen." — Damit war diese Sache abgetan, sie sprachen vorn« Familienglück der Recknitze, Loysen erzählte von seinem Paten, dem Kadetten Helmuth, den er von _ den Kindern der Schwester am meisten lieble '— und während dieses harmlosen.Gespräches, das er aus Schonung für den Leidenden absichtlich so harmlos erhielt, war ihm doch immer, als sähen ihn Wilhelms nur zu ausdrucksvolle blaue Augen traurig an. Er ritt fort, ohne Edeltrant gesehen zu haben, und der nächste Tag brachte ihm lvieder eilt Brieschen von ihr, mit der Bitte, heute und morgen nicht zu kommen, da Wilhelms Ner- ven völliger Ruhe bedürften. So schien denn, nachdem man ihn schon als völlig gekräftigt angesehen hatte, wieder eine jener Niederlagen bevorzustehen, bereit er früher so viele biirn> gemacht. Er beklagte ihn, aber noch mehr sich, dem jeder .Lag wertvoll war. Morgen reitet er auf jeden Fall wieder hin. —
(Fortsetzung folgt.)
denke ich doch höher von deinem Helniuth."
„Liebchen, du tust deinen beiden einstigen Freiern unrecht, glaube ich und was Helmuth betrifft, fo seid ihr doch nun schon lange und gut miteinander bekannt. Ich freue mich daran."
reich frag:
„Nun? Hast du mir nichts zu sagen, Kleine?
„Nicht heute — heute nicht!" — wehrte sie und ärgerte sich daun über ihw Hast und ihre Worte, ‘ die ihn ja unfehlbar beunruhigten, ihm, vielleicht 'die Nacht verderben würden.
.. . . „G»el!' Was ist? So fprich do/h!"
unglücklichem Gesicht und schwieg. Er wurde
erstaunter Blick traf ihn.
„Abgewiesen — Helmuth Loysen? Liebster! Natürlich hätte ich ihn abgewiesen, aber dazu müßte er doch erst um mich
Ms Edeltraiit bald darauf erschien, Annchen auf dem Arm, Lilly zur Seite, war sie ganz heiter und ruhig, fetzte sich zu Marie Anne und machte fick) mit der Kleinen zn schaffen, die sie noch nicht kannte und herzig sand.
Nur Wilhelm sah, daß sie geweint hatte, er fühlte auch ihrem ganzen Wesen die innere Unruhe ab, die sie sich so sehr bemühte, zu verbergen. Loysen bagegcit sah aus wie einer, der mit noch mehr Zuversicht als bisher ins Leben blickt.
Bald daraus ward der Wagen gemeldet, der Abschied war herzlich und Pläne häufigeren nachbarlichen Verkehrs wurden gemacht. ' ... .
Während der Fahrt faß Edeltraut ganz gegen ihre Art still und gedrückt. Wilhelm war ermüdeter, als er zeigen Wollte, und dabei von banger Sorge erfüllt. Was war zwischen den beiden erörtert worden? .
In Rothaide angekommen, sprang sie als erste eilend aus dem Wagen und lief sogleich in den Hof, um nach dem Rechten zn sehen Tas war auch befremdlich, daß sie es dem alten Diener überlieL für des Bruders Bequemlichkeit zu sorgen. Tie Großmutter entschwand in der Küche. Sie hatte mit Marie Anne einen Gang durch die stattlichen Wirtschastsräume des Schlosses gemacht und war noch ganz erfüllt davon. Sie bestellte das Abendbrot und schickte das Hausmädchen zur Schullehrerswitwe. Eine Aussprache über alles, was sie gesehen und gehört hatte, war ihr Bedürfnis.
Edeltraut kam erst zum Abendbrot herein. Sie hatte das seelische Gleichgewicht so ziemlich wiedererlangt, als sie aber 'dann mit Wilhelm in dessen Zimmer allein war und er. lieb-


