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Stockfinstere Nacht, kein Mond, kein Stern! Wie eine Schnecke ihr großes Hans, so schleppte er seine Glocke weiter Er hörte schon das Rauschen der Wellen, das Krachen der Eis- setzen am Brückenpfeiler.

Hier ist die Brücke, links der Brückenkopf.

Da ein Stoß, ein ächzender Schrei der Glocke und ein wilder des alten Mannes. Die Glocke ist ihm aus den Händen gerutscht unb hüpft nun von Absatz zu Absatz die Böschung hinunter; bei jedem Aufschlagen schreit sie und berstet sie, und die Schreie werden immer mißtönender und gräßlicher. Der Dorf- kvnig stürzt nach, greift mit den Händen nach der Glocke, will sie halten. Er greift in die dicke, finstere Nacht, drei-, Vier- Mal. Jetzt hat er sie, hält sie am Rande. Laß sie doch rollen, Guttermann, warum hältst du sie?!

Doch die Glocke zerrt und zieht, sie will hinunter, sie will ihren Schmerz kühlen in der eisigen Flut. Und ist schwer und hat iwch Kraft, mehr wie der Alte! Sie fällt mitten ins Prasselnde Eis und zieht ihn nach.

Das war ein Schrei! 1

Der Kopf steckte im Eis', der Körper lag am Ufer, die Hände hingen tief im Wasser und krallten nach der Glocke.

Wohl eine Minute nur lag der Dorfkönig so, oder zwei. Ma zogen ihn schon kräftige Arme zurück.

Hugo schrie:Ein Unglück, Leute, bringt Licht!"

Der Obermüller brachte die fchwälende Stallaterne und hielt sie vor. .

Der Vater!"--

Mit abgewandtem Antlitz, die Hände vors Gesicht geschlagen, ging .Hugo die Böschung wieder hinauf.--

Das war ein Silvester!---:

Der Alte war weich gebettet. Er schlief.

Mit dem Morgengrauen kam der Arzt aus der Stadt geeilt.

Durch die Untersuchung erwachte Guttenuann. '

Macht Licht!" schrie er. s

Die Umstehenden stutzten. [

Macht Licht!! Macht Licht verdammte Finstev- pis!! Hört Ihr nicht, macht Licht!"

Es war jetzt heller, lichter Tag.

Und sein Schreien um Licht ward zum Jammern, zum Flehen.

Der Arzt neigte sich vor und blickte lange in das zerschundene «nd verzerrte Antlitz.

Dann zog er Hugo in' eine Ecke und flüsterte:

Durch den Sturz in das eiskalte Wässer ist er blind ge­worden !"

Mer der Kranke hatte es doch gehört, er bäumte sich auf und in hohlen, gurgelnden Tönen preßte er hervor:Blind s blind!"

Im Augenblick verfielen seine Züge, sein Gesicht ivard blöde und stumpfsinnig. [

* * *

Körperlich erholte sich der Alte schnell wieder, geistig nie.

Blind und blöde saß er oben im Wohnzimmer in einem tzwßen Lehnstuhl. Die Kinder waren lieb zu ihm, er merkte Pichls davon. Fragte man ihn etwas, so sagte er stets monoton: ^,Laßt mir ja die Glocke liegen!"

An dem Tage, da Elan beerdigt werden sollte, kam Herald Emmrich, der Direktor der Enkauschen Kunstmühle aus Leipzig pack; Mühlwinkel.

Auch Magda Merlin kam und Baumeister Hennig aus Dres­den. Die Beerdigung war um drei.

Schon um zwei marschierte der Kriegervercin aus der Stadt mit seiner Fahne in den Mühlhof ein.

Hugo ließ ihnen unten im großen Saale, der seit Jahr­zehnten unbenutzt gestanden hatte, Kaffee reichen und Zigarren.

Das hätte der alte Dorskönig nicht gemacht!" sagten die Veteranen. i \

Unter dem jungen wird Wohl überhaupt ein anderes Regi- Jnent beginnen!"

Er ist doch Landwirt!" I

Vielleicht verkauft er die alte Mühle und die Fabrik." Oder er übernimmt sie selbst.">

Das tat Hugo alles nicht.

Denn wahrrMim Saale die Gäste ihre Vermutrmgen tauschten, führten die Geschwister Guttermann mit Herald Emmrich und Baumeister Hennig in des Vaters Arbeitszimmer ein ernstes Gesppäch. f

Also wir vereinigen unsere Bitten, Herr Emmrich, wir: Irene, Herr Hennig' und ich. Bleiben Siö da! Uebernehmen Sie die Mirektiorx der Mühle!"

Und Fran von Horbach, was sagen Sie dazu?" Herald wandte sich an Erika.

Die stand da mit gesenkten Augen und verschlungenen Händen.

Vielleicht wird das Schloß doch iwch gebaut!" sagte sie still, und leuchtender Hoffnungsschimmer verklärte das ver­härmte, blasse Gesicht.

Hugo, Irene und Hennig sahen sich erstaunt an, sie ver­standen nicht den Sinn dieser Worte.

Aber Herald sagte fest und fröhlich:Gut ich bleibe da. Das heißt, von der Papierfabrik verstehe ich nichts!"

Die übernimmt mein Bräutigam!" sagte Irene schnell und hing sich an Hennigs Arm.

Da schaute ein Blondkopf zur Tür herein, nicht mehr mit den schalkhaften Augen, aber mit tiefernsten und tiefglücklichen.

Stör ich?"

Magda? Bitte! Gar nicht, komm nur!"

Und sie schlüpfte hinein.

Herald Emmrich sagte gerade:Warum wollen Sie eigent­lich nicht die Mühle übernehmen, Herr Guttermann?"

Weil ich sofort nach meiner Hochzeit mit Magda hier" er hielt das blühende Geschöpf in seinen Armenwieder nach Alien grün übersiedele. Ich bin Landivirt und bleibe es!"

Wahreich draußen sich der Leichenzug ordnete, fuhr wieder ein Wagen auf den Hof. Ein großer, weißbärtiger Herr, Pro­fessor N., der berühmte Psychiater aus Dresden, und Notar und Rechtsanwalt Dr. M. entstiegen dem Gefährt. Vom Bock kletterte ein Schreiber.

Hugo begleitete sie in das' Wohnzimmer an des Dorfkönigs Stuhl.

Während der Psychiater den Kranken untersuchte, wurde auf dem kleinen, schmalen Friedhof, der in dem frischen Schnee wie ein weißes Handtuch an der Bergeslehne sich emporstreckte, der fast neunzigjährige Elan begraben.

Und ivie die Ehrenschüsse über die Gruft ertönten, sagte Professor N. zu Hugo Guttermann:Ihr Vater ist dauernd unfähig, seine Geschäfte zu führen. Ich halte es' nicht für nötig, daß eT in eine Anstalt gebracht wird, er ivird aber geistig immer mehr verfallen!"

Dann sind Sie, Frau Guttermann, die nächst Berechtigte, die den -gesamten Besitz des Herrn Guttermann erhält und ver­waltet," sagte der Mtar.

Müde erwiderte die Mutter:Ich mag nicht ich kann auch nicht; meine Kinder mögens tun!"

Sie, Herr Hugo Guttermann, sind denrnach als einziger Sohn das Haupt der Familie und der Verwalter des gesamtes Vermögens rind Besitzes. Ich habe in den letzten Jahren, besonders von da an, als die Papierfabrik zu florieren begann, Ihrem Herrii Vater in der Verwaltung seines Besitzes beige­standen, cs! sind ungefähr dreiunddreißig Millionen!":

Nach diesen Worten herrschte minutenlanges Schweigen im Zimmer, [

* * *

Durch das stille Waldtal rauscht jetzt die Eisenbahn. Bei der Station Mühlwinkel drängen die Reisenden an die linke Fensterseite. Alle blicken bewundernd nach der Bergeshöhe, auf der stolz, mit Zinnen unb Erkern und Türmen ein Schlößchen thront, märchenhaft in seiner vielgezackten, düstergrünen Umgebung,

Ein Mühlwinkler steigt ein. <

Wem gehört das Schloß?"

Das Mondschloß? Mem Herald Emmrich, und die Mühle auch."

Und die große Fabrik?"

Herrn Hennig; das sind Schwäger: Der und Emmrich."

Und der Zug rast weiter und windet sich durch die Täler, huscht klappernd über schmale Brücken und kriecht in finstere Tunnel.

Da hält er wieder.Altengrün."

Der Mühlwinkler fühlt sich bewogen, den Fremdenführer zu spielen.

Das ganze Dorf gehört einem einzigen Manne."

Ach!"

Was Sie sagen! Wem denn?"

Dem kleinen Dorfkönig, dem Guttermann! Ter ist wieder der Schwager von den Herren in Mühlwinkel!"

Gott, muß das schön sein, so im Reichtum zu schwelgen!" flüsterte sehnsuchtsvoll ein junges Ting.

Der Eingeborene zuckt mit den Achseln und lächelt geheimnis!- voll vor sich hin. '

Er kennt die Guttermaunsche Familiengeschichte.