Ausgabe 
24.8.1908
 
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1908 Nr. X32

Montag den 24. August \

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Der Dorfkönig.

Roman von Karl Böttcher.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Neujahrsmorgen! Neujahrsmorgen 1870! In den Wäl­dern war es ruhig geworden. Aus beirt Meer der vielzackigen Spitzen ragten an unzähligen Stellen zersplitterte Stumpfe hervor, auf jedem eine hohe, spitze Schneehaube. Waldbruch, Schnee­bruch!

Kein Lüftchen regte sich im Tal.

Schon ehe es Tag wurde, hatte Elan im Schnee Bahn ge­macht und nun türmten sich zu beiden Seiten des schmalen Weges fast mannshoch die Schneemauern auf. Das sah aus wie Festungs­werke, so düster uchd massig.

Gegen acht Uhr trat Guttermann aus dem Hause. Sein erster Blick galt dem Erkertürmchen. Das Glöcklein drin hing ruhig und stumm, und über des Talherrn Antlitz zog ein Schein der Befriedigung. Trotzdem stieg er bedächtig die Hintertreppe im Herrenhaus hinauf und betrat das Türmchen.

An den Sparren hingen aneinander gereiht, die Lederflügel wie einen Mantel um sich geschlungen, friedliche Fledermäuse. Der Alte besah sich nun die Glocke und band sein Taschentuch Um den Klöppel, damit bei einer Bewegung die Glocke nicht er­schallen konnte. Um den oberen Teil des Stahlmantels war ein großes, weißes Tuch gebunden, das vom Winde zur Dachluke herausgetrieben sein nwchte. Jetzt war es mit Schnee bedeckt, war hart gefroren und brüchig. Der Sturm der letzten Nacht hatte wahrscheinlich an dem Laken gezerrt und dadurch das Glöck­lein in schwankende Bewegung gesetzt. Jetzt konnte sich Gutter­mann den dumpfen, kläglichen Ton erklären.

Er entfernte vorsichtig das große Tuch. Da er den Moten nicht zu lösen vermochte, schnitt er das flatternde Ende einfach üb, säuberte es vom Schnee und band es dann noch um den Schlegel.

Er bewegte versuchsweise die Glocke; sie blieb stumm.

So du sollst mich nicht mehr stören!" sagte er be­friedigt und hielt voM Fenster Auslug.

Unter ihm lag die Mühle, um die sich in weitem Bogen der Fluß wand. Aus seinen Usern strebten die dunkelbewaldeten Bergeshöhen empor.

Das war alles sein: die Mühle, die Häuser im Talkessel, die Berge, die Wälder, der Fluß, alles, so weit sein Auge reichte.

Das hatte er sich erworben, das waren die Früchte eines ganzen Lebens. Und was für eines Lebens?! Er mochte nicht daran denken. Darum hob er den Blick und starrte in die Ferne.

An der Bergstraße glitt er hinauf bis zur Höhe, wo sie im' Walde verschwand.

Von dort oben war sein Reichtum hereingekommen, von dort dben war auch sein zweites Weib hereingechmmen, das jetzt noch schlummerte unten im Herrenhaus, das ihm seine Kinder gebar.

Aber dort, die Bergstraße, war auch jeMand hinausgezogen> sein erstes Weib, von ihm' schmählich vertrieben. Nichts hatte! sie mitgenommen als ein großes Tmh.

Guttermann warf einen ängstlichen Blick nach dem Glöckleiit.

Das hangt ruhig, Guttermann! Du hast ihm das Maul gestopft!!

Das freute ihn aber die Gedanken blieben.

Mit dem großen, roten, gestrickten Tuch war sein Weib sott-, gegangen, den Berg hinauf, nachdem sie am Brückenkopf iwch' lange gesessen, noch lange gewartet, ob er sie nicht zurückholte. Das Tuch stammt noch von seiner seligen Mutter.

Und nichts hatte sie mitgenommen!?

Wirklich nichts??

Guttermann stöhnte. Wo war er hin, der Frieden, die Ruhe, die innerliche Ruhe? Hatte sie das alles in das große Tuch gepackt?!

Der Alte sah unterer noch die Bergstraße hinauf, unstät und nirgends hafterrd mit dem Blicke-

Da ward oben auf der Höhe ein schwarzer Punkt sichtbar- ES schien, als ob er sich fortbewegte, dann aber wieder sah es aus, als ob er kleiner würde und in dem' Weiß der unendlichen Schneemassen zu versinken drohte.

Guttermann überlegte. Ein Mensch konnte das nicht sein; denir auf diese Entfernung toar der nicht zu erkennen. Vielleicht ein Wagen, der eingeschmit war und der Hilfe bedurfte.

Der Talherr gehörte sonst nicht zu den barmherzigen ©anictri ritern. Aber heute hatte ihn eine weiche Stimmung ergriffen wie selten.

Er ging in das Gesindehaus, wo die Müller und Knechte ihren Morgenkaffee tranken. f

Schon war er wieder der harte Mann, der Herr. Er befahl, es sollten sofort alle ausrücken mit Schaufeln und Schippen, um nach der Höhe Bahn zu machen.

Manch böser Blick, Manch nur halb unterdrückter Fluch ward ihm nachgesandt.

Das ganze Jahr keine Ruhe; vorn Morgengrauen bis in die späte Nacht nur Dienst, und heute am Feiertag, nun noch die harte Schneearbeit.

Aber was halfs?

Er war der Herr, sie die Knechte!

Fünf Minuten später standen sie am Brückenkopf und begannen, zu schaufeln und zu karren. Waren sie auch zwölf Mann; anj die drei Stunden konnte es trotzdem dauern, bis sie auf die Höhe kamen, und den Schneepflug gab der Alte nicht her.

Auf Elans Verstellung hin erwiderte er barsch:

Hab doch Menschen genug, wozu die Pferde quälen?"

So quälten sich! eben die Menschen.

Guttermann nahm währenddessen die Neujahrswünsche seiner Familie entgegen-

In feinem behaglichen Arbeitszimmer mit den wuchtigen, alten Möbeln empfing er seine Angehörigen; nicht alle zu gleicher Zeit, sondern ein jedes für sich.

Diese Art hatte er nun schon seit Jahren eingeführt, und er verfolgte damit bestimmte Zwecke,. Einesteils war es dem