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jm'chts? Was war das--?" sie stürzte zur Tür nnb schob
den Riegel vor, dann lehnte sie sich mit dem Rücken atemlos dagegen. , ,
Loysen fühlte ernstliche Besorgnis. Sie war so furchtbar auf- '^CT’CQt.
,.Beruhige dich doch!" sagte er eindringlich, führte sie zum Sofa und lieh sie sich nicdersctzen.
Auf dem Tisch brannte schon die Lampe mit dem Schrrm aus buntem Seidenperpier und beschien ein altes, gelblackiertes Tecbrett, eine weiße Teekanne, einen Topf mit Milch und ein halbange- schnittems Brot. Zucker und Butter fehlten. Luisane ward sich sogleich darüber klar, baß sie ihm diesen häßlichen und armsichen Anblick aus den Augen schaffen müsse, sie griff nach dem Brett, ictiet er legte die Hand daraus.
„Latz doch, gib mir lieber eine Tasse Tee und scr em bißchen vergnügt," sagte er. , , . . ,.
„Was? Tu wolltest? Lobs, das ,st einfach reizend von dir. Warte einen Augenblick — so, hier ist eine Dose mit Kakes, hier ist Zucker . . . nun eine Tasse, die deiner würdig ist! Oh ja, ich habe eine! —" sie schnippte triumphierend mit den Fingern und holte von einem Wandbrett eine buntbemalte Teetasse herab.
Sie war plötzlich wieder ganz lebhafte, geschäftige Sie- benswürdigkeit. Er trank den schlechten Tee mit heroischer Selbstüberwindung, nahm soviel Kakes, wie sie ihm «nbot, und ließ sich so viel Zucker in die Tasse tun, wie sie wollte. Er wußte, daß er ihr keine größere Freude machen konnte. Dabei sprachen sie über ein Buch, welches er ihr kürzlich zum Lesen -«geben hatte.
Mittendrin fuhr sie auf und horchte.
„Ich werde mich verrückt," sagt« sie, „immer höre ich seinen Schritt. Es ist schrecklich. Und in der Friedrichstraße habe ich ihn gesehen — ganz nah' vom Jahnschen Geschäft !"
„Rege dich nur nicht so auf!" bat er, überlegte ein« Weile Und fuhr dann fort: „Wenn ich dir doch zu einem harmonisck)«», glücklichen Tafein verhelfen könnte. Du reibst dich auf mit diesen ewigen Sorgen und Qualen, armes Ting. Ist denn gar leine Ber öhnung des Einst und Jetzt möglich? — Hast du gar nicht den Wunsch, mit deiner Familie Frieden zn machen?"
Sie zog die kurze Oberlippe straff gespannt über die Keinen Mausezähnchen zurück. ES war die Kürikattir eines Lächelns.
„Lieber Freund, welchen Empfang, denkst du wohl, würde weine ehrsanie Familie der verunglückten Sängerin, der Geliebten des Leutnants von Loysen, bereiten?"
Er schwieg in peinlicher Verlegenheit und biß an den Spitzen seines Schnurrbartes.
„Ueberdem zieht mich nichts dorthin zurück — nichts — nichts — nichts! Ich passe gar nicht mehr hinein in diese Sphäre der engen, spießbürgerlichen, anererbtcn Dem-nt . . . Tie Welt ringsum mit Brettern vernagelt. Verstehst du mich? Ich muß ganz frei sein."
„Ich kenne dich ja, aber ich hedaure dich wirklich. Ließest du dir noch wenigstens helfen . . . siehst du —" er holte tief Atem, „dich so zurückzulassen, unbefriedigt und ums tägliche Brot ringend, fällt mir so schwer . . ."
Sie faßte seinen Arn» und sah ihn ganz nah, angstvoll fus Gesicht.
„Zurückzulassen!" wiederholte sie krie geistesabwesend.
„Tu weißt es doch, daß ich nun fort muß."
„Wann!" schrie sie auf.
„Morgen — oder übermorgen —" verbessert« er sich, denn ev sah, daß sie aschfahl wurde.
„Luisane . . . wir sehen uns ja wieder. Sei doch verständig . . . weißt du . . ."
Sie stützte beit Kvpf in beide Hände und sah so vor sich hin auf die Tischplatte, immer vor sich hinnickend:
„Morgen — oder übermorgen. . . wenn man nur an so was sterben könnte. . . aber ich habe ja ein so zähes Leben svie eine Katie ... ich sterbe nicht daran."
„Wir sehen uns ja wieder," konnte er nur wiederholen, „daran denke immer," er zog sie an sich und küßte sie, „Luisane, du mußt mir versprechen, daß du nicht wieder so etwas tun willst, etwa — wie damals, als ich dich fand."
„Wäre dir das ein Schmerz?" \
„Ja, das wäre mir rin großer Schmerz."
„Sv verspreche ich dir, daß ich nicht wieder Hand an mich legen werde . . . nein! Das tue ich nicht. Denn du liebst mich. Ich bin dein Geschöpf — ich lebe nur für dich ... dir treu zu bleiben, soll fortan mein Lebenszweck sein. Der Tod ist mir ein starker, gefährlicher Freier gewesen, fortan soll auch er nicht cm Pch reißen, was dir gehört Y‘
Sie hatte schon wieder in Begeisterung gesprochen. Dies fortwährende Schwanken zwischen trostloser Verzagtheit und exaltierter Gehoben'heit machte ihn bei längerem Zusammensein immer ganz nervös. Gerade für dieses Uebermaß von Stimmungen hätte er ihr so gern einen Ableiter gewünscht.
„Und du wirst wieder auf die Bühne gehen, nicht wahr?" fubr er fort, „nimm auch dies hin als einen, zu deinem Besten ausgesprochenen Wunsch."
„Weil du es willst. Ja. Mir ist's so gleichgültig geworden — aber um deinetwegen, Loys!--Ist in Klippingen ein
Theater?" 7
Er fuhr auf.
„Nein!" sagte er heftig, „das ginge nicht an! Unmöglich! Anck wenn wir ein Theater hätten — aber wir haben keines!"
„Was würde es uns kümmern, was andere denken?"
Er biß sich auf die Lippen. Er mochte ihr nicht sagen, daß er selbst es sei, dem der Gedanke, sie in Klippingen zu wissen, unerhört vorkam Um sie seinen Schreck nicht merken zu lassen, ward er desto herzlicher, besprach mit ihr eingehend alle Vorbereitungen für ihre schauspielerische Laufbahn, nahm alle Rollen durch, für welche sie ihm besonders geeignet schien, versicherte ihr, ' daß er an ihrem Fortkommen und ihren Erfolgen den wärmsten Anteil nehmen werde, prophezeite ihr Ruhm und Ehren, und brachte sie endlich in eine so lwffnungsfreudigc Stimmung, daß er es wagen konnte, fortzugehen, ohne einen jener Ver- zweiflungSanfälle hervorzurufen, die er fürchten gelernt hatte. Sie bat ihn, da sie morgen einen freien Nachmittag habe, zeitig wiederzukommen, um, wie sie erregt sagte: „ihre Zukunft völlig auszubauen," und so schieden sie.
Kaum in seinem Hotel angekommeu, setzte er sich hin und schrieb ihr einen kurzen Abschiedsbrief. Ein Abschied, dabei man sich Äug' in Auge gegenüberstände, sei immer eine Qual, die er sich und ihr ersparen wolle, er sage lieber schriftlich „Auf Wieders sehen!" — Ja, gewiß, er werde sie Wiedersehen ....
Am nächsten Morgen srühzeitig reiste er ab. Den Brief steckte er am Bahnhof in einen Kasten.
So endete die Episode Luisane. Er sah sie nicht wieder. Kaum wieder in seinem Regiment, nahm ihn sein Berufsleben völlig in Anspruch und die Erinnerung an das „arme Ding" verblaßte. Anfangs schrieben sie sich wirklich, aber ihre Briefe waren sehr lang u. voll Von leidenschaftlicher Sehnsucht und wilden Klagen, die seinen, in militärischer Knappheit, gingen immer nur auf die Frage ihres äußerlichen Fortkommens ein. Allste ihm mitteilte, daß sie nun wirklich in den Verband des T.-Theaters eingetreten sei, fühlte er sich erleichtert, und in kurzen Karten, in langen Zwischenräumen geschrieben, ging die Korrespondenz seinerseits ein. Tie Bäanöver standen vor der Tür, das möge, so sagte er sich, den Abschluß einer Lebensphase bilden, die nie hätte sein dürfen.
(Fortsetzung folgt.)
OÄerheWches aus der Zeit der französischen KeooliiHoit und Napoleons 1.
Original-Artikel der „Gieß. Familienblätter".
Nachdruck verboten.
Wir können gar nicht genug beherzigen, welches außerordentliche Glück wir in dem Kampfe gegen Frankreich von 1870—71 gehabt haben. Das wird uns besonders bewußt, wenn wir diesen Kampf mit dem Schicksal Vers gleichen, welches unser Vaterland zur Zeit der französischen Revolution und Napoleons I. hatte. Die Bücher der Weltgeschichte berichten uns darüber int großen, noch deutlicher aber tritt uns die damalige Lage unseres Volkes vor die Augen, wenn wir Nachrichten über lokalgeschichtliche Ereignisse und Zustände vernehmen. So reichlich, wie wir in der Gegenwart unseren Nachkommen durch Zeitungen und Chroniken sie überliefern, sind sie aus den früheren Zeiten nicht vorhanden, auch nicht aus der Zeit vor hundert Jahren; immerhin aber fehlt es nicht an solchen. Unter anderem finden wir sie in den Kriegsrechnungen der Ges meinden. So wird es nicht ganz ohne Interesse sein, wenn wir beispielsweise diejenigen einer damals etwa nur 400 Seelen zählenden Gemeinde des ehemaligen hessischen Amtes Hüttenberg von 1797 und 1798 prüfen, welche Jahre zu denen gehören, die in jener Zeit unserem Volke die größten Lasten auferlegten. —


