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physiologischen Tatsachen finden, ingleichen die Heilkunst in seinen Besitz bringen müssen! Durch schlechte Köchinnen, durch den vollkommenen Mangel an Vernunft in der Küche ist die Entwicklung des Menschen am längsten aufgehalten, am schlimmsten beeinträchtigt worden: es steht heute selbst noch wenig besser. — Eine Rede an höhere Töchter." Das ist nicht die einzige Stelle aus Nietzsches Werken, in der der vielumstrittene Philosoph sich über die Frau ausspricht, in ungünstigem Sinne. Sie ist nur eine von den vielen.
Am bekanntesten ist sein Wort: „Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht." Wieviel ist hierüber debattiert worden: seine Gegner sind sogar soweit gegangen, dieses Wort des Philosophen im buchstäblichen Sinne zu nehmen. So schreibt Reichsgerichtsrat Düringer in seiner dem Ministerialdirektor Dr. Kühn in Karlsruhe gewidmeten Schrift „Nietzsches Philosophie vom Standpunkte des normalen Rechts": „Daß es mit der Peitsche blutiger Ernst ist, das ergiebt die Nutzanwendung, die er selbst von dem Rat des alten Weibleins in dem „anderen Tanzliede" machte." Andere Aussprüche Nietzsches zeigen uns eine wenig große Meinung von der Frau, so wenn er sagt: „Jeder Umgang, der nicht hebt, zieht nieder und umgekehrt. Deshalb sinken gewöhnlich Männer etwas, wenn sie Frauen nehmen, während die Frauen etwas gehoben ivcrden."
Goethe aber sagt in Wilhelm Meister: „Denn es ist eben die Eigenschaft "der wahren Aufmerksamkeit, daß sie im Augenblick das Nichts zu allem macht. Für mein Gefühl waren Blumen, die ich ihr brachte, die fernen Gegenden, die ich ihr zeigte, die Berge, die Wälder, die ich ihr nannte, foviel kostbare Schätze, die ich ihr zu eigen dachte, nm mich mit ihr in Verhältnis zu setzen, wie man es durch Geschenke zu tun sucht. Schon wer mit Verständnis von dieser großen schönen Liebe spricht, setzt sich mit ihr in Verhältnis."
Emerson sagt von der Liebe: „Und es ist die Natur und der Zweck dieser Beziehungen, die Menschen Einander zu nähern und mit einander bekannt zu machen. Alles, was in der Welt ist, was bekannt ist, oder bekannt sein sollte, ist geschickt in dem Gewebe von Mann und Weib verarbeitet." Und Cyrano von Bergerac nennt den Kuß: „un instout d’infini.“
Nietzsches abfälligen Urteilen über die Frau könnte man das entgegenstellen, was LelaDavitschoff vom Manne schreibt: „Täglich kann man mit Verblüffung beobachten, wie kleinlaut in der Ehe selbst die Herrenmenschen werden. Auch gesund^, stramme, begabte und vollwertige Männer sind der eigenen Frau gegenüber von einer geradezu ergreifenden Genügsamkeit. Genies und Künstler werden, offenbar einem okkulten Gesetz folgend, fast ausnahmslos durch nichtige Weiblein tyrannisiert. Wer aber könnte zählen, wieviel Genies durch Frauen vernichtet wurden!" Und dann entwirft Lela Davitschoff ein treffendes Bild von dieser Art von Männern. Man kennt ihn, den konfiszierten Gatten, der schweigsam, wie ein eingerosteter Automat neben der „Seinen" daherschreitet, aber grollend in dumpfer Resignation den Kopf hängen läßt- Mau erinnert sich kaum des flotten Kadetten, Stndenten, Kunstjüngers, der jetzt nach der Heirat so schwerfällig wird. Und den blassen, ängstlichen Sündergatten, der in stetem Protest sich an die Frau, die er innerlich haßt, klammert."
Daß Nietzsches abfälliges Urteil über die Frauen eine im höchsten Grade einseitige Weltanschauung ist, die allerdings sich jederzeit an Beispielen beweisen, aber ebenso auch widerlegen läßt, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden.
Nietzsches Namen kann man überhaupt nicht nennen, ohne irgendwo auf Widerspruch zu stoßen. Und wie die einen ihn verdammen und bekämpfen, erheben ihn die andern in den Himmel. Aber es gibt auch Zeitgenossen, die den Mittelweg zu finden suchen und neben all ihrer Begeisterung für das viele Schöne, was uns der Dichter-Philosoph Nietzsche geschenkt hat, nicht seine Schattenseiten verkennen nnb die vielen Einseitigkeiten seiner Persönlichkeit. So hat Karl Martin in seinem „Evangelium vom neuen Menschen" geschildert, wie ihn Nietzsche zuerst abgestoßen, dann aber immer fester an sich gekettet hat, und bedeutende Theologen, wie Weinet (der Oberhesse), Kalthoff,Rittel- m e y e r, K a s t a n, bringen Nietzsche trotz ihrer sehr häufig gegensätzlichen Anschauungen das größte Verständnis entgegen.
Bei der Beurteilung der Stellungnahme Nietzsches zur Frau hat man häufig auf seine einseitige, nur in Frauenumgebung verbrachte Jugend hingewiesen und daran er
innert, daß seine Familie in Naumburg aus seiner Mutter, seiner Schwester, einer Großmutter und zwei Tanten bestanden hat, und wenn Nietzsche der meisten dieser Frauen auch mit Liebe und Verehrung gedenkt, so schließt das keineswegs aus, daß er gerade hier die vielen Schwächen des weiblichen Charakters und die Einseitigkeiten so vieler Frauenseelen an sich erlebt itnb von einzelnen auf das Ganze exemplifiziert hat. Und ich kann sehr wohl einen Menschen schätzen, ja lieben, von dem ich weiß, daß er Fehler nnb Schwächen hat. Gerade aber darin, daß Nietzsche in seiner Jugend nur ältere und vereinsamte Frauen um sich gehabt Hat, liegt der beste Beweis für die Einseitigkeit der Schlüsse, die er ans seinen Beobachtungen gezogen und als apodiktische Wahrheiten, vom einzelnen auf das Ganze schließend, hingestellt hat. Daß seine um zwei Jahre jüngere Schwester mit zu seiner Umgebung gehört hat, spielt hier keine Rolle, denn ein Mann kann nur dann ganz in die Seele eines Weibes eindringen, ivenn eine heiße Liebe mit allem Sehnen und Hoffen, allem Gewähren und Entsagen, und auch mit allen: Hassen und Fliehen ihn auf jene entlegenen Fluren geführt hat, die er gewandelt sein muß, wenn er klar und objektiv ein maßgebendes Urteil abgeben will. Und gerade in Nietzsches Leben ist auch eine Reihe von Frauen getreten, die alle sich ein Urteil über ihn angemaßt haben und dabei selbst unter den stärksten subjektivsten Einflüssen gestanden haben und noch stehen. Es seien nur drei Namen genannt: Lou Salome, Malvida von Meysenburg und „Frau Elisabeth", seine Schwester. Ueber Fran Elisabeth Dr. Foersters Verhältnis zu ihrem Bruder haben wir unlängst neue Aufschlüsse bekommen, die sehr zu ihren Ungunsten sprechen.
„Wer sich anschickt", sagt Jesinghaus, „den Boden Nietzschescher Gedanken über das erwähnte Problem zu betreten, dem muß es in den Ohren klingen wie einst dem alttestamentlichen Helden, als er im Begriff stand, dem flammenden Busch sich zu nähern: Ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehest, ist heiliges Land. Das geben auch Kritiker nnseres Philo- sophen zu, die sonst eine scharfe Klinge führen. Doch ich weiß, für die Menge taugt der Kaviar nicht, die einen genießen ihn sinnlos und ungeprüft, bis sie der Ekel überkommt, die anderen erheben, indern sie solche Wirkung beobachten, warnend ihre Stimme und nennen die Speise ebenso unvernünftig wie jene, Galle und Gift. Solche Stellung hat man auch Nietzsche gegenüber eingenommen und ihn darum uicht verstanden. Nietzsche predigt weder eine Zügellosigkeit in der Liebe, noch will er die Aufhebung der Ehe, noch erstrebt er die Emanzipation des Weibes. Wohl aber versteht er sich auf die verborgenen Schleichwege der Seele: andere gehen sie, er kennt sie und stellt- alles, was im menschlichen Herzen sich regt, vor den Richterstuhl unserer Vernunft. Wille zum Leben nnd Macht ist der Sinn der Erde und wird Parole. Die Philosophie des Natürlichen, der Kraft, der Schönheit, der Freude, wie sie auch schon von Zola, Ibsen, S t r i n d b e r g, Hamerling, Zerbst, Hart usw. gelehrt wurde, wird unsere Führerin und Friedrich Nietzsche gilt als der Herold und gewaltigste Rufer int Streit."
Lotze aber sagt über die Frau: „Die Frauen lieben zwar die Lüge nicht, wohl aber den Schein"; Schiller: „Denn das Weib ist falscher Art und die Arge liebt das Neue." Paul Möbius spricht sich dahin aus, daß die Frauen zu jedem Nervenleiden disponiert seien, für welche die Willensschwäche charakteristisch sei, und Verdis donna e mobile int „Rigoletto" und Mozarts „Cosi fan tutte“ sagen nichts anderes. Bei Jesits Sir ach aber findet sich die Stelle: „Es gibt keine List über Frauenlist", und V i r g i l und In v en al wissen ähnliches zu sagen.
Vermischtes.
* Ernst v. Wolzogen läßt bei F. Fontane u. Co. in Berlin unter dein Titel „Ansichten und Aussichten" die Sammlung der Aussätze erscheinen, die er in den letzten zwanzig Jahren über Musik, Theater und Literatur in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht hat. Aus dem interessanten Vorwort des Buches geben wir mit Erlaubnis des Verlages im Auszug den Abschnitt wieder, in dem sich Wolzogen über seine beiden mißglückten „geschäftlichen" Unternehmungen, das Ue.berbrettl und die Komische Oper, und die Rückwirkitng dieser Versuche auf die Beurteilung feiner Person durch das Publikum ausläßt. Er schreibt: Die Art und Weise, wie mir meine lieben Landsleute, d. ,h. viel-


