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yochzeitrgeschenke,
diese mehr oder minder geschmacklosen Denkmale des zerrissenen schönen Wahnes, sind nicht nur sehr häufig, sondern sogar meistens eine Quelle des Aergers und Mißmutes bei den zum Schenken Verpflichteten und bei den Beschenkten, die gar nicht wissen, wohin sie mit all den 10 Tafelaufsätzen, Rauchtischen, Schlummerkissen, Schreibzeugen, Nähtischen usw. hin sollen. Nicht jeder hat soviel Mut wie ein be- kannter Schriftsteller, der sieben Tafelaufsätze bekam, sie alle fein säuberlich aufstellte und dann zerschlug; es ist ja auch nicht gerade sehr nachahmenswert, aber begreiflich ist es jedenfalls. Was soll man denn auch mit diesem Zeug machen, das häufig sinnlos gekauft wird, nur damit eben etwas gekauft wird, damit man nicht mit leeren Händen kommt. Wieviele der Beschenkten haben so gut wie gar keine Verwendung für Men Tafelaufsatz, für ein Schreibzeug u. dgl. und diese Art der Geschenke führt dann zu der berüchtigten Ausstattung der „guten Stube", die mehr einem kleinen Warenhaus, denn einer menschlichen Behausung ähnelt. Um diesem Uebelstand in etwas abzuhelfen, hat man verschiedene Wege eingeschlagen. Teils versieht man die Einladungen zur Hochzeit mit dem Vermerk „Geschenke dankend verbeten", teils legt man eine Liste bei, auf der die gewünschten Gegenstände verzeichnet sind, wobei um sofortige Rücksendung gebeten wird, um etwaige Dubletten zu berichtigen. Diese an sich nicht unvernünftige Einrichtung wird aber am wenigsten angewendet, da ihr unser anerzogenes Taktgefühl entgegenstrebt, wenn man auch entgegenhalten kann, daß ja fast nur Verwandte und ganz nahe Bekannte eingeladen weroen, Leute also, denen man schon ein offenes Wort sagen kann.
Sehr beliebt sind neuerdings die farbigen Steindrucke, dagegen finden sich Bücher merkwürdigerweise nur ganz ausnahmsweise, höchstens, daß der Geistliche eine Ehebibel stiftet oder ein Familienbuch ; sonst ist selten ein Buch auf dem Hochzeitstisch zu finden — höchstens noch ein „Blütenstrauß deutscher Lyrik", die Berliner Range oder dergleichen. Hauptsächlich mag das daher kommen, daß Bücher „nicht genug vorstelten", zweifelsohne spielt aber auch die merkwürdige Lesefaulheit unseres Volkes eine große Rolle. Um so erfreulicher ist es, daß in den besseren Kreisen in England sich diese Sitte immer mehr verbreitet. Besonders hat sich um die Einführung dieser Sitte die Gattin des jetzigen Premierministers, Mrs. Asquith, verdient gemacht und dabei in allen Kreisen eifrige Nachahmung gefunden. Der beliebteste der Dichter, die man bei solcher Gelegenheit zu schenken pflegt, scheint Kipling zu sein, doch fmden auch Oliver Wendell Holmes und Jane Austen viel Nachfrage; von sonstigen Schriftstellern sind unter den geistig höher stehenden Klassen namentlich Browning und Ruskin beliebt, während bei den breiteren Massen immer noch Dickens das Feld behauptet. Auf alle Fälle spricht sich in dieser Sitte wieder der bewährte literarische Sinn des englischen Volkes aus, dem auch bei uns in weit höherem Maße, als dies der Fall ist, Eingang zu wünschen wäre.
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Vermischtes.
* 100 Koh len schippe rinn en sind im Hafen von Rio de Janeiro, 300 Schornsteinfegerinnen in den Vereinigten Staaten tätig! Während man bei Eröffnung jedes höheren Frauenberufes Bedenken auch gegen die körperliche Leistungsfähigkeit des zarten Geschlechtes geltend macht und die Befürchtung ausspricht, daß die Frauen an Weiblichkeit verlieren könnten, hat man dort noch keinen Protest gegen die unsagbar harte Arbeit der weiblichen Kohlenschipper oder die halsbrecherische Tätigkeit der weiblichen Schornsteinfeger erhoben.
* Weibliche Schulrektoren. Mit der Frage der weiblichen Schulrektoren beschäftigte sich die Berliner städtische Schuldeputation abermals. Seinerzeit hatte die Stadt in Anknüpfung an einen bestimmten Fall sich an die Staatsbehörde mit der Anfrage gewandt, ob nicht Lehrerinnen zum Examen für das Mittelschul- und Rektorenfach zugelassen werden könnten. Das Provinzialschulkollegium hatte diese Frage verneint, da es der Ansicht war, daß das
Schulvorsteherinnen - Examen ausreiche. Es sollen also Lehrerinnen zu solchen Prüfungen nicht zugelassen werden. In der Sitzung bildete nun dieser Bescheid den Gegenstand eingehender Erörterungen. Es wurde beschlossen, jetzt bei dem Provinzialschulkollegium zu beantragen, die Lehrerinnen zum Mittelschul- und Rektorenexamen zuzulassen; außerdem beschloß die Deputation, es der städtischen Schulverwaltung zu überlassen, in Fällen, in denen sich außergewöhnlich tüchtige Lehrerinnen um eine Rektorenstelle bewerben, diese ihnen anzuvertrauen.
* Wahre Geschichte aus Groß-Berlin. Das erste Zeugnis, das mein Töchterchen aus der untersten Klasse einer höheren Töchterschule nach Hause brachte, lautete im Betragen: „Babette muß noch ernster und gesetzter werden." Babette war sechs und ein viertel Jahre alt.
* Druckfehler (aus einer Annonce): Vegetarianer sucht geeignete Lebensgefährtin. Geld Nebensache, Hauptsache weiches Gemü?.
Literarisches.
— „Die Kun st", Monatshefte für freie und angewandte Kunst. Jahrgang X, Heft 1 (München, F. Bruck- mann A.-G. Preis, vierteljährlich 6 Mk.). Mit dem soeben erscheinenden ersten Heft tritt diese führende deutsche Kunstzeitschrift in ihren X. Jahrgang ein, sie feiert also gewissermaßen ein Jubiläum als Führerin durch die vielgestalteten Kunsterscheinnngen sowohl auf dem Gebiete des Kunstgewerbes, als der hohen Kunst, welche ihre nunmehr vollendeten neun Erscheinungsjahre kennzeichnen. Man darf wohk ohne Uebertreibnng die „Kunst" als einen Hausfreund bezeichnen, der die Uebersicht über das weite Gebiet ermöglicht, welches jetzt die bildenden Künste umfassen. Es ist geradezu erstaunlich, was die „Kunst" neben ihrer textlichen; Vielseitigkeit für eine Fülle von bildlichem Anschauungsmaterial bietet; so enthält das vorliegende erste Heft zunächst eine Würdigung, des künstlerischen Schaffens Fritz Erlers von F. von Ostini, der eine reizvolle Schilderung der Begründer der modernen Landschaftsmalerei: Crome> Constable und Turner von Otto von Schleinitz folgt. Das Kunstfeuilleton ist vertreten durch einen anziehenden Artikel: Lenbach als Kopist und Kunstberater des Grafest Schack, geschrieben von dem langjährigen Privatsekretär dieses Kunstmäeen Prof. Georg Winkler. — Zur angewandten Kunst übergehend, heben wir hervor eine treffliche! Publikation über die Kunstphotographien von Frank Eugene: Smith, der eine Würdigung der Ausstellung „München 1908" (aus der Theresienhöhe) aus der Feder W. Michels folgt. Alle diese Aufsätze sind reich mit sorgfältig ausgewählten Illustrationen geschmückt, so daß das stattliche Heft 153 Abbildungen, dabei 5 farbige, hierunter besonders bemerkenswert das Erlersche Doppelblatt: „Die Pest", enthülst
— „März", Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. Herausgeber: Ludwig Thoma, Hermann Hesse, Albert Langen, Kurt Aram. Zweites Septemberheft 1908. Verlag von Albert Langen in München. Das neue Heft des „März^ bringt wieder viel des Interessanten. Besonderes Aufsehest werden die Erinnerungen eines Anonymus erregen, die unter dem Titel „Viereinhalb Jahre im Serailgefängnis des Prinzen Abdul Medjid" erscheinen. Aus dem weiteren Inhalt der Nummer heben wir besonders einen Artikel von Ludwig Thoma „Marokko" hervor, der sich mit der durch dis Schwenkung der deutschen Politik veranlaßten neuen Phasq in der Marokkoaffäre beschäftigt. Auch sonst enthält die Nummer eine Fülle von interessanten, politisch aktuellen und künstlerischen Beiträgen aus den Federn der hervorragendsten Autoren. Unter anderen hervorragenden Beiträgen kündigt der „März" für das neue Quartal die erste Veröffentlichung von Ludwig Thomas neuem Werk: „Moral", Komödie in drei Aufzügen, an.
Charade.
Ganz bin ich Balsam für dein lonndes Herz, Doch ohne Kopf verzehre ich das harte Erz, Und h a l s l o s steigt zu neuem Lauf Des Lichtes Urquell von mir auf.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung der Charade in voriger Nummer: Braunschweig.
Redaktion: E. Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, R. Lange, Gießen.


