Ausgabe 
25.7.1908
 
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die Beherbergung und Beköstigung der Studenten, in ihre Mauern getragen.

In diesen Mauern aber erhob sich bald theologischer Streit. Zwischen den Professoren Flacius und Schnepf und Strigel andererseits entbrannte, von Flacius verschuldet, ein häßlicher Zwist über die Erbsündentheorie und endigte mit Einkerkerung der in der Disputation Unterlegenen. Während es in den anderen Fakultäten verhältnismäßig still zugeht, ist, entsprechend dein Geiste der religiös auf­geregten Zeit, die Theologie in lebhafter Bewegung und bringt auch immer wieder bedeutende Lehrer hervor, so bald nach der Jahrhundertwendedie preiswürdrge johan- neische Trias", als die Professoren Johann Maior, Johann Gerhard und Johann §imtttel sich hier zusammengefunden hatten.

An all den Meinungsverschiedenheiten und Geistes­kämpfen nahmen die Studenten lebhaften, und oft allzu tätigen Anteil. Ihr Jugendmut übersetzte oft genug die Geisteskümpfe in Handgreiflichkeiten und drückte so auf "mehr als ein Jahrhundert. hinaus dem Jenaer Studentenleben ein Siegel auf, das nur allzu kenntlich war. Denn während auf den älteren Universitäten das Burschen- und Kloster­leben die akademische Freiheit durchaus beschränkt hatte, war in Jena von Anfang an dem Studenten eine große persönliche Freiheit eingeräumt, der er, wie nicht anders zu erwarten, nicht ganz fähig war. Umsoweniger in der Zeit des 30jährigen Krieges, daalle Bande frommer Scheu" gelockert wurden und der Geist des Kriegszustandes und der Roheit sich leicht in der so freigelassenen akademischen Jugend festsetzen konnte. Dazu kam wohl auch, daß in Jena, obwohl es von Kriegsnöten nicht zu hart bedroht war, einige Unstetigkeit dadurch geschaffen wurde, daß die ganze Hochschule wegen Pestgefahr einigemale auswandern mußte..... Kurzum, mancherlei Gründe auch wohl

die Anwesenheit vielerälterer Semester" gerade in Jana wirkten dazu mit, in dieser kleinen Stadt, wo der Stu­dent dominierend war und sich deshalb sehr viel, ja mit­unter alles, erlauben durfte, ein Studentenleben erstehen zu lassen, das im 17. Jahrhundert wegen seiner Zügel­losigkeit von sich reden machte.

Waffentragen und Trinkwescn. . . dies waren fast wie heutzutage auch noch die Angelpunkte der studenti­schen Lebensäußerungen, nur daß beides in damaliger Zeit in erschreckender Weise ausartete. Bon Fleiß der Studenten war nicht viel zu spüren, die jüngeren wurden dank der be­kannten Einrichtungen desPennalismus" die Sklaven der älteren; sie mußten verhauen, eingeschüchtert und mittel­los wie sie waren den älteren dienen und ihnen alles abtreten: Ehre, Kleidung, Gewasfen. Sie duckten sich scheu an den Häusern herum, während der Bursch gestiefelt und gespornt, im spanischen Mantel und mit dem Degen einher­ging und den großen Mann markierte. Die Deposition, die sogar unter der Universität- Auspizien ausgeübt, in ihrer Prozedur etwas Erniedrigendes für den neuangekom- menenFuchs" hatte, trug das ihrige dazu bei beim Fechten wie beim Sanfen erging es dem armen Jungen schlecht. Die Burschen aber fochten und tranken auf dein Markt und auf offenen Gassen, ans den Dörferu der Um­gegend und auf ihren Buden; ja selbst hier und da bei ihren Professoren, bei denen sie in Pension waren. Raufereien, Mord und Totschlag waren an der Tagesordnung, sowohl untereinander als gegen die Bürger und die Miliz. Wurde das Bier teurer, so warf man die Fenster ein, und die nächt­lichen Scharmützel hörten nicht auf.

Daneben aber fern von dem Treiben dieser teils rohen, teils renommierenden Hochschulbummler förderte der fleißige Lehrer und Student, wie es uns z. B. aus dem Hause, des Professors Gerhard bezeugt wird, viel Arbeit zutage und mehrten nnd förderten die Wissenschaft, die blühte und gedieh. Ja es waren derer recht viele, nur daß der stille Studio die Welt nicht so mit seinen Taten ansüllte. Diese webten und wirkten still und halfen doch allmählich auch den landsmannschaftlichen Studenten, der später fast allein noch die Traditionen der Wildheit be­wahrte, einem gesitteteren Leben entgegenzuführen.

So ging die Universität Jena ihrer ersten Blüte zu Beginn des 18. Jahrhunderts entgegen. Eine ganze Reihe berühmter Lehrer freilich mehr Sammler und Poly­historen als bahnbrechende Forscher übte eine große Anziehungskraft aus, und das kleine Städtchen konnte selbst bis zu 3000 Studenten in seinen Mauern sehen, gewiß eine

erstaunlich hohe Frequenzzahl, von der uns da berichtet wird. Nach dem siebenjährigen Kriege nahm die Zahl etwas ab, blieb aber immer noch beträchtlich und hob sich dann wieder, als zu Ende des 18. Jahrhunderts die zweite, größere Blüte der Thüringer Hochschule einsetzte, die sich an die Namen Schiller, Fichte, Schelling und Hegel knüpft.

Denn es regierte ein Herzog von Weimar zu jener Zeit, der für Geistesfreiheit und geistigen Hochstand Sinn hatte, Carl August, der Dichterfreund, und dem es daran gelegen war, in Jena die Koryphäen des Geistes zu sam­meln. Das gelang ihm denn auch glänzend. In den zwanzig Jahren 17901810 sah die Thüringer Hochschule die be­deutendsten Männer jener Zeit als Lehrer auf ihren Ka­thedern. Die berühmten Theologen Döderlein, Griesbach und Paulus eröffnen den Reigen, die Juristen Hufeland und Thibaut, die Mediziner Loder und Ehr. Will). Hufeland schließen sich an, und von besonderem Glanze war die philo­sophische Fakultät. Da lehrte der berühmte Reinhold, der wie selten ein Professor die uneingeschränkteste Liebe der studentischen Jugend sich gewann; diesem folgte Fichte (179499) und nach dessen Aussehen erregender, durch Miß­verständnisse und Eigensinn herbeigeführten Amtsentsetznug wegen atheistischer Lehren dann Schelling (17981803) und Hegel (18011806). Mas diese führenden Geister für Deutsch­lands Wissenschaft und mithin zugleich für die Jenaer Uni­versität bedeuteten, ist zu bekannt, als daß darauf, ebenso­wenig wie auf Schillers begeisternde und ideale Lehrtätig­keit, im einzelnen hier näher cingegangen werden müßte.

Was aber diese Männer auch für die Geistes- und Herzensbildung der Jenaer Studenten bewirkt haben, das zeigt sich mit vollster Deutlichkeit in der einen Tatsache, daß 1792 eine von den Studenten ausgehende Bewegung zur Abschaffung des Duells einsetzen konnte mit einer Eingabe, die von mehr als 300 Studenten unterzeichnet war. Durch merkwürdige Verkettung von Umständen und ungeschickte Behandlung von oben kau: es zu Unruhen über diese Angelegenheit, zu einem Wachstum der Studenten­orden statt ihrer Unterdrückung, zu größeren Tumulten und endlich zu dem Auszug der Studenten am 19. Juli 1792 nach dem in der Nähe gelegenen, damals kurmainzischen Dorfe Nohra, von wo sie nach diplomatischen Vermittlungen zum größten Teil erst am 23. Juli zurückkehrten.

Aber der bessere Geist in der Studentenschaft !var lveit genug ausgebildet nnd kräftig genug, auch diese letzten Zuckungen zu überwinden und allmählich in diejenigen For­men überzugehen, die wir in ähnlicher Weise heute noch! finden.

Da loderte der Burschengeist noch einmal zu höchsten Höhen aus. Der Jenaer Student war zu einem für alle Ideale kämpfenden Patrioten geworden, der seine Freiheit für hohe Aufgaben der Aufklärnng, der Begeisterung, ja für die vaterländische Tat selber nutzbar machte. Die Je­nenser traten meist in Lützows Freikorps und kämpften heldenmütig für das Vaterland, viele ihr junges Leben als Pfand hingehend. Geläutert iiitb männlich erhoben kehr­ten die Sieger zurück und unzufrieden mit dem klein­lichen Geist der Renommisten nnd Stutzer der Zeit der Er­niedrigung wollten sie das studentische Leben in neue, höhere und reinere Formen gießen. Es ist die Zeit der bekannten Gründung der deutschen Burschenschaft in der Tanne" zu Jena, lvo ein neuer deutscher Gedanke zuerst Fuß faßte unter der Jugend und sich ausbreitete auf die akademische Jugend anderer Hochschulen. Die Wärtburg- feste hielten den Gedanken wach und war auch viel Gären, Stürmen und Drängen dabei, so hat diese Begeiste­rung iinb diese Jugenderziehung doch recht behalten und gutes gewirkt zum Ruhme Jenas und in majorem gloriam und zum Segen des größeren Vaterlandes. Aber es folgte als gewisser häßlicher Nachklang die Ermordung Kotzebues durch den Studenten Sand. Die dem freiheitlichen Geiste Jenas schon lange abholden orthodoxen Kreise Deutsch­lands brachten diese unselige Tat eines Einzelnen, weil er zuletzt Jenaer Student gewesen war, mit dem Geist der Gesamtstudentenschaft Jenas in unauflösliche Verbin­dung und agitierten gegen die Universität. Die große Blüte der Thüringer Hochschule war vorüber, ihre Bedsu- tung schien zu sinken, und ihre Frequenz, die Ende deÄ 18. Jahrhunderts noch etwa 1000 betragen hatte, sank lang­sam aber stetig, bis 1835 auf 600; sie sank auch weiter, so daß sie sich von da bis 1880 um 400 bis 500 bewegte. Von da an aber ging sic allmählich bis 1902 auf 700 hinauf