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Nachdem Oesterreich nach den Niederlagen in Italien am 18. April 1797 den nachteiligen Präliminarfrieden zu Leoben in Steiermark geschlossen hatte, zogen sich die Franzosen nach dem Rhein zurück, jedoch langsam, sehr- langsam, indem sie die eingetretene Waffenruhe benutzten, es sich in Deutschland auf dessen Kosten wohl sein zu lassen. Ihnen voran kamen eiligst Reste des österreichischen Heeres auch durch Oberhessen. Sie hielten sich in unserer Gemeinde nur einen Tag auf und verursachten der Gemeindekasse nur 24 fl. Unkosten. Gleich darauf aber kam schwere Belastung. Der französische General Olli- Vier legte dem aus sieben Dörfern bestehenden Amt Hiittenberg eine Kontribution von 30000 fl. auf, wovon auf unsere Gemeinde 2489 fl. fielen. Geld hatte der französische Staat damals nicht, wohl aber, als gewöhnlichen Seger: aller Revolutionen, außerordentlich viel Schulden. Die Assignatenscheine, sowie dann die an deren Stelle getretenen Mandate waren vollständig wertlos geworden, so daß niemand sie mehr als Zahlung annehmen wollte, obwohl die Soldaten immer wieder versuchten, sie unterzubringen. Gelang das einmal, so wurden sie zum unveräußerlichen Besitz des Empfängers, so daß noch heutzutage dann und wann jemand in einem alten Buche solche findet, die zum bleibenden Andenken aufbcwahrt wurden. Und wie halfen sich nun die Franzosen? Offiziere und Soldaten benutzten jede Gelegenheit, sich Geld zu verschaffen, ging es nicht mit List, dann mit Gewalt. So war unsere Gemeinde genötigt, 1797 von Gemeindewegen 8366 fl. Kapital zu leihen, wozu noch 247 fl. Gemeindebeiträge der einzelnen Ortsbürger kamen. Da gut s/4 dieser Summe von Ortseinwohnern dargeliehen wurden, so muß damals Wohlstand geherrscht haben. Das hatte die Gemeindekasse zu tragen, dazu kam noch die Belastung der einzelnen Einwohner. ®ie wohlhabendsten Bauern hatten noch 12, 15 bis 18 Mann im Haus.
Und wozu wurde das geliehene Geld verwand? Unter anderem wurden für 389 fl. Schlachtvieh geliefert. Am teuersten kamen die Offiziere zu stehen. Erst waren sie in den einzelnen Häuserm einquartiert. Das gefiel ihnen nicht. So belegten sie das Pfarrhaus, in welchem ein Konfirmandensaal und mehrere kleinere Zimmer ihnen Raum boten. Alle Kosten der Verpflegung hatte die Gemeinde zu tragen. Auch wurde eine besondere Köchin eingestellt. Es wurden bezahlt für B i k t u a l i e n vom 16. Juli 1797 bis 15. März 1798: 405 ft Außerordentlich hoch war der Betrag für Getränke, bei deren Vertilgung doch wohl die Soldaten mitgeholfen haben: Branntwein für 403 fl., Wein bis 12. Januar 1798: 1810 fl. —
Alles, ohne Ausnahme, was die Truppen bedurften, mutzte von der Gemeinde geliefert werden. Erst die Pferde, dann auch das Futter für dieselben. Die Pferdelieferungen wurden von dem General angeordnet, gefiel aber einem Offizier das Pferd eines Bauern, so eignete er es sich an, die Gemeinde aber hatte es zu bezahlen; einmal bewilligte jedoch einer 33 fl. für ein Pferd, das der Gemeinde 165 fl. kostete. Sehr oft kam es vor, daß ein Offizier, Unteroffizier, oder auch ein Gemeiner, eine Lieferung verlangte, dann aber gegen Entrichtung eines Geldbetrages verzichtete. Bon Ende Mai 1797 bis zum Schluß der Rechnung wurden für Pferdefutter 464 fl. bezahlt. Auch die erforderlichen Bekleidungsstücke hatte die Gemeinde zu stellen, ebenso alle übrigen militärischen Bedürfnisse: zusammen von 1797—1798 492 fl. Große Unkosten veranlaßten auch die zu stellenden Fuhren an den Rhein und über den Rhein, ebenso die zu stellenden Reitpferde, das Pferd pro Tag: 5 fl., im Jahr 289 fl. Einschließlich dieses Betrags und den erst befohlenen und dann gegen Geldvergütung nachgelassenen Fahrten und Lieferungen sind in der Rechnung für 1797 verausgabt 1680 fl. Auffallend ist auch der für die geforderten Gänge bezahlte Botenlohn: 246 ft Auch die Schreibmaterialien wurden gestellt: Bücher, Papier, Bleistifte, Federmesser, Siegellack, ferner Tabak,
Schnupftabak, Pfeifenköpfe, ja Puder, Pomade, selbstverständlich Wagenräder, Trommelfelle pp. Die Douceurs (Trinkgelder) betrugen 242 fl. Im Ganzen sind in den beiden Rechnungen verausgabt bis Februar 1799: 11366 ft, an Kapital geliehen: 9516 fl. Unter den Ausgaben des letzten Jahres befinden sich auch noch 490 fl. für ®eri Pflegung der Offiziere, darunter für Wein, Bier und Branntwein 265 ft, für Fouragelieferung: 935 ft —
Tiefe Angaben sind gewiß mehr wie genügend, um zu zeigen, wie sehr damals unser Volk belastet wurde.
Won 1799—1805 sind die Lasten der Gemeinde gering, nur bis je 150 ft, 1806 und 1807 steigen sie über je 1000 ft, nehmen dann wieder ab bis zu ungefähr 150 ft jährlich, steigen 1813 auf 1255, 1815 auf 2811 ft, 1816 betragen sie 1883 ft — Br.
Lebertran.
Man sagt, die Kindheit sei die Zeit ungetrübten Glückes. Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Wenn Tränen der Ausdruck des Schmerzes sind, dann habe ich eine sehr unglückliche Kindheit verbracht, denn mein Weg durch das Paradies der Kindheit ist von Tränenströmen gefeuchtet gewesen. Meine Mutter hätte mich gar nicht waschen brauchen, was zudem doch nur von vorübergehender Wirkung war. Die Tränenbäche, die über mein immer (ausgenommen die erste Viertelstunde nach dem Aufstehen) schmutziges Gesicht liefen, besorgten das schon. Ich glaube, ich gehörte zum Orden der heulenden Derwische, denn ich heulte morgens, wenn ich aus dem Bett sollte, ich heulte, wenn es in die Schule ging. In der Schule natürlich erst recht. Ich heulte nach der Schule, denn da mußte ich nachfitzen, ich heulte vor dem Mittagessen, denn da bekam ich meine wohlverdiente Tracht Prügel, ich heulte in die Suppe noch hinein und meist noch nachher, wenn ich zu viel gegessen hatte und Leibschmerzen bekam. Ich heulte beim Spiel mit meinen Kameraden, denn sie hänselten mich wegen meines Heulens, ich heulte auf Schiefertafel und Schreibheft, ich heulte sogar nachts in meinen Träumen. Aber über nichts habe ich wohl so viel geheult, wie über den Lebertran. Lebertran! Scheußlichstes Wort im ganzen deutschen Sprachschatze! Was bin ich aber auch mit dem abscheulichen Getränk gequält worden! Dreimal täglich wurde es mir eingeflößt, und zwar gewaltsamerweise, denn freiwillig hätte ich es um keinen Preis eingenommen. Drei starke Männer waren zu dieser Prozedur nötig, und auch dann mißlang noch manchmal die Operation und eine Mischung von Tran und Tränen floß mir über das Wams, so daß mich niemand mehr riechen konnte. Kein Eskimo duftete mehr nach Tran als ich. Aber Bräsig hat Recht, wenn er sagt: „Korl, über- Haupt das merke dich: Allens, was den Minschen an ©rüget un en Ekel is, das is gesund for dem menschlichen Leibe/< Lebertran ist wirklich gut. Groß und stark bin ich geworden, und skrupulös bin ich nur noch manchmal bei schweren Gewissensbedenken. Nach und nach entwuchs ich der kindlichen Lebertranflasche, und der Tag, wo ich entwöhnt wurde, wo es hieß: jetzt brauchst du keinen mehr zu trinken, war für mich ein Festtag. Nie, so gelobte ich mir in meinem Innern, das bei dem bloßen Gedanken sich schon wieder aufbäumte, wollte ich das verhaßte Zeug auch nur wieder riechen. Doch ach, die Götter haben es anders beschlossen. „Ihre beiden Jüngsten sind etwas schwächlich, Anlage zu Skrofulose", sagte neulich der Arzt. „Geben Sie ihnen dreimal täglich Lebertran, und zwar ungereinigten, denn der ist besser." Sprachs und empfahl sich. Ich aber mußte schnell ins Freie, denn das Wort Lebertran wirkt heut noch als Vomitiv bei mir. Aber was halfs? Der braune Trank kam ins Haus, und seitdem fühle ich mich in die Lage eines seekranken Walfischfahrers versetzt. Ich muß meinen Kindern auch dieses. Opfer bringen. Auf meinen Jungen bin ich stolz, der strampelt auch mit Händen und Füßen, wenn der ölige Löffel in feine Nähe kommt. Ja, das ist Fleisch von


