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die Beherbergung und Beköstigung der Studenten, in ihre Mauern getragen.
In diesen Mauern aber erhob sich bald theologischer Streit. Zwischen den Professoren Flacius und Schnepf und Strigel andererseits entbrannte, von Flacius verschuldet, ein häßlicher Zwist über die Erbsündentheorie und endigte mit Einkerkerung der in der Disputation Unterlegenen. Während es in den anderen Fakultäten verhältnismäßig still zugeht, ist, entsprechend dein Geiste der religiös aufgeregten Zeit, die Theologie in lebhafter Bewegung und bringt auch immer wieder bedeutende Lehrer hervor, so bald nach der Jahrhundertwende „die preiswürdrge johan- neische Trias", als die Professoren Johann Maior, Johann Gerhard und Johann §imtttel sich hier zusammengefunden hatten.
An all den Meinungsverschiedenheiten und Geisteskämpfen nahmen die Studenten lebhaften, und oft allzu tätigen Anteil. Ihr Jugendmut übersetzte oft genug die Geisteskümpfe in Handgreiflichkeiten und drückte so auf "mehr als ein Jahrhundert. hinaus dem Jenaer Studentenleben ein Siegel auf, das nur allzu kenntlich war. Denn während auf den älteren Universitäten das Burschen- und Klosterleben die akademische Freiheit durchaus beschränkt hatte, war in Jena von Anfang an dem Studenten eine große persönliche Freiheit eingeräumt, der er, wie nicht anders zu erwarten, nicht ganz fähig war. Umsoweniger in der Zeit des 30jährigen Krieges, da „alle Bande frommer Scheu" gelockert wurden und der Geist des Kriegszustandes und der Roheit sich leicht in der so freigelassenen akademischen Jugend festsetzen konnte. Dazu kam wohl auch, daß in Jena, obwohl es von Kriegsnöten nicht zu hart bedroht war, einige Unstetigkeit dadurch geschaffen wurde, daß die ganze Hochschule wegen Pestgefahr einigemale auswandern mußte..... Kurzum, mancherlei Gründe — auch wohl
die Anwesenheit vieler „älterer Semester" gerade in Jana — wirkten dazu mit, in dieser kleinen Stadt, wo der Student dominierend war und sich deshalb sehr viel, ja mitunter alles, erlauben durfte, ein Studentenleben erstehen zu lassen, das im 17. Jahrhundert wegen seiner Zügellosigkeit von sich reden machte.
Waffentragen und Trinkwescn. . . dies waren — fast wie heutzutage auch noch — die Angelpunkte der studentischen Lebensäußerungen, nur daß beides in damaliger Zeit in erschreckender Weise ausartete. Bon Fleiß der Studenten war nicht viel zu spüren, die jüngeren wurden dank der bekannten Einrichtungen des „Pennalismus" die Sklaven der älteren; sie mußten — verhauen, eingeschüchtert und mittellos wie sie waren — den älteren dienen und ihnen alles abtreten: Ehre, Kleidung, Gewasfen. Sie duckten sich scheu an den Häusern herum, während der Bursch gestiefelt und gespornt, im spanischen Mantel und mit dem Degen einherging und den großen Mann markierte. Die Deposition, die sogar unter der Universität- Auspizien ausgeübt, in ihrer Prozedur etwas Erniedrigendes für den neuangekom- menen „Fuchs" hatte, trug das ihrige dazu bei — beim Fechten wie beim Sanfen erging es dem armen Jungen schlecht. Die Burschen aber fochten und tranken auf dein Markt und auf offenen Gassen, ans den Dörferu der Umgegend und auf ihren Buden; ja selbst hier und da bei ihren Professoren, bei denen sie in Pension waren. Raufereien, Mord und Totschlag waren an der Tagesordnung, sowohl untereinander als gegen die Bürger und die Miliz. Wurde das Bier teurer, so warf man die Fenster ein, und die nächtlichen Scharmützel hörten nicht auf.
Daneben aber — fern von dem Treiben dieser teils rohen, teils renommierenden Hochschulbummler — förderte der fleißige Lehrer und Student, wie es uns z. B. aus dem Hause, des Professors Gerhard bezeugt wird, viel Arbeit zutage und mehrten nnd förderten die Wissenschaft, die blühte und gedieh. Ja es waren derer recht viele, nur daß der stille Studio die Welt nicht so mit seinen Taten ansüllte. Diese webten und wirkten still und halfen doch allmählich auch den landsmannschaftlichen Studenten, der später fast allein noch die Traditionen der Wildheit bewahrte, einem gesitteteren Leben entgegenzuführen.
So ging die Universität Jena ihrer ersten Blüte zu Beginn des 18. Jahrhunderts entgegen. Eine ganze Reihe berühmter Lehrer — freilich mehr Sammler und Polyhistoren als bahnbrechende Forscher — übte eine große Anziehungskraft aus, und das kleine Städtchen konnte selbst bis zu 3000 Studenten in seinen Mauern sehen, gewiß eine
erstaunlich hohe Frequenzzahl, von der uns da berichtet wird. Nach dem siebenjährigen Kriege nahm die Zahl etwas ab, blieb aber immer noch beträchtlich und hob sich dann wieder, als zu Ende des 18. Jahrhunderts die zweite, größere Blüte der Thüringer Hochschule einsetzte, die sich an die Namen Schiller, Fichte, Schelling und Hegel knüpft.
Denn es regierte ein Herzog von Weimar zu jener Zeit, der für Geistesfreiheit und geistigen Hochstand Sinn hatte, Carl August, der Dichterfreund, und dem es daran gelegen war, in Jena die Koryphäen des Geistes zu sammeln. Das gelang ihm denn auch glänzend. In den zwanzig Jahren 1790—1810 sah die Thüringer Hochschule die bedeutendsten Männer jener Zeit als Lehrer auf ihren Kathedern. Die berühmten Theologen Döderlein, Griesbach und Paulus eröffnen den Reigen, die Juristen Hufeland und Thibaut, die Mediziner Loder und Ehr. Will). Hufeland schließen sich an, und von besonderem Glanze war die philosophische Fakultät. Da lehrte der berühmte Reinhold, der wie selten ein Professor die uneingeschränkteste Liebe der studentischen Jugend sich gewann; diesem folgte Fichte (1794—99) und nach dessen Aussehen erregender, durch Mißverständnisse und Eigensinn herbeigeführten Amtsentsetznug wegen atheistischer Lehren dann Schelling (1798—1803) und Hegel (1801—1806). Mas diese führenden Geister für Deutschlands Wissenschaft und mithin zugleich für die Jenaer Universität bedeuteten, ist zu bekannt, als daß darauf, ebensowenig wie auf Schillers begeisternde und ideale Lehrtätigkeit, im einzelnen hier näher cingegangen werden müßte.
Was aber diese Männer auch für die Geistes- und Herzensbildung der Jenaer Studenten bewirkt haben, das zeigt sich mit vollster Deutlichkeit in der einen Tatsache, daß 1792 eine von den Studenten ausgehende Bewegung zur Abschaffung des Duells einsetzen konnte — mit einer Eingabe, die von mehr als 300 Studenten unterzeichnet war. Durch merkwürdige Verkettung von Umständen und ungeschickte Behandlung von oben kau: es zu Unruhen über diese Angelegenheit, — zu einem Wachstum der Studentenorden statt ihrer Unterdrückung, zu größeren Tumulten und endlich zu dem Auszug der Studenten am 19. Juli 1792 nach dem in der Nähe gelegenen, damals kurmainzischen Dorfe Nohra, von wo sie nach diplomatischen Vermittlungen zum größten Teil erst am 23. Juli zurückkehrten.
Aber der bessere Geist in der Studentenschaft !var lveit genug ausgebildet nnd kräftig genug, auch diese letzten Zuckungen zu überwinden und allmählich in diejenigen Formen überzugehen, die wir in ähnlicher Weise heute noch! finden.
Da loderte der Burschengeist noch einmal zu höchsten Höhen aus. Der Jenaer Student war zu einem für alle Ideale kämpfenden Patrioten geworden, der seine Freiheit für hohe Aufgaben der Aufklärnng, der Begeisterung, ja für die vaterländische Tat selber nutzbar machte. Die Jenenser traten meist in Lützows Freikorps und kämpften heldenmütig für das Vaterland, viele ihr junges Leben als Pfand hingehend. Geläutert iiitb männlich erhoben kehrten die Sieger zurück und — unzufrieden mit dem kleinlichen Geist der Renommisten nnd Stutzer der Zeit der Erniedrigung — wollten sie das studentische Leben in neue, höhere und reinere Formen gießen. Es ist die Zeit der bekannten Gründung der deutschen Burschenschaft in der „Tanne" zu Jena, lvo ein neuer deutscher Gedanke zuerst Fuß faßte unter der Jugend und sich ausbreitete auf die akademische Jugend anderer Hochschulen. Die Wärtburg- feste hielten den Gedanken wach — und war auch viel Gären, Stürmen und Drängen dabei, so hat diese Begeisterung iinb diese Jugenderziehung doch recht behalten und gutes gewirkt zum Ruhme Jenas und in majorem gloriam und zum Segen des größeren Vaterlandes. Aber es folgte — als gewisser häßlicher Nachklang — die Ermordung Kotzebues durch den Studenten Sand. Die dem freiheitlichen Geiste Jenas schon lange abholden orthodoxen Kreise Deutschlands brachten diese unselige Tat eines Einzelnen, weil er zuletzt Jenaer Student gewesen war, mit dem Geist der Gesamtstudentenschaft Jenas in unauflösliche Verbindung und agitierten gegen die Universität. — Die große Blüte der Thüringer Hochschule war vorüber, ihre Bedsu- tung schien zu sinken, und ihre Frequenz, die Ende deÄ 18. Jahrhunderts noch etwa 1000 betragen hatte, sank langsam aber stetig, bis 1835 auf 600; sie sank auch weiter, so daß sie sich von da bis 1880 um 400 bis 500 bewegte. Von da an aber ging sic allmählich bis 1902 auf 700 hinauf


