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sand von Tripolitanien und den mittleren SndZn. Hier hat man bns wiederholte Zurückweichen der Pforte vor schroffem Durchdrücken von -alten Rechten und neuen Forderungen seitens der Großmächte (Aufhebung der fremden Postämter im Mai 1901; französische Kais zu Konstantinopel Juli bis November 1901 und Februar bis Mürz 1905; nordamerikanische Mission in Kleinasien im August 1904; internationale Flottendemonstration vor Mytilene im Dezember 1905; angloägyptischer Grenzstreit Akaba- Tabah März bis Mai 1906) stets als eigene Demütigung mit» empfunden. , m ,
An Stelle des griechisch-katholischen okumemichen Patriarchen Konstantin V. (April 1897 bis April 1901) wurde am 7. Ium 1901 der am 11. April 1884 abgesetzte Joachim III. (Vom Athos) wiedergewählt und 11. Juni durch den Sultan bestätigt. ( Loch seit der Abtrennung des bulgarischen Exarchats (18i2) uno dem von Rumänien geförderten Aufkommen kutzowalachischer Son- derwünsche hat das kirchliche Ansehen des Patriarchats an Gewiegt verloren, und politisch versagt es völlig. Die Spannung zwpchen der Pforte und 'Bulgarien hat sich seit dem Abkommen vom 13. April 1904 merklich gemildert. Dagegen ist Mazedonien nebst den benachbarten Provinzen nach wie vor der Liimincl- platz fast anarchisch sich gebärdender, unruhiger Elemente griechischer, serbischer und bulgarischer Nationalität. Die auf Grund der Mürzsteger Punktation vom 1. Oktober 1903 Anfang 1904 geschaffene internationale Gendarmerie, deren Kosten schließlich eine Erhöhung der türkischen Eingangszölle von 8 auf 11 Proz. herbeiführten (9. Nov. 1906), hat sich als nahezu ohnmächtig erwiesen. Mehr ist von der eigenen Justizreform Mazedoniens (Plan vom September 1907) zn erhoffen.
Die auswärtigen Beziehungen sind korrekt mit Ausnahme derer zu Persien, die, durch Kurden in bem 1878 Persien zugesprochenen, von der Pforte aber formell niemals ausgelieferten Grenzberzirke Passowa gestört, noch Ende 1907 sehr M wünsmen übrig ließen. Das freundschaftliche Verhältnis zum Deuticheu Reiche hat sich seit der Orientfahrt Kaiser Wilhelms II. (im Kerbst 1898) wiederholt in wirtschaftlichen Fragen (Eisenbahnbau nach Bagdad und Meliorationen in Kleinasien, Mesopotamien und Syrien) als für beide Teile vorteilhaft bewährt.
Vermischtes.
* 120 Mark für eine Zigarre! Die teuersten Zigarren der ganzen Welt wurden bisher — so las mau oft — für den König Edward VII. von England und für einen der Barone Rothschild hergestellt. Wahre Wunderwerke der Fabrikation und aus dem erlesensten, edelsten Kraute geformt. Diese Zigarren kosteten nach den Bersicherungen Eingeweihter ungefähr 20 Mk. das Stück, immerhin schon ein ganz netter Preis für einen recht flüchtigen Genuß. Doch dieser Preis von 20 Mk. erscheint einfach lächerlich niedrig, wenn man einer Kunde Glauben schenkt, die jetzt aus den Vereinigten Staaten, aus dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten, über den Ozean zu uns dringt. Das Syndikat der nordamerikanischen Pianosortefabrikanten hat, so lautet die Nachricht, aus irgendeinem Grunde dem Sprecher des Repräsentantenhauses der Union, Joseph Cannon, eine Aufmerksamkeit bereiten wollen, und da Cannon ein leidenschaftlicher Raucher ist, so beschloß man, ihm eine besonders schöne Zigarrensorte bereiten zu lassen. Also geschah es. Und die einzelne Zigarre dieser Sorte ist 30 Dollar, in deutschem Selbe also 120 Mark wert! Wie- viele solcher Zigarren Joseph Cannon als Präsent erhielt — darüber verlautet leider nichts.
* Eine temperamentvolle Gattin. Eine tragikomische Eheszcne hatte, wie das Wiener Extrablatt berichtet, vor dem Richter des vierten Bezirks in Wien ihr Nachspiel. Frau Karoline W. erschien unter der Anklage, die Sicherheit der Passanten dadurch gefährdet zu haben, daß sie einen Teil des Mittagessens, insbesondere die heiße Suppe, durchs Fenster auf die Straße geworfen habe und das Eßbesteck nachfolgen ließ. Sie erzählte dem Richter, wie sie dem heimgekehrten Gatten das Essen vorsetzte, das vorzüglich zuöereitet gewesen sei — denn sie sei eine erprobte Köchin —, der Mann aber habe trotzdem allerlei Ausstellungen gemacht und die Speisen für verdorben erklärt; sicherlich habe er schon etwas zuvor gegessen. Diese ganz unbegründete Verdächtigung ihrer Kochkunst habe sie so in Harnisch gebracht, daß sie alles zum Fenster hinaus- warf. Mit Berücksichtigung der Unbescholtenheit, der Reue und der Aufregung lautete das Urteil auf fünf Kronen Geldstrafe. Als sie erklärte, die Strafe anzunehmen, rief der Gatte seufzend aus: „Sie is verurteilt . . aber i bin dreifach g'straft und sie gar net! Erstens muß i a neuch's G'schirr und Besteck kaufen, zweitens versäum i heut' a G'schäft und drittens, Herr Richter. . . muß die fünf
Chedive von Aegypten ihre tzoheitsrcchte zu verinehren, wurde durch den Einsprüch der Mächte vereitelt; ihre Untätigkeit während der von Arabi Pascha 1882 verursachten Unruhen ermöglichte England, Aegypten militärisch zu besetzen. Das 1871 enger an das türkische Reich gekettete Tnnis ging 1881 an Frankreich verloren. Dennoch hatte die Pforte, während sie den Anmaßungen Englands ruhig eutgegeutrat, an Deutschland und Oesterreich seit Auflösung des Dreikaiserbündnisses eine immer wirksamere Stütze gewonnen, wodurch es ihr möglich wurde, ihren Besitzstand in Europa zu behaupten und ihren Einfluß in Afrika und Asien zu vermehren. Im Innern scheiterte allerdings ein Reformversuch, den der zum Großwesir ernannte Chaireddin Pascha 1879 machte, an dem Widerstand der alttürkischen Partei, Osmans und Mahmud Damats. Indes befreite sich der Sultan allmählich von diesem verderblichen Einfluß. Deutsche Fiuanz- beamte brachten 1881 eine durch Jrade vom 20. Dez. bestätigte Einigung mit den Gläubigern zustande, durch die der Betrag der Staatsschuld von 250 auf 106 Mill. Pfd. Sterl. herabgesetzt und für diese ein zunächst auf mindestens 1 Proz. reduzierter Zinsfuß, zugleich aber auch eine Amortisation von Vs Proz. und deren Zahlung durch Garantie mehrerer Einkünfte gesichert wurde. Zur Vermehrung der Einnahmen wurde 1883 die Tabaksregie eingeführt. Deutsche Offiziere begannen ans Grund eines 1880 vom Sultan genehmigten Planes eine Reorganisation des Heerwesens und arbeiteten ein Militärgefetz für das ganze Reich aus, das 1887 in Kraft trat. Als 18. Sept. 1885 der Generalgouver- ueur von Ostrumelien, Chrestowitsch, in Philippopel gestürzt wurde und Alexander von Bulgarien diese türkische Provinz mit seinem Fürstentum vereinigte, gab die Pforte im Februar 1886 ihre Zustimmung, daß der Fürst von Bnlgarien zum Generalgouverneur von Ostrumelien ernannt wurde. Auch alle weiteren Ereignisse in Bulgarien (Sturz des Fürsten Alexander im August 1886 it. a.) ließ sie geschehen, ohne sich anders als diplomatisch einzumischen, und gab damit tatsächlich die Herrschaft über Ostrumelien auf. Doch nötigte die kriegslustige Haltung Serbiens und Griechenlands die Türkei zur Aufstellung einer großen Heeresmacht, so daß sie neue Anleihen bei der Ottomanischen Bank machen und einträgliche Zolle verpfänden mußte. 1889 gab ein Schiedsspruch der Türkei die Verfügung über die von Baron Hirsch gebauten Eisenbahnen teilweise zurück. Auch begann nun der Ban von Eisenbahnen in Kleinasien.
Als Grundübel erwiesen sich immer wieder die Unfähigkeit und Unzuverlässigkeit der Behörden; der Sultan blieb in seinem Palast eingeschlossen und von seiner Umgebung mehr und mehr abhängig. In Armenien wurden die versprochenen Reformen nicht durchgeführt und den Räubereien der Kurden nicht gesteuert. Infolgedessen brachen 1894 Unruhen aus, die durch die Mohammedaner blutig erstickt wurden; auch Truppen beteiligten sich an der Niedermetzelung von Christen. Als armenische Verschworene am 26. August 1896 die Ottomanische Bank in Konstaittinopel überfielen, ließ die türkisches Regierung ein mehrtägiges Gemetzel unter der armenischen Bevölkerung zu. Die Mächte forderten Reformen; aber die Ausführung ging langsam vor sich; noch 19Ö0 gab es dort neue Unruhen. Ein neuer Aufstand in Kreta schien 1896 durch weitgehende Zugeständnisse des Sultans beendigt zu fein. Da jedoch die versprochenen Reformen verschleppt wurden, brach der Aufstand 1897 von neuem aus und wurde nun offen von Griechenland unterstützt. Durch Einfälle in Mazedonien forderte die Türkei zum Kriege heraus (17. April 4897). Trotz ihrer Siege in Thessalien begnügte sich die Türkei schließlich mit einer Kriegsentschädigung von 75 Mill. Mk. und mit einer geringen Verbesserung der mazedonisch-thessalischen Grenze (Friede zu Konstantinopel vom 4. Dezember 1897). Tie türkische Herrschaft über Kreta hörte 1898 auf, obwohl die wiederholt erstrebte völlige Vereinigung der feit dem Rücktritte des Prinzen Georg (im September 1906) unter Zäl'mis als Oberkommissar stehenden Insel mit Griechenland heute noch nicht erreicht ist.
_ Ueberblickt man die türkische Geschichte des letzten Jahrzehnts, so fällt einem vor allem die große Beharrlichkeit und Zähigkeit auf, womit auch die hartnäckigsten Reformbestrebungen der nächstbeteiligten Großmächte, Rußlands und Oesterreichs, die immer noch nicht genügend mit der inneren Verschiedenheit des Orients von Europa zu rechnen gelernt haben, durch passiven Widerstand vereitelt werden. Es war kein fleundliches Bild, das sich dem Sultan darbot, als er am 31. August 1901 die Feier der 25- jährigen Dauer feiner Regierung beging; aber trotz aller Versuche von innen und von außen, die Zustände gewaltsam zu ändern, besteht das osmanische Reich noch heute.
Die Reformpartei der Jungtürken, hervorgegangeu aus der Unzufriedenheit mit dem unkonstitutionellen Regimente, hat zwar schon verschiedene Male (namentlich 1901 und 1904) schwere Beunruhigungen verursacht, daß sich ihre Mitglieder teilweise aus den höchsten Kreisen und sogar der Verwandtschaft des Padifchahs selbst rekrutieren; doch erreicht hat sie bisher nichts Greifbares, da die Pforte den Umtrieben stets scharf begegnete. Und während es auf der einen Seite auch in den letzten Jahren keineswegs an gefährlichen Aufständen an der Peripherie des Reiches (besonders 1904/05 in Südarabien) gefehlt hat, ist anderseits eine ausfallende Stärkung des panislamischen Gedankens Unverkennbar; sie erstreckt sich bis nach Südostaflen sowohl wie bis ins Hinter-


