Ausgabe 
24.8.1908
 
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harten, einsamen Manne zuwider, in Gegenwart anderen viel zn sprechen, und womöglich freundlich zu sprechen, andernteils aber benutzte er diese Stunde, nm seinen Familiengliedern sein Programm für das kommende Jahr zu unterbreiten. In diesem Programm bekam jeder kategorisch seine Rolle zugewiesen. Ein Widersprechen gab cs nicht und wagte niemand, denn Gutter- mann hatte nie Wünsche, sondern nur Willen, und diesem zu trotzen oder ihn gar zu durchbrechen war gleichbedeutend mit völligem Zerwürfnis mit dem Alten.

Am Nachmittage wurden in gleicher Weise erst die Beamten, btuiii die Arbeiter der Mühle und endlich sämtliche erwachsenen Bewohner des kleinen Dorfes zu ihm befohlen.

Zuerst betrat Frau Guttermaun das Arbeitszimmer ihres Mannes. Sie war von unscheinbarer Gestalt mit kleinem Ge­sichte, auf dem beständig ein verängstigter Zug lagerte. Früher möchte sie hübsch gewesen sein.

Sie trat einfach zu ihrem Manne an den Schreibtisch, legte ihm die linke Hand auf die Schulter und reichte ihm die rechte.

Meine Wünsche sind dir bekannt; sie bleiben immer die­selben herzlichen wie seit 25 Jahren!"

Ich danke dir. Marie. Setz dich! Ich bin dir wohl schuldig, dich über unsere Lage zn informieren?!"

So hast du es wenigstens bisher gehalten!" sagte Marie Guttermaun müde.

Gewiß. Das verflossene Jahr war ein gutes» Wie ich aus den Büchern ersehen habe, beträgt mein Reingewinn reichlich fünfunddreißigtausend Taler. Für uns betrugen die Ausgaben etwa viertausend Taler. Unser Gesamtvermögen ist nun <tiif die Höhe von einer Million Taler angewachsen!"

Marie Gutteriminn ucachte eine Bewegung bewundernden Schrecks. Der einstigen Kellnerin imponierte diese Riesensumme gewaltig. Doch Guttermänn nahni keinerlei Notiz davon, son­dern fuhr fort:Ich habe niich nun entschlossen, meine Kapitalien anders arbeiten zu lassen, als bisher. Im Frühjahr wird an der Mühle angebaut und eine Holzschleiferei mit Papierfabrikatirm eingerichtet. Diese leitet Otto, unser Aeltester- Fermer will ich das Dors Altengrün ankaufen, das zwei Stunden weiter oben am Flusse liegt. Es ist nicht groß zwölf Güter»--Dort

will, ich mein Getreide selbst erbauen, im großen. Diesen Betrieb leitet Hugo, unser Zweiter!"

Frau Guttermänn nickte dazu. Sie hatte ihr Leben lang immer genickt, zu allen Maßnahmen ihres Mannes.

Und Irene?" fragte sie.

Irene wird 17 Jahre. Sie soll mit verdienen helfen und tritt aut 1. Aptil drüben im Mühlgut nun als Schvlarin ein. Später soll sie Hugo in Altengrün unterstützen» Und endlich Erika, die Kleine, geht Ostern in die Pension. Sie soll mal Repräsentantin des Hauses Guttermänn werden und uns mit irgend einer alten Familie von Namen in Verbindung bringen. ----Das sind meine Pläne, und nun schick mir Hugo herein!"

Gehorsam erhob sich Marie Guttermaun, um ihren zweit- älteflen Sohn zur Audienz zu rufen.

Gutterinann wartete ungeduldig auf Hugo. Nichts war ihm nächst Widersptuch verhaßter als Warten.

Erst trommelte er nervös mit den Fingern ans die Schreib­tischplatte,^ dann stand er auf, und ging im Zimmer auf und ab. Endlich riß er die Tür auf und rief barsch hinausHugo! Wie lange soll ich auf den Burschen warten?!" Aber Hugo antwortete nicht und kam auch nicht. Dem Alten schwoll die Zornesader. Da ertönte ein Krachen an die Fensterscheiben und draußen ein glockenhelles Anflachen, dann ein Rennen und Rufen, NN Flattern von Röcken und wieder fröhliches Lachen.

Guttermänn war sofort am Fenster. Durch die düsteren Schneentauern huschte ein Mädchen mit hellblondem, flatterndem Haar» Er duckte sich, griff mit der Hand in den Schnee, ballte blitzschnell ein Wurfgeschoß und schleuderte es nach dem' Herren­haus.

Das sprühte alles vor Leben und Freude!

Die junge Kämpin mußte gut getroffen haben, beim am Fenster vorbei flog eine blaue Mütze mit roten Streifen, und das triumphierende Lachen des blonden Backfisches resultierte ans deut erfochtenen Siege.

Guttermänn bebte vor Zorn. Diese blaue Mütze mit den roten Streifen, die dort im Schnee lag, kannte er. Nur einer trug sie im Dorfe: Hugo, sein Sohn.

Der Alte rief nochmals zur Tür hinaus und diesmal kam sofort Antwort.

Gleich Vater!" Einen Augenblick später trat Hugo mit hochrotem Gesichte ins Zimmer. Im Haar und auf dem An­zuge . blinkten unzählige Schneestäubchen und die Hände zeigten deutliche Spuren von der gehabten Schneebataille.

Hugo rieb sich die steifen Finger und sprach dabei seinen Glückwunsch: Lange Jahre blühende Gesundheit, guten Geschäfts-! »gang und was an ihm liege, so soll der Vater nur Freude an ihm erleben.

So Freude? Und heute machst du Wohl den Anfang mit der Freude, was?!--Statt pünktlich zn erscheinen,

balgst du dich draußen mit dummen Gänsen im Schnee herum. Das ist rechte Freude» Statt dich auf dein Abiturium vor- zubereiten, poussierst du!--Wer war das Frauenzimmer?"

Mazda!"

Des Kutscher Merlins Tochter?"

Ja!" :

Schäm dich! Der Herrensohn mit dem Kutschermädel!"

Bei der Firma Guttermaun Kutscher zu sein, ist keine Schande."

Auf diese Aeußerung hin wußte Hugos Vater nicht gleich etwas zu erwidern. Er war auf Augenblicke verblüfft und das schürte seinen Zorn.

Dieses Frauenzimmer existiert für dich nicht mehr ver­standen ! Ich werde dafür sorgen. Nun höre weiter: »Ostern mächst du dein Maturium. Daß du das Examen bestehst,» ist selbstverständlich. Von Ostern ab gehst du auf irgend eine Landwirtschaftsfchnle ---kein Wort dagegen! Dann über­

nimmst du die Leitung der Güter in Altengrün, die ich an- zukaufen gedenke."

Hugo kämpfte sichtlich mit sich. Das Unterordnen, das un­bedingte Gehorchen dem' Willen seines Vaters war ihm so zur zweiten Natur geworden, daß es erst des ganzen Aufbäumens seines Innern bedurfte, ehe ein äußerer Widersprach zu stände kam.

Er rang nach Worten, er suchte den Punkt, wo er einsetzest konnte mit seinen Entgegnungen, aber dieser unvermutete Neber-! fall, der seine eigenen Pläne und Wünsche knebelte und ver­gewaltigte, ließ keinen klaren Gedanken aufkommen.

So stieß er nur hervor:Nein, Vater, auf keinen Fall! Ich werd' kein Bauer nie!"

(Fortsetzung folgt.)

Die Mperllchen Anstrengungen der Krauen.

Von A. »Oskar Klaußmann.

Es ist bekannt, daß man den Frauen mit der Bezeich­nungdas schwache Geschlecht" unrecht tut, schon aus dem Grunde, weil sie im Ertragen von Schmerzen, aber auch» im Ertragen von Strapazen und Entbehrungen mit ge­ringen Ausnahmen mehr leisten als die Männer. Man denke nur an das junge Mädchen, das auf dem Ball die ganze Nacht hindurch tanzt, ohne auch nur einen Tanz aus­zulassen, und nicht eher ruht, als bis sie die Sohlen ihrer Tanzschuhe verschlissen hat. Kein junger Mann macht ihr das nach und tanzt mit solcher Ausdauer.

Aber auch in der Praxis des gewöhnlichen Lebens leistet die Fran körperlich viel inehr als der Mann. Setzen ivir als Beispiel die Verhältnisse in einer Familie des Mittelstandes, in dem der Frau wohl ein Dienstmädchen zur Verfügung steht, wo sie aber das Kochen und die Hauswirtschaft selbst besorgen und außerdem natürlich auch noch mit den Kin­dern zu tun haben muß. Nehmen wir an, der Mann sei Beamter.

Welches sind nun seine körperlichen Leistungen im Laufe eines Tages?

Sie sind in der Tat außerordentlich gering. Da er es ziemlich weit zu seinem Bureau hat, legt er nicht einmal den Weg dorthin zu Fuß zurück, sondern fährt mit der Eisen­bahn oder der Straßenbahn. Im Bureau hat er natürlich auch keine körperliche Arbeit zu leisten, er hat es ja nicht nötig, Bäume auszureißen oder Mühlsteine herumzutragen. Mit irgendwie nennenswert schweren Gegenständen braucht er überhaupt nicht zu manipulieren. Er kommt dann wieder; mit Fahrgelegenheit nach Hause zurück und macht nach­mittags vielleicht aus Gesundheitsrücksichten noch einen Spaziergang. Darin besteht seine ganze körperliche Anstren­gung.

Nun sehen wir uns einmal an, was die Hausfrau, die Gattin dieses Mannes, an diesem Tage geleistet hat. Sie hat vormittags den Weg zwischen den verschiedenen Zimmern zahllose Male durchmessen. Dabei hat sie sehr oft den Weg durch die ganze Wohnung im Laufschritt zurücklegen müssen, weil es plötzlich klingelte und das Mädchen nicht zur Hand! war, um zu öffnen. Sie hat in der Küche hantiert und stundenlang mit schweren Lasten gearbeitet. Ein gefüllter Wasserkessel, wie er in den Berliner Küchen üblich ist, wiegt