Ausgabe 
24.10.1908
 
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i.

Samstag den Zq. Oktober

X

zu bemerken, wie ein leichtes Lächeln .<rnf dessen Lippen ftietf, Aber kalt sagte Mai:

Ich habe nichts bemerkt.

Segmüller hatte die Schublade seines' Schreibtisches aufge­zogen: er zog den Ohrring daraus hervor und hielt ihn plötzlich dem Mörder vor die Augen, indem er sagte:

Also, Sie haben nicht dieses Ding am Ohr von der einen der Frauen bemerkt?

Mai lies; sich durch die Frage nicht aus seiner unerschütter­lichen Ruhr bringen. Er nahm die Ohrbommel in die Hand, besah sie aufmerksam, drehte sie int Lichte hin und her, be­wunderte ihr Farbenspiel und sagte:

Das ist ein schöner Stein, aber ich habe ihn nicht bemerkt.

Dieser Stein ist ein Diamant.

Ah!

Ja, und er ist mehrere tausend Franken wert.

Donnerwetter!

Dieser Ausruf paßte wohl zu seiner Rolle, aber der Mörder wußte nicht die nötige Naivität hineinzulegen, oder vielmehr er übertrieb. Eilt Nomade wie er, der in allen Hauptstädte« Europas umhergezogen war, durfte über den Wert eines Dia- nranten nicht so übermäßig erstaunt sein. Indessen verfolgte Seg- müller diesen errungenen kleinen Borteil nicht weiter, sonder« sagte: , ,

Noch eins! Als Sie Ihre Waffe iveglvarfett und riefen» Kriegt mich doch!", ivas hatten Sie btt frei für Absichten?

Ich wollte fliehen.

Wo hinaus?

Nun, zur Tür hinaus. . .

Ja, durch die Hintertür, bemerkte der Richter mit eisiger Ironie. Da bleibt nur noch zu erklären, wie Sie, der Sie zum erstenmal die Schenke betraten, von diesem Ausgang Kenntnis hatten? .

Zum erstenmal verwirrte sich das Mge des Mörders, feine Sicherheit verschwand, aber dies ging blitzschnell vorüber, und er brach in ein lautes Gelächter aus, fiter dies Lacheu war erkünstelt und verbarg nur schlecht seine Angst.

Was für 'n Schnack! antwortete er. Ich hatte ja gerade eben vorher die beiden Frauen zu dieser Tür hinauslaufen sehen l

Oh, bitte. Sie haben soeben erklärt, Sie hätten vom Fort­laufen der Frauen nichts bemerkt, Sie hätten selber zu viel $H tun gehabt, um bereit Bewegungen zu beobachten.

Habe ich das gesagt? ~

Wort für Wort! Mau wird Ihnen die Stelle vorlesen. Goguet, lesen Sie. ' r . , .

Der Sekretär las, aber nun begann der Mann sofort die Bedeutung feiner Ausdrücke zu bestreiten. Er hätte nicht gesagt . behauptete er, er hätte ganz gewiß nicht sagen wollen . . ., man hätte ihn verkehrt verstanden ....

Iecog war int siebenten Himmel. Aha, mein guter Manu, dach te er bei sich, du diskutierst, du hältst Reden, du bist verlöre«.

Genug! rief der Richter. Genug l- Wie kommt es, daß Sie in Ihrer Tasche den Revolver hier hatten, wenn Sie doch

konnte. An einem Tisch saßen drei Männer und zwei Frauen bei einem Weinnapf und sprachen ganz leise miteinander. Mein Gesicht schien ihnen nicht zu gefallen. Einer von ihnen steht auf, kommt auf mich zu und sagt:Höre, du bist einer von der Polizei, du tvillst uns hier ausspionieren." Ich antworte ihm, ich sei keiner von der Polizei. Er sagt:Doch!" Ich:Nein!" Doch!"Nein!" Kurz, er schwört, er wisse es bestimmt, und ich trüge sogar einen falschen Bart. Damit greift er mir in den Bart und zupft daran. Das tut mir weh, ich springe aus und krach! hat er eilten Faustschlag, das; er auf die Erde purzelt. Aber nun fallen die anderen über mich her. Ich hatte meinen Revolver bei mir und das Reinige wissen Sie.

Und was machten die beiden Frauen unterdessen? .

Ach, ich hatte selber zu viel zu tun, um mich darum zu bekümmern. Sie sind weggelanfen.

Mer Sie hatten sie doch gesehen, als Sie eintraten. Me sahen sie aus? ,

Oh, es waren zwei häßliche Weibsbilder, gewachsen wie Dra-

Herr Lecoq.

Kriminal-Roman von E. Gabor! au. Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.) Wie hat sich der Vorfall dort zugetragen?

Oh, ganz einfach. Ich trete ein und rufe, die Fran kommt, ich verlange ein Gläschenstrengen", sie bedient mich, ich setze mich und zünde mir eine Zigarre an. Dann gucke ich mich um. Das Lokal war scheußlich, daß einen eine Gänsehaut überlaufen

goner und schwarz wie Maulwürfe.

Segmüller war während des Verhörs nicht ohne innere Un­ruhe gewesen; aber feine letzten Zweifel verschwanden, wie Nebel vor der Sonne, als der Angeklagte erklärte,die beiden Fmuen wären groß und schwarz". AuS dieser kühnen Behauptung ging für ihn klar hervor, daß zwischen dem Mörder und der Chupin ein Einvernehmen bestand. Man hatte einen Roman erfunden, um die Untersuchung auf falsche Fährte zu leiten. Und der Schluß daraus, daß die verheimlichten Tatsachen um so wichtiger sein müßten, je mehr Mühe man sich gab, sie zu verbergen.

Hätte der Mann gesagt:Die Frauen wnren^ blond, so hätte Segmüller ihm seine Erzählung glauben müssen. Seme Befriedigung war also groß, aber sein Gesicht blieb undurch­dringlich ; es war wichtig, den Angeklagten bei seinem Glauben zu belassen, daß er die. Behörde bin ter § Licht führe.

gie begreifen, sagte daher der Richter zu ihm tut volltom- mensten Biedermannston, wie wichtig es Wäre, diese beiden Frauen ausfindig zu machen. Wenn ihr Zeugnis sich mit Ihren Behaup-. hingen deckte, so wäre dadurch Ihre Sage wesentlich getestete.

3a, ich begreife das; aber wie soll man ihrer habhaft werben i

Dazu ist die Polizei da; ihre Beamten stehen im Dienst der Angeklagten, wenn diese in der Sage sind, ihre Unschuld er­weisen zu können. Haben Sie irgend welche Beobachtungen gemacht, * Sn*taZÄS"i£ 8ln«m M, (MO dH *» Ä» i* *