Ausgabe 
24.9.1908
 
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1908

Donnerstag den 24. September

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Herr Lecoq.

Mniinal-Roman von E. Gab o r i au'.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Auf des alten Absinths Antlitz spiegelte sich die komische Verblüfftheit eines Menschen, der eine Mystifikation wittert und sich fragt, ob er lachen oder sich ärgern soll. Nach reiflicher Ueberzeugung entschied er sich fürs Aergern und begann:

Tu bist ein wenig jung, um einen Alten wie mich zu hänseln. Ich habe die Maulhelden nicht allzu gern! . . .

Einen Augenblick! unterbrach Lccog ihn, ich gebe gleich die Erklärung. Ganz gewiß haben Sie doch von einer furchtbaren Schlacht gehört, die für Frankreich eine der entsetzlichsten Kata­strophen war, von der Schlacht bei Waterloo!

Ich sehe nicht, welchen Zusammenhang das mit. . , Antworten Sie nur!

Also ja!

Schön! In diesem Falle müssen' Sie wissen, PaPS, daß der Sieg sich anfangs den Franzosen zuneigte. Die Engländer begannen zu wanken, nnd schon rief der Kaiser: Wir haben sic!, als man plötzlich auf dem rechten Flügel und sogar im Rücken heranmavschierende Truppen bemerkte. Es war die preußische Armee. Die Schlacht bei Waterloo war verloren!

In seinem ganzen Leben hatte der würdige Absinth sein Begriffsvermögen noch nicht so gewaltig angestrengt. Diese An­strengungen 'waren nicht vergeblich, denn er richtete sich halb empor und rief in einem Tone, wie vermutlich Archimedes seinHeureka" gerufen hatte:

Ich hab's! Die Worte des Mannes waren bildlich gemeint!

Sie habens getroffen, sagte Lecog lobend, aber ich bin noch nicht fertig. Der Kaiser war über das Erscheinen der Preußen so betroffen, weil er gerade von dieser Seite her einen seiner Generale, Grouchy, mit 35 000 Mann erwartete. Wenn also die Anspielung des Mörders genau und vollständig war, so rechnete er nicht auf einen Feind, der seine Stellung umgangen hatte, sondern auf Freunde. Ziehen Sie den Schluß daraus!

Stark in seinen Zweifeln erschüttert, wenn auch noch nicht ganz überzeugt, riß der gute Absinth seine eben noch so müden Augen ganz weit auf und brummte:

Tvnnerlitzchen! Du erzählst, uns das in einem Ton! . . . Aber allerdings, ich erinnere mich, du wirst was durch das Loch im Fensterladen gesehen haben.

Der junge Polizist schüttelte verneinend den Kopf und erklärte:.

Bei meiner Ehre, ich habe nichts gesehen, als den Kampf zwischen dem Mörder und diesem als Soldat gekleideten armen Teufel. Nur der von ihm gesprochene Satz hat meine Aufmerk­samkeit erregt. -

Wunderbar! wiederholte der alte Beamte, unglaublich! Kolossal! , .

Ich will Ihnen noch weiter sagen, daß sich durch Nach­denken mein Verdacht befestigte^ Ich habe mich zum Beispiels

gefragt, warum der Bdann, anstatt zu fliehen, uns erwarteki und in der Tür Dhen blieb, um zu parlainentieren . . .

Mit einen: Satz war der alte Absinth auf den Beinen'. Warum? unterbrach er. Weil er Komplizen hat und ihneit die Zeit verschaffen wollte, wegzulaufen! Ah! Ich begreife alles!

Ein Lächeln des Triumphes huschte über Lecoqs Lippen.

Das war's, was ich bei mir dachte! begann er wieder. Und jetzt ist es leicht, die Richtigkeit meiner Vermutungen festzn- stellen. Es liegt draußen Schnee, nicht wahr?

Er brauchte nichts weiter zu sagen. Ter alte Schutzmann nahist ein Licht und lief seinem Kameraden voraus nach der Hinterttir; des Hauses, die auf ein kleines Gärtchen ging. An dieser ge­schützten Stelle hatte das Tauwetter weniger gewirkt, und auf dem weißen Schneeteppich erschienen wie schwache Flecken zahl­reiche Fußspuren.

Ohne zu zögern hatte Lecoq sich auf die Kuie geworfen, unt diese Spuren ganz nahebei zu prüfen; er erhob sich fast äugen-, blicklich iuieber und sagte: i|

Diese Spuren sind nicht von Männerfüßen hinterlasse^.

Es waren Frauen hier. 1 V'

4. Kapitel.

Tickköpfe von der Sorte des alten Absinth, die für dies Meinungen anderer Leute sehr schwer zugänglich sind, verbeiße^ sich hinterher besonders hartnäckig in fremde Ideen. Wenn eine Idee in ihr leeres Hirn eingedrungen ist, so wird dieses ganz undi gar davon ausgefüllt.

Ter Vater von der Rue de Jsrusalent war jetzt viel fester als sein junger Kanrerad davon überzeugt, daß der geschickte Gsvrol sich getäuscht hatte, und das machte ihn: viel Spaß. Als erl Lecoq erklären hörte, es hätten Frauen dem fürchterlichen Vor­fall in derPfefferbüchse" beigewohnt, da kannte seine Freude keine Grenzen mehr und er rief:

Ein Prachtfall! Ein ausgezeichneter Fall!

Und sich eines schon zu Ciceros Zeiten abgedroschenen Sprich­wortes erinnernd, fügte er bedeutungsvoll hinzu:

Suche das Weib. ..

Lecoq würdigte ihn keiner Antwort. Er stand auf der Schwelle, den Rücken gegen die Türfüllung gestützt, die Hand gegen die Stirn gepreßt, unbeweglich wie eine Bildsäule. Tie soeben gemachte Entdeckung, die den alten Absinth entzückte, war für ihn nieder­schmetternd. Alle seine Hoffnungen verflogen, das Gerüst, das seine Einbildungskraft auf ein einziges Wort hin aufgebaut hatte, brach zusammen.

Kein Geheimnis mehr! Bor allen Dingen keine großartig« Untersuchung mehr, kein über Nacht blitzschnell gewonnener Ruhm mehr! Tie Anwesenheit von zwei Frauen in dieser Mördergrube erklärte alles auf die natürlichste und gewöhnlichste Art; sie erklärte den Kampf, das Zeugnis der Witwe Chupin, die Erklärung des sterbenden falschen Soldaten.

Des Mörders Haltung war danach ganz einfach. Er war ge­blieben, um den beiden Frauen den Rückzug zu decken; er hatte sich geopfert, damit sie nicht ergriffen würden, eine ritterlich« Galanterie, die so recht dem französischen' Charakter entsprjcht.