Ausgabe 
25.3.1908
 
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Starrheit ihres Gerichtes. Ein leichtes Rot kam und ging, ihre Lippe zuckte, und Plötzlich, was er noch nie an ihr gesehen, rollten ihr Tränen aus den Augen, Tiefe seltenen Tränen erpreßte ihr nicht der Schmerz mit den Verstorbenen, sondern der Jammer nun den Lebenden. auch vor ihr stand er da als ein Verirrter!

Es war ein kalter, windiger Tag, Tie Zypressen, welche die Kapelle umstanden, schwankten im Lastzug, die knospenden Linden schüttelten ihr Gezweig, Feiner Sprühregen siel herab und hängte sich wie Silberstaub an die rauhen Ucber-- ziehcr der Herren und an die Schleier der Damen. Man eilte nach dem Schlosse zurück, Ter jetzige Majoratsherr, ein bartloser, schüchterner junger Mensch, welcher erst seit acht Tagen die Leutnantsabzeichen trug, hatte alle Herrschaften ge­beten, vor der Abreise einen. Imbiß einzunehmen, und sie folgten ihm. Nur die Kürassiere lehnten dankend ab, Ihre KÄimPerwagen hielten am Parkrande auf der Landstraße und von dort fuhren sie nach Klippingen zurück. Also hatten sie sich eilend verabschiedet. Einer nach dem andern kam auch, um Loysen die Hand zu drücken. Jeder half sich über die Verlegenheit durch einige kondolierende Worte aber es war nicht Troß an den sie dabei dachten. Was sollten sie ihm auch sagen? Er hörte kaum drauf hin er sah nur die geliebten Uniformen, und ein tolles Verlangen überkam ihn, sich mit auf den hohe», gelben Jagdwagen zu schwingen und zu rufen: Aber, Kameraden, was fällt euch' denn ein, mich hier am Grabenrande stehen zu lassen? Nehmt mich doch mit, ich gehöre ja zu euch!

Tie Vorgesetzten, von denen der Oberst und ein Major ge- lotmiten waren, zeigten schon abwehrende Entfremdung. Ter Ton war kühl, der Gruß fast minderwertig. Er hatte doch M Unglaubliches auf dem Kerbholz man durfte das nicht so ohne weiteres hingehen lassen.

Während Lohsen mit finsterer Stirn dem Manne nachsah, der ihm einst ein zweiter Vater gewesm, flüsterte die Recknitz ihrem Gatten zu:Tu, ich finde, in anbetracht dessen, was Hc'tmuth getan hat, find sie hier alle riesig nett zu ihm."

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Einige Stunden später lag das alles hinter ihm. Er hatte Tobrau zum letztenmal gesehen und war gegangen, ohne Anne Marie gesprochen zu haben. Er weiß es, sie wird versuchen, ihm zu vergeben, und wenn er allein kommt, wird er ihr auch in Zukunft willkommen fein. Tas ist alles!

Am selben Abend noch reiste er von Berlin weiter nach Königsberg. Wieder schnob der sausende Zug in langen Atem­zügen, wieder schwankten die Wagen leise und lag draußen Finsternis über der Ebene. Wieder fiel ihm auch Luisens Traum ein die mögliche Erfüllung hätte fast eine dämonische Rnziehnngskrast gewonnen, dachte er an die Fülle innerlich dnrclMmpfter Bitterkeit des letzten Tages aber feinte ge­sunden Natur lag feige Lebensflncht fern. Möge das Leben bringen was es will, er wird es anpacken und sich mit Gottes Hilfe durcharbeiten. Kaunr hatte er sich das gesagt, so kam eine wohltuende Müdigkeit über ihn, der Körper verlangte sein Recht, lind er schlief fest und traumlos.

Tie Reise verlief ohne jeden Unfall. Von Königsberg aus fuhr er mit dem Güteragenten weiter, von Gut zu Gut. Tie betreffenden Kvufobjekte lagen oft halbe Tagereisen voneiu- der entfernt, Eisenbahnen konnten selten benutzt werden, so war die Besichtigung ziemlich zeitraubend. Eine Wahl zu treffen war schwer, auf jeden Fall wollte er cs nicht tun, ohne von Wilhelms Anerbieten Gebrauch zu machen, und, wenn er so weit war, nach dem Inspektor Meinert zu'telegraphieren. Er blieb auf jedem der verkäuflichen Güter einen Tag, machte mit dem Besitzer einen Gang durch die Hofwirtschaft, unternahm eine Fahrt durch Felder und Wälder, ließ sich die Bücher zeigen, betrachtete das Wohnhaus und atmete jedesmal auf, wenn er dem Ganzen den Rücken gekehrt hatte, Unendlich fremd und öde sah ihn alles an, neu, unverständlich und uneinladend. Er sagte sich, daß es nur eine Frage der Gewöhnung sei, An« sich hier heimisch zu fühlen, daß alle, die hier lebten, ein besonders ausgeprägtes Heimatsgefühl hatten es half ihm nichts. Er - fühlte sich in der Verbannung.

Dfytte sich im mindesten um diese Abneigung zu kümmern, setzte er seine Fahrten fvrt. Niemals vergaß er, nach den Nanten der benachbarten Besitzer zu fragen, und klang ihm ein bekannter Name ans Ohr, so war das Grund genug, um weiter zu ziehen. Tas Wetter war regnerisch und rauh, das tVig auch dazu bei, ihn« alles in trübem Licht zu zeigen. Wenn er tmi offenen, stössigen Wagen auf zerweichten Wegen Anfuhr und naß und frierend an einem Ziel Halt machte, er­schien ihn« das Wohnhaus schmutzig und öde, die Ställe bau- Mig, das Ganze trostlos. So batte er endlich das letzte Gut

besichtigt, war den ganzen Tag über srühlingsNasse Wiesen und endlose Flächen gegangen, hatte das Viel) in den Ställen und die Räume des grossen, fast schloßartigen Wohnhauses in Augen­schein genommen, dann mit dem Besitzer, einem Äberhöslichen, ältlichen Baron, gegossen und saß nun müde nnd abgespannt ui dem chm angewiesenen Gastzimmer. Das Fenster stand offen und er saß daran und blies den Ramh feiner Zigarre in die Frühlingslnst. Im Abenddämmern hoben sich draußen die Gruppen alter Birken gegen den Himmel ab. Einen hohen! Lattenzaun konnte er sehen nnd dahinter eine weite, blau- gran Verschwimmende Fläche. Hin und wieder bellte ein Hund oder wieherte ein Pferd, sonst war alles still. Loysen strengt« sich an, zu einem Entschluß zu kommen. Von allen Besitzungen, die er gesehen, entsprach diese hier am meisten seinen Anfor­derungen. Es gab hier weitausgedehnte Triften Grasland, zu Pferdeweiden wie geschaffen. Tie Äeckev waren vernachlässigt/ aber in dem Boden steckte ein guter Kern, er würde sich mit den nötigen Mitteln, leicht verbessern lassen. Zwei große, see­artige Teiche und sumpfige waldige Jagdgründe hatten auch für Lohsens Wünsche besonderen Wert. Wiederum würde das Wohnhaus, welches fast den Namen eines Kastells verdiente, Luisens Phantasien einigermaßen cntgegenkommen. Zwar war es sehr reparaturbedürftig und der sogenannte Par? eine wüste. Buschwildnis aber dem ließ sich mit der Zeit abhclfen.

Auch lag das Ganze an der äußersten Grenze des Reiches/ Es wird also wohl sein Schicksal werden.

(Fortsetzung folgt.)

Ihr Anierrock.

Humoreske von W. Woltersi tNachdruck verboten.)

Sie war so schlank gewachsen wie eine junge Edel­tanne, so schmiegsam und biegsam wie eine Weidengerte, nnd wenn sie Beim Teunisspiel das Racket schwang oder auf ihren blitzenden Stahlschnhen über das blanke Eis des kleinen Sees im Königspark dahinglitt, sich in Bogen nach deut Walzertakte der Jnselkapelle wiegend, haftete manches Schönheitskundigen Blick genießend uiti> bewun­dernd auf der zierlichen Mädchengestalt voll Grazie und Jugendkraft, und die Maler und Bildhauer der Sezessions- kolonie, die sie auf einem Künstlerfeste kennen gelernt hatten, waren samt und sonders in sie verliebt bis über die Ohren. Aber sie lachte sie alle miteinander aus, sie und noch manchen andern, der nach ihr schmachtete, denn I hinter der glatten Stirn unter dem braunen Haar saß der Trotz Brünhilts, der unbesiegten Königin von Jsenland.

Ms ihr Verhängnis kam.

Wunderbar und bielartig kommt das Verhängnisj ihr Verhängnis war ihr Unterrock.

Es schien, als ob ein rätselvolles Geschick bei ihr das Glück ihrer Seele von ihren Unterröcken abhängig gemacht habe. So bereitete ihr der Unterrock während der Schul­zeit Jahre des Kummers. Alle ihre Klassenkameradinnen hätten sie um ihre schöne, schlanke, geschmeidige Gestalt beneiden könnetr, statt dessen ließ sie sich von einer um jene Zeit unter oen Backfischen grassierenden Krankheit anstecken, die sich in der Wahnidee äußerte: dick ist schön. Zwei Unterröcke genügten der Jugend nicht mehr. Es wurden! mindestens drei übereinander angezogen. Ja, die Klassen­erste hatte es sogar bis auf fünf gebracht. Zur Erhöhung der Schönheit wurden die oberen Ränder der Röcke noch zu einer Art Wulst zusammengedreht, Über das Taillenband hinüber gelegt.

Die Mutter suchte zuerst durch Verbote in Liebe und ür Zorn, dann bnrch Gewalt dein zit steuern, vergebens. Zuletzt gab sie den Kämpf ist eigener Person auf und rief den Vater zu Hilfe. Der Vater, ein modern angehauch- ter Schriftsteller .und viel beschäftigt, führte die Tochter ins Antikenkabinett und in die Gemäldegalerie, um seinem Sprößlinge darzutun, daß eine Venus niemals einen Unterrock besessen und alte uitb neue Maler gerade das Schlanke als besonders lieblich erachtet hätten. Die Unter­röcke wurden gleichwohl nicht abgelegt, trotzdem man mitt­lerweile in die Hundstage gelangt war.

Erst als Grete die Schiile hinter sich hatte, tvich die Unterrocks-Krankhett, ja, das Kränzchen der ehemaligen Schulfreundinneit, das sich aus dem der KvmeradinneN herauskristallisiert hatte, erhob plötzlich das Gegenteil ihres einstigen Ideals zum Wahlspruch: schlank lautete mit einem Male die Parole. Damit war der Quantität der Unterröck-