Ausgabe 
25.3.1908
 
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das Schwergewicht entzogen, das Interesse der jungen Welt­damen wendete sich deren Qualität zu.Seide" erklang es als Feldgeschrei.

AVer sv nachgiebig sich Vater und Mutter bisher er­wiesen, so unerbittlich blieben sie in bezug auf Bewilligung der notwendigen Mittel zu der neuen kostspieligen Uni­formierung, zu der laut Statuten des neuen Kränzchens jedes Mitglied, verpflichtet war. Grete stand Qualen aus. Sollte sie'die einzige bleiben, die den Statuten nicht nach- fain? Da wurde die Kunde von einer wohltätigen Firma in Paris in das Kränzchen der ehemaligen Schulsrcun- binnen getragen, dessen Mitglieder sich verpflichtet hatten, so lange sie dem Kränzchen angehörten, nichtSklavin des Mannes" zu werden, d. h. sich weder zu vermählen noch zu verloben. Das Pariser Haus verkaufte die herr­lichsten seidenen Jupons zu Spottpreisen. Man konnte sie beinah umsonst haben, wenn, man vier Bons, die man zum Preise von je zwei Mark erwarb, weiter verkaufte und die Adressen der Käuferinnen nach Paris meldete, von wo ans jede der vier mit abermals je vier zu verkaufenden Bons versehen wurde und so iveiter ad infinitum. Es war dasSchneeballensystem", mittelst dessen der schwungvolle Handel betrieben wurde, bei dem unter allen Umständen der Fabrikant und die Abnehmer der Bons so lange profitier­ten, so lange sie ihre vier Botts losschlugen, was so lange geschehen konnte, bis in der Stadt niemand mehr zum Bonskaufen aufzutreiben war. Die letzten, die ihre Bons nicht an den Mann oder vielmehr au die Frau bringen konnten, und es waren deren nicht wenig, bezahlten die Zeche. Es gingen zwar dunkle Gerüchte herum, dieses Schneeballensystem" sei verboten, und wer erwischt werde, erhalte Strafe, dies hinderte aber die Mitglieder des Kränz­chens nicht, sich samt und sonders am Vertrieb solcher Bons zu beteiligen. Grete hatte Glück, es dauerte gar nicht sehr lange und sie besah ihren auf diese Weise billig erworbenen Jupon. Er war mit wundervollen Volants besetzt und rauschte und raschelte beim Gehen seiner Träge­rin, daß es eine Lust war, es anzuhören.

Eines Morgens der Vater saß in seiner Arbeits­stube, die Mutter war ausgegangen fiel ein Brief un­gewöhnlichen Formats in den Briefkasten. Gretelein ent­nahm eilends dem Kästen den Brief er war an sie, beschied sie zu Montag, den 17. Mai, vormittags 10 Uhr, auf das Amtsgericht Zimmer Stummer 45, 2. Stock. Da Sch Grete trotz angestrengten Nachdenkens keines andern erbrechens zu entsinnen vermochte, konnte nur der Jupon die Ursache der Vorladung sein!

Sie hätte sich gern mit irgend einem Mitglieds des Kränzchens besprochen, aber unglücklicherweise hatte sich dieses wenige Tage vorher aufgelöst. Grete war die einzige Nichtskläviu des Mannes geblieben die anderen hatten sich mehr oder weniger heimlich verlobt. So verschloß sie den Brief sorgfältig und verbrachte die Zeit bis zum Termin in Hangen und Bangen.

Der 17. Mai war ein strahlender Sonnentag. Grete aber schritt finsteren Gesichts die granitne Freitreppe des Amtsgerichts hinauf, erklomm den zweiten Stock und wan­derte einen langen Korridor hinunter. Ihre Tritte hall­ten unheimlich von den Steinplatten wieder. Durch die Fenster des Korridors konnte man in einen Hof sehen. Drüben aus der andern Seite des Hofes erhob sich eine hohe graue Mauer mit vergitterten Zelletifenstern.....

eine unwiderstehliche Gewalt zwang Grete, hinüberzublicken. Ach, wenn es doch keine Unterröcke auf der Welt gäbe!" seufzte sie jetzt. Wieviel Schmerzen und Sorgen hatte sie in ihrem jungen Leben schon ausgestanden!

Da ivar das Zimmer Nummer 45.

Grete blieb einen Augenblick stehen, um sich zu sammeln. Dann klopfte sie. Da niemand herein rief, öffnete sie ohne solche Aufforderung die Tür und trat ein.

Hinter einem mit Akten bedeckten Tische saß ein schnauz­bärtiger, grauhaariger Herr in dunkelgrünem Rocke, goldene Sternchen am Kragen. Der nahm die Vorladung, die Grete ihm überreichte, deutete mit einem knurrigenbitte!" auf einen der gelben Ahornstühle, die vor einem Bücherregale an der Wand standen, und verschwand mit dem Briefe in einem Nebenzimmer. Grete setzte sich und wartete.Bitte", knurrte der Schnauzbärtige, als er nach einer Weile wieder erschien, abermals und öffnete die Tür zum Nebenzimmer. Grete hatte inzwischen aus einem Schild an dieser Tür gelesen, daß hinter ihrReferendar Degner" Banfe.

In diesem Zimmer mit den hohen Fenstern lvar es licht und freundlich. Hinter einem Tische saß ein junger Mann mit einem goldenen Klemmer auf der Nase. Er errötete ein wenig, als das junge Mädchen eintrat wer weiß, wie er sich das vorgeladene Fräulein vorgestellt hatte' lud mit einer stummen Handbewegnng zum Sitzen ein und senkte den Mick in die vor ihm auf dem Tische liegenden Akten.

Grete setzte sich dem Herrn gegenüber. Der seidene Unterrock raschelte.

Sie haben", begann Referendar Degner,sich am Ver­kaufe von Bons einer Pariser Firma beteiligt?"

Jawohl", erwiderte Grete tapfer.

Sie haben natürlich keine Ahnung davon gehabt, daß dies straffällig ist?"

Grete schwieg.

Sie haben durch diesen Verkauf, ohne im Besitz eines Gewerbescheins zu sein, gegen das Äewerbegesetz verstoßen, wir sind deshalb gezwungett, Sie zu bestrafen. Wollen Sie uns, bitte, die Namen derjenigen Damen mitteilen, an die Sie die Bons verkauft haben, damit wir in der Lage sind, auch gegen diese vorzugehen?"

Das Blut schoß Grete in die Schläfen. Eine der Damen, denen sie die Bons verkauft, war mittlerweile aus einer Freundin zu einer ihrer intimsten Feindinnen geworden. Aber trotzdem fragte sie, entrüstet über die Zumutung, die man an sie stellte. Mit flammenden Augen i Kann ich dazu gezwungen werben?"

Gezwungen?" fragte der Referendar ein wenig ver­wundert.Stein".

Dann werde ich die Namen nicht nennen," erwiderte Grete

Der Referendar schaute Grete an, aber sie hielt den Blick aus.

Sie haben," fuhr der Referendar nach einer kurzen Pause fort,sich danach einen seidenen" (der Referen­dar errötete noch mehr)Gegenstand aus Paris kommen lassen."

Jawohl."

Sie haben sich dadurch gegen das Gesetz über Lotte­riespiel vergangen aber ich bitte Sie, mein gnädiges Fräulein, Sie brauchen durchaus keine Angst zu haben."

Ich habe auch keine Augst," erwiderte Grete trotzig.

Der Referendar lächelte.Ich wollte Ihnen nur sagen, daß diese Vergehen nicht mit Freiheitsstrafe, sondern nur mit Gelostrase geahndet werben. Die Namen der andern Damen weigern Sie sich also zu nennen?"

Jawohl, ich weigere mich."

Dann wollen Sie, bitte, dies Protokoll unterzeichnen.^ Mete unterzeichnete und wurde entlassen.

Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, stand der Referenoar auf, wischte sich mit seinem Taschentuchs ben Schweiß von der Stirn und sagte mit einem eigen« tümlich nichtamtlich verklärten Blicke laut vor sich hin, (er war allein im Zimmer):Schön, entzückend, mutig, edel, stolz, verschwiegen, treu, reizend, himmlisch, einfach großartig! Das erste junge Mädchen, das ich kennen gelernt habe, was keine Gans ist!"

Grete aber dachte, als sie den Korridor mit dem Ausblicke nach den vergitterten Gefängniszellen hinunter schritt:Ein netter Mensch."

Ein paar Wochen später sagte Grete eines Tages beim Mittagessen plötzlich:Papa und Mama, ich muß euch mit» teilen, daß ich mich mit Herrn Assessor Degner verlobt habe."

Sowohl der Vater wie bie Mutter, die ihrem spröden Trotzkopfe' längst einen Mann gewünscht hatten, ließen Messer und Gabel sinken und waren sprachlos. Da aber weder der eine noch die andre jemals etwas von einem Assessor Degner gehört hatten, blieb Grete schließlich doch nichts andres übrig, als die Veranlassung zur Anknüpfung ihrer Bekanntschaft mit ihrem Verlobten zu verraten, >vas auch schon deshalb notwendig erschien, weil mittlerweile ein Strafmandat eütgetroffen ivar, dessen Höhe eine Be­gleichung aus ihren eigenen Mitteln ausschloß.

Der Vater zahlte nicht nur die Strafe, sondern hatte auch (ebenso Wie die Mutter) nichts gegen den vorgeschla­genen Schwiegersohn eitizutvenden, und so verhalf die Qual ihres jungen Lebens der Grete zu unfrühem Glücke.