Ausgabe 
25.7.1908
 
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John Darrows Tod.

Roman von M e l v i n L. ©euer y.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) '

Mein Freund warf einen hastigen Blick auf das Haus und sagte dann, mich ungeduldig am Arme fassend:Es ist eine riesige Mietskaserne. Vorwärts! Die Jagd ist noch nicht aus."

So gingen wir eilig hinein. Die junge Dame war ver­schwunden, aber beim Eintreten horten wir, wie im Stockwerk darüber eine Tür zugemacht wurde, und waren unserer Sache sicher, dast sie dort hineingegangen war. So geräuschlos als möglich stiegen wir die Treppe hinauf und horchten im Treppcn- flur. Wir unterschieden eine weibliche und hin und wieder auch eine männliche Stimme, vermochten aber die Worte nicht zu verstehen. Zu unserer Rechten stand eine Tür etwas offen. Mait­land stieß sie vollends auf und schaute hinein. Das Zimmer war unbewohnt und nicht möbliert, von einem baufälligen Ofen ab­gesehen, der au der Wand nach dem Zimmer zu stand, in dem die junge Dame verschwunden war. Maitland winkte mir, und ich folgte ihm in das Zimmer. Innen steckte ein Schlüssel im Schloß, den er leise umdrehte, worauf er genaue Umschau hielt. Mit dem Zimmer, in dem wir nns befanden, standen noch drei andere in Verbindung, die mit ihm zusammen offenbar eine Mietswohnung ausmachten. Alles war in schlechtem Zustande, wie es zumeist in den billigen Mietswohnungen dieser Gegend der Fall ist. Der letzte Inhaber der Wohnung hatte es für Luxus gehalten, die Räume beim Verlassen zu säubern, und seinem Nachfolger' gewissenhaft allen Schmutz ungeschmälert hinter­lassen.

Als wir mit der Besichtigung fertig waren, kehrten wir in das erste Gelaß zurück, das offenbar die Küche vorstellte. Wir konnten hier die Stimmen hören, aber undeutlich.Bleiben Sie hier, Doktor," flüsterte Maitland.Ich will alte Kleider für uns besorgen und den Hausbesitzer aufsuchen. Die Wohnung hier will ich für mich mieten, um die Nachbarn dort etwas besser kennen zu lernen. Sogleich bin ich wieder da. Lassen Sie keinen Menschen jenes Zimmer verlassen, ohne sich zu verge­wissern, wohin er geht." Daniit ging er fort, und ich fand bald in seiner Abwesenheit eine gute Beschäftigung für mich. In der Wand über dem Ofen, wo das Rohr durch die Zwischen­mauer in das Zimmer des Nachbars führte, war ein so großer Spalt, daß ich, auf dem Ofen stehend, den größten Teil des an­stoßenden Gemaches übersehen konnte. Ich nahm mir diese Frei­heit, wenn auch nicht ohne dieselbe Gewissensregung, wie ich sie vorher bei der Verfolgung der jungen Dame gefühlt hatte. Das Zimmer war schlecht möbliert, und doch, trotz der dürftigen Ausstattung, war ein guter Geschmack unverkennbar. Alles war peinlich sauber, und die wenigen billigen Bilder an den Wänden stellten Meisterwerke dar. In der Mitte des Zimmers stand ein kleiner Tisch von Tannenholz, an dem mir gegenüber der Mann saß, der den Brief offenbar geschrieben hatte.

An einem Ende des Tisches saß auf einer Stuhllehne ein

Kapuzineraffe, der feinen Herrn mit nüchterner und kritisches Mine musterte. Auch ich betrachtete den Mann aufmerksam^. Er hatte eine große schlanke Gestalt, maß an sechs Fuß und wog meiner Schätzung nach nicht über huudertundfünfzig Pfund. Sein Gesicht war zusarnntengeknisfen und vergrämt, doch wurde dieser Eindruck mehr als wettgemacht durch ein Paar große dunkle Augen von einer Tiefe und Macht, wie ich sie nie gesehen habe, obschon ab und zu daraus eine Wildheit blitzte, die ihrer tiefen, gehaltvollen Schönheit Eintrag tat. Die Brauen nnd die Haltung des Kopfes bezeugten sofort den Gelehrten. Während ich ihn so beobachtete, kam das junge Mädchen aus einer Ecke des Zimmers, die ich nicht übersehen konnte, und legte ihm meinen Brief vor. Während er ihn öffnete, stand sie hinter seinem Stuhl, streichelte ihm das Haar und gab ihm von Zeit zu Zeit einen zärtlichen Kuß. Er machte eine Pause im Lesen, hob beide Annie auf, zog sie zu sich nieder, küßte sie leidenschaftlich, seufzte und nahm den Brief wieder zur Hand Kein Wort, keine Bewegung, keinen Blick ließ ich mir entgehen Mit Ueberraschung bemerkte ich, eine wie innige Zuneigung die beiden zu verbinden schien, und ich erinnere mich, wie der Gedanke mein Gehirn durchfuhr: Was für zwiespältige Wesen sind wir doch sämtlich! Hier ist ein Mensch, der allein Anscheine nach einen harmlosen Mann, ohne Grund und kalten Blutes meuchlerisch umgebracht hat. Man sollte meinen, solch ein Mörder müßte maßlos selbstsüchtig und roh sein, unzugänglich für jedes bessere, edlere, menschliche Ge­fühl, nnd doch sieht man beim ersten Blick, daß das junge Mädchen hier feine Seele ganz erfüllt."

Inzwischen hatte der Mann meinen Brief durchgelesen und mit einem Ausruf der Entrüstung auf den Tisch geworfen.Bah!" sagte er,der Mensch hat die Unverschämtheit, mir als neue Methode anzupreisen, was schon seit länger als einem Viertel­jahrhundert als Broadbents Methode bekannt ist! Wahrhaftig sehr neu! Werde ich je einen Arzt finden, der wahrhaft wissen­schaftlich vorgeht? Ich kamt das Suchen einfach aufgeben. Mon Dien! Und dabei nennen iie die Medizin eine Wissenschaft! Bah!" und stirnrunzelnd ließ er seinen Kopf verzweiflungsvoll auf seine Hand sinken. Das junge Mädchen strich ihm sanft über die Stirn und schwieg fast eine Minute laug.

Du befindest dich heute nicht wohl, Vater," sagte sie schließ­lich.Herr Godin ist in meiner Abwesenheit hier gewesen."

Herr Godin!" rief ich beinahe und faßte das Rohr, um nicht vom Ofen zn fallen.So ist unser Nebenbuhler dicht auf der Spur, wahrscheinlich noch vor uns. Wie in aller Welt" aber ich brachte den Satz nicht zu Ende. Als ich das Rohr berührte, hatte dessen Fortsetzung durch die Gipswand über mir ein hör­bares Knistern vernehmen lassen. Das rasche Ohr des jungen Mädchens hatte den Ton wahrgenommen, und ihre Augen rich­teten sich argwöhnisch auf den Spalt, durch den ich spähte. Ich dachte, sie müßte mich sehen, und doch wagte ich nicht mich zn rühren. Nach einer Weile schien sie sich beruhigt zu haben und fuhr fort:Ich wußte, daß er hier gewesen war. Du bist immer so, wenn er mit dir gesprochen hat. Warum kommt er jetzt immer, wenn ich fort bin?" Die Frage schien ganz harmlos, und doch wurde der Manu, an den sie gerichtet war, purpurrot