Isabella warf beit ®obf zurück, ihre Augen blickten finfter. Aber rasch bezwang sie sich.

O bitte, bitte. . . das macht ja nichts", sagte sie.Nur . . . besitzen Sie vielleicht zufällig noch ein Exemplar des ominösen Briefes?"

Allerdings, zufällig", antwortete Bannemann;darf ich es Ihnen bringen?"

Ich werde cs mir durch Zanga holen lassen heute abend!" Es kant nicht gerade übermäßig liebenswürdig heraus.

Der Forstmeister verneigte sich und stand auf; auch Isabella erhob sich.

Noch eins, Herr Baron. Ich bin selbstverständlich noch nicht sicher, ob ich den offenen Brief meines Bräutigams ans Konsistorium senden werde. Ob ich's aber nun tue oder nicht darauf darf ich mich wohl unbedingt verlassen, daß alles, was wir hier mitein­ander besprochen haben, streng unter nns bleibt."

Aber, gnädiges Fräulein. . .", entgegnete Bannemann im Ton leisen Gekvänkiseins und legte die lange, schmale Hand auf die Brust. Daun ging er.

Isabella war noch eine Weile unschlüssig, was sie tun sollte. Int Dunkel des Abends aber mußte Zanga doch auf seinem Maul­esel nach der Oberförsterei reiten.

t In des Forstmeisters Arbeitszimmer lag deroffene Brief" Heinz Vollraths fchon in erneut tvappengezierten Kuvert parat; auch die Adresse des Konsistoriums war beigefügt.

Im Ernst glaubte Bannemann gar nicht an das. was er Isa­bella gegenüber als seine Ansicht vertreten hatte, das Bekannt- werden des offenen Briefes könne Vollrath die Stellung kosten Ev war vielmehr sicher, daß die vorgesetzte Behörde dem erprobten, im glänzendsten Leumund stehenden Geistlichen höchstens eine wohl­gemeinte Mahnung erteilen dürfte. Aber davon war er über­zeugt : Vollrath würde erfahren, daß niemand anders als Isabella die anonyme Denunziation gegen ihn erstattet hatte. Und daß es darüber zwischen den ohnehin seit einiger Zeit in gespanntem Ver­hältnis stehenden Brautpaar leicht zum Bruch komuien könnte, schien ihm ebenso wahrscheinlich wie e§' ihm wünschenswert war.

Zu später Stunde, als schon alles im Schlosse schlief, ging ^abella, noch immer mit einem Entschlüsse ringend, in ihrem Boutwir auf und ab. Von Zeit zu Zeit trat sie an den Rokokoschretbttsch, auf dessen goldgelbes Tuch aus dem Kelch zweier von einer Nixe gehaltener, Seerosen ein mildes Glühlicht floß, und'las den offenen Brief wieder und wieder. Und in der Zer­fahrenheit ihrer Seele, in deut Wechsel ihrer Stimmung, erschien rhr sein Inhalt bald gerechtfertigt, harmlos und kaum dazu au- getan, seinen Urheber in seiner Stellung zu gefährden, bald wteder als so, daß sie sicher zu sein glaubte:Du wirst das Spiel, das £U mit diesem Briefe vorhast, gewinnen!"

sv^vft sie sich dann aber auch vorbetete: ,Wenn du das Spiel gewinnst, wird es nicht nur zu deinem, nein, auch zu Heinz' Bestem >.n ~ ihre Ruhelosigkeit schwand nicht, die warnende Stimme in ! ihrer Brust wollte nicht still sein. Und diese warnende Stimme ries:Tu's nicht! Heinz liebt seinen Beruf über alles. Er würde

VbÄust als den Verlust seines Amtes verschmerzen." Schließlich aber packte sie der Trotz. So wenig es Heinz gefallen würde, wenn sie etwas hätte, was ihr teurer wäre als er, so wenig gefrel es ihr, daß er etwas hatte, was ihm teurer war als sie Hatte sie es ihm nicht oft genug gesagt? . . . Gleiches Recht für Manu und Weib Der Mann das höchste Gut und Kleinod des Wnbes, das Weib das höchste Gut und Kleinod des Mannes. Und warum sollte sie nicht ihrem Gluck vertrauen? I War ihr nicht alles gelungen, was sie sich vorgenommen? Hatte I jte nicht Heinz zu sich zurückgezwuugeu, als ihre Chancen dazu so schlecht wie irgend möglich gewesen waren? Gut so würde sie I ottcb ans diesem letzten Kampfe als Siegerin hcrvorgehcn. . .

Mit fester Hand schrieb sie auf den unteren Rand des offenen j Briefes, gerade unter die Unterschrift Heinz Bollraths:

.Entspricht der Standpunkt dieses Briefes den Grundsätzen eines verchrlichen Konsistoriums?"

So sehr war sic im Eifer, daß ihre Feder in einem Zuge auch nod) dre ersten Buchstaben ihres Vornamens hinwarf, und daß ffe zum Radicrmesser greifen mußte, um die verräterischen Zeichen I iutebet fortzutilgen. Dabei stieg Scham in ihr auf. Wie häßlich, r s*te Zuflucht zur Anonymität nehmen mußte. Fast ward ihr das ganze Vorhaben wieder leid. Aber, ah bah, der Zweck heiligt das Mittel! . . . Und um nicht noch im letzten Moment andren Sinnes zu werden, knvertierte sie den Brief rasch und schickte Zanga noch in aller Nacht damit znnl Briefkasten.

Zn den Tagen, die nun folgten, entfaltete sie wieder den I flanjen Zauber ihrer Liebenswürdigkeit gegen Heinz, war sic von I jo froher, sonniger Zärtlichkeit und Verliebtheit, wie in den ersten | Monden nach der Verlobung, und mit keinem Wort kam sie mehr auf ihre Rcisepläne zurück. Vor Bannernann aber dem

fte nicht so rasch verzeihen konnte, daß er sich ihren Wünschen Iiek nacheinander verleugnen.

DE ward sie unaufhörlich von einer fieberhaften Unruhe rAU°r^ and wenn fte Heinz bei seinem Klommen entgegenflog, sich ihm an die Brust warf, ihn herzte und küßte, suchte sie in seinem Antlitz zu lesen, ob sich bort nicht schon die Kenntnis

»t Ahnung von bem drohenden Gewitter verriete, das sich über i entern Haupte zusammenzog.

Einmal cs waren nahezu zwei Wochen seit der Absendung des »Irenen Briefes an das Konsistorium verflossen sah sie i baLmr Vollraths Stirn eine Wolke lag, daß sein Blick mehr- ma.s in trübem Sinnen ins Leere ging; und mit all ihrem Gekoie und Getändel vermochte sic ihm fein Lächeln, kein heiteres Wort abzugewinnen.Der Stein ist im Rollen," dachte sie; aber aus Furcht, sich zu verraten, wagte sie nicht, Heinz zu fragen, ob irgend ein Kümmer ihn drücke.

Als er sich dann, ungewöhnlich früh, ans den Heimweg ge­macht hatte, schmiegte sie sich wie es so ihre Art war auf des Kommerzienrats Schoß und sagte in ihrem bewährten Schntetcyelton:

. "Weißt du, Väterchen, ich hab den Eindruck, daß Heinz sich tu seinem Beruf gar nicht recht glücklich fühlt."

Nanu!" fuhr cs Friedheini erstaunt über die Lippen, und groß blickten seine Hellen, klugen Augen die Tochter au.

Sa, wirklich," sprach Isabella im gut gespielten Brustton der Ueberzeugung weiter und strich ihrem Vater mit der weichen Hand liebkosend über den kahlen Scheitel;ich hab schon gedacht, daß du vielleicht gut daran tätest, wenn du Heinz anbötest, daß er seine Stellung aufgeben und dein Sozius werden soll."

I . . . du bist wohl nicht recht gescheit, Mädel," entgegnete der Kommerzienrat mit betroffenem Auflachen. Fast unsanft schob er Isabella von seinem Schoß, stand auf und fuhr fort:Wenn dein Bräutigam auch wirklich mal Verdruß hat im Amte solchen Verdruß gibt es überall, unb deine Sache ist es, tcil- zunehmcn an seinen sorgenvollen Stunden, ihm darüber hinweg­zuhelfen. Aber daß du auf die Idee kommst, er, der überzeugte, begeisterte Glaubenskämpfer .... nein, und das Gesicht utödjt ich nicht sehen, das Heinz mir machen würde, wenn ich ihm dein tolles Ansinnen stellte!"

Von dieser Stunde an begann Isabella vor den Folgen ihres Schrittes zu zittern. Immer machte es auf sie einen starken Ein-* druck, wenn jemand, in den sie Zutrauen setzte, eine Ansicht vertrat, die der ihrigen zuwider lief; unb ihres Vaters Worte und Mienen hatten an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig gelassen.

And _bie Angst überfiel sie, er möchte vielleicht auch so eines Tages erfahren, daß sie es gewesen, die die anonyme Denunziation ' gegen ihn erstattet hatte. Und wenn nun der Verdacht in ihm aufstieg, und er fragte sie, cr stelle sie zur Rede, würde sie im­stande fein, ihm in sein offenes, ehrliches Gesicht, in seine klaren, guten Jungen hinein zu lügen ? Die Furcht, sie könnte ihn durch ihre Intrige verlieren, machte ihn ihrem Herzen wieder teurer, ließ seine starke Persönlichkeit wieder einen machtvolleren Einfluß auf sie gewinnen als je in den letzten Monaten. Und mit Freuden hätte sie ihre Tat ungeschehen gemacht, wenn sie ein Mittel dazu hätte ausfindig machen können.

, Doch, wenn der Stein auch schon im Rollen war, noch wußte Heinz nichts. Was ihn traurig machte, war die Antwort des Mutterhauses in Kaiserswerth, das sich bereit erklärt hatte, Martha Bartikow zum ersten Oktober als Diakonissin aufzunehmen. Wohl hatte cr diesen Bescheid erwartet, sich Tag um Tag in Gedanken darauf vorbereitet; aber nun, da er eingetroffen war, fiel ihm die Gewißheit, daß Martha scheiden, daß er sie ganz verlieren, sich fortan nicht einmal mehr an ihrem Anblick würde erfreuen können, schwer auf die Seele und ließ ihn von neuem mit Klar­heit empfinden, wie er mit ihr und ihrem ganzen Wesen vorn wachsen war.

(Fortsetzung folgt?

Geschichte des Türkischen Reichs seit 1(880.)

Die Macht des osmanischen Reiches war durch den Berliner Frieden erheblich geschwächt worden, und die große Finanznot setzte die Autorität der Pforte im Lande selbst herab. Die Griechen erlangten auf der Berliner Konferenz 1880, daß die igforte am 3. Juli 1881 fast ganz Thessalien unb den epirotischen Gezirk Aria aotrat. In Albanien mußte sie 1880 ihre eignen Untertanen in Duleigno mit Gewalt zur Unterwerfung unter Montenegro nötigen. Ihr Versuch, 1879 bei der Absetzung des

*) Mr entnehmen den obigen Artikel den Aushängebogen des 19. Bandes vonMehers Großem Konversations- Lexikon". 6. Auslage in 20 Bänden. (Verlag des Biblio- graphpcyen JrJckuks in Leipzig.)