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denn sogar die traurigsten Gesellen der äußeren Pariser Stadt­viertel pflegen so zu handeln.

Es 'blieb also nur die rinerwartete Anspielung auf die Schlacht bei Waterloo. Aber was bewies sie jetzt? Nichts. . . . Wie tief kann nicht ein Mann von guter Herkunft durch eine unwürdige Leidenschaft herunterkommen ... Der Karneval rechtfertigte alle Verkleidungen.

Aber während Lecog alle Möglichkeiten in seinem Geiste hin und her überdachte, wurde der alte Absinth ungeduldig und sagte:

Wollen wir uns denn hier hinstellen und warten, daß wir wieder jung werden? Was? Wir halten gerade in dem Augen­blick an, wo unsere Nachforschung so glänzende Resultate gibt?

Glänzende Resultate!" . . . Dieses Wort verletzte den jungen Polizisten mehr als die bitterste Ironie.

Ach was, lassen Sie mich zufrieden! sagte er grob. Und, vor allen Dingen, gehen Sie nicht in den Garten hinaus. Sie würden die Fußspuren zertreten.

Der gute Alte fluchte, aber dann schwieg er. Er stand schon unter dem unwiderstehlichen Bann einer überlegenen Intelligenz, eines starken Willens.

Lecog hatte seine Schlußfolgerungen wieder ausgenommen. Wahrscheinlich, dachte er bet sich, ist die Sache folgenderntaßen hergegangen: Ter Mann ist auf dem Ball imRegenbogen", da drüben bei den Festungswerken, gewesen und kommt mit zwei Frauen hierher. Er findet drei Zecher, die ihn anulken oder allzu galant werden. Er wird ärgerlich. Die anderen be­drohen ihn, er ist allein gegen drei, aber er hat eine Waffe, er verliert den Kopf und gibt Feuer.

Er unterbrach sich und fügte einen Augenblick darauf laut hinzu:

Aber war es denn auch wirklich der Mörder, der die Frauen mitbrachte? Kömmt der Fall vor Gericht, so wird sich um diese Frage die ganze Verhandlung drehen . . . man wird da Licht htueinbringen müssen.

Sofort ging er durch die Gaststube hindurch und begann den Erdboden in der Mhe der von Gsvrol gespreitgten Tür zu prüfen. Vergebliche Mühe! Tort lag nur noch sehr wenig Schnee, und es waren so viele Leute hin und her gegangen, daß man nichts nntericheiden konnte.

Was für eilte Enttäuschung nach einer so lange ersehnten Hoff­nung! Lecog weinte beinahe vor Wut. Er sah die so fieberhaft erwartete Gelegenheit in unbestimmte Weiten entschwinden. Er glaubte schon Govrols spitzfindige Sarkasmen zu hören.

Nun also! murmelte er so leise, daß fein Kamerad ihn nicht horen'ronnte; ich muß meine Niederlage eingestehen. Der General hatte recht, und ich bin ein Dummkopf.

Er war fo fest davon überzeugt, daß man höchstens einige Einzelumstände eines gewöhnlichen Todschlages würde seststellen können, daß er sich fragte, ob es nicht das Gescheiteste wäre, auf lebe Nachforschung zu verzichten und bis zur Ankunft des Polizeikommissars ein wenig zu schlafen.

Aber der alte Msinth war jetzt nicht mehr dieser Meinung! Er hatte keine Älhnung, welchen Betrachtungen sein Kamerad sich hmgab; er konnte sich daher dessen Untätigkeit nicht erklären und vermochte kaum noch an sich zu halten.

. .Ra na, Junge? Bist du verrückt geworden? Mich dünkt, letzt ist genug Zeit vertrödelt! In ein paar Stunden kommen die Herren vom Gericht: was sollen wir ihnen für einen Bericht Porlegen? . . . Wenn du nichts tun willst, so handle ich allein!

feine$ Niedergeschlagenheit konnte der junge Beamte sich mcht eines Lächelns 'erwehren. Der Alte brauchte jetzt die- jelben Worte, mit denen vorhin Lecog ihn angetrieben hatte.

Ans Werk denn! seufzte er, wie ein Mann, der einen Fehl- voraussieht, sich aber wenigstens Vorwürfe ersparen will.

. konnte freilich nicht gut Fußspuren bei dem schwanken­den Schein eines offenen Lichtes verfolgen, das der leiseste Wind­hauch ausblasen mußte. Lecog sagte deshalb:

Aus jeden Fäll muß eine Laterne in dieser Diebshöhle sein Die Hauptsache ist, daß wir sie finden.

. Sie stöberten alles durch und fanden wirklich im ersten Stock, .o r ®Wäimrner der Witwe Chupin, eine Laterne mit allem Zubehör, so klein und nett, daß sie gewiß nicht zu ehrlichem Gebrauch bestimmt war.

, .Ein richtiges Diebswerkzeug! sagte der alte Absinth mit breitem Lachen.

,, Werkzeug' war auf jeden Fall für die beiden Beamten sehr Jbeguem, tote sie sofort erkannten, als sie in den Garten Sitrintgegangcn toaren und ihre Untersuchungen in methodischer Werse, begannen. Sie gingen mit äußerster Vorsicht ein Stück- ,&n m den Garten hinein. Der alte Schutzmann blieb stehen rind lenkte beit Strahl der Lampe in die richtigen Stellen, Lecog

dagegen lag auf den Giften und studierte die Fußtapfen mit der Ausmerlsamkett etnes Wahrsagers, der aus der Hand eines reichen Besuchers dte Zukunft enträtseln soll.

, ^ie neue Prüfung gab Lecog die Gewißheit, daß er richtig geiehen hatte. Augenscheinlich hatten zwei Frauen diePscffe^ buchse durch diesen Ausgang verlassen. Sie waren schnell ge­laufen, das ging mit Bestimmtheit aus den Mständen der Fuß­spuren, sowie auch aus der Tiefe der Eindrücke hervor.

Die von den beiden Fliehenden hinterlassenen Spuren waren übrigens so offensichtlich verschieden, daß dies sogar dem alten Absinth auffiel.

(Fortsetzung folgt.)

Der Dorfkönig.

Roman von Karl Böttcher-Chemnitz.

(Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Ein Bursche öffnete das Fenster und ganz seines Klingest tonte herein, bald ward es' starker, bald leiser.

Nicht eine schwingende Glocke ertönte: eS tetr der scharfe Wand, der sich am Glockenrande reibt und den zarten, feinen' Klang erweckt.

Elan fiel zurück. Seine Seele hatte sich davon gemacht, schneit und leise. Auf den dünnen Glockentönen fuhr sie in' andere Welten.

Im Gesindehaus' wurde es ruhig und finster, doch das Klingest drtonte wieder.--

jv>m, Herrenhause brannte nur im Arbeitszimmer Licht. Der Dorfkönig lehnte am offenen Fenster und starrte in die Nacht.

Klingen der Totenglocke ging ihm durch und durch, es brachte ihn in wahnfinnige Wüt.

. Seit Jahren wollte er das Glöcklein entfernen; er hatte nie den Mut gefunden, der Leute wegen, feiner selbst wegen. Er hatte sich gefürchtet, aus irgend einem Grunde. Er kannte ihn nicht.

Die Totenglocke schwieg nicht, sie war sein Gewissen.

Heute wollte er es' töten, sein Gewissen. Die Glocke sollte fallen, er wollte sie versenken, heute noch versenken in die eisigen, schneegesättigten Fluten des Flusses.

Er wollte geben. Er zauderte.

''Ick) will bis zwölf zählen. Wenn cs dann noch klingt, muß sie fallen."

; 2, 3,," bis neun. Nun zählte er lang»

famer, -die Buchstaben klebten an der Zunge.

Zehn,--- e I--f,--- z--w

--ö--- l--f."

raffte sich auf. Leise schlich er über den Hof und tastete die Hintertreppe hinauf. Je näher er kam, je lauter ertönte das Klingen.

Nun stand er oben, der Wind zauste mächtig in seinem' Iveipen Haar. Grausig kroch die Vorstellung:es ist Mitter­nacht" in sein Herz.

Da hing die Glocke, ganz ruhig. Sie schwang nicht und klang doch. Das machte ihn rasend.

Das Herz in ihm arbeitete furchtbar. Er legte die Hand auf die Brust, das Herz ward stiller. Die andere Hand legte er auf das kalte, feuchte Metall. Sofort schwieg die Glocke. Em Leuchten glitt über sein Gesicht. Das Ivar Triumph!

Er wollte die Hand wegnehmen. Die Glocke hielt sie fest; er zerrte--er zerrte; sie ließ ihn nicht los. Die Glocke

hielt ihn, meinte er, aber es war der Frost. Daran dachte er ntQt. Mit einem Ruck riß er die Hand ab; stechender Schmerz durchzitterte feinen ganzen Körper. Er griff mit der anderen' Hand an die schmerzende, die war fiebrig und schmierig; er wch daran. Das roch wie Rost und Blut.--- Und da

da da war auch das Klingen wieder.

Das verwünschte Klingen! Er bückte sich, er stützte die Schulter unter die Glocke und stemmte ächzend.

. Es krachte und knirschte in den Balken, und plötzlich drückte eine furchtbare Last ihn nieder. Er kroch fort, mit Händen! und Fußen. Das Klingen war aus. Wie das wohl tat! Er kroch zur Treppe, er schob und wälzte sich hinunter- . bte zentnerschwere Last mit sich schleppend, schiebend und zerrend. Er umarmte die Glocke, die er so haßte, er drückte sie an feine Stoff, datz sie nicht die Stufen hinabkollerte.

Endlich ivar er unten. Ms er sich aufrichten wollte- konnte er nicht. So kroch er weiter auf allen vieren über den schmutzigen Hof.